Die TikTok Zwillinge Anabel und Maria Glocker mit Hund Maya in Mölkau. Foto: André Kempner

Sie laufen im Handstand am Strand entlang, machen Klimmzüge im Bikini oder zeigen, wie ihr Frühstück aussieht. Ihre letzte Urlaubsreise in die Karibik haben Anabel und Maria Glocker filmisch begleitet. Auf TikTok und Instagram landen die kurzen Clips, die den Alltag der Zwillinge zeigen und ihre Follower Anteil nehmen lassen am Leben der jungen Frauen.

Reiner Spaß ist das nicht. Anabel und Maria ­Glocker sind Influencerinnen. Sie selbst bezeichnen sich am liebsten als Content­Creatorinnen. Sie finden, das hört sich besser an. Fakt ist: Eine große Zahl an Menschen verfolgt, was die beiden 20-Jährigen den ganzen Tag treiben. Auf Instagram haben die Zwillinge 50 000 Follower, 650 000 sind es auf der Plattform TikTok, 15 800 Leute haben ihren Kanal auf Youtube abonniert. Ihre Themen drehen sich um Gesundheit, Fitness und Ernährung – sie geben aber auch viele persön­liche Einblicke in den Alltag der Leipzigerinnen.

Social-Media-Auftritt steht im Fokus

Ihre Jobs haben die beiden im Sommer gekündigt, um sich voll auf ihren Social-Media-Auftritt zu konzentrieren – bisher geht das Konzept auf. Doch wie wird man Influencerin oder TikTok-Star? „Es ist viel Glück dabei”, sagt Anabel. Dass sie eineiige Zwillinge sind, sei sicherlich von Vorteil, sagt Maria. Als Kind wollen die beiden Schauspielerinnen werden, erzählen sie. Ihre ersten Videos stellen sie mit 13 Jahren online – damals noch in der App „Musical.ly”, die seit 2017 TikTok heißt.

15 Sekunden lange Tanzvideos veröffent­lichen sie dort oder Aufnahmen von Turnübungen, denn beide sind auch Akrobatinnen. Dass sie mit ihren Inhalten mal Geld verdienen werden, hätten sie damals nicht vermutet. „Das war einfach ein Trend. Es hat jeder gemacht”, blickt Anabel zurück.

Ein Video ging viral

Irgendwann geht eines ihrer Videos viral und wird einige ­Millionen Mal abgerufen. Bald gelingt ihnen das Ganze mit mehreren Clips. Als sie 15 Jahre alt sind, fangen sie an, mit ihrem Content Geld zu verdienen. Bei Youtube ist der Erlös umso höher, je mehr Aufrufe es gibt. Bei TikTok sei das ähnlich. Geld verdienen beide durch die vor den Clips vorgeschaltete Werbung. Das seien allerdings keine hohen Beträge.

Lukrativer gestalten sich die Kooperationen mit Firmen. In bezahlten Werbepartnerschaften mit Fitnessmarken promoten die Zwillinge deren Produkte. Meistens sind das kurze Clips auf Instagram. „Uns ist aber wichtig, dass wir von den Produkten überzeugt sind”, betont Anabel. „Wir lehnen auch viel ab.” Außerdem bieten die beiden Online-Fitnesscoaching an, unterstützen via Chat beim Muskelaufbau oder beim Abnehmen und entwickeln derzeit ein eigenes Fitnessvideo-Programm.

Beamtenjob aufgegeben

Ein Rückblick: Mit 16 haben beide ihren Realschulabschluss in der Tasche und keine Ahnung, was sie damit anfangen sollen. „Wir haben keine Ausbildung gefunden, wo wir gesagt haben, dafür brennen wir”, gibt Maria offen zu. Am Ende entscheiden sie sich beide für eine zweijährige Ausbildung zur Justizfachwirtin, erledigen Papierkram für Richter und Staatsanwälte, schreiben Protokolle in Hauptverhandlungen. Doch der Bürojob erfüllt sie nicht. Sie beschließen im Juli des Vorjahres, ihren Beamtenjob aufzugeben – und sich künftig als Influencerinnen selbstständig zu machen.

Hier geht es zum Instagram-Account von Anabel und Maria

„Wir haben gemerkt, dass es zeitlich nicht mehr gepasst hat”, sagt Anabel. Ihr Credo lautet: „Man lebt nur einmal, lass uns unseren Herzen folgen.” Ihr Umfeld reagierte skeptisch, berichten beide, vor allem der Opa der Zwillinge war von ihrer Entscheidung wenig begeistert. Doch inzwischen haben die meisten ihren Schritt ­akzeptiert. Anabel sagt: „Bisher bereuen wir es nicht.” „Jetzt machen wir das, was unsere Leidenschaft ist”, ergänzt Maria.

Zwillinge spielten Handball

Und die hat generell viel mit Sport zu tun. Die Zwillinge sind in einer sehr sportlichen Familie aufgewachsen. Früher spielten sie Handball, gingen zum Reiten und tanzten. Heute sind beide regelmäßig im Fitnessstudio anzutreffen – und filmen sich dabei. Außerdem sind sie Mitglieder im Akrobatikclub Taucha, nehmen dort auch an Wettkämpfen teil. Handstand, Salto und Spagat gehören zu ihren Standardübungen – das ist gleichzeitig guter Content fürs Netz.

