Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker: „Man kann sowas eigentlich nicht verarbeiten“

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"Silly" feiert 2028 ihr 50-jähriges Band-Jubiläum. Foto: Detlev Schneider

Uwe ­Hassbecker spricht bedächtig und präzise, mit dem leichten Einschlag des Sächsischen. Der Gitarrist der Ostkultband Silly ist gebürtiger Leipziger. Die Messestadt ­besucht der 65-Jährige regelmäßig, er kennt sich hier gut aus. Wenn man ihn auf seine Wurzeln anspricht, wird er kurz still, dann sagt er fast beiläufig, ­Leipzig sei eben eine Stadt, in der Musik nicht nur Freizeitbeschäftigung sei, sondern ­Lebensinhalt.

Schon bald kann er seiner alten Heimat wieder einen Besuch abstatten – am 11. Juli spielt Silly auf der Seebühne am Biedermeierstrand am Schladitzer See in Hayna, vor den Toren Leipzigs.

Die Elektro-Akustik-Tour ist Rückkehr zu den Wurzeln

Auf ihrer Elektro-Akustik-Tour kehrte Silly im Vorjahr gewissermaßen zu den Wurzeln zurück. In diesem Jahr spielt die Band noch einige ausgewählte Konzerte unter freiem Himmel, unter anderem in Dresden und Plauen. Gespielt werden Songs, die auf Flügel, Laute, Cello und akustischer Gitarre neu erfahrbar werden. „Durch die sparsamen Instrumentierungen rückt der Kern der Lieder wieder mehr nach vorne“, erklärt Hassbecker. „Die Inhalte sind deutlicher wahrnehmbar, weil nichts ablenkt. Es ist weniger Lametta.“ Und: „Die meisten Lieder werden an den Ursprung zurückgeführt. Meistens beginnt es ja mit Ideen, die man am Klavier oder an der Gitarre entwickelt.“

Und dennoch: Ist er nach fast 50 Jahren Bandgeschichte nicht manchmal müde, immer dieselben Songs zu spielen – ­„Bataillon d’Amour“ oder „Mont Klamott“? Hassbecker zögert keine Sekunde. „Nee“, sagt er knapp. „Die Songs gehören zu uns und unserer Geschichte. Die spiele ich immer noch gern.“

Musik war in Hassbeckers ­Leben schon immer ein wichtiger Baustein. Er wird am 17. November 1960 in Leipzig geboren – in eine sehr musikalische Familie. Mutter Eva Hassbecker ist Opernsängerin. Stiefvater Thomas Müller ist Komponist und Dirigent. Sein leiblicher Vater, Professor Herbert Kegel, leitet die Dresdner Philharmonie und ist international bekannt.

Oper und Rockgitarre

Mit sieben Jahren beginnt Hassbecker Geige zu lernen, acht Jahre lang intensiv. Dann kommt der Rock. Er bringt sich autodidaktisch zunächst Schlagzeug, dann Gitarre bei. Ein Bruch mit der klassischen Ausbildung? Nicht wirklich. Die Geige hat er nie abgelegt, sie klingt bis heute aus Silly-Songs heraus – ist unverwechselbar. Was nach Widerspruch aussieht – Oper und Rockgitarre – passt für Hassbecker gut zusammen.

Die frühen Jahre führen ihn durch mehrere Bands der DDR-Szene: erst die Schülerband ­Scolares, die Klink-Formation, die Uschi-Brüning-Band, ­­die Modern-Soul-Band. Dann der große Sprung: Stern Meißen, eine der erfolgreichsten Bands der DDR in den frühen Achtzigern. 100 bis 200 Konzerte pro Jahr, Tourneen durch den Ostblock, Skandinavien, Portugal, die USA. Von 1983 bis 1988 wird Hassbecker mehrfach zum ­„Musiker des Jahres der DDR“ in der Kategorie Gitarre gewählt. Mit Mitte zwanzig ist er bereits eine feste Größe im Musikbetrieb.

