Preisgekrönte Newcomer aus Leipzig: Band Görda über Jazz-Pop und große Visionen

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Die Musikerinnen Sophia Günst und Annelie Weißel sind
Die Musikerinnen Sophia Günst und Annelie Weißel sind "Görda", hier in ihrer Band-WG in Leipzig. Foto: Dirk Knofe

Ein Blick in ihr Wohnzimmer verrät, dass hier Musikerinnen leben: Musikinstrumente stehen neben Aufnahmegeräten, die neben einer mobilen Schallschutzvorrichtung liegen. Annelie Weißel und Sophia Günst wohnen zu zweit in einer WG im Leipziger Osten. Die beiden Freundinnen bilden zusammen die Band Görda. Als „Beste Newcomer“ befinden sie sich unter den Preisträgern des diesjährigen Wettbewerbs „Popmusik in Sachsen“.

Weil es ein sommerlicher Nachmittag ist, setzen sie sich nicht in das Wohnzimmer, sondern auf ihren gemütlich eingerichteten Balkon. Von dort aus schauen sie auf einen lebendigen Innenhof. Und auf den Weg, der sie dorthin gebracht hat.

Straßenmusik in Neuseeland

Die heute 32-Jährigen kennen sich seit ihrer gemeinsamen Schulzeit in Kiel. Schon als Kinder und Teenager haben sie gemeinsam musiziert. In Bands, Projekten und einfach nur zum Spaß. Nach dem Abi im Jahr 2014 verbrachten sie dann sechs Monate in Neuseeland, wo sie sich mit Straßenmusik auf einer Gitarre die Miete auf dem Campingplatz finanzierten. „Zu der Zeit saßen wir öfter im Auto und haben uns vorgestellt, dass wir eines Tages eine Band sind und interviewt werden.“ Dieser Traum sollte noch etwas auf sich warten lassen.

Denn nach ihrer Reise ging es für die beiden zunächst in ganz unterschiedliche Richtungen: Annelie Weißel zog nach Prag und dann nach Dresden für ein Medizinstudium, während Sophia Günst in den Niederlanden Jazz studierte. Man mag an das Schicksal glauben oder nicht, aber nach Jahren der „Fernfreundschaft“, wie sie sie nennen, zog es die Studentinnen während der Pandemie nach Sachsen.

Sofort griffen sie ihren Traum von der Musik wieder auf. Und weil sie in den Corona-Jahren keine Konzerte spielen konnten, wurden sie erfinderisch: „Das war eigentlich der Startschuss“, stellt Weißel fest. „Damals habe ich morgens immer ein bisschen studiert und nachmittags haben wir Musik gemacht und Videos gedreht“, erinnert sie sich lachend.

Musik machen, um durchzuatmen

Seitdem haben die beiden nicht aufgehört, ihre Leidenschaft ernst zu nehmen. Die Wahl-Leipzigerinnen arbeiten heute in Teilzeit. Weißel als Wissenschaftlerin und Günst als Komponistin und Gesangslehrerin. An zwei bis vier Tagen in der Woche nehmen sie sich Zeit für Görda: „Wir müssen uns richtig gut organisieren“, erklärt Günst. Anfangs sei die Freiberuflichkeit noch kompliziert gewesen. „Das war viel learning by doing“, also Lernen, während sie sich ausprobierten.

Mittlerweile sind sie ein eingespieltes Team mit einer geteilten Aufgabenliste. Termine, Anträge, Berichte: Alles wird in Arbeitsteilung erledigt. „Wir haben wirklich genaue Vorstellungen von dem, was wir umsetzen wollen“, erklärt Günst. Ihr komplettes Auftreten, von der Musik, über Videos bis zum Titelbild ihrer letzten Platte haben sie selbst gestaltet.

Sophia Günst (l) und Annelie Weißel (r) leben und arbeiten in ihrer Band-WG. Foto: Dirk Knofe
Sophia Günst (l) und Annelie Weißel (r) leben und arbeiten in ihrer Band-WG. Foto: Dirk Knofe

Stilistisch bewegen sich Görda vor allem im Alternative Pop mit Jazz-Einflüssen. Mit komplexen Rhythmen und durchdachten Melodien. Durch ihre Lieder trägt der Gesang, ihre klugen Texte über das Alltägliche. Meist auf Deutsch und mit einer Prise Humor, aber ohne Aufregung. Im Gegenteil: Gördas Musik strahlt Ruhe und Optimismus aus. Die Band fühlt sich inspiriert von „Musik, die tröstet und stärkt“, erzählt Günst.

