„Onkel Mo“: Wie ein Palästinenser in Leipzig eine Heimat gefunden hat

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"Onkel Mo“ hat eine neue Heimat gefunden. Foto: Ulrich Langer

Er hat endlich seine Heimat gefunden. Viele Jahre seines Lebens vermisste er genau das. Mohaned Ahmed ist Palästinenser. Geboren wurde er in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Heute lebt er in Leipzig und ist seit zehn Jahren im Bürgerverein Messemagistrale beschäftigt. Sein inzwischen verstorbener Vater war auch Palästinenser, seine Mutter stammt aus Jordanien.

Gelebt hat er ursprünglich nicht nur in seiner Geburtsstadt, sondern auch im Libanon. Wegen kriegerischer Auseinandersetzungen musste seine Familie nicht nur einmal flüchten. Heimatlos. Bis 1985 lebte er erneut in Syrien. Sein Onkel, der in Damaskus als Diplomat tätig war, half ihm schließlich, ein Jahr später in die DDR zu kommen.

Sprachkurs Deutsch in Wernigerode

„Hier habe ich als 18-Jähriger eine tolle Ausbildung genossen“, erzählt Mo, wie er gerufen wird. Erst ein halbes Jahr Sprachkurs Deutsch im Harzstädtchen Wernigerode, dann im damaligen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) eine dreijährige Lehre zum KFZ-Schlosser. Danach erneut für sechs Monate in Syrien, schließlich zurück nach Sachsen, seine damalige Freundin wollte ihn wieder bei sich haben.

Nach der Wende landete er in Westberlin. „Da habe ich als Aushilfe in Restaurants gearbeitet“, sagt der 58-Jährige. Nachdem er erneut für ein paar Monate in Syrien und im Libanon wohnte, verschlug es ihn 1992 nach Leipzig. Hier bekam Mo 1995 eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung und lebt seitdem in der Messestadt. „2004 hielt ich dann endlich meinen deutschen Pass in den Händen“, berichtet er mit einem Lächeln im Gesicht.

Ein neuer Anfang im Bürgerverein

Über zwanzig Jahre lang hat er in Leipzig mal den einen, mal den anderen Job übernommen. „Ich habe als Aushilfe auf dem Bau und in Restaurants mein Geld verdient“, erinnert sich der Vater eines Sohnes. „Noah ist jetzt 25 Jahre alt und lebt auch hier in der Stadt an der Pleiße.“ Aber 2016 war am Ende das entscheidende Jahr. „Da hat er bei uns angefangen“, sagt Gerald Schwalm, Hausleiter des Bürgervereins Messemagistrale. Und Mo fühlt sich hier wohl. „Ich bin überaus zufrieden mit meiner Arbeit. Am schönsten dabei ist es, dass ich mit Kindern und Jugendlichen zu tun habe.“

„Onkel Mo“ – Brückenbauer zwischen Kulturen

Das heißt, er hilft ihnen, sich zu integrieren, denn im Verein verbringen viele Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund ihre Freizeit. „Sie spielen Billard, Tischtennis oder Kicker bei uns und ich zeige ihnen dabei den einen oder anderen Trick.“ Aber nicht nur das. Mo beherrscht Arabisch und kann mit den Jugendlichen sozusagen in ihrer Muttersprache vieles bereden. „Das hilft schon. Gerade wenn sich mal ein paar von ihnen streiten, vielleicht kurz davor sind, handgreiflich zu werden, da gehe ich dazwischen und spreche sie an, gehe auf sie zu. Ich habe keine Angst, in solchen Situationen einzugreifen.“

Er versuche, sie zu beruhigen – und das sozusagen mit ihren eigenen Worten. Mo ist im Verein der einzige, der dies kann. „Das hilft schon enorm“, weiß Schwalm. So manche kleine Auseinandersetzung sei auf diese Weise geschlichtet worden. Und der Palästinenser schätzt an seiner jetzigen Tätigkeit ganz besonders, „dass ich den jungen Leuten zugleich zur Seite stehen darf, sozusagen spielend die deutsche Sprache zu erlernen“. Spielend – Mo meint damit, dies während der Freizeitaktivitäten zu „trainieren“.

Täglich bis zu 50 Kinder – und immer mittendrin

Und da hat er gut zu tun. Immerhin sind täglich im Schnitt 40 bis 50 Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im Verein zu Gast. Im vorigen Jahr waren es beim Campusfest der Nachbarschule Pablo Neruda sogar 150. Ihnen vermittelt Mo zunehmend das Gefühl, sich hierzulande heimisch zu fühlen. Das, was er selbst in seinem Leben so viele Jahre vermisst hat, freundlich und wohlwollend aufgenommen und eingebunden zu werden. „Keine Frage, ich habe meine Arbeit als pädagogischer Mitarbeiter und Sprachmittler lieben gelernt.“

Dazu gehöre auch, den jungen Leuten beizubringen, höflich und nett zu sein, fair miteinander umzugehen, Respekt anderen gegenüber zu entwickeln. „Am schönsten ist es, ihnen beizustehen, beim Heimischwerden in ihrer neuen Lebenswelt in Deutschland.“

Dafür engagiert er sich in einer 39-Stunden-Woche mit großer Hingabe. Das beinhaltet auch Reparaturen zu übernehmen, wenn beispielsweise am Billardtisch oder der Tischtennisplatte etwas kaputt gegangen ist. Auch Getränke einkaufen gehört dazu, die im Verein angeboten werden, die er dann an der Theke verkauft. Genauso ist Gartenarbeit sein Ding. Dass er mit den jungen Gästen selbst mitspielt – „selbstverständlich, das macht ja auch Spaß“.

Leipzig ist jetzt seine Familie

Sein Credo: „Egal wer von mir etwas verlangt, ich bin immer da.“ Und dass er mit allen zurechtkommt – das beweist auch, „dass ich von den Kindern mit ‚Onkel’ angesprochen werde“. Das ist für ihn wie eine Auszeichnung. „Dahinter, so fühle ich es, steckt Anerkennung mir gegenüber. Sie sehen mich nicht nur als einen Mitarbeiter des Vereins, sondern als eine Art Familienmitglied, als Onkel eben, der für sie eine Respektsperson ist.“ Wenn er etwas sage, „akzeptieren sie es auch. Das macht mich richtig froh“.

Und nicht nur ihn. Auch der Hausleiter ist damit sehr glücklich. „Mo ist seit 2016 bei uns und seitdem eine riesige Unterstützung. Er hilft uns bei der Arbeit mit den vielen neuen Migranten aus dem arabischen Raum. Vor allem auch deshalb, weil er ihre Sprache beherrscht.“ Und deren Mentalität kennt.

Er werde von den Jugendlichen als Landsmann anerkannt. „Das ist ein Riesenvorteil.“ Schwalm gerät ins Schwärmen: „Mo macht seine Sache richtig gut. Er vermittelt zwischen den jungen Leuten super. Er ist absolut zuverlässig, ist sofort dabei, wenn wir ihn um Hilfe bitten.“ All das sind Beweise dafür, dass Mo endlich seine Heimat gefunden hat – zusammen mit seiner 82-jährigen Mutter, seiner Schwester und zwei Brüdern: Allesamt leben sie in Leipzig. U. Langer

Kontakt: Bürgerverein Messemagistrale, Straße des 18. Oktober 10a, Per Telefon unter 0341 – 2 12 62 11 oder per Mail: info@bv-messemagistrale.de, Der Bürgerverein ist gut mit Bus und Bahn erreichbar. Parkplätze sind vorm Haus und in der Nähe vorhanden.

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