
Über 400 Gäste kamen zur Premiere des neuen Buchs von Julius Fischer Mitte März ins Werk 2 nach Leipzig. Für den Autor eigentlich eine unerträgliche Situation, jedenfalls, wenn man dem Titel seines Werks Glauben schenkt. Dieser lautet schließlich „Ich hasse Menschen”.
Beim Publikum seiner Lesung macht der 41-Jährige da gern mal eine Ausnahme. Und überhaupt hasst Julius Fischer ja nicht alle Menschen, sondern nur einige – nervige Leute. So erklärt er es im Gespräch, das einige Tage nach seiner Buchpremiere stattfindet. Der Auftakt seiner Lesereise durch ganz Deutschland war nicht ganz einfach, gibt er zu. „Ich war so stark erkältet, dass meine Stimme beinahe nicht mitgemacht hätte bis zum Ende.”
Warum er (eigentlich) keine Menschen hasst
Die ersten Texte der „Ich hasse Reihe” schrieb Fischer bereits vor 18 Jahren. Darin fasste er Begegnungen mit Idioten oder Sturköpfen zusammen, sagt er. Teil drei dieser Reihe bekam nun den Untertitel „Eine Fortpflanzung”. Da stellt sich die Frage: Warum hat Fischer sogar neue Menschen produziert, wenn er diese eigentlich hasst? „Ich könnte antworten, ich hasse Menschen so sehr, dass ich anfange, mir meine eigene kleine Privatarmee zusammenzustellen”, sagt er und lacht. Aber genau genommen sei er Pazifist. Die Sache mit dem Hassen dürfe man nicht zu ernst nehmen. Fischers Texte sind stets mit einem Augenzwinkern versehen, auch die im neuen Buch.
Den Untertitel „Eine Fortpflanzung” steuerte seine Mutter bei, selbst Dramaturgin am Theater. Fischer und sie sind in engem künstlerischen Austausch. Sie fand außerdem, dass im Buch zu oft das Wort „Arschloch“ auftauchte. Daraufhin entschärfte er den Text.
Vatersein zwischen Liebe und Überforderung
Im Buch unternimmt ein Vater – ähnlich dem Autor – eine nächtliche Spazierfahrt mit seiner zweijährigen Tochter, die nicht schlafen will. Unterwegs denkt der Protagonist über sein Leben nach, erzählt die ein oder andere lustige Anekdote aus seinem Alltag – nur mit dem Schlafen will es nicht so recht klappen.
Julius Fischer hat zwei Kinder, sie sind vier und sechs Jahre alt. Sein Buch handelt von den speziellen Herausforderungen des Vaterseins. „Ich versuche, diesen starken Widerspruch aus übermäßiger Liebe für die eigenen Kinder und der übermäßigen Angestrengtheit irgendwie zu bündeln.”
Buch ist inspiriert von seinen eigenen Erfahrungen
Fischer betont, dass das Ganze ein fiktionales Buch sei und kein Tagebuch. Es sei aber inspiriert von seinen eigenen Erfahrungen. „Sowohl das Kümmern als auch das Jammern und die Überforderung – da ist schon viel von mir drin.” Nur die Eigenschaften der im Buch benannten Kinder seien „bunt durchgemixt”.

Eine Passage handelt von Autoaggression – also Gewalt gegen sich selbst –, in der sich der Protagonist eine Ohrfeige verpasst. „Das ist mir passiert und das wollte ich auch mit im Buch haben”, sagt Fischer. „Wenn ich merke, es rollt eine Woge an Überforderung an, dann haue ich mir inzwischen auf die Oberschenkel. Das hilft.” Es sind durchaus ernste Themen, die hier verhandelt werden. Sie wechseln mit Passagen, die den Leser zum Schmunzeln bringen. Das Buch soll nicht zu schwer daherkommen.
