Auf den Spuren der Schnecken: Frank Borleis. Foto: PICTURE POINT/Kerstin Dölitzsch

Für die einen sind sie der Schrecken im Garten, für die anderen faszinierende Schönheiten: Schnecken. Busfahrer Frank Borleis (58) wandert regelmäßig durch Wälder, um die wundersame Welt der Weichtiere zu erkunden. Dabei bestimmt er die Arten und registriert sie. So lässt der gebürtige Schweizer einen aktuellen Leipziger Schnecken-Atlas entstehen.

Beruflich konzentriert sich Frank Borleis auf den Straßenverkehr. Der aus Bern stammende Wahl-Sachse fährt gern Bus. Dabei hilft ihm sein optimaler Orientierungssinn, „den ich wohl mit in die Wiege gelegt bekam“, vermutet der Naturfreund. An seinen freien Tagen drosselt er das Tempo und streift im Schneckentempo durch den Auwald, den er sich in 74 Felder aufgeteilt hat. Der Hobby-Biologe richtet seinen Blick auf den Boden. Wie ein Pilzsammler scannt er ihn ab, schaut unter morsches Holz, Rinden und Steinen nach Schnecken.

Er kennt sie inzwischen alle: die Gartenbänderschnecke, die Gemeine Schließmundschnecke, die Bernsteinschnecke … Nach der Bestimmung registriert er sie, beschreibt kurz den Fundort und sammelt verlassene Häuschen ein. Besonders schöne Tiere fotografiert er. Dabei erwischt er sich schon, dass er mit den Schnecken flüstert, wenn sie nicht unbedingt Model stehen wollen und sich lieber verstecken. Doch der tiefenentspannte Beobachter nimmt sich Zeit. Hier im Wald geht es nicht um Minutentakte eines Fahrplanes. Hier geht es um Entschleunigung und Entdeckungen.

In seiner ehemaligen Heimat Bern erforschte Frank jahrelang Brutvögel. Zum 50. Geburtstag bekam er vom damaligen Arbeitgeber 14 Tage Sonderurlaub. „Den nutzte ich, um einfach mal quer durch Deutschland zu radeln“, erinnert sich Frank. Er verliebte sich dabei in Leipzig, die Geburtsstadt seines Vaters, der in den 1950er-Jahren als Drucker sein Glück in der Schweiz suchte und fand. Sein einziger Sohn ging nun den umgekehrten Weg und wagte den Neubeginn mit Anfang 50. Und weil der Busfahrer als Gegensatz zur schnelllebigen Zeit des Alltags die Ruhe des Waldes braucht, erholt er sich bei Spaziergängen im Auwald. Dabei fielen ihm die Schnecken auf.

„Sie sind so stille, langsame Zeitgenossen“, sinniert Frank. „Es gibt sie bereits seit Millionen Jahren. Sie sind ein wichtiger Anzeiger für eine intakte Natur, in der sie leben.“ Inzwischen hat der Experte im Auwald rund 50 Landschnecken und 20 Wasserschnecken entdeckt, die er bei Exkursionen auch gern anderen Naturfreunden nahebringt. Bis zum Frühjahr 2019 möchte er alle ausgewählten Waldstücke zweimal durchkämmt haben. Danach schwebt ihm vor, seine gesammelten Studien zu veröffentlichen. Aber mit ihnen sind seine Expeditionen in Sachen Schnecken noch lange nicht vorbei. „Es existieren so viele uralte schöne Dorfanger. Ich glaube, sie werden mein nächstes Forschungsfeld“, kündigt Frank Borleis an.

Thomas Gillmeister

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