„Nur 42 Jahre unter Demokratie“: Chorleiter David Timm über 100 Jahre Universitätschor Leipzig

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Der Leipziger Universitätschor feiert 100. Jubiläum. Foto: Leipziger Universitätschor
Der Leipziger Universitätschor feiert 100. Jubiläum. Foto: Leipziger Universitätschor

Was für ein Jubiläum: Der Leipziger Universitätschor feiert im Jahr 2026 den 100. Geburtstag. Im Interview spricht David Timm, Universitätsmusikdirektor und Leiter des Leipziger Universitätschores, über den Blick in die Geschichte des Ensembles, über gelebte musikalische Vielfalt und über die Internationalität des Leipziger Universitätschores.

100 Jahre Leipziger Universitätschor: Wie wichtig ist so ein Jubiläum für ein Nachdenken über die eigenen musikalischen Traditionen als Ensemble? Darüber, welche Entwicklung das Ensemble, aber auch Sie selbst in diesem Rahmen genommen haben? War die Vorbereitung auf dieses Jubiläumsjahr schon ein solcher Prozess der Reflektion?

David Timm: Auf jeden Fall – wir denken ja schon einige Jahre über die Ausgestaltung unseres Jubiläumsjahres nach; dazu gehört auch der intensive Blick zurück. In künstlerischer und menschlicher Hinsicht gibt unsere Chorgeschichte Grund zu größter Dankbarkeit – dieses Gefühl bestimmt und trägt auch meine heutige Tätigkeit.

David Timm ist Universi-tätsmusikdirektor und Leiter des Leipziger Universitätschores. Foto: André Kempner
David Timm ist Universi-
tätsmusikdirektor und Leiter des
Leipziger Universitätschores. Foto: André Kempner

Hat es bei dieser Aufarbeitung der Geschichte, bei diesem Nachdenken und bei dieser Reflektion auch für Sie überraschende Momente gegeben?

Die Aufarbeitung der Chorgeschichte im politischen Kontext durch spezialisierte Historiker:innen steht noch aus und sie wird uns lange beschäftigen – immerhin hat der Chor in seiner 100-jährigen Geschichte bisher nur knapp 42 Jahre unter demokratischen Verhältnissen arbeiten können. Was mich trotz meines Vorwissens überrascht hat: das Ausmaß der Einflussnahme durch die SED und das „Ministerium für Staatssicherheit“ auf unseren Chor.

Wie definieren Sie die Rolle des Universitätschores als Bestandteil der Musikstadt Leipzig?

Wir bieten – gemeinsam mit dem Leipziger Universitätsorchester und der Unibigband Leipzig – ein sehr abwechslungsreiches, sowohl traditionsbewusstes als auch innovatives Programm an, welches allen Studierenden, aber auch allen Leipziger:innen zu erschwinglichen Preisen offensteht.

Wir können seit vielen Jahren von einem sehr guten bis hervorragenden Zuspruch seitens eines häufig auch sehr jungen Publikums sprechen. Und wir haben mit unserer seit Dezember 2017 zur Verfügung stehenden Wirkungsstätte – dem Paulinum-Aula und Universitätskirche St. Pauli – einen einmaligen Raum für Proben und Aufführungen, dessen Potential noch nicht einmal begonnen hat, sich richtig zu entfalten.

Wie lassen sich musikalische Traditionen und eine gewisse Lebendigkeit im Hier und Jetzt gewinnbringend miteinander vereinen? Musik ist ja ein lebendiges Ding, stetig in Veränderung – wie lässt es sich leicht machen, dass sich Musikgeschichte nicht in eine Last von Traditionen verwandelt, sondern in eine Lust und Inspiration?

Diese Frage stellt sich bei jeder Probe, bei jeder Aufführung neu. Ich kann sagen, dass die Proben weniger dazu dienen sollen, eine einzig möglichen Variante einer Interpretation festzulegen, sondern die Reaktionsweisen im Miteinander zu erfahren und darin vertraut zu werden, im Moment interaktiv und immer wieder neu auf den gerade entstehenden Klang einzugehen – eigentlich wie bei einem guten Gespräch.

Wie sieht eigentlich das Feedback auf das Jubiläum aus? Wird es in der Stadt Leipzig und darüber hinaus auch wahrgenommen?

Ja, das wird es. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit ist dies mein aktueller Stand: Überregional brachte Deutschlandradio Kultur eine einstündige Sendung zu unserem Chorjubiläum, die auch noch in der Mediathek zu finden. Zudem freuen wir uns in Mitteldeutschland über zahlreiche Beiträge im MDR-Hörfunk. Und in Leipzig gibt es nun ein Interview im SachsenSonntag!

Das Wirken über die Stadtgrenzen von Leipzig hinaus ist ja immer ein prägender Punkt in der Arbeit des Universitätschores gewesen: Wie wichtig ist diese Internationalität für das Selbstverständnis des Chores? Und welche Inspirationen und Impulse bringt man von Konzertreisen mit?

Unsere Auslandsreisen sind besondere unvergessliche Höhepunkte unseres Chorlebens. ich darf auf gemeinsame Reisen nach Spanien, Lettland, Litauen, Italien, Tschechien, Israel und Irland zurückblicken. Schon an diesen zielen zeigt sich, wie vielfältig die Eindrücke und der direkt erfahrene Wissens- und Erfahrungszuwachs gewesen sind.

Internationalität bedeutet aber auch, dass Studierende aus aller Welt bei uns im Chor mitsingen und dass sich auch daraus enge Verbindungen und Freundschaften ergeben. Am 7. und 8. Oktober 2026 wird unser Partnerchor von der Universität Vilnius, der Akademische Gemischter Chor „Gaudeamus“, bei uns zu Gast sein.

Bleibt noch ein Ausblick auf die nächsten 100 Jahre – oder zumindest die nächsten Jahre: Welche Ideen und Projekte haben Sie im Hinterkopf? Welche Visionen und vielleicht auch Träume, die Sie mit dem Universitätschor und in der Stadt Leipzig verwirklichen möchten?

Zunächst erhoffe ich mir, dass wir weiterhin in demokratischen Verhältnissen leben und arbeiten können. Die Universität möge ihre Klangkörper weiter aufblühen lassen. Und für die nächsten Jahre freuen wir uns unter anderem auf mehrere Uraufführungsjubiläen von Werken Johann Sebastian Bachs, die er in in der Universitätskirche bzw. im Auftrag der Universität mit Studierenden erstmalig zu Gehör brachte.

Wir wollen 300 Jahre nach diesen Aufführungen die „Trauerode für die Fürstin Eberhardine“ – am 17. Oktober 1727 uraufgeführt, die Motette „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ von 1729, die Kantate „Tönet, ihr Pauken“ von 1733 und weitere Werke an ihren Originalschauplätzen und so nah wie möglich am Originalklang aufführen und in ihrem geschichtlichen Kontext erläutern. Zwei Auslandsreiseziele gibt es auch schon. Jens Wagner

Weitere Informationen auch zum Jubiläum auch mit aktuellen Veranstaltungsterminen: www.unimusik.uni-leipzig.de/universitaetschor

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