Der Einstieg bei Silly

Dann kommt das Jahr 1985. Und mit ihm eine Begegnung, die alles verändern wird. Die Gitarreros – so heißt das Projekt, das vier der populärsten Gitarristen der DDR auf eine gemeinsame Tournee schickt. Ein Allstar-Spektakel, bei dem Hassbecker bei einem Auftritt die Frau seines Lebens kennenlernt: Tamara Danz, Frontfrau von Silly. 1986 steigt er als Gitarrist bei der Band ein. Tamara Danz ist da noch mit Keyboarder ­Ritchie Barton liiert. Doch die Liebe sei damals schon „abgekühlt gewesen“, sagt Hassbecker heute. Schnell werden er und Tamara Danz ein Paar.

Das undatierte Archivbild zeigt „Silly“ mit der verstorbenen Sän-gerin Tamara Danz (vorn) bei einem Konzert. Foto: LVZ-Archiv
Das undatierte Archivbild zeigt „Silly“ mit der verstorbenen Sängerin Tamara Danz (vorn) bei einem Konzert. Foto: LVZ-Archiv

Silly schreibt in dieser Zeit Rockgeschichte. Songs wie „Bataillon d’Amour“, „Mont Klamott“, „Paradiesvögel“ oder „Alles wird besser“ werden teils zu Hymnen einer ganzen Generation, die Band entwickelt einen sehr speziellen Sound. Uwe Hassbecker ist neben ­Ritchie Barton und Tamara Danz einer der Hauptkomponisten, der Klang der Band trägt seine Handschrift. 1994 gründen die drei gemeinsam das Danzmusik-Studio in Berlin. Die Band wird für alle nach und nach auch zur Familie.

Tamara Danz erkrankt an Brustkrebs

Dann folgt die große Tragödie: Tamara Danz erkrankt an Brustkrebs – sie stirbt am 22. Juli 1996, mit 43 Jahren. Über diesen Verlust zu sprechen, das fällt Uwe Hassbecker auch heute noch schwer. „Man kann sowas eigentlich nicht verarbeiten“, sagt er. „Das ist eine Erfahrung, die bleibt. Für mich war ihr Tod in relativ jungen Jahren nicht leicht“, sagt er leise. „Da hab ich lange dran geknabbert.“

Mit der Zeit wird die Silly-Frontfrau zu einer Legende. „Als sie nicht mehr da war, wurde sie immer größer – zum Mythos“, sagt Hassbecker. Ihr Tod stellte die Band vor eine unlösbare Frage. Wie können sie ohne sie weitermachen? „Wir konnten uns gar nicht vorstellen, wie das gehen soll – wen soll man da hinstellen“, sagt der ­Gitarrist.

Silly findet zurück auf die Bühne

Nach dem Tod der Sängerin wurde es lange still um Silly. ­Hassbecker stürzte sich in Studioarbeit für andere. Er spielte Gitarre für ­City, Karat, Gundermann und die Ärzte, produzierte Alben, komponierte mit Ritchie Barton Theatermusik, arbeitete ab 2000 in der Band von Joachim Witt. Eine produktive Zeit – und gleichzeitig eine der inneren Orientierungslosigkeit.

„Ich habe früher so viel für andere im Studio gemacht“, erzählt er. „Das wurde mir irgendwann zu viel.“ Es stand eine Frage im Raum: Wer bin ich eigentlich als Musiker? „Ich wusste gar nicht mehr, was mir selber für Musik gefällt“, sagt Hassbecker rückblickend. Er habe sich selbst aus den Augen verloren.

2006 wagte Silly die Rückkehr – zehn Jahre nach Tamara Danz’ Tod. Mit Anna Loos als neuer Sängerin gelang der Band ein fulminantes Comeback. Silly spielte in großen ausverkauften Hallen, gewann goldene Schallplatten und erhielt eine Echo-Nominierung. Nach zehn Jahren verließ Anna Loos die Band. Man habe „musikalisch unterschiedliche Wege“ eingeschlagen, drückt Hassbecker es diplomatisch aus.

