Kaffeeklatsch im Gut Heideck. Foto: privat
Kaffeeklatsch im Gut Heideck. Foto: privat

Es ist Donnerstagabend, Punkt 18 Uhr. Im Gut Heideck treffen nach und nach Frauen und Männer ein. Die Frauen nehmen an einem Tisch Platz, die Männer am anderen. Volker Richter, Carsten Ott, Manfred Fleck, Volker Göhrmann und Gerd Stephan wollen ein paar Runden Doppelkopf spielen. „Aber nur mit deutschem Blatt“, betont Volker Göhrmann gleich zu Beginn, damit auch die richtigen Karten auf den Tisch kommen.

Bis auf einen sind alle zum zweiten Mal beim Spieleabend des Siedlervereins Sprotta-Siedlung dabei. „Zusammen spielen ist doch toll“, sagt Göhrmann in die Runde. „Ist nur blöd, wenn man verliert“, entgegnet Gerd Stephan mit breitem Lächeln. „Ist doch besser, als nur vor dem Fernseher zu sitzen“, wirft ­Carsten Ott ein. „Wir sind schon eine tolle Runde – wo trifft man so etwas noch?“, fragt Manfred Fleck, bevor Göhrmann die Karten verteilt: „Aber jetzt weiter.“

Spieleabend statt Fernsehabend

Am Nachbartisch haben sich die Frauen ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel geholt. Renate ­Conrad ist zum ersten Mal dabei – und scheint eine Glückssträhne zu haben. Schon nach kurzer Zeit hat sie zwei Figuren im Ziel. „Der Spieleabend ist eine tolle Idee. Gemeinsam spielen und Spaß haben – und gewinnen“, sagt sie und schlägt im selben Moment eine Figur ihrer Namensvetterin Renate Seifert.

Beim Frühjahrspitz wird im Dorf und auf dem Spielplatz aufgeräumt und alle machen mit. Foto: privat
Beim Frühjahrspitz wird im Dorf und auf dem Spielplatz aufgeräumt und alle machen mit. Foto: privat

Die nimmt es gelassen: „Dann eben eine Extrarunde“ und lacht. „Ich finde es schön, dass man sich hier ganz ungezwungen kennenlernen kann. Obwohl wir nah beieinander wohnen, haben wir uns so noch nie getroffen“, erzählt sie.

Stimmung ist gelöst

Ute Stephan ist bereits das zweite Mal dabei. Sie sucht derweil ihre Chance, zählt die Felder und wirft schließlich eine ­Figur von Birgitt Siegert hinaus. „Na, ob ich da wiederkomme“, fragt sie schelmisch in die Runde. Die Stimmung ist gelöst, es wird gelacht, konzentriert gezogen – die Frauen haben kaum Zeit, nach den Knabbereien zu greifen.

„Ist das nicht schön zu sehen?“, fragt Heike Ott, während sie Wasser, Saft, Sekt und Bier an die Tische bringt. Gaby Kausch und Maria Schmieder kümmern sich um die Snacks.

Die drei Frauen verbindet eine besondere Geschichte. Aus ihrer Begegnung ist eine Konstellation gewachsen, die heute viele Fäden im Ort zusammenhält – oft leise im Hintergrund, aber mit spürbarer Wirkung im Alltag der Nachbarschaft.

Aus Wahlveranstaltung wird Verein

Als sich 2017 zur Doberschützer Bürgermeisterwahl in der Sprotta-Siedlung alle Kandidatinnen und Kandidaten vorstellten, lernten sich Gaby Kausch, Maria Schmieder und Heike Ott kennen. „Ich war überrascht, wie viele junge und engagierte Leute hier leben, die etwas bewegen wollen“, erinnert sich Heike Ott. Gemeinsam beschlossen sie, für den Ortschaftsrat Sprotta zu kandidieren. „Und gleichzeitig haben wir gesagt: Egal, wie die Wahl ausgeht – wir engagieren uns für unsere Siedlung“, erzählt Maria Schmieder.

Schnell entstand die Idee, einen Verein zu gründen. Im Februar 2019 wurde der Siedlerverein Sprotta-Siedlung ins Leben gerufen. „Mit sechs Leuten haben wir angefangen, heute – sieben Jahre später – sind wir 108 Vereinsmitglieder“, sagt Vereinsvorsitzende Gaby Kausch.