Schlafmangel und alte Freundschaften
Eltern von kleinen Kindern werden sich in vielem, was beschrieben wird, wiederfinden. Sie sind die Hauptadressaten des Buches. „Ich weiß jetzt, wie schwer es ist, Vater zu sein und welche Struggles man dadurch haben kann.” Fischer wollte von Anfang an sehr involviert sein in das Aufwachsen seiner Kinder. Er nahm bei beiden jeweils zwölf Monate Elternzeit, während seine Frau berufstätig war.
„Für mich ist die Schlafsituation am herausforderndsten”, sagt er. „Wenn mein Schlaf nachts unterbrochen ist, das macht mich kaputt.” Das Ganze verbessere sich zum Glück langsam, weil die Kinder größer werden. Nach einer schlaflosen Nacht lautet sein Überlebensratschlag: nicht zu viel von sich erwarten. Am besten sei es, sich schöne Momente zu verschaffen: Fischer legt sich dann in die Badewanne oder bestellt sich etwas zu essen.
Essen, spielen, kuscheln, schlafen
Was er am Vatersein ebenfalls anstrengend findet, sei das „permanente Abhängigsein von Bedürfnissen anderer, also der Kinder.” Essen, spielen, kuscheln, schlafen – die ständige Verfügbarkeit verbrauche viel Energie. Mittlerweile könne er mit seinen Kindern über eigene Bedürfnisse sprechen. „Das in Waage zu halten, ist wichtig.” Julius Fischer weiß aus dem eigenen Freundeskreis: „Kinder können ein Entfremdungsthema sein.”
„Kinder können ein Entfremdungsthema sein.”
Seit der Nachwuchs einen Großteil seiner Zeit beansprucht, trifft er sich seltener mit kinderlosen Freunden. Es fehlen teils die Gesprächsthemen. Abends lange ausgehen, das sei nicht mehr drin, wenn am nächsten Morgen beizeiten der Nachwuchs betreut werden muss. „Kinder sind extrem lebensverändernd”, konstatiert der Autor. Inzwischen trinkt er auf seinen Lesetouren gern mal einen Wein mehr. „Weil ich weiß, dann werde ich nicht mitten in der Nacht geweckt und muss am nächsten Morgen keine Bedürfnisse befriedigen.”
Vom Studienabbrecher zum Poetry-Slam-Meister
Dann kann er kurzzeitig ein Leben führen, wie es vor den Kindern war. Rückblick: Geboren wird Julius Fischer in Gera. Seine Mutter zieht mit ihm nach Dresden, als er drei Jahre alt ist. Der Vater, ebenfalls Dramaturg, bleibt in Thüringen. Die Eltern lassen sich scheiden. Julius spielt als Schüler Theater, singt im Schulchor.

2004 zieht er für ein Germanistik- und Geschichtsstudium nach Leipzig, das er nie abschließt. „In Geschichte fehlten mir noch zwei Scheine”, blickt Fischer zurück. Statt Texte zu lesen und zu analysieren, schreibt er lieber eigene und präsentiert sie auf den Lesebühnen der Stadt vor Publikum. „Ich wollte lieber auf der Bühne stehen.” Seinen ersten Auftritt hat er im Februar 2004 im Keller eines Computercafés in der Härtelstraße. Außerdem gründet er mit Christian Meyer 2008 das Musik-Duo „The Fuck Hornisschen Orchestra” – und tritt damit bei NightWash und im Quatsch Comedy Club auf.
Er wird zu Poetry Slams in ganz Deutschland eingeladen – und auf der Bühne bejubelt. Mit dem Slam-Duo Team „Totale Zerstörung“ gewinnt er 2011 und 2012 mit André Herrmann die deutschsprachige Team-Slam-Meisterschaft.
100 bis 150 Auftritte im Jahr
Es ist der Höhepunkt seiner Lesebühnen-Karriere. In dieser Zeit tourt Fischer quer durch die Bundesrepublik – hat 100 bis 150 Auftritte im Jahr. „Ich bin ganz gut über die Runden gekommen.” Das Genre habe sich über die Jahre allerdings gewaltig verändert, sagt Fischer. „Waren es vor zehn Jahren noch extrem poetische Texte, ist Slam jetzt viel politischer geworden.”
