Schwarzpulver, Strohbett und Schaukämpfe – was steckt hinter den Delitzscher Landsknechten?

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Schwarzpulver und Trommelschlag: Mitglieder der Landsknechte Delitzsch feuern ihre Musketen bei einer Gefechtsdarstellung ab – begleitet vom Takt des Trommlers. Foto: Landsknechte Delitzsch e.V.
Schwarzpulver und Trommelschlag: Mitglieder der Landsknechte Delitzsch feuern ihre Musketen bei einer Gefechtsdarstellung ab – begleitet vom Takt des Trommlers. Foto: Landsknechte Delitzsch e.V.

Wenn Anfang Juli auf den Schlosswiesen der Rauch der Lagerfeuer über den Wiesen hängt, Trommeln den Takt schlagen und Musketenschüsse durch Delitzsch hallen, dann wissen die Delitzscher: Es ist Peter und Paul-Fest – und die Landsknechte haben ihr Feldlager bezogen. Seit 30 Jahren sind sie ein wesentlicher Bestandteil des historischen Programms und zeigen in spektakulären Gefechtsdarstellungen, wie 1637 die Stadt gegen schwedische Truppen verteidigt wurde.

Entstanden sind die Landsknechte Mitte der 1990er-Jahre aus einem losen Zusammenschluss historisch Interessierter. „Es war Gisela Niklisch, die damals für die Ausgestaltung des historischen Teils des Stadtfestes etwas Neues suchte“, erinnert sich Marcus Buhle. Ein paar Herren fanden sich, nähten in kurzer Zeit ihre ersten historischen Gewänder, stellten ein Zelt auf und präsentierten an der Schlosswache das Leben der Landsknechte. Was als einmalige Aktion gedacht war, kam beim Publikum so gut an, dass 1996 der Verein Landsknechte Delitzsch gegründet wurde.

Wegtauchen in Delitzscher Geschichte

Für Marcus Buhle, der mit der Delitzscher Geschichte aufgewachsen ist, bedeutet es, Landsknecht zu sein, „wegzutauchen in und mit der Geschichte“. Seit 2011 ist der heute 31-jährige Mitglied, seit 2020 Kassenwart und stellvertretender Vereinsvorsitzender. „Delitzsch besitzt ein tolles historisches Ambiente. Die Stadtmauer mit Wallgraben, diese Wehranlage, hat im Dreißigjährigen Krieg die Altstadt vor der Zerstörung bewahrt. Das ist schon etwas Besonderes“, sagt er. Diese Geschichte mit den Landsknechten lebendig zu halten und zu erinnern, sei für ihn eine „tolle Sache“.

Familienlager statt Bildschirmwelt

Vereinsvorsitzender Sebastian Rieck beschreibt den Reiz so: Für ihn ist es ein „Heraustreten aus der medialen Welt“, zurück zu den Ursprüngen. „Den Austausch im Feldlager mit befreundeten Vereinen finde ich toll – und dass wir ein Verein für die ganze Familie sind. Da sitzen die Kinder mit am Feuer und hören Geschichten. Wo findet man sowas heute noch?“, sagt der 39-Jährige. Mit ihrem Namen „Landsknechte Delitzsch“ bekennen sie sich bewusst zu ihrer Heimatstadt – und tragen deren Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes in die Welt hinaus.

Seit 30 Jahren sind die Landsknechte Delitzsch ein wesentlicher Bestandteil des historischen Stadtfestprogramms.Foto: Landsknechte Delitzsch e.V
Seit 30 Jahren sind die Landsknechte Delitzsch ein wesentlicher Bestandteil des historischen Stadtfestprogramms.
Foto: Landsknechte Delitzsch e.V

Längst beschränkt sich das Engagement der Landsknechte nicht mehr nur auf das Delitzscher Stadtfest. Sie besuchen andere historische Vereine und deren Feldlager, waren bereits in Tschechien, den Niederlanden, England und an verschiedenen Orten in Deutschland unterwegs.

Umgekehrt unterstützen befreundete Gruppen das Delitzscher Fest. „Bei den Gefechtsdarstellungen und dem Feldlager hatten wir zu Spitzenzeiten mal 500 Leute in Delitzsch“, berichtet Rieck. Heute seien es um die 200 bis 250 Mitwirkende, die die Schlacht gegen die Schweden darstellen.

Zwischen Wams, Kanone und Quellenarbeit

Großen Wert legt der Verein auf Authentizität. „Uns ist es wichtig, die Lebensumstände der Menschen in jener Zeit auf möglichst authentische Weise nachzustellen“, erklärt Rieck. Die anfänglich in Eile geschneiderten Uniformen wichen mit der Zeit kräftigen Farben, aufwendigen Schlitzungen und authentischeren Gewandungen. Grundlage sind historische Quellen.

„Delitzsch besitzt ein tolles historisches Ambiente. Die Stadtmauer mit Wallgraben, diese Wehranlage, hat im Dreißigjährigen Krieg die Altstadt vor der Zerstörung bewahrt.“

„Wir führen eine kleine Bibliothek, haben Kontakt zu Museen, die uns beraten“, ergänzt Marcus Buhle. Viele Mitglieder nähen ihre Gewänder selbst nach Schnittmustern, andere bringen handwerkliches Können ein: Sie bauen oder schmieden Accessoires und Utensilien. „Unsere Kanoniere haben ihre Kanone zum Beispiel selbst gebaut“, sagt Rieck stolz.