Anabel (l.) und Maria Glocke bei den Deutschen Meisterschaften in Akrobatik. Foto: Julia Täuscher
Anabel (l.) und Maria Glocke bei den Deutschen Meisterschaften in Akrobatik. Foto: Julia Täuscher

Seit ihr älterer Bruder ausgezogen ist, bewohnen die beiden eine Hälfte eines Einfamilienhauses in Mölkau, ihr Vater wohnt nebenan, der Garten wird geteilt. Ein typischer Tag bei den Zwillingen beginnt 7 Uhr morgens. Anabels Wecker klingelt manchmal auch schon 4 Uhr morgens, sie ist eine echte Frühaufsteherin. Dann dreht sich ihr Tag darum, Inhalte für die Social-Media-Kanäle zu produzieren. „Das Schneiden nimmt die meiste Arbeitszeit in Anspruch”, sagt Anabel. Außerdem beantworten die beiden möglichst zeitnah ihre Nachrichten und reagieren auf Kommentare. „Es soll ja Austausch da sein.” Im Podcast „TwinTalks” sprechen sie zudem über ihren Alltag und das Zwilling-Sein.

Großteil des Alltags gemeinsam verbringen

Um nicht den ganzen Tag zusammen zu verbringen, arbeiten die Schwestern tagsüber möglichst in getrennten Räumen. Generell aber haben die beiden jungen Frauen kein Problem damit, einen Großteil des Alltags gemeinsam zu verbringen. Das liegt auch an der besonderen Geschwisterbeziehung, die sie teilen. „Die Bindung zum Zwilling ist eine andere als zu unserem Bruder”, sagt Maria. ­„Obwohl wir zwei Individuen sind, fühlen wir uns wie eine Einheit.” Sie teilen die gleichen ­Interessen, haben einen ähnlichen Geschmack.

Gibt es überhaupt einen gravierenden Unterschied? Sie überlegen eine Weile, dann fällt ihnen nichts ein. „Wir ticken relativ ähnlich”, ist sich Maria sicher, die die sechs Minuten ältere Schwester ist. Anabel betont: „Wir waren in den vergangenen Jahren sehr eng verbunden, versuchen uns jetzt ein bisschen voneinander abzunabeln.” Rückblickend haben beide vielleicht manchmal zu zwanghaft alles gemeinsam gemacht.

„Wir waren in den vergangenen Jahren sehr eng verbunden, versuchen uns jetzt ein bisschen voneinander abzunabeln.”

In der Vergangenheit lief bei den Zwillingen nicht immer alles wie am Schnürchen. Beide entwickelten in ihrer Jugend eine Essstörung, die sie auch im Internet in ihren Postings thematisieren. Bedingt durch das Untergewicht bekamen beide etwa drei Jahre lang ihre Periode nicht mehr. „Zuviel Training, zu wenig gegessen”, fasst Anabel diese Zeit zusammen.

Bei einer Körpergröße von 1,79 Meter wog jede in der schlimmsten Zeit nur noch 56 Kilo. Beide waren zeitweise sieben bis acht Mal pro Woche im Fitnessstudio anzutreffen – zusätzlich zum Akrobatiktraining. „Wir hatten Angst vor der Zunahme und ein sehr ungesundes Essverhalten”, sagt Maria. Vor etwa zwei Jahren wurde ihnen klar, dass es so nicht weitergehen kann. Auch die Community spiegelte ihnen in den Kommentaren, dass sie untergewichtig waren.

Normales Essverhalten als Ziel

Schritt für Schritt schraubten die Schwestern deshalb ihr Training herunter. Eine Therapie kam für die Zwillinge nicht in Frage. Beide versuchten sich aus eigener Kraft wieder ein normales Essverhalten anzugewöhnen und unterstützten sich gegenseitig. Sie achteten darauf, ihre Kalorienzufuhr zu erhöhen – und nahmen zu. Infolgedessen kehrte ihre Periode vergangenen Sommer zurück. „Wir haben gelernt, uns intuitiv zu ernähren”, sagt Anabel. „Heute fühlen wir uns wohl und sind top in Form.”

Die TikTok-Zwillinge Anabel und Maria Glocker. Foto: André Kempner
Die TikTok-Zwillinge Anabel und Maria Glocker. Foto: André Kempner

Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen wollen die beiden anderen jungen Frauen helfen, denen es ähnlich geht oder sie gleichzeitig davor schützen, ins Untergewicht abzugleiten. Denn beiden ist klar: Ihre Störung habe auch mit jenem Frauenbild zu tun, das in den sozialen Medien omnipräsent ist. „Auf Social ­Media wird nur das perfekte Leben geteilt – mit perfektem Körper und perfekter Ernährung”, sagt Maria.

Das permanente Vergleichen sei ein Riesenproblem für sie gewesen. Auf ihren Accounts zeigen sich die beiden deshalb weitestgehend realitätsnah – ohne Make-up oder Extra-­Styling. „Mir ist es egal, ob man irgendeine Speckfalte oder einen Pickel im Video sieht”, sagt Maria. „Unser Ziel ist es, mehr Leute zu inspirieren”, ergänzt Anabel. Es gehe in den sozialen Netzwerken um Interaktion und darum, sich gegenseitig Ratschläge zu geben, betonen sie.

Eine Auszeit von ihrem Influencer-Job gönnen sich die Zwillinge allerdings kaum. Auch im Urlaub sind sie auf Instagram und TikTok präsent, posten täglich neue Videos. Ihre Follower erwarten das, sagt Anabel. Gina Apitz

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