Gemeinsam hören sie gern Indie-Künstler wie Bon Iver und Saya Gray. Musik also, die liebevoll sei, „mit sich und dem Leben“. Diese Philosophie verfolgen Görda auch, wenn sie ihre eigene Musik produzieren: „Das Leben ist schon so wild. Ich suche in der Musik einen Aufatmen-Moment“, ergänzt Weißel.

Vielzahl an Instrumenten auf der Bühne

Um spannende und ansprechende Klänge zu erschaffen, lassen sie sich nicht von Instrumenten einschränken. Was sie in ihrer Produktion nutzen? „Oh, alles“, sagt Weißel und fügt hinzu: „Wir schauen immer: klingt das cool?“ Und wenn es das tut, dann wird es aufgenommen.

Um ihren Punkt zu veranschaulichen, hebt sie einige Gläser und Tassen auf dem Balkon an und klopft sie aneinander, an das Balkongeländer und auf den Tisch, auf dem sie standen. „Nee, das klingt nicht gut“, schlussfolgert sie. „Einmal haben wir Mate in ein Sektglas gefüllt, das hat es in die Aufnahme geschafft“, verrät ihre Mitbewohnerin.

Einen kleinen, aber dennoch beachtlichen Teil ihres Klang-Repertoires nehmen Görda immer mit auf die Bühne: Da steht Weißel am Bass und mit der Flöte, Günst mit dem Cello und singend vor dem Mikrofon.

Dazu kommen meist noch ein Keyboard und Rhythmen, die sie vorproduziert haben. Und, wie es sich im Jazz gehört, Variation und Improvisation: „Wir verändern die Musik gern, so bleibt sie frisch“, sagt Weißel. „Damit kommen wir in Teufels Küche“, fügt Günst hinzu. Denn hin und wieder findet noch auf der Bühne eine Absprache statt, welche Version eines Liedes das Duo denn eigentlich spielen wollte.

Große Träume

„Unser Traum ist es, mit einem Orchester aufzutreten“, sagt Weißel. Bereits in der Vergangenheit standen Gäste mit ihnen auf der Bühne und haben die Musik unter anderem mit einer Harfe begleitet. „Wir können uns vorstellen, ein Konzert beispielsweise mit Streichern zu spielen“, sinniert sie weiter. Dass sie derart viele Ideen haben, überrascht die beiden oft selbst: „Visionen sind immer…“, Annelie Weißel hält inne und überlegt. „Größenwahnsinnig?“, ergänzt ihre Mitbewohnerin.

Beide lachen. „Richtungsweisend“, vervollständigt Weißel ihren Satz. Ihre Selbstironie hält sie nicht davon ab, unermüdlich weiterzumachen. Im Jahr 2027 soll Gördas erstes Album erscheinen. Es soll menschlich werden, „ein Gegenentwurf zu KI“, so Weißel.

Mehr Fokus auf ihre Instrumente

Mit einem experimentellen, mehrdimensionalen Klang und mehr Fokus auf ihre Instrumente. Zwei Lieder sind bereits erschienen: „Seit ich dich kenn“ und „Wenn es das nicht ist“. In letzterem fragt sich das lyrische Ich: „Wenn es das nicht ist, was ist es dann?“ und besingt große Lebensentscheidungen und die Suche nach sich selbst.

Zumindest der Umzug in die Messestadt scheint eine richtige Entscheidung gewesen zu sein: “In Leipzig passiert so viel”, schwärmt Weißel. Um sich zu vernetzen, haben die beiden ein Kollektiv für musikalischen und künstlerischen Austausch gegründet. Das FLINTA music collective Leipzig ist eine Gruppe für junge Menschen in der Stadt, die in der Musikbranche Fuß fassen möchten.

Pop-Residenz in Dessau

„Für den Sommer sind wir schon komplett ausgebucht“, sagt Günst. Fast jedes Wochenende spielen sie ein Konzert. Zwischen August und September beziehen sie dann die Bauhaus-Pop-Residenz in Dessau. Diese wird veranstaltet von der Stiftung Bauhaus Dessau, dem Kurt Weill Fest und dem local heroes e.V.. Dabei haben sie insgesamt sechs Wochen Zeit für ihre Musik und besuchen Fortbildungen.

Bei all dem Erfolg behalten Görda ihre Musik und ihre Motivation im Vordergrund. Denn eigentlich finden sie es noch immer „verrückt, dass die Leute uns kennen und das funktioniert“. Und wie es das tut. Sonja Garan

Görda spielt am 6. November in der naTo. Weitere Informationen gibt es unter www.goerdamusic.com

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