Willkommen im
Willkommen im "Ausgezeichneten Ort der Kultur": Als solcher wird das Phonocentrum Leipzig von Daniel Lässig geehrt. Foto: Christian Rothe

Schon gewusst? Leipzig hat einen EMIL. Genauer gesagt hat das Phonocentrum einen solchen EMIL_ erhalten, also einen der zehn Deutschen Preise für Schallplattenfachgeschäfte in der Kategorie „Bestes Schallplattenfachgeschäft“. Ein Besuch in einem – nun ja – preisgekrönten Plattenladen, bei dem man Lust auf Musik und Leidenschaft an echten Tonträgern (vorzugsweise aus Vinyl) geradezu mit den Händen greifen kann.

Das neue Gütesiegel an der Eingangstür

Darauf macht Inhaber Daniel Lässig umgehend aufmerksam – auf dieses Gütesiegel, dass da ganz neu an der Tür zum Phonocentrum im Peterssteinweg zu finden. „Ausgezeichneter Ort der Kultur“ steht da zu lesen und diese Definition ist ihm schon verdammt wichtig. „Weil solche Ort auch besonders wichtig sind“, als Ort der Begegnung, des Austausches, des Zusammenfindens – weil es da diese gemeinsame Leidenschaft Musik gibt.

Was dann eben zu diesem oft beschworenen Nebeneinander vom Banker und dem Riot-Girl führt. Klar, das klingt wie ein Klischee. Aber es ist wie so oft im Leben: In jedem Klischee steckt eben auch ein Stück lebendige Wahrheit. Und hier es dieses Stück ganz schön groß.

Ein Geschäft zum Stöbern

„Es ist ein Geschäft zum Stöbern“, sagt Daniel Lässig – gefragt nach einer Selbst-Beschreibung. „Oder besser: Ein Abenteuerspielplatz. Die Leute, die hierher kommen, wollen eigentlich ganz gern ihre Schätze selbst heben.“ Was kein Problem sein dürfte, entspricht das Phonocentrum doch voll und ganz jenem (liebgewonnenen) Klischee eines Plattenladens der Leidenschaft.

Der Plattenladen Phonocentrum im Peterssteinweg 13 wurde jetzt ausgezeichnet. Foto: André Kempner
Der Plattenladen Phonocentrum im Peterssteinweg 13 wurde jetzt ausgezeichnet. Foto: André Kempner

Zwei Räume voller Kisten mit Schallplatten (in echt, Vinyl und so!) und CDs. Platten an den Wänden, auf dem Ladentisch, im Schaufenster. Überall. Überall Musik, Musik, Musik. Man fühlt sich wie bei Nick Hornby, „High Fidelity“ und so. Interessanterweise erzählt der Inhaber mit einem Lächeln auch ganz ähnliche Stories wie jene aus dem Kultbuch und/oder Kultfilm.

Zum Beispiel, wenn er selbst mal Musik auflegt. Am liebsten Platten von Bands, die eigentlich keiner kennt – und die bestenfalls auch aus der Heimatstadt kommen. „Dann kann man zusehen, wie das die Leute mitnimmt: Die eine wippt schon mit dem Fuß mit, der andere nickt mit dem Kopf und schon kommen die ersten mit der Frage: Wer ist’n das?“ Auf diese feine, subtile Weise hat Daniel Lässig es schon geschafft, den vorhandenen Plattenbestand der Leipziger Synth-Pop-Band Twins In Colour in vier Stunden an die Frau und den Mann zu bringen.

„Die Musik und die Leute sind so vielfältig …“

Zwei Dinge sind wirklich außergewöhnlich am Phonocentrum – und machen es tatsächlich zu einem „Ausgezeichneten Ort der Kultur“. „Ich bin niemals auf den Gedanken gekommen, mich in meinem Angebot zu spezialisieren“, überlegt Daniel Lässig: „Die Musik, aber auch die Leute, die in den Laden kommen, sind so vielfältig … Deshalb stehen bei mir auch die neuen Platten.“

Was dazu führt, dass es nicht nur die – nun ja – „üblichen Verdächtigen“ sind, die hier ein und aus gehen. Popkultur-Nerds auf der Suche nach dem heißen neuen oder wahlweise alten Zeug. Bei Klassik-Fans hat der Shop auch längst einen guten Ruf und dies weit über die Stadtgrenzen hinaus – das hat er zum Beispiel in diesem Jahr beim Schostakowitsch-Festival erlebt: „Danach war das Fach mit der Schostakowitsch-Musik absolut leer.“

Vielfalt im Angebot wichtig für den EMIL

Der zweite Punkt – ebenso wie die Vielfalt im Angebot wichtig für den EMIL_ – ist die Idee der Nachhaltigkeit. Stichwort „grünes Vinyl“: Manchmal gebe es eben doch Platten, die man einfach nicht mehr verkauft bekommt. „Die schaffen wir dann zu R.A.N.D. Muzik“, erzählt Daniel Lässig und ergänzt mit einem Lächeln: „Ja, viele Leipzigerinnen und Leipziger wissen überhaupt nicht, dass es in der Stadt auch ein Presswerk für Schallplatten gibt.“

Nun, das R.A.N.D.-Team um Gunnar Heuschkel schenkt den unverkäuflichen Platten ein neues Leben – zum Beispiel als Vinyl der Leipziger Band Nikita Curtis. Womit man dann wieder bei dieser Sache mit der Kultur ist: Diese Form des Recyclings bietet genug Einsparpotenzial, dass sich eben auch „kleine“ Bands („Also solche, die eigentlich kein Mensch kennt“, erklärt er wieder mit diesem charmanten Lächeln) mal eine Platte leisten können.

„Eine Gegenbewegung zur Digitalisierung“

Ach ja – Sorgen macht er sich gerade nicht wirklich. Auch in Leipzig hat die gute, alte Schallplatte schon eine Menge er- und vor allem überlebt. Selbst um den Nachwuchs macht er sich kaum Gedanken, da erledigen diverse Film- und Fernsehserien die – nun ja – „Rekrutierung“. „Dann kommen auf einmal ganz junge Menschen und fragen nach Kate Bush, weil ein Song bei Stranger Things läuft“, hat er beobachtet.

Zusätzlich befeuert wird dieser Hype durch Social Media-Plattformen – auch nicht wirklich der Feind von Daniel Lässig: „Die bringen diese jungen Leute überhaupt erst einmal in den Laden. Und der eine und die andere bleibt dann hängen …“ Vinyl ist halt offensichtlich nie wirklich out. Das schaffen auch Streamingdienste nicht. „Dieser ganze Hype um die Schallplatte ist doch irgendwie auch eine Gegenbewegung zur allgegenwärtigen Digitalisierung.“ Sagt es, lächelt und beginnt, die nächste Plattenkiste auszupacken … Jens Wagner

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