
„Zuhause koche ich eigentlich nie”, erzählt Joachim Scharf. Wie er an einem Fensterplatz in einem Café in der Leipziger Innenstadt sitzt, eine Tasse Kaffee in der Hand und seine Aktentasche auf der Bank neben sich, wirkt er sehr ausgeglichen. Seit Kurzem ist der 71-Jährige im Ruhestand, nach 54 Jahren in der Gastronomie. Er blickt auf ein aufregendes Berufsleben zurück.
Als ausgebildeter Koch und Hotelfachmann arbeitete er in Leipzig, am Bodensee und später wieder in Leipzig. Seine Spezialität ist die französische Küche. „Nur für eine Person zu kochen, das bin ich nicht gewohnt. Ich habe ja fast immer für andere gekocht.” Wenn er heutzutage Appetit hat, bereitet er sich etwas Schnelles zu, wie Nudeln oder Reis. Oder besucht ein Restaurant, wofür er nun mehr als genug Zeit hat.
Keine Tomaten im Leipziger Winter
Joachim Scharfs berufliche Laufbahn begann mit seiner Ausbildung in der DDR. Damals standen ihm ganz andere Produkte zur Verfügung als heute: “Es gab im Winter keine Tomaten. Die Ossis wissen das.” Gekocht wurde mit dem, was da war. Scharf lernte alles, was man über Essen wissen musste – Mit Fokus auf die französische Küche. Sein Ausbilder war Jürgen Kleinert, der im damaligen Interhotel International, heute Fürstenhof, arbeitete. Scharf lernte seinen Vorgesetzten und dessen Arbeitsweise tief zu schätzen.
„Wir sind noch heute befreundet”, erzählt er. Jahre später sollten sie wieder zusammenarbeiten. 19 Jahre lang war der Koch dort tätig. Fast beiläufig erwähnt er: „Ich habe nebenher noch eine zweite Ausbildung zum Hotelfachmann gemacht.” Wie viele Stunden er währenddessen in einer Woche gearbeitet habe? „Sicher über 40. Das war ganz normal damals. Und ich wollte das lernen.”
Umbruch im Leben des Kochs nach der Wende
Mit der Wende kam ein Umbruch in das Leben des Kochs und Hotelfachmanns. Ein Investor kaufte das Hotel, in dem er arbeitete. Und nichts war mehr so, wie Scharf es gewohnt war: „Ich konnte mir nie vorstellen, aus Leipzig wegzugehen und nie wieder zurück. Ich habe während der DDR nie einen Ausreiseantrag gestellt”, erklärt er, „aber da wollte ich weg.”

Eine Bekannte von ihm lebte 1990 bereits seit mehreren Jahren in Süddeutschland und schwärmte davon. Schön sollte es dort sein, und das Gehalt ein Dreifaches von dem, was der Koch im Leipzig der Neunzigerjahre verdienen konnte. Also bewarb er sich und fing nach einiger Zeit in einem Restaurant in Friedrichshafen am Bodensee an.
Wieder war alles anders, vor allem die Küche: „Spätzle kannte ich nicht”, gesteht Scharf lachend. Immerhin kannte man die in Sachsen zu der Zeit nicht. „Mir wurde dann erklärt, wie man die macht.” Gut ein halbes Jahrzehnt genoss er die schöne Aussicht aus seiner Wohnung am Bodensee, und auch das deutlich bessere Gehalt. „Aber so schön es da unten auch war, ich wollte zurück”, erklärt er. Also packte der damals Mitte-Vierzigjährige erneut seine Sachen und kehrte „ohne Plan” zurück in die Messestadt, um von vorn zu beginnen.
„Aus dem Nichts”
Hier sollte die Geschichte des „La Mirabelle” ihren Anfang nehmen. Und zwar „aus dem Nichts”. Als Erstes brauchte er einen Küchenchef. Ein Kollege, der zu dem Zeitpunkt bereits auf der Karl-Liebknecht-Straße arbeitete, sollte es werden. Scharf wollte ein französisches Restaurant eröffnen. Nun fehlte ihm noch die Location. In einer Zeit, als es in Leipzig vor leerstehenden Gebäuden nur so wimmelte, war die Auswahl groß. Schließlich fand er ein Gebäude in der Gohliser Straße, in dem sich zuvor eine Klempnerwekstatt befunden hatte.
