
Wenn in Delitzsch die Fronten verhärtet sind, bringt Friedensrichterin Merry Gottwald die Beteiligten an einen Tisch. Mit Geduld und Menschenkenntnis sucht sie nach Lösungen, bevor aus einem Nachbarschaftsstreit ein Fall für das Gericht wird. Einmal im Monat bietet sie dafür gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Andreas Wilkending eine Sprechstunde im Delitzscher Rathaus an.
Ehrenamt mit juristischem Hintergrund
Merry Gottwald bringt für dieses Ehrenamt passende Erfahrungen mit. Die ehemalige Personalreferentin war viele Jahre ehrenamtlich als Richterin am Sozial- sowie am Arbeitsgericht tätig und kennt sich mit rechtlichen Fragen aus. Als die Stadt Delitzsch die Stelle der Friedensrichterin 2019 ausschrieb, konnte sie sich die Aufgabe gut vorstellen.
Auch die verschiedenen Aus- und Weiterbildungen für das Amt haben sie nicht abgeschreckt. „Ich wusste, worauf ich mich einlasse“, sagt sie. Heute kann sie sagen: „Es macht auch Spaß.“ Spaß daran, mit anderen an einer Lösung zu arbeiten – das war auch ein Grund dafür, dass sie 2024 in ihre zweite Amtszeit ging.
Reden, bevor die Fronten verhärten
Gleichzeitig würde sie sich wünschen, dass Konflikte früher im direkten Gespräch geklärt werden. „Es wäre schön, wenn man mehr auf seinen Nachbarn zugeht, sich vielleicht eine neutrale dritte Person mit zum Gespräch holt“, sagt sie. „Statt nur auf sein Recht zu pochen, könnte man versuchen, zusammen selbst eine Lösung zu erarbeiten.“
Wie eine Schlichtung abläuft
Wer in ihre Sprechstunde kommt, ist meist in einem festgefahrenen Konflikt, den er nicht mehr selbst lösen kann. Die Sprechstunde ist der erste Kontakt. „Hier erkläre ich meinem Klienten zuerst, dass ich keine Richterin bin, also nicht richten werde über sein Problem“, sagt die 65 Jährige. Stattdessen informiert sie darüber, welche Möglichkeiten es gibt.
Eine dieser Möglichkeiten ist die rechtsverbindliche Schlichtung. „Das heißt, der Klient kann einen Antrag daraufstellen.“ Dann wird die Gegenpartei eingeladen, und gemeinsam soll eine einvernehmliche Lösung für die Streitigkeit gefunden werden – mit dem Ziel, einen für beide Seiten gültigen Vergleich zu schließen. Sollte das nicht funktionieren, bleibt letztlich nur der Gang vor Gericht. Dort bedeutet ein Urteil in der Regel: Eine Partei verliert.
Außerdem kosten Gerichtsverfahren Geld und Zeit. „Für das Schlichtungsverfahren werden nur 45 Euro bezahlt und es muss in drei Monaten vollzogen sein. Es ist also günstiger und geht schneller“, sagt Gottwald. Der Vergleich ist ebenfalls bindend. Aus ihrer Sicht liegt der Vorteil darin, dass jede Partei einen Schritt auf die andere zugeht. „Hier geht es nicht um Recht haben, sondern um Kompromisse.“
Zwischen Gesprächsraum und Schreibtisch
Seit 2020 hat Merry Gottwald elf Schlichtungen durchgeführt, die Sprechstunden nicht mitgezählt. „In die Sprechstunde kommt mindestens eine Person“, berichtet sie, 2025 waren es neun Leute. Bleibt ausnahmsweise einmal jemand weg, nutzt sie die Zeit für Büroarbeit: „In jeder Schlichtung wird Protokoll geführt und der Vergleich muss formuliert werden.“ Hinzu kommen Abrechnungen, Vorladungen und andere Schreiben.
Gefragte Eigenschaften – typische Fälle
Ruhe und Geduld, Feingefühl und Objektivität sind für sie wichtige Voraussetzungen für die Arbeit als Friedensrichterin. „Und du musst gut zuhören können. Man merkt, dass die Menschen etwas loswerden wollen“, sagt sie. Gerade bei der Generation 70 plus müsse man berücksichtigen, in welcher Zeit diese Menschen aufgewachsen sind. „Sie sind sehr traditionell und regelbasiert.“ Diese Altersgruppe macht den größten Teil der Personen aus, die zu ihr kommen.
Die Streitigkeiten, mit denen sie es zu tun hat, sind vielfältig. Es geht um kleinere Straf- und Zivilsachen, vor allem aber um Konflikte am Gartenzaun: Laub des Nachbarn auf dem eigenen Grundstück, Äste, die zu weit über den Zaun ragen, Lärmbelästigung oder falsch geparkte Autos.
Ausgleich zum Ehrenamt
Als Ausgleich zu ihrem Ehrenamt sucht Merry Gottwald Entspannung. „Ich mache Yoga und Pilates, fahre Fahrrad, werkle im Garten und reise gern“, sagt sie. Die nötige Ruhe, die sie dort findet, hilft ihr auch in den Gesprächen zwischen lauten Konflikten und leisen Zwischentönen. Nannette Hoffmann

































