Nach dem letzten Start bei der WM in Österreich - Danke Samba. Foto: RVV Schenkenberg
Nach dem letzten Start bei der WM in Österreich - Danke Samba. Foto: RVV Schenkenberg

Am heutigen Montag ist es ruhig auf der Alm in Schenkenberg. Kein großes Gewusel: Zwei Mädchen drehen mit ihren Pferden auf dem Reitplatz ihre Runden, eine führt ihr Pferd am Strick, ein weiteres wird in der Box gestriegelt. „Wir sind gestern in der Nacht von einer Regionalsichtung ­zurückgekommen“, berichtet Peter Wagner, zweiter Vorsitzender des Reit- und Voltigiervereins Schenkenberg.

Dort wurden potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten für künftige Championate gesichtet – konkret für die Weltmeisterschaften der ­Senioren und die Europameisterschaften für die Junioren.

Als einziges Team ist heute Gruppe 2 zum Training auf der Anlage. Sieben Kinder im Alter von zehn bis 16 Jahren wollen ihre Pflichtübungen verfeinern. Ihr großes Ziel: bei den Deutschen Jugendmeisterschaften an den Start gehen. Möglich ist das nur, wenn Team 1 in den Bundeskader berufen wird und sie die anstehenden Sichtungsturniere für die Deutsche ­Jugendmeisterschaft gewinnen. Bis die Ergebnisse der Regionalsichtung feststehen, heißt es: abwarten und konsequent weiter trainieren.

Pflicht, Galoppsprünge, Kür zur Musik

Eine Stunde Vorbereitung im Trainingsraum haben die sieben bereits hinter sich. Jetzt geht es aufs Pferd. Livia Carl Ratzlaff hat in der Zeit Sandox warm longiert und schickt die erste Voltigiererin in die Bahn. „Auf seinem ­Rücken ist es wie auf dem Sofa“, sagt Cornelius Bösch, der heute die Zeit stoppt.

Teamkür 3. Foto: RVV Schenkenberg
Teamkür 3. Foto: RVV Schenkenberg

Jeder Voltigierwettbewerb folgt einer festen Struktur: ­Zuerst zeigen alle Aktiven im ­Galopp die Pflicht – sechs vorgegebene Übungen (Grundsitz, Fahne, Mühle, Schere, Stehen, Flanke). „Die sieben Mädchen haben dafür jeweils etwa eine Minute“, erklärt Peter Wagner. „Alles muss elegant und flüssig gezeigt werden – und zwar im richtigen Rhythmus der Galoppsprünge.“ Der Ablauf wird gezählt: Alle vier Galoppsprünge beginnt eine neue Übung. Am Wettkampftag folgt dann – meist am nächsten Tag – die Kür zur Musik: frei gestaltete Übungen der Gruppe, gemeinsam in vier Minuten.

Jetzt kommt Schenkenberg

Als Einlaufmusik zur Kür hat sich Schenkenberg schon seit vielen Jahren „Viva la Vida“ von Coldplay ausgesucht. Ein Ohrwurm. „Wenn bei Wettkämpfen das Lied spielt, wissen alle: Jetzt kommt Schenkenberg“, sagt Wagner.

Heute steht Feinarbeit an. ­Peter Wagner ist beim Training, um beim Zählen der Galoppsprünge zu unterstützen. „Pro fehlendem oder zusätzlichem Galoppsprung gibt es einen Punkt Abzug in der Wertung“, erklärt er. Livia Carl Ratzlaff gibt währenddessen technische Hinweise: „Arme langsam nach oben! Gerader Rücken! Strecken!“

Nach dem letzten Start bei der WM in Österreich - Danke Samba. Foto: RVV Schenkenberg
Nach dem letzten Start bei der WM in Österreich – Danke Samba. Foto: RVV Schenkenberg

Die Mädchen drücken sich gegenseitig die Daumen, feuern sich an, jubeln bei gelungenen Übungen und ärgern sich, wenn eine Figur nicht sauber steht. Nach etwas mehr als acht Minuten ist die Gruppe durch. Fazit: Zeit leicht überschritten, nicht jede hat die Galoppsprünge exakt eingehalten. „Da müsst ihr noch dran feilen. Aber das schafft ihr“, sagt Wagner.