Akustik-Tour und Jubiläumspläne

Seit 2019 steht Julia Neigel am Mikrofon. Die Karlsruherin mit der kraftvollen Stimme will eigene Akzente setzen. Es war Hassbecker, der sie fragte, ob sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könne. „Als mich Uwe anrief und gefragt hat, ob ich mir das vorstellen kann“, erinnert sich Neigel, „war mir vollkommen klar, dass das funktionieren wird.“

„Mitzuerleben, wie diese Lieder wachsen und noch mal eine andere Botschaft kriegen – das ist der Hammer.“

Für sie ist Silly kein Nostalgieunterfangen, sondern lebendige Musik, gerade auf der Akustik-Tour. „Die Songs werden eleganter, ohne dass sie dadurch weicher werden“, sagt sie. „Mitzuerleben, wie diese Lieder wachsen und noch mal eine andere Botschaft kriegen – das ist der Hammer.“

Hassbecker hört das gerne. Er beschreibt die wechselnden Sängerinnen nach Tamara Danz nicht als Ersatz, sondern als Weiterentwicklung – teils schmerzhaft, aber richtig. „Wir haben uns das nicht unbedingt ausgesucht“, macht er klar. „Aber es ist für uns die einzige Möglichkeit, die Band weiterleben zu lassen, die Songs weiterleben zu lassen. Wir sind davon überzeugt, dass sich das lohnt.“ Silly sollte nicht sterben – das war auch der Wunsch von Tamara Danz. Hassbecker sagt ganz klar: Die Band lebt, weil er und die anderen wollen, dass die Songs weiterklingen.

Seit 40 Jahren Teil des inneren Kerns

Der Gitarrist gehört nun seit 40 Jahren zum inneren Kern – neben Bassist Hans-Jürgen „Jäcki“ Reznicek und Keyboarder Richard „Ritchie“ Barton. Wichtige Entscheidungen treffen die drei gemeinsam. ­Hassbecker spielt Gitarre und Geige, er ist Komponist, Produzent und „Klangtüftler“. Bei den Proben sitzt er nicht nur auf dem Stuhl des Gitarristen, sondern schraubt auch am Sound, stellt ein und justiert nach.

Uwe Hassbecker spielt derzeit auch ein Programm mit Dieter„Maschine“ Birr von den Puhdys – hier im Kupfersaal in Leipzig. Foto: Dirk Knofe
Uwe Hassbecker spielt derzeit auch ein Programm mit Dieter
„Maschine“ Birr von den Puhdys – hier im Kupfersaal in Leipzig.
Foto: Dirk Knofe

Das Songschreiben beschreibt er als einen Prozess, den man nicht erzwingen kann. „Irgendwas fliegt dir zu, anders kann man es nicht nennen – manche Ideen kommen beim Spielen. Und dann denkst du: Das ist jetzt gar nicht so schlecht.“ Manchmal irrt er sich, dann fliegt ein Song wieder raus. Manchmal aber entsteht dieses Gefühl: dass aus einer Idee etwas werden könnte, das auch anderen Menschen gefällt. Das Rezept für einen Hit kenne er hingegen nicht. „Das konnten nicht mal die Beatles erklären“, sagt er und lächelt.

Musik am liebsten auf Vinyl

Wenn er Musik anderer Bands hört, dann am liebsten auf Vinyl, gelegentlich auch auf CD. Den Trend weg vom physischen Tonträger bedauert er. „Jetzt kannst du keine Musik mehr verschenken. Das finde ich total doof.“

Uwe Hassbecker hat Silly sterben und wieder auferstehen sehen. Und die Zukunft? Die hat Hassbecker fest im Blick. 2028 wird Silly 50 Jahre alt – ein Datum, das die Band schon jetzt in Bewegung versetzt. „50 Jahre Silly und (k)ein Ende“, sagt Hassbecker mit einem kurzen Lachen.

Die nächste Generation steht teils schon mit im Probenraum. Hassbeckers Sohn Daniel spielt Cello und Keyboard bei Silly. Bisher kennt die Band kein Ablaufdatum. Für das Jubiläum soll neue Musik entstehen. „Wir sind zumindest gerade dabei, die Ideen zu sammeln und zu sichten“, sagt Hassbecker. Mehr verrät er noch nicht. Aber sicher ist: Silly ist ein laufendes Projekt. Gina Apitz

Weitere Infos unter: silly.de

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