
Bereits der Weg zum Gesprächstermin mit Frank Engel war eine besondere Sache – ebenso wie der Anlass natürlich:. Am 15. Februar wurde er 75 Jahre alt – dieses Maß an Lebenserfahrung sollte Grund genug sein, ihn nach seinem Umgang mit dem Alter fragen zu dürfen.
Doch zunächst war Frank Engel war für den Erstkontakt telefonisch gar nicht erreichbar. Doch er antwortete per Rückruf, um mitzuteilen: „Wir sind gerade im Skiurlaub in Italien. Lass uns am Montag telefonieren.“ Eine Nachfrage war drin, ich wollte wissen, ob er in Langlauf-Loipen oder auf den Abfahrtshängen unterwegs sein. Die Antwort kam deutlich, klar und kurz: „Na Abfahrt natürlich, das machen wir seit Jahren!“
Man kann nicht ewig 20 sein …
Der Umgang mit dem Thema Alter hatte eine rasche Erklärung gefunden. Beim späteren Treffen im Wohnzimmer des Engelschen Hauses wurde zum Alter vom Gastgeber ergänzt: „Alter bedeutet für mich Erfahrung, Reife. Ich habe dazu meinen Spruch, den ich immer wieder sehr gern bemühe. Man kann nicht ewig 20 sein, aber man sollte immer versuchen, in seiner Altersklasse zur Spitze zu gehören.“

Ein Mann und seine Fußball-Stationen: Frank Engel dribbelte in seiner Trainer-Karriere einmal quer über das Feld von Leutzsch bis zum DFB.
Foto: Lars Preußer
Bekannten und Freunden in diesem Alter, die schon mal das eine und andere Zipperlein beklagen, denen sagt er: „Nicht jammern, sei froh, dass du dieses Alter erleben kannst. Es gibt Höhen im Leben, es gibt auch Tiefen. Der Sport lehrt es immer wieder, dass man hinfallen kann, aber es muss sich jedes Mal das Aufstehen anschließen. Ich bin ein Mensch, der positiv denkt, für den das Glas immer halbvoll statt halbleer ist.“
Frank Engel und dessen Ehefrau Christine verbringen den 75. allerdings nicht zu Hause. Der Jubilar avisiert viel mehr: „Wir hauen dieses Mal ab. Ganz spontan suchen wir uns einen Ort aus, um noch einmal Ski zu fahren. Meine Geburtstage 50, 60 und 65 wurden so turbulent gefeiert, wie mein Leben bisher gewesen ist. Jetzt wollen wir es etwas ruhiger haben.“ Übrigens: Die ob der Corona-Pandemie entfallenen Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag ersetzte Engel mit Arbeit als Autor – in dieser Zeit entstand sein Buch „Ein Engel zwischen Himmel und Hölle“.
Von Doll und Thom bis Kruse und Turnier
Frank Engel ist in Deutschland bekannt, in Fußballkreisen ist er auserlesen bekannt. Er war Ausbilder, Motivator, Spielerversteher, Auswahl- und Vereinstrainer (271 Länderspiele/478 Profispiele). Trainer für unzählige Talente und ebenso für weniger talentierte Spieler. Kurz gesagt für Fußballer, von denen es sehr viele dann doch bis in Auswahl-Mannschaften der DDR und der BRD geschafft haben.
Er blickt auf das Gesamtwerk seiner professionellen Tätigkeit mit der für ihn typischen Bescheidenheit: „Ich bin sehr dankbar, dass ich mit solchen Menschen und Spielern arbeiten durfte. Jeder war für sich ein wertvoller Teil meiner Arbeit.“ Da sind Namen wie Frank Baum, Dieter „Zwecke“ Kühn, Hans-Jörg Leitzke, Uwe Ferl, die er in Böhlen und in Leutzsch trainierte.
Engel konnte mit jedem Spieler
Oder auch Thomas Doll, Uwe Rößler, Olaf Marschall, Andreas Thom, Ulf Kirsten, Dariusz Wosz und Mesut Özil hat er genannt. „Auch die RB-Spieler Benny Henrichs, Lukas Klostermann, Riedle Baku, Timo Werner und Joshua Kimmich durfte ich ein Stück weit begleiten.“ Ebenso lebendig – wenn auch auf eine ganz andere Art – war die Arbeit mit Max Kruse, Matthias Lindner oder Frank Turnier.
Dies zeigt: Er konnte mit jedem Spieler, die Spezies „pflegeleicht“ nahm er genauso ehrlich, offen und zugewandt, wie er auch der Art „speziell“ mit offenen Armen begegnete: „Ich nehme jeden Menschen so an, wie er ist.“
„Ich nehme jeden Menschen so an, wie er ist.“
Seine langjährige Trainertätigkeit hatte er bei der BSG Chemie Leipzig im Nachwuchs – damals hießen die Altersklassen noch Knaben oder Schüler – mit Andreas Barth, Harald Bellot, Frank Illge und Uwe Zötzsche begonnen. Und manchmal schließt sich eben auch ein Kreis – denn bei den Grün-Weißen in Leutzschn wirkte er auch zuletzt wieder. Er klärt auf: „Es ist und bleibt mein Heimatverein. Ich war zuletzt bis zu meinem Abschied im Aufsichtsrat, danach noch in einer beratenden Funktion tätig.“
Die Leutzscher – aktuell unterwegs in der Regionalliga Nordost – befinden sich derzeit im Kampf um den Klassenerhalt und gönnen sich den Luxus, derzeit auf die Expertise des erfahrenen Fußball-Lehrers zu verzichten. Typisch Frank Engel wieder, er bewertet das nicht mit Unmut: „Ich gehe auch weiterhin zu Heimspielen. Wer etwas wissen will von mir, kann mich alles fragen. Es ist mein Wunsch, dass die BSG in dieser Saison den Klassenerhalt schafft.“
Wünsche für Leipzig: Chemie bleibt drin, Lok soll aufsteigen
Klar, er hat in Leipzig die BSG in seinem Fußball-Herzen, dennoch gibt es an seinem Ehrentag zwei weitere Wünsche für Leipziger Vereine. Er stellt klar: „Ich habe nie ein Gegeneinander praktiziert. Ich bin Fußball-Liebhaber. Also wünsche ich RB, dass sie sich wieder für die Champions League qualifizieren. Und der 1. FC Lok soll endlich den Aufstieg in die 3. Liga schaffen.“
Dafür müsste Lok nach einem errungenen Staffelsieg erneut – zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte – in die Aufstiegsspiele, in diesem Jahr wäre der Erste der Staffel Bayern der Rivale. Aufstieg per Extrarunde – zu dieser Ungerechtigkeit hatte sich Frank Engel bereits in den Jahren Gedanken gemacht, in denen die neue Staffeleinteilung der Regionalliga debattiert wurde.