Es gehe viel um Herkunft, Diversität und Hautfarbe. „Früher haben wir nach dem Auftritt alle beim Veranstalter auf der Couch gepennt und es wurde gesoffen”, erzählt er. Der Preis war meistens eine Flasche Whiskey. Dank der MeToo-Bewegung gebe es heute auf den meisten Slams sogar ein Awareness-Konzept. Es habe sich viel getan.
„Wenn ich das Gefühl hätte, meine Themen interessieren nur noch alte, weiße Männer, dann würde ich damit aufhören.”
Aktuell ist Julius Fischer in zwei Lesebühnen aktiv, der Lesedüne in Berlin, auf der auch der Känguru-Chroniken-Autor Marc-Uwe-Kling liest, und der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, die er 2008 in Leipzig mitgegründet hat. Auch nach 18 Jahren mache es ihm noch Spaß, seine Texte dort vorzutragen, sagt Fischer. „Wenn ich das Gefühl hätte, meine Themen interessieren nur noch alte, weiße Männer, dann würde ich damit aufhören.”
Spaß, künstlerische Weiterentwicklung und Geld
Der Autor hat eine Schablone, die er an die eigenen Projekte anlegt: Zwei von drei Punkten müssen zutreffen: Spaß, künstlerische Weiterentwicklung und Geld. Bei einer Lesebühne treffen Punkt eins und zwei zu. „Damit wirst du nicht reich.” Ganz selten macht er mal was nur des Geldes wegen – ein Auftritt auf Firmenfeiern oder Hochzeiten. Das sei aber auch schon öfter gefloppt, gibt er zu.
Im Spiegel hat Fischer seit einer Weile eine Elternkolumne und schreibt dort von schrecklicher Kindermusik, dem kinderunfreundlichen Deutschland oder warum Kinder nicht auf Hochzeiten gehen sollten. Daraus will er vielleicht ein neues Buch machen. 30 Texte hat er schon verfasst. Bei 40 Kolumnen hätte er eine ausreichend große Auswahl, um die schlechten auszusortieren. Julius Fischer ist selbstkritisch: „Es ist nicht alles geil, was ich mache.”
Derzeit arbeitet er gemeinsam mit seinem Kollegen Marc-Uwe Kling an Videos für die Website „Fun facts”, einem Nachrichtenformat im Internet mit witzig verpackten News. Das sind jeden Tag 15 Minuten Nachrichten mit Witzen, live vor Publikum aufgezeichnet, „um die Demokratie zu retten”, sagt Fischer und lächelt. „Das ist extrem aufwendig, kriegt aber sehr viel Zuspruch.” Vielleicht wird es auch eine Fortsetzung der „Ich hasse Menschen”-Reihe geben.
Plan B in der Gastronomie?
Erst einmal ist Julius Fischer jetzt auf großer Lesetour in ganz Deutschland unterwegs. Trotz seiner Bühnenerfahrung sagt er: „Ich bin immer etwas grundaufgeregt.”
Wenn das Autorendasein ihm irgendwann doch zu anstrengend wird, könnte sich Fischer noch ein ganz anderes Betätigungsfeld vorstellen: die Gastronomie. „Ich koche sehr gerne und kann das mittlerweile auch gut.” Zu Weihnachten tafelte er für seine Familie mal ein Gericht mit sechs Beilagen auf. Auch für Comedy-Kollege Till Reiners hat er mal gekocht, als der im Werk 2 einen Auftritt hatte. Eine richtige Geschäftsidee hat Fischer allerdings noch nicht. Seinen Kindern ist das mit dem Kochen übrigens egal, sagt er. Gina Apitz
Weitere Infos im Netz: www.juliusfischer.de

































