
„Stopp!“, ruft das Mädchen mit fester Stimme. Die Hand hält sie ausgestreckt vor sich. Das andere Kind weicht zurück. Es wird klar: Hier ist eine Grenze erreicht. Diese Übung ist Teil eines Anti-MobbingTrainings, das Mandy Hülsenbeck-Kreusche an Leipziger Kitas anbietet.
Über 20 Einrichtungen hat die 46-Jährige bereits besucht und mit Kindern im Alter von fünf bis sechs Jahren das Thema „Mobbing“ beackert. Der Bereich sei „breit gefächert“, sagt sie. Und Mobbing unterscheide sich grundsätzlich je nach Alter – es zeige sich anders bei Vor- oder Grundschülern als bei Teenagern. Doch stets gehe es dabei um die Ausgrenzung Einzelner.
Projekt heißt „Mut tut gut“
Und hier müsse man früh ansetzen, ist Hülsenbeck-Kreusche überzeugt, die eigentlich beim SC DHfK als Sportlehrerin aktiv ist. In ihren Workshops, die unter dem Titel „Mut tut gut“ laufen, behandelt sie vier Themenbereiche: Durchsetzungsvermögen, Selbstbehauptung, Gefühle und Zivilcourage. „Ich versuche das Ganze total spielerisch aufzubauen.“
Das heißt, die Kinder schlüpfen zum Beispiel in die Rolle von Tieren und lernen dadurch verschiedene Charaktere kennen – etwa die nervige Mücke, die andere Kinder ärgert, den Löwen, der gern mal losbrüllt oder eben das stille, schüchterne Mäuschen. „So lernen die Kinder, welche Auswirkungen es hat, wenn ich mich zurückziehe, mich nicht wehre und klein mache“, sagt die Trainerin.
Laserblick und lautes Rufen
Hülsenbeck-Kreusche ermutigt die Kinder, für sich einzustehen. Dafür trainiert sie mit ihnen den sogenannten Laserblick, bei dem ein Kind einem anderen Kind scharf in die Augen schaut. Oder eben das laute „Stopp“-Rufen mit dem passenden Handzeichen. Der Trainerin ist dabei wichtig: „Ich will Kinder weder zum Opfer noch zum Täter machen.“ Wenn ein Kind eine Situation nicht allein lösen kann, dann soll es Hilfe holen von einem Erwachsenen, in der Kita also von einem Erzieher oder einer Erzieherin.

Ein Großteil des Workshops besteht darin, Konflikte friedlich lösen zu lernen. Anfangs streiten sich die Kinder oft um die Sitzkissen. Nicht selten endet das in Tränen. Doch am Ende des Kurses finden die Kinder häufig eine Lösung für das Problem. Es sei also direkt eine Entwicklung zu erkennen. „Da bekomme ich oft Gänsehaut“, sagt Hülsenbeck-Kreusche.
Beim Thema Zivilcourage hat die Trainerin noch einen cleveren Trick, der bei den Vorschülern meist gut funktioniert. Wenn ein Kind in der Kita von einem anderen geärgert wird und ein anderes Kind beobachtet das, empfiehlt sie, das Opfer zu fragen, ob es Hilfe braucht. „Damit ist der Täter aus der Schusslinie. Das funktioniert gut.“
Anti-Mobbing-Workshop als Pilotprojekt
Im Februar vergangenen Jahres startete der Anti-Mobbing-Workshop als Pilotprojekt in einer Kita in Leipzig-Leutzsch. Seit Januar ist Hülsenbeck-Kreusche auch in anderen Leipziger Einrichtungen zu Besuch und hat insgesamt schon mit 65 Kindern geübt. In der Regel kommt sie viermal für etwa eine Stunde in die Kita – länger können die Jungs und Mädchen sich nicht auf das Training konzentrieren.
„Der Januar war ein harter Monat“, sagt HülsenbeckKreusche. Sie besuchte eine Kita nach der anderen, war mental stark gefordert und hat dabei teils große Unterschiede zwischen den Stadtteilen bemerkt. „In Grünau sind die Kinder wesentlich aggressiver“, sagt sie. Das führt die Trainerin auf erhöhte Bildschirmzeit zurück. Viele Kinder sitzen aus ihrer Sicht zu viel vor Tablet oder Handy.
„Wenn die Eltern zu Hause viel schreien, dann hat das Kind nicht die Chance, etwas anderes kennenzulernen.“
„Die Kinder lernen dadurch nicht mehr, miteinander umzugehen.“ Es fehle an Geduld, Konzentration und der Fähigkeit, anderen zuzuhören. Hinzu kommt die Vorbildfunktion in der Familie. „Wenn die Eltern zu Hause viel schreien, dann hat das Kind nicht die Chance, etwas anderes kennenzulernen.“ In ihrem Workshop gehe es deshalb auch darum, den Kindern Alternativen aufzuzeigen – andere Lösungen für Streitigkeiten zu finden.
Unterschiede gebe es zudem zwischen kleinen und großen Kitas, sagt die Trainerin. „Umso größer die Einrichtung, umso angespannter ist das Personal.“ Wenn die Erzieherinnen und Erzieher überlastet seien, hätten sie weniger Zeit, auf jedes Kind individuell einzugehen oder Konflikte zu begleiten.
