Am Sonntag ist Weltherztag. Sophia Scholz macht auf die Probleme von Menschen mit angeborenem Herzfehler aufmerksam und hilft ihnen. Foto: PICTURE POINT/Gabor Krieg

Halbe Sachen macht sie nicht, obwohl sie nur ein halbes Herz hat. Bildlich gesehen. Die rechte Herzkammer von Sophia Scholz (39) funktioniert nicht. Mit der Diagnose hätte sie früher nur wenige Jahre gelebt. Aber eine Operation in London rettete die Leipzigerin, die heute Menschen mit angeborenem Herzfehler hilft.

Es fühlt sich für Sophia an, als wenn sie ein Leben auf dem Laufband führen würde. So vergleicht ein anerkannter Herzspezialist ihre Situation. Sophia hat sich mit ihr arrangiert. Tempogewöhnte Tiere begleiten sie dabei: ihre Windhunde Lissi und Lola. Wenn sie mit den neunjährigen Vierbeinern in der Natur unterwegs ist, würde niemand denken, dass Sophia es eigentlich eher ruhig angehen lassen sollte. „Ich habe inzwischen meinen ganz eigenen Rhythmus gefunden“, erzählt die Visagistin. Der war vor ihrer lebensrettenden Operation völlig aus dem Takt.

„Ich hatte durch den ständigen Sauerstoffmangel blaue Lippen, eine ungesunde Gesichtsfarbe und war nach der kleinsten körperlichen Belastung fertig“, erinnert sich Sophia an ihre Kindheit Anfang der 1980er-Jahre. Zwar stellten die Ärzte schon kurz nach der Geburt den Herzfehler fest, doch konnte er zu dem Zeitpunkt in der DDR nicht behandelt werden. Im Frühjahr 1984 geschah das Wunder: Das Mädchen aus Leipzig wurde mit drei Jahren im kindermedizinischen Lehrkrankenhaus Great Ormond Street Hospital in London operiert. Dabei erreichten die Ärzte, dass die linke Herzkammer fortan alle lebenswichtigen Funktionen allein übernehmen konnte. „Das war praktisch mein zweiter Geburtstag, übrigens mit rosiger Gesichtsfarbe und viel mehr Power“, bemerkt die Kosmetikexpertin. Die zwei und drei Jahre älteren Brüder Felix und Philipp wurden ihre engsten Verbündeten, Beschützer und Spielgefährten.

Mit 17 Jahren kehrte Sophia nach London zurück. Auch um zu beweisen, dass sie voll im Leben steht. „Ich arbeitete ein ganzes Jahr als Au-Pair-Mädchen.“ Mittlerweile ist die Sächsin selbstständige Visagistin und Kosmetikberaterin. Zu diesem Job kam sie auch durch ihre Krankheit. „Ich suchte jahrelang nach wirksamen Mitteln, um meine große Narbe von der Operation etwas zu kaschieren“, erklärt die Herzkranke. Durch Zufall stieß sie auf ein bei ihr sehr wirksames Aprikosenkernöl eines Schweizer Kosmetikspezialisten. Als sie ihm begeistert von den guten Erfahrungen berichtete, war das der Beginn eines beruflichen Neustarts.

Rund 35 Jahre sind mittlerweile seit der ersten Operation vergangen. Inzwischen ist sie medizinischer Standard. Doch Sophia weiß, mit welchen Problemen Betroffene zu kämpfen haben. „Angeborene Herzkrankheiten sind ziemlich unsichtbar. Da passiert es häufig, dass die Umwelt verständnislos reagiert.“ Damit musste auch Sophia fertig werden. Ihr Grad der Behinderung beträgt 70 Prozent. Das hält sie aber nicht davon ab, sich neben ihrem Job beispielsweise im Verein „Herzkind“ zu engagieren. So hob sie in Leipzig spezielle Yogakurse für herzkranke Kinder aus der Taufe.

„Es gibt bei Betroffenen so viele Unsicherheiten, wenn es um Sport und Bewegung geht. Yoga ist da ein goldener Mittelweg“, stellte Sophia fest und sucht noch interessierte Kinder und Jugendliche. Doch auch wenn sie erwachsen werden, muss die medizinische Nachsorge unbedingt weitergehen. Sophia, die inzwischen noch mehrmals operiert wurde, unterzieht sich halbjährlich verschiedenen Untersuchungen im Herzzentrum Leipzig. „Meiner Mutter prophezeiten früher die Ärzte, dass ich höchstens 16 Jahre alt werde. Im nächsten Jahr feiere ich meinen 40. Geburtstag“, freut sich die Optimistin und nimmt sich vor, den glatt zu verdoppeln.

Tipp: Der Verein Herzkind e.V. möchte sein Herzchen-Yoga-Angebot in Leipzig erweitern und bittet dringend um Spenden. Die IBAN des Vereins lautet: DE 47 2505 0180 0011 0101 13 Kennwort: Herzchen Yoga Leipzig.

Thomas Gillmeister

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here