Auch die Gefechtsdarstellungen orientieren sich an historischen Abläufen. Der Verein ist unter anderem Teil der „Grünen Schwedischen Brigade“, einem Zusammenschluss gleichgesinnter Vereine. Für den Umgang mit den Schusswaffen müssen die Landsknechte entsprechende Lehrgänge absolvieren – schließlich wird mit echtem Schwarzpulver geschossen. Die sicheren Abläufe an der Waffe lernen die Neuen von den Erfahreneren in regelmäßigen Trainings.

Gefechte ohne Verherrlichung

Trotz aller Faszination für Bewaffnung und Gefecht ist den Landsknechten ihre Haltung klar. „Auf keinen Fall wollen wir den Krieg verherrlichen oder diesen mit verklärtem Blick romantisieren“, betont Rieck – wohlwissend, wie schmal die Grenze manchmal ist. „Wir versuchen, die Gefechte ernsthaft und diszipliniert zu absolvieren und zeigen dem Gegenüber auf dem Feld Respekt. Das ist wichtig.“

Rund 200 bis 250 Mitwirkende aus befreundeten Vereinen versammeln sich beim Peter-und-Paul-Fest in Delitzsch, um die Schlacht von 1637 gegen schwedische Truppen lebendig werden zu lassen. Foto: Landsknechte Delitzsch e.V.
Rund 200 bis 250 Mitwirkende aus befreundeten Vereinen versammeln sich beim Peter-und-Paul-Fest in Delitzsch, um die Schlacht von 1637 gegen schwedische Truppen lebendig werden zu lassen. Foto: Landsknechte Delitzsch e.V.

Die Landsknechte verstehen sich als Verein für Heimat- und Brauchtumspflege: Sie wollen die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges – besonders die ihrer Heimatstadt Delitzsch – möglichst anschaulich vermitteln. Der Krieg gehörte damals zum ­Leben, gehört aber heute nicht auf die Bühne als bloße Show. „Uns geht es darum, die schwierigen Anforderungen des Überlebens, die logistischen Leistungen, die Nöte, aber auch die kleinen Freuden der Menschen in der damaligen Zeit zu zeigen.“

Genau hier setzt das Feldlager an, das Herzstück der Darstellung. Mit Vorführungen von Waffen- und Kriegstechnik, Schaukämpfen und Scharmützeln, Schaukochen am offenen Feuer, realistischer Darstellung von Wunden und Verletzungen, handgemachter Musik und Liedgesang versuchen die Landsknechte, Geschichte begreifbar zu machen. „Auch das Alltagsleben präsentieren wir so original wie möglich – mit Schmiede, Holzwerkstatt und Marketenderei“, erklärt Buhle. Und wie früher hat jeder seinen Platz: Einer hackt Holz, der nächste macht Feuer, ein anderer hält Nachtwache, der übernächste kocht.

Hinter den Kulissen des Feldlagers

Was viele Besucherinnen und Besucher nicht sehen: Die Arbeit beginnt lange vor dem ersten Musketenschuss. „Die Vorbereitung startet schon eine Woche nach dem Fest“, erzählt Rieck. Dann wird analysiert, was gut lief und was besser werden kann. Auf dieser Basis werden Ideen für das kommende Jahr gesammelt, Gewandungen ausgebessert, Zelte repariert, neues Equipment gebaut, Schautafeln erneuert. „Das zieht sich bis Ende des Jahres“, sagt er. Danach werden neue Programmpunkte entwickelt.

In diesem Jahr prägen die Landsknechte den Stadtfesttaler – eine Seite zeigt das Vereinswappen, die andere das Barockschloss und zwei Landsknechte. Auch der Fassbieranstich wird 2026 neu gestaltet von den Landsknechten vorgenommen.

Geschichte im Blut – Zukunft im Blick

Bei all dem steht für beide der Spaß an der Gemeinschaft und die Verbundenheit im Vordergrund. „Sonst hätten wir damals nicht die Vereinsführung übernommen“, sagt Rieck. Für ihn sind die Landsknechte „sein Baby“, das gepflegt und gehegt werden will. Gleichzeitig sieht er eine Aufgabe: „Der Dreißigjährige Krieg hat Delitzsch und ganz Europa geprägt. Da sehe ich es als unsere Aufgabe, aufzuklären – besonders, wenn Schul- und Kindergartengruppen uns im Feldlager besuchen.“

Klar ist beiden: Ohne den Rückhalt aus der Familie wäre dieses Engagement nicht möglich. „Wir bekommen den Freiraum und den Zuspruch, dafür sind wir dankbar. Aber wir brauchen auch Mitglieder, die mit uns die Heimatgeschichte weitergeben – vor allem junge Menschen, damit der Verein eine Zukunft hat“, sagt Rieck.

Wer keine Angst vor Zelt, Strohbett und Lagerfeuer hat und Geschichte zum Anfassen mag, ist bei den Landsknechten willkommen – ob mit Nadel, Hammer, Musketenlauf oder Kochlöffel.

Für Marcus Buhle und Sebastian Rieck sind die Landsknechte längst mehr als ein Hobby: Ein Landsknecht zu sein, bedeutet für sie, Verantwortung zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass die Geschichte nicht vergessen wird – sie sagen: „Wir haben die Landsknechte im Blut.“ Nannette Hoffmann

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