Erst Frühjahrsputz, dann Spielplatzfest

„Unsere erste Aktion damals war ein Frühjahrsputz“, berichtet Kausch. „Wir wollten sehen, ob sich die Anwohner auch außerhalb von Osterfeuer und Co. aktivieren lassen.“ Die Resonanz war da – allerdings gab es zunächst auch kritische Nachfragen: Warum die Frauen den Ort putzen, wenn doch die Gemeinde zuständig sei. „Wir haben erklärt, dass wir Eigeninitiative zeigen und unseren Ort selbst verschönern wollen“, sagt sie.

Ein Blockhaus für den Bolzplatz konnte ebenfalls angeschafft werden und dient bei Feierlichkeiten als Unterstand. Foto: privat
Ein Blockhaus für den Bolzplatz konnte ebenfalls angeschafft werden und dient bei Feierlichkeiten als Unterstand. Foto: privat

Entlang der Paschwitzer Straße pflanzten sie Geranien in Kübel, sammelten Müll und schnitten Sträucher. „Uns war wichtig, an diesem Tag sichtbar zu sein und am Ende zeigen zu können, was wir geschafft haben“, betont Schatzmeisterin Heike Ott. Nur so lasse sich Vertrauen gewinnen – und Menschen für eine Idee begeistern.

Spielplatzfest zum Kindertag

Die Mühe lohnte sich. Beim nächsten Vorhaben, dem ersten Spielplatzfest zum Kindertag, war die Beteiligung schon größer. „Da in unserer Siedlung viele junge Familien leben, wollten wir etwas speziell für sie organisieren“, erklärt Maria Schmieder, zweite Vereinsvorsitzende. Es gab eine Bastelstraße, ein Polizeiauto zum Entdecken, eine Hüpfburg, Traktorfahrten, einen Kinderflohmarkt und mehr.

„Und es war wunderschön zu sehen, dass auch die älteren Bewohner kamen, sich am Spielen und Lachen der Kinder erfreuten und gemeinsam feierten“, sagt Heike Ott. Bis heute ist das so: Das Spielplatzfest hat sich zu einem generationsübergreifenden Treffpunkt entwickelt.

Kaffeeklatsch, Drachenfest und Strickrunde

Durch das Fest entschieden sich viele, dem Siedlerverein beizutreten. Neue Ideen kamen hinzu. „Im Herbst haben wir das Drachen- und Kürbisfest auf dem Bolzplatz ins Leben gerufen“, berichtet Schmieder.

Bei einem besonderem Graffiti-Projekt wurde mit Kindern ein Trafohäuschen bemalt. Foto: privat
Bei einem besonderem Graffiti-Projekt wurde mit Kindern ein Trafohäuschen bemalt. Foto: privat

Für Senioren entstand der „Kaffeeklatsch“. In geselliger Runde können sie sich treffen und austauschen. Drei Mal im Jahr kommen sie dafür im Gut Heideck zusammen, plaudern und lernen neue Leute kennen. Manchmal lädt der Verein auch Gäste ein: „Wir hatten schon einen Bürgerpolizisten da, der über den Enkeltrick aufgeklärt hat. Der Heidemönch Roland Gempe hat Spannendes über die Dübener Heide erzählt, und der Geschäftsführer von Nordsachsen Mobil hat den Rufbus vorgestellt“, zählt Heike Ott auf.

Gut Heideck ist Dreh- und Angelpunkt für den Verein

Dass das Gut Heideck einmal Dreh- und Angelpunkt für den Verein werden würde, ist Monika Vogel zu verdanken. Sie betrieb lange eine Fleischerei auf dem Gelände und stellte im Oktober 2025 Räume zur Verfügung, die der Siedlerverein teilweise neu einrichtete und als Begegnungsstätte für alle Einwohner der Sprotta-Siedlung anbietet. „Dafür sind wir sehr dankbar, denn so haben wir immer ein Dach über dem Kopf – und die Senioren haben keinen weiten Weg“, betont Kausch.

Seitdem sind weitere Angebote dazugekommen: der Spieleabend, der Strickliesel-Treff, eine Frauentagsfeier, Weihnachtsbasteln und Flohmärkte. „Der Raum gibt uns Möglichkeiten – und wir füllen ihn mit Leben“, sagt Maria Schmieder. Auch für private Feiern kann der Raum über den Siedlerverein angemietet werden. Dass dafür Bedarf besteht, sind sich alle einig.