Seine Idee damals: „18 Vereine in der 1. Bundesliga, 20 Vereine für die 2. Bundesliga, dahinter zwei Staffeln 3. Liga geordnet in Nord und Süd mit jeweils 18 oder 20 Vereinen. So wäre auch da ausreichend Tradition und Qualität vertreten, die mehrheitlich auch einen belastbar finanziellen Hintergrund mitbringt.“
„Manchmal wurde ich ob meiner Arbeit im Osten belächelt.“
Gremien und Vereine ringen aktuell immer noch um eine faire Lösung. Der erfahrene Trainer hatte übrigens in den Jahren seiner Arbeit für die beiden leitenden Fußball-Verbänden eine interessante Beobachtung gemacht: „Manchmal wurde ich ob meiner Arbeit im Osten belächelt.“
Da gab es schon mal den Hinweis, wer denn 1974 Weltmeister geworden ist, wir mit der BRD oder ihr mit der DDR? Ja, da konnte ich umgehend entgegnen, dass die BRD ohne die Niederlage gegen die DDR nie Weltmeister im eigenen Land geworden wäre. Und wir haben eine positive Länderspielbilanz gegen die BRD, die nie mehr korrigiert werden kann.“
Basta, der nette Herr Engel, er kann auch klare Kante. Gut so, richtig so. Nachtrag Thema RB. Für den Fall, dass sich Vertreter der Fanlager aus Leutzsch und Probstheida zu Engels Applaus für das Projekt RB ungebührlich erregen wollen. Er selbst ordnet es so ein: „Leipzig muss dankbar sein, dass es mit RB die Möglichkeit bekommen hat, Fußball in der Bundesliga erleben zu dürfen.“
Vorträge zu Motivation und Kommunikation
Dabei bietet seine Karriere noch viel mehr: Als Vereinstrainer war er im Ausland in Südkorea und in Ägypten unterwegs. Allerdings wird es eine Rückkehr auf eine Trainerbank aber wohl nicht noch einmal geben: „Ich habe in jüngster Vergangenheit in Almaty in Kasachstan mehrere Fortbildungen gegeben und die Trainer im ’Coaching für Coaches’ begleitet.
So ein Format sagt mir zu, das kann ich mir wieder vorstellen. Außerdem halte ich in Deutschland auch Vorträge, die die Verbindung Sport und Wirtschaft zum Inhalt haben. Dabei geht es um Dinge wie Entscheidungsverhalten, um Kommunikation, um Motivation.“
Frank Engel ist gefragt, weil er was zu sagen hat. Weil er begeistern kann, weil er mitreißen kann. All das gelingt ihm ohne künstlich erzeugte Effekthascherei, ohne boulevardeske Zutaten. Es gelingt ihm, weil er mit einer natürlich und in vielen Gegenwinden gestählten Glaubwürdigkeit ausgestattet ist.
Er weiß es nicht erst am Tag seines 75. Geburtstages: „Ich bin mit mir im Reinen. Ich habe damals die richtige Entscheidung getroffen, als ich den Sport als Zukunft für mich ausgewählt habe. Ich habe in der DDR die Kombination Abitur mit Berufsausbildung als Maurer gemacht und wollte eigentlich Bauwesen studieren.
Meine sportlichen Leistungen und bereits dort von meinem Sportlehrer entdeckten Führungsqualitäten haben mich in Richtung Deutsche Hochschule für Körperkultur gelenkt.“
Multi-Aktiver: Fußball, Tennis, Walking, Jogging, Radfahren
Das großartige DHfK-Studium bildete erstklassige Trainer aus, Frank Engel wurde einer von ihnen. Und er hat sich die Liebe zum aktiven Sport bis heute erhalten können. Der Multi-Athlet verrät abschießend: „Ich spiele einmal in der Woche Fußball, ich spiele Tennis. Meine Frau und ich haben gemeinsam Nordic Walking und Jogging auf dem Plan. Einmal im Jahr nehmen wir an der Aktion Wings for Life World Run teil, es ist ein globales Lauf-Event, mit dem Spenden für Rückenmarkgeschädigte gesammelt werden.“ In den Jahreszeiten mit schönerem Wetter ist er viel mit dem Rennrad unterwegs.
Zuvor wurde am Sonntag, 15. Februar, im Skiurlaub bei einem Glas Wein auf den Geburtstag angestoßen. 75 Jahre wollen gebührend verabschiedet werden, um auch im 76. Lebensjahr weiter aktiv und neugierig zu sein. Glückwunsch und alles Gute, Frank Engel! Lars Preußer