„Das war purer Bauschutt”, erinnert sich der Gastronom. Gemeinsam mit einem Architekten entwarf er ein Lokal, das ganz Scharfs Wunschvorstellung entsprach. Kein Wagenrad an der Wand, nichts „piefiges”, sollte die Einrichtung enthalten.
„Genau diesen Kitsch wollte ich nicht”, betont er. Stattdessen achtete er auf elegante Sitzbänke, einen schwarz-weiß gefliesten Boden und, ganz wichtig: Weiße Tischdecken und Servietten. Wie es am Ende aussehen sollte, habe Scharf sofort gewusst, als er die Räumlichkeiten zum ersten Mal sah. „Ich habe jede Fliese herausgesucht. Da bin ich stolz drauf”, ergänzt er.
Aus- und Umbau dauerte ein Jahr
Insgesamt dauerte der Aus- und Umbau ein Jahr. Weil er keine andere Wahl hatte, finanzierte Scharf den selbst: „Ich habe alles investiert”, sagt er. „Wenn es nichts funktioniert hätte, hätte ich vor dem Nichts gestanden.”
Doch zum Glück sollte es nicht so kommen, im Gegenteil: Noch vor der Eröffnung sprach sich sein Projekt bei Fans französischer Küche herum. „Am ersten Tag haben die Leute auf den Treppen und auf freie Tische gewartet”, erinnert er sich. Damals konnte er es kaum fassen. Ein wenig erstaunlich fand er es auch. Von da an lebte er „eine Erfolgsgeschichte”.
Prominenz, Kunst und gutes Essen
Und dieser war „mehr als nur essen und trinken” im Restaurant. Wer Anfang der 2000er Jahre das „La Mirabelle” besuchte, konnte sich nicht langweilen. Auf dem Speiseplan standen kulinarische Besonderheiten wie Seezunge, Froschschenkel und Steinbutt. Zumindest bis zur Währungsreform, „danach waren die für die Kunden nicht mehr bezahlbar.”

An den Wänden hingen stets Kunstwerke, die Ausstellungen wechselten alle vier bis sechs Monate und wurden von einem ehemaligen Dozenten der HGB gestaltet und organisiert. Scharf stellte Bilder von Künstlern aus der Region aus, beispielsweise vom mittlerweile verstorbenen HGB-Professor Werner Tübke. Scharf kramt in seiner Tasche und holt ein eingerahmtes Foto von sich, Tübke und dessen Ehefrau hervor. Eine wertvolle Erinnerung aus Jahrzehnten der Arbeit mit Menschen.
MDR-Sinfonieorchester kam zum Mittagessen
Restaurantgäste kamen in den ersten Jahren des Bestehens von „La Mirabelle” vor allem aus den Botschaften und Konsulaten, die damals in der näheren Umgebung in Gohlis angesiedelt waren. Häufig sei das MDR-Sinfonieorchester zum Mittagessen eingekehrt. „Da wurde ab und an mal die Geige ausgepackt”, schwärmt Scharf. „Das habe ich mir immer so vorgestellt.”
Prominenz erlebte er im Restaurant oft. Dazu gehörten die Jazz-Sängerin Gitte Hænning und Leipziger Autorin Angela Krauß. Letztere hat in ihrem Werk „Der Strom” sogar eine Hommage an „La Mirabelle” verfasst. Unvergessen bleibt für Scharf der Moment, als die Tür aufging und eine bekannte Schauspielerin vor ihm stand: „Ich erkannte sie sofort und fragte: Frau Sägebrecht, was machen Sie denn hier?”
Nebensachen und Hauptsachen
Ein gelebtes Leben sei es gewesen, sagt Scharf. Er möchte sich herzlich bei seinen langjährigen Kunden bedanken, die er regelmäßig im Restaurant sehen durfte. Und bei seinen geschätzten Kollegen, vor allem bei Mustafa Arbarkouk, der 17 Jahre lang an seiner Seite stand. „Ich war mehr im Betrieb als zu Hause”, gibt er zu.
Und jetzt? Jetzt sei zunächst einmal Zeit für das, was immer Nebensache war. „Aber es ist noch nicht aller Tage Abend”, fügt er hinzu. Joachim Scharf denkt bereits über die Zukunft nach– und schaut sich um. „Wenn es sich ergibt”, führt er an, dann möchte er ein neues Restaurant aufmachen. Erneut mit französischer Küche, versteht sich. Denn, so Scharf, „wenn man etwas kann, dann sollte man das machen”. Sonja Garan

