Begegnung braucht Unterstützung

Den drei Frauen ist wichtig, dass es ihnen nicht um möglichst viele Termine geht, sondern um gute Begegnungen: Sie wollen den Nachbarschaftssinn stärken, Menschen ins Gespräch bringen und dafür sorgen, dass man im Ort eher merkt, wenn jemand Unterstützung braucht.

Denn der Siedlerverein lebt nicht nur von ein paar Köpfen an der Spitze. Viele Mitglieder bringen ihre Ideen ein, packen bei Aktionen mit an, backen Kuchen für Feste oder helfen beim Frühjahrsputz – ohne sie wären viele Angebote gar nicht möglich. „Und trotzdem dürften es gern noch ein paar helfende Hände mehr sein“, so Maria Schmieder.

Trotz Corona: weniger Stillstand

Dann kam Corona. „Wir dachten, nun schläft alles ein“, erinnert sich Kausch. Es kam anders. „Wir haben beschlossen: Wenn drinnen weniger geht, verlagern wir mehr nach draußen.“ So konnte 2021 eine Matschstrecke für den Spielplatz gebaut werden. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch Gründungsmitglied und Ortsvorsteher Falko Linke, der in der Sprotta-Siedlung lebt und oft das Bindeglied zwischen Verein und Gemeindeverwaltung ist. „Die neue Matschstrecke auf dem Spielplatz war für ihn ein echtes Herzensprojekt – er hat sie mit viel persönlichem Einsatz vorangetrieben“, betont Heike Ott.

2021 wurde eine Matschstrecke für den Spielplatz gebaut. Foto: privat
2021 wurde eine Matschstrecke für den Spielplatz gebaut. Foto: privat

Farbe brachte zudem ein Graffiti-Projekt mit enviaM. „Wir haben mit Kindern ein Trafohäuschen gestaltet – mit Blumen, Bienen, Bugs Bunny und Schmetterlingen. Das kam richtig gut an“, erzählt Schmieder. Ein Blockhaus für den Bolzplatz konnte ebenfalls angeschafft werden. Es wurde draußen gebastelt und erzählt.

Unterstützt wurden die Projekte der Siedlergemeinschaft in den vergangenen Jahren unter anderem durch Preisgelder aus dem Wettbewerb „Simul+“ und dem vom Bundeskanzleramt ausgelobten Wettbewerb „Machen! 2024“. Auch Förderprogramme wie das Regionalbudget Dübener Heide und die Ehrenamtsförderung des Landkreises Nordsachsen haben dazu beigetragen, dass viele Ideen in der Sprotta-Siedlung Wirklichkeit werden konnten – wofür sich der Verein ausdrücklich bedanken möchte.

Siedlung mit Geschichte und Zukunft

2033 wird die Sprotta-Siedlung 100 Jahre alt. Entstanden ist sie in den 1920er-Jahren mit dem Haus des Grundbesitzers Michael am Gut Heideck. Aus der damaligen Wohnungsnot heraus folgten erste Wohnhäuser zu Beginn der 1930er-Jahre. „Es wurden auch erste kleine Häuschen zur Erholung gebaut. So entwickelte sich eine Art Wochenendsiedlung“, erklärt Heike Ott. Mit der Wende änderte sich das Bild. Die Sprotta-Siedlung wurde als Eigenheimstandort interessant, neue Wohngebiete entstanden – und mit ihnen zogen viele junge Familien hierher.

„Wir sind mit Elan und Mut an die Sache herangegangen. Und es hat sich gelohnt“, sagt Heike Ott. „Wenn man sieht, wie die Menschen zusammenkommen, miteinander lachen und Spaß haben, dann wissen wir, wofür wir das machen.“ Ein Dank der drei Frauen geht an dieser Stelle auch an ihre Männer, „die uns oft den Rücken freihalten, wenn der Siedlerverein Vorrang hat“, und an die Gemeindeverwaltung ­Doberschütz, bei der der Verein auf offene Ohren stößt.

Mit ihren Ideen wollen sie vor allem eins erreichen: dass sich die Menschen in der Sprotta-Siedlung näherkommen, einander im Alltag wahrnehmen und nicht allein sind, wenn sie Hilfe brauchen. Zum Jubiläum des jüngsten Ortsteils der Gemeinde Doberschütz haben die drei etwas Besonderes geplant – was, bleibt vorerst noch ihr Geheimnis. Nannette Hoffmann

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