Strenge Auswahl, klare Wege

Wer Voltigieren ausprobieren möchte, kann alle 14 Tage samstags bei einer Schnupperstunde für Vier- bis Fünfjährige mitmachen. Fünfmal dürfen die Kinder den Sport testen, dann steht eine Entscheidung an. „Wir schauen in diesen Stunden genau hin, wer sich für den Sport eignet“, sagt Peter Wagner. „Wenn ein Kind möchte und wir Potenzial sehen, bekommt es einen Platz.“ Dann beginnt der Alltag im Verein: regelmäßiges Training, zweimal pro Woche.

Nach etwa einem Jahr folgt ein Überprüfungswettkampf. „Die Besten kommen ins Team 1, die anderen verteilen sich auf Team 2 und 3“, erklärt Wagner. Es ist eine anspruchsvolle Schule. Trotzdem bleiben rund 90 Prozent der Kinder, die ausgewählt wurden, dabei. Sie ­bleiben, weil sie sich in der ­Gemeinschaft wohlfühlen und weil sie ein Ziel haben: irgendwann auf dem Treppchen zu ­stehen.

Immer sechs bis acht Kinder bilden ein Team. Mit 18 Jahren wechseln die Voltigiererinnen und Voltigierer aus der Gruppe ins Einzelvoltigieren. Jedes Team wird von drei Trainerinnen und Trainern betreut: Eine Person longiert das Pferd und zwei weitere Trainierinnen sind für die Voltigierer zuständig. Denn die überwiegende Zeit findet im Turnraum statt: mit Krafttraining, Beweglichkeitstraining, Turntraining, Ausdruckstanz und Techniktraining.

Teamgeist, Verantwortung, Rhythmus mit dem Pferd

Das Besondere am Voltigieren ist für Peter Wagner vor allem die soziale Komponente. „Zum einen müssen sich alle in ein Team einfügen, zum anderen kümmern sie sich gemeinsam um das Pferd.“ Jeden Tag braucht das Pferd Bewegung, Futter, Pflege. Vor jeder Stunde wird geputzt, gesattelt und danach der Stall versorgt. Jedes Team hat ein fest zugeordnetes Pferd und teilt sich die Aufgaben. „Das ist eine große Verantwortung – und die nehmen die Kinder ernst“, sagt Wagner.

Sportlich ist Voltigieren äußerst vielseitig. „Es kombiniert Turnen und Reiten – und das im Einklang mit dem Rhythmus des Pferdes“, beschreibt er. Die Übungen im Galopp auszuführen, benötigt viel Übung und Körpergefühl. Manche Talente schaffen das in zwei Jahren, andere brauchen fünf Jahre intensives Training. Entscheidend ist für ihn: Es funktioniert nur im Zusammenspiel – innerhalb der Gruppe, mit dem Pferd und mit der Longenführerin oder dem Longenführer. „Dieses Aufeinander-verlassen-können macht den Sport aus. Für Konkurrenzdenken im Team ist da kein Platz.“

Ein Quereinsteiger, der seinen Weg geht

Quereinstiege sind selten, aber nicht unmöglich, betont Wagner. Ein Beispiel ist Cornelius Bösch. Mit 15 Jahren hat er das Voltigieren für sich entdeckt. „Ich habe viel Fleiß und Arbeit in meine Ausbildung gesteckt und den festen Willen gezeigt“, sagt der heute 18-Jährige. Dafür hat er siebenmal pro Woche trainiert und zu Hause weiter geübt. „Weil ich das wollte“, betont er. „Dadurch habe ich es geschafft, mir einen Platz in der Leistungsgruppe L zu sichern und auf Turnieren zu starten.“

Nach dem Abitur zieht es ihn zum Studium nach Hamburg. „Dank der Ausbildung hier in Schenkenberg habe ich in der Hansestadt einen Platz in einem Voltigierverein bekommen, der mich sportlich weiterbringt“, sagt er – und zeigt damit, wie weit der Weg von der Schenkenberger Alm reichen kann.