Ehreung mit dem silbernen „Stern des Sports“
Für das Projekt „Mut tut gut“ bekam der SC DHfK kürzlich den silbernen „Stern des Sports“ und eine Prämie von 2500 Euro. Ausgewählt wurde das Projekt auf Landesebene unter 87 Einreichungen. Für Mandy Hülsenbeck-Kreusche eine Motivation, weiterzumachen. Denn zur Wahrheit gehört auch: Das Anti-Mobbing-Training rief einige Widerstände im Verein hervor. Für manche war die Verbindung zum Sport nicht sofort ersichtlich. Dabei betreffe Mobbing auch Sportgruppen, Kinderr sowieTrainerinnen und Trainer des Vereins.
Das Projekt kostet für jede Kita 500 Euro. Den Betrag übernehmen die Einrichtung oder die Eltern – im Schnitt kostet die Teilnahme 50 Euro pro Familie. Bisher wurde immer eine Lösung für die Finanzierung gefunden, sagt HülsenbeckKreusche. Derzeit gebe es eine hohe Nachfrage der Einrichtungen. Es können sich aber noch Kitas bei ihr melden.
Dass die 46-Jährige heute Kindergartenkinder über das Thema Mobbing aufklärt, hätte sie als junge Frau wohl nicht vermutet. Früher war Hülsenbeck-Kreusche nämlich Leistungssportlerin. Die gebürtige Erfurterin fängt mit acht Jahren mit Akrobatik an. Sie ist ein sehr aktives Kind. „Ich war ein zierliches Mädchen, was jede Pfütze mitgenommen hat“, erzählt sie. Die Mutter zieht ihre Schwester und sie allein groß. „Ich glaube, sie hat durch uns viele graue Haare bekommen.“
Sport als Lebensmittelpunkt
Als Kind trainiert sie drei- bis vier mal pro Woche im Turnverein. „Das war meine Rettung“, sagt sie heute, und zugleich ein Ausgleich zur Schule. Mit 16 lässt sie sich zur Zahnarzthelferin ausbilden, „um die normale Arbeitswelt kennenzulernen“, sagt sie heute. Doch sie merkt: Ohne Sport kann sie ihr Leben nicht weiterführen.

„Du bist innerlich leer, es ist, als hätte dir jemand was genommen.“ So arbeitet Hülsenbeck-Kreusche erst als Trainerin in verschiedenen Fitnessstudios und übernimmt 2007 ein kleines Frauenfitnessstudio in Leipzig. „Das war sehr beschwerlich“, sagt sie heute. Anfangs lief das Geschäft gut. Doch bald machten die großen Ketten ihr Konkurrenz.
Karriere im Leistungssport
Nebenbei läuft ihre Karriere im Leistungssport. Nach dem Turnen wendet sich Hülsenbeck-Kreusche einer neuen Sportart zu – dem Bodybuilding. Um einen extrem muskulösen Körper zu bekommen, dreht sich bei ihr alles nur noch um Ernährung und Sport. „Du unterhältst dich nur noch über Reiswaffeln und die nächste Trainingseinheit. Ich bin halb sechs aufgestanden und jeden Tag laufen gegangen.“ Für Freundschaften hat sie kaum noch Zeit. Mit 32 ist sie Vize-Weltmeisterin im Figur-Bodybuilding – es ist der Höhepunkt ihrer Karriere. Fotos von damals zeigen ihren definierten Körper.
„Du unterhältst dich nur noch über Reiswaffeln und die nächste Trainingseinheit.“
Doch ihre eigene Wahrnehmung ist verzerrt. Hülsenbeck-Kreusche betrachtet sich als übergewichtig. Es mangelt ihr an Selbstvertrauen. „Ich hatte Pokale ohne Ende, aber ich habe nicht an mich geglaubt.“ Der Sport sei ganz klar eine Sucht gewesen, der Versuch, Anerkennung zu bekommen, sagt sie rückblickend.
2016 Neustart beim SC DHfK
Doch die Leistungssportlerin ist zunehmend erschöpft. Sie denkt viel über sich und ihr Leben nach, will etwas ändern. Als sie ihren späteren Mann kennenlernt, beginnt ein Wendepunkt. Er hilft ihr dabei, sich neu zu orientieren. Sie hört mit dem Leistungssport auf, will künftig gern mit Kindern zusammenarbeiten. 2016 fängt sie beim SC DHfK an, trainiert heute eine Kindershowgruppe in Akrobatik und auch eine Seniorengruppe. Sie ist außerdem Kinderschutzbeauftragte des Vereins. Fühlt sich ein Kind nicht gut behandelt, ist sie die richtige Ansprechpartnerin. „Damit kann ich Angst nehmen und Sicherheit geben.“
Darum geht es auch in ihrem Anti-Mobbing-Training im Kindergarten. Gern würde Hülsenbeck-Kreusche das Ganze auch an Grund- oder Oberschulen anbieten. Doch da sie momentan die einzige Trainerin ist, kann sie das allein nicht stemmen. Vielleicht könne sie künftig weitere Trainer in anderen Vereinen zum Thema Mobbing ausbilden oder Pädagogen in den Kitas schulen, überlegt sie. „Ich habe viel Ehrgeiz und lasse nicht so schnell locker.“ Gina Apitz
Kontakt zu Mandy Hülsenbeck-Kreusche, Prävention Kids und Teens, SC DHfK Leipzig e.V., Tel.: 0341 9821119

































