8000 Euro pro Hektar, kranke Bäume, volle Leidenschaft – ein Förster über seinen harten Job

0
129
Johannes Göllnitz ist mit Jagdhündin „Alma“ regelmäßig im Revier unterwegs. Foto: privat
Johannes Göllnitz ist mit Jagdhündin „Alma“ regelmäßig im Revier unterwegs. Foto: privat

Johannes Göllnitz ist zum frühen Morgen gut gelaunt. Kein Wunder: Was er tut, macht er aus Überzeugung und aus Leidenschaft – er ist Revierförster im Forstbezirk Taura. Sein Revier Tiefensee umfasst 4100 Hektar und reicht über Gemeinden wie Bad Düben, Delitzsch, Doberschütz, Eilenburg, Jesewitz, Krostitz, Löbnitz, Rackwitz, Schkeuditz, Schönwölkau, Wiedemar und Zschepplin. Dort ist er Tag für Tag unterwegs, begutachtet Waldflächen, berät und betreut Kommunen sowie private Waldbesitzer und gibt Empfehlungen, wie der Wald gesund und stabil bleiben kann.

Morgens auf der Lichtung

Sein Weg führt ihn hinaus Richtung B2. An einer kleinen Einbiegung geht es rechts ab, der Jeep holpert über einen engen Waldweg auf eine Lichtung. Hier beginnt an diesem Morgen sein Arbeitstag: Johannes Göllnitz begutachtet eine neu aufgeforstete Fläche eines privaten Waldbesitzers. Schiefe und belastete Bäume wurden dort gefällt, nicht nutzbares krummes Holz auf einen Damm geschoben, neue Lärchen und Roteichen in Pflugreihen gepflanzt und ein Zaun um die Fläche gelegt, damit das Wild die jungen Bäume nicht anfrisst.

Zwischen den jungen Pflanzen hat sich Gras ausgebreitet. „„Die Begleitvegetation aus Gras, Brombeere & Co., welche nun zwischen den Bäumen wächst, muss regelmäßig gemäht werden, damit es den Wuchs der jungen Bäume nicht hemmt“, erklärt Göllnitz. Hohe Gräser bieten außerdem Mäusen Schutz – und die können die jungen Stämme anknabbern. Er kontrolliert den Zaun: Alles in Ordnung, kein Loch. „Haben Rehe Zutritt, fressen sie ungehindert die jungen Triebe der Neupflanzungen ab. Dann wächst der Baum nicht in die Höhe, sondern nur in die Breite“, sagt er. So geschwächte Bäume sind wiederum eine Eintrittstür für Schädlinge. An diesem Morgen aber sieht die Fläche gut aus.

Johannes Göllnitz schaut hier regelmäßig nach dem Rechten und gibt dem Waldbesitzer anschließend Empfehlungen, was weiter zu tun ist. „Beraten – das ist eine unserer Hauptaufgaben“, sagt er.

Ein kostspieliger Wald – und viel Beratung

Im Revier Tiefensee finden sich vor allem Privat- und Körperschaftswälder. „Unsere Aufgaben als Revierförster sind, die Waldflächen zu begutachten und die Kommunen und privaten Waldbesitzer über den Zustand zu informieren und Handlungsmöglichkeiten zu erläutern“, erklärt Johannes Göllnitz. Das bedeutet: Verkehrssicherung übernehmen, umgestürzte Bäume entfernen, Aufforstungen begleiten, den Zustand der Bestände einschätzen und Flächen pflegen. Dafür ist er täglich im Wald unterwegs.

„Waldmeisterpflug“ am Traktor: Das Anbaugerät zieht Pflugreihen, in die später junge Bäume gesetzt werden – der Boden wird freigelegt und Gras als Begleitvegetation aufgerissen, damit die Pflanzen im Mineralboden anwurzeln können. Foto: Forstbezirk Taura
„Waldmeisterpflug“ am Traktor: Das Anbaugerät zieht Pflugreihen, in die später junge Bäume gesetzt werden – der Boden wird freigelegt und Gras als Begleitvegetation aufgerissen, damit die Pflanzen im Mineralboden anwurzeln können. Foto: Forstbezirk Taura

„Der Wald ist für Privatbesitzer zeitweilig schon sehr kostenintensiv“, sagt er. Mit 8000 bis 10.000 Euro pro Hektar müsse man rechnen, wenn man eine neue Waldgeneration pflanzt. Private Waldbesitzer in Sachsen können allerdings umfangreiche finanzielle Hilfen für Pflege, Waldumbau und Wiederaufforstung in Anspruch nehmen – und genau dabei unterstützen Revierförster wie er.

Eine besondere Herausforderung: Viele Privatwälder sind klein und nicht zusammenhängend. „Die Flächen sind meist zersplittert, und viele Waldbesitzer wohnen nicht vor Ort. Da musst du viel telefonieren“, sagt der 29 Jährige, der seit 2024 Revierförster ist.

Wald im Stress: Zahlen und Ursachen

Seit 2018 hat sich der Zustand der Wälder drastisch verschlechtert. „35 Prozent der Waldbäume weisen deutliche Schädigungen, 40 Prozent eine schwache Schädigung und nur 25 Prozent keine erkennbare Schädigung des Kronenzustandes – also beim Blatt- und Nadelverlust – auf“, erläutert Göllnitz und verweist auf den Waldzustandsbericht 2025. Bundesweit haben sich die Ergebnisse gegenüber dem Vorjahr kaum verändert. Sie zeigen, dass sich der Wald immer noch nicht von den extrem trocken-heißen Sommern 2018 bis 2020 erholt hat.