Leistungszentrum mit langer Geschichte

Peter Wagner longiert die ­Kadergruppe des Vereins und betreut zudem den Landeskader der Einzel- und Doppelvoltigierer. Als Fachschulleiter verantwortet er die Ausbildung und Förderung junger Talente und Trainer mit DOSB-Lizenz. Seine Liebe zu Pferden und zum Reiten begann in der Kindheit, mit 20 widmete er sich als Ausbilder intensiv dem Voltigiersport. „Mit Kindern und Pferden zu arbeiten, ist für mich eine Bereicherung“, sagt er. „Und es macht einfach Spaß.“

Auch die Jüngsten haben Wettkämpfe. Foto: RVV Schenkenberg
Auch die Jüngsten haben Wettkämpfe. Foto: RVV Schenkenberg

Zahlreiche Auszeichnungen markieren seinen Weg: Regelmäßig führt er Teams und Einzelvoltigierer zu Medaillen bei Deutschen Meisterschaften und Jugendmeisterschaften. Den bislang größten Erfolg erreichte er im vergangenen Jahr als Longenführer: Bei den FEI World Vaulting Championships for Juniors and Young Vaulters im österreichischen Stadl-Paura holte er mit dem ­Juniorteam I und Vierbeiner Samba’s Argument von Ka die Silbermedaille.

Der Schwerpunkt des Vereins liegt klar in der Kinder- und ­Jugendarbeit. „Im Vordergrund steht das Heranführen der Kinder an den Pferdesport und ihre fachgerechte Ausbildung im Reiten und Voltigieren“, sagt Wagner. Möglich wird das durch 17 Trainerinnen und Trainer im Verein – fünf von ihnen mit Trainerlizenz A – sowie acht vereinseigene Pferde. Derzeit arbeitet der Verein mit neun Trainingsgruppen, von den Minis bis zur Leistungsgruppe S.

Von Böhlitz-Ehrenberg auf die Schenkenberger Alm

Zur Alm in Schenkenberg kam der Reit- und Voltigierverein 1992. Damals hieß er noch Pohritzscher Reit- und Voltigierverein und war 1985 gegründet worden. „Ursprünglich kamen wir aus Böhlitz-Ehrenberg, mussten uns dann nach einem neuen Platz umschauen und fanden in Pohritzsch eine gute Möglichkeit“, erzählt Wagner.

„Dort gab es einen renommierten Reit- und Voltigierverein unter Leitung von Gerhard Kluger, dem jetzigen Ehrenvorsitzenden unseres Vereins. Für den Bau einer Reithalle in Pohritzsch waren schon die Fördergelder bewilligt. Doch aufgrund von Eigentumsrückübertragungen ging das plötzlich nicht mehr.“ Wieder begann die Suche nach einem Standort.

1994 Umzug von Pohritzsch nach Schenkenberg

Fündig wurde der Verein auf der Alm in Schenkenberg, einem ehemaligen LPG-Betrieb. „Wir haben das völlig verwilderte Gelände mitsamt den zerstörten Gebäuden erworben und es innerhalb von zwei Jahren komplett neu aufgebaut und ausgebaut“, berichtet er. Mit viel ­Engagement der Mitglieder, von Eltern, Freunden und Sponsoren konnte der Verein 1994 von Pohritzsch nach Schenkenberg umziehen und wurde in Reit- und Voltigierverein Schenkenberg e.V. umbenannt.

Aufgrund der sportlichen Erfolge im Voltigieren ernannte der Landessportbund Sachsen den RVV 1997 zum Landesleistungszentrum und zur Fachschule für Voltigieren als Leistungssport und Trainerausbildung. „Angefangen haben wir in Schenkenberg mit etwa 50 Mitgliedern, heute sind wir bei rund 120.“

Neben dem großen Außenreitplatz entstand 2003 eine neue, etwa 1000 Quadratmeter große Reithalle, um einen durchgängigen Trainingsbetrieb auf hohem Niveau zu sichern. 2015 kam ein neues Stallgebäude mit Außenbereich hinzu. Ein moderner Trainings- und Ausbildungsraum sowie ein großer Sportraum wurden im vergangenen Jahr fertiggestellt.

22. Voltigierturnier

Traditionell richtet der Reit- und Voltigierverein Schenkenberg am letzten Aprilwochenende auf der Alm die Landesbesten-ermittlung der sächsischen L-Gruppen im Voltigieren aus. In diesem Jahr fand das Turnier bereits zum 22. Mal statt.  Nannette Hoffmann

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