Im Norden Sachsens spielt der Waldumbau von Kiefernreinbeständen zu standortsgerechten Mischwäldern eine zentrale Rolle. „Der Temperaturanstieg führt im ohnehin wärmebegünstigen Tiefland auf schlecht wasserspeichernden Sandböden schnell zu Folgeschäden am Wald“, sagt Göllnitz.

Gras und Brombeeren wachsen wild

Hinzu kommt die sogenannte Begleitvegetation: Basische Flugaschen aus der Braunkohleregion Leipzig-Halle-Bitterfeld veränderten die Bodenchemie, sodass Gras und Brombeeren wild hochwachsen und verhindern, dass sich Jungbäume verjüngen und durchsetzen können. Dazu kommen invasive Baumarten, die heimische Wälder bedrohen – etwa die spätblühende Traubenkirsche.

„Wir wollen daher beim Aufforsten keine Monokulturen. Wir mischen Baumarten, um Schadorganismen abzuhalten und für den Klimawandel gerüstet zu sein“, erklärt der Förster. Für ihn und seine Kolleginnen und Kollegen bleibt das eine große Aufgabe: „Es ist schwer, in die Zukunft zu pflanzen und zu wissen, was richtig ist. Der Wald braucht mehrere Generationen Förster. Wir können die Entwicklung nicht komplett überblicken, nur versuchen einzuschätzen.“

Holz als Rohstoff – und der Wald als Erholungsraum

Holz hat für Johannes Göllnitz auch einen klaren wirtschaftlichen Aspekt. „Gefällte Bäume sind ein wichtiges Baumaterial – ob für den Dachstuhl, Möbel oder Fußböden. Bei uns in Nordsachsen wird vor allem Kiefernholz verkauft.“ Die Erlöse sind oft die einzige Einnahmequelle für die Waldbesitzer, flössen aber direkt wieder in den Waldumbau oder in Steuern und Versicherung.

Stark vom Eichenprozessionsspinner befallene Eiche: Die großen Raupennester setzen Millionen Brennhaare frei, die Haut und Atemwege reizen – Waldbesucher sollten unbedingt Abstand halten und Warnhinweise beachten. Foto: Forstbezrik Taura
Stark vom Eichenprozessionsspinner befallene Eiche: Die großen Raupennester setzen Millionen Brennhaare frei, die Haut und Atemwege reizen – Waldbesucher sollten unbedingt Abstand halten und Warnhinweise beachten. Foto: Forstbezrik Taura

Während der Wald zu DDR Zeiten oft auf seine Rolle als Holzlieferant reduziert wurde, ist er heute auch ein wichtiger Erholungsraum. „Doch der Wald, wie wir ihn kennen, kommt nicht von alleine. Dafür muss man etwas tun“, betont Göllnitz. Gerade weil die Bäume vielen Herausforderungen ausgesetzt sind: Die Jahresdurchschnittstemperaturen steigen, die Niederschläge werden weniger. Bäume können sogar Sonnenbrand bekommen. Durch milde Winter vermehren sich Schädlinge wie der Borkenkäfer oder der Eichenprozessionsspinner leichter und in großer Zahl. Die klimatischen Bedingungen schwächen viele Bäume – sie können sich nicht mehr lange gegen Schadorganismen wehren.

Gefahren für Mensch und Wald – und ein Appell

Mit Blick auf die Erholung im Wald richtet Johannes Göllnitz einen klaren Appell an die Besucher. „Halten Sie die Augen offen. Der Eichenprozessionsspinner ist auch eine Gefahr für den Menschen“, warnt er. Die Noitzscher Heide und die Muldenauen sind von diesem Schädling besonders stark betroffen. Wer dort unterwegs ist, sollte auf Warnhinweise achten und Raupen oder Gespinste unbedingt meiden.

Auch das Verhalten im Wald müsse sich anpassen. „Rauchen im Wald ist das größte Übel“, sagt Göllnitz. Studien zeigen, dass fast alle Waldbrände auf Fehlverhalten des Menschen zurückgehen. „Bei der Branderkennung helfen spezielle Überwachungskameras und aufmerksame Bürger. Das schnelle Eingreifen von motivierten Feuerwehren verhindert meist Schlimmeres.

Problematisch wird es bei schlechter Zuwegung oder Munitonsbelastung.“ Müll ist ein weiteres Problem: „Hier an der B2 haben wir massiv mit Vermüllung auf Kosten von Natur und Gesellschaft zu tun. Hausmüll, Autoreifen, Baumaterialien und Möbelteile gehören schlicht in den Wertstoffhof“, berichtet der Förster und schüttelt den Kopf.

Ein Förster aus Leidenschaft

Trotz aller Probleme liebt ­Johannes Göllnitz den Wald. Selbst nach langen Arbeitstagen zieht es ihn in seiner Freizeit wieder hinaus. „Für mich ist es hier draußen einfach entspannend, und ich kann den Wald von morgen aktiv mitgestalten“, sagt er. Warum er Förster geworden ist, kann er leicht erklären: „Mein Vater war in Taura Forstwirtschaftsmeister. Mit ihm bin ich immer im Wald gewesen.“ Die Nähe zum Wald hat ihn geprägt. Er studierte Forstwissenschaft, absolvierte die Weiterbildung zum Forstinspektor und übernahm 2024 das Revier Tiefensee von seiner Vorgängerin Eva Skudelny.

Der Morgen auf der Lichtung endet, doch die Arbeit im Revier geht weiter. Für Johannes Göllnitz ist jeder kontrollierte Zaun, jeder gepflanzte Baum ein Schritt in Richtung „Wald der Zukunft“ – damit unser kühler Rückzugsort auch morgen noch besteht. Nannette Hoffmann

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here