Premiere vom neuen Programm
Premiere vom neuen Programm " In labor Gaudi - 70 Jahre Arbeit an der Freude" mit Dieter Richter, Rebekka Köbernick, Meigl Hoffmann, Elisabeth Sonntag, Benjamin Turecek, Sabine Kühne-Londa und den Musikern vom Hartmut-Schwarze-Quartett im Kabarett Leipziger Pfeffermühle in Leipzig. Foto: André Kempner

Ne, ne, Bangemachen gilt nicht. Und wegducken ist erst recht keine Option – vor allem, wenn es einen 70. Geburtstag zu feiern gilt. Und weil es eben um diese sieben Jahrzehnte Leipziger Kabarettgeschichte geht, hat sich Dieter Richter nicht aufhalten lassen. Weder von diversen Bedenkenträgern noch von einer ausbleibenden Förderung der Stadt Leipzig: Beim Pfeffermühlen-Jubiläumsprogramm „In Labor Gaudi“ bringt er die volle Kapelle auf die Bühne – zehn Künstlerinnen und Künstler geben sich ein Stelldichein und der Pfeffermühlen-Chef ist höchstpersönlich mittendrin.

Das Ende des Ensemble-Kabaretts? Kann schon sein, aber bitte doch nicht mit der Leipziger Pfeffermühle – das war immer ein Kabarett mit einem Ensemble und dies möge auch so bleiben. Und wenn man mal einen 70. Geburtstag feiern darf – das macht man schließlich auch nicht alle Tage – sollte man sich der eigenen Wurzeln und Traditionen unbedingt bewusst sein.

„Wir wollten aus diesem Anlass mal etwas Besonderes auch für die Kabarett-Stadt Leipzig machen“, überlegt Dieter Richter, inzwischen seit 20 Jahren wahlweise gesegnet oder geschlagen mit der Rolle des „Ober-Pfeffermüllers“. Und ergänzt: „Manchmal muss man auch etwas machen, das andere nicht tun. Mal etwas riskieren und das Außergewöhnliche wagen. Es geht beim Kabarett nicht immer nur ums Geld.“

Ein Antrieb in den vergangenen Monaten

Das war in den vergangenen Wochen und Monaten auch der Antrieb, dieses Mammutprogramm zu schreiben, zu proben und punktgenau zum 70. Geburtstag auf die Bühne zu bringen. Trotz aller Rückschläge und Probleme – mit Matthias Avemarg und Hans-Jürgen Silbermann stehen zwei kongeniale Partner nicht mehr an der Seite von Dieter Richter. Und der überraschende Tod vom Pianisten und Komponisten Marcus Richter im Dezember 2022 beschäftigt den Pfeffermühlen-Geschäftsführer bis heute: „Eigentlich wollte er mir ja noch ein Lied schreiben … Ja, wir mussten im Vorfeld schon viele Dinge verkraften und verarbeiten.“

"Pfeffermüller“ aus Leidenschaft und dies seit 44 Jahren: „Ich ha- be 60 Prozent meines Lebens in der Pfeffermühle verbracht“, er- zählt Dieter Richter mit einem Lächeln. Foto: André Kempner
„Pfeffermüller“ aus Leidenschaft und dies seit 44 Jahren: „Ich ha-
be 60 Prozent meines Lebens in der Pfeffermühle verbracht“, er-
zählt Dieter Richter mit einem Lächeln. Foto: André Kempner

Aber wie gesagt – Bangemachen gilt nicht. Und dem (selbstgestellten) Anspruch als „Pfeffermüller“ muss man schließlich gerecht werden, also „wollte ich, wollten wir mal richtig einen raushauen. Und deshalb habe ich zu Meigl (Hofmann, A.d.V.) gesagt: Los, Du schreibst mir das Programm“. Inzwischen ist Dieter Richter – bei aller Selbstkritik natürlich, denn „wir haben schon gemerkt, dass noch ein paar Proben gefehlt haben“ – ziemlich glücklich mit dem Jubiläumsprogramm und das liegt vor allem an Heiligenstadt.

„Da ist richtig was zurückgekommen“

Heiligenstadt? Ja, genau brachten die „Pfeffermüllerinnen und -müller“ das Stück zum ersten Mal außerhalb der Leipziger Stadtgrenzen auf die Bühne. Und es machte „zoom“. Der Saal war pickepackevoll, zum ersten Mal überhaupt in der Gastspiel-Geschichte des Leipziger Ensembles mit 560 Plätzen ausverkauft und das Publikum amüsierte sich wie Bolle. „Da ist richtig etwas zurückgekommen auf die Bühne“, berichtet Dieter Richter: „Und wenn so etwas passiert, dann schwebe ich geradezu über die Bühnenbretter. Für diese Momente macht man dies alles.“

Denn eigentlich ist Dieter Richter ja Kabarettist. Ein Mann der Bühne. Man vergisst dies nur zu schnell. „Spielen ist mein Beruf. Und ich möchte auch spielen“, sagt er versonnen: „Aber es gibt so viele Dinge, die einen geradezu auffressen.“ Denn es ist an ihm, diese Leipziger Pfeffermühle durch nach wie vor unsichere Gewässer zu manövrieren und zwar seit zwei Jahrzehnten. Gerissen hat er sich darum nicht, aber „einer musste es ja machen“. Es geht ja um echte Leipziger Kabarett-Tradition: Am 22. März 1954 feierte das erste Programm seine Premiere, noch im selben Jahr wurde die Pfeffermühle zum „Politisch-satirischen Kabarett der Stadt Leipzig“. Und spielte zu DDR-Zeiten munter mit Zwischentönen und Anspielungen an und auf der Grenze des Sagbaren.

„Das ist nicht irgendein Kabarett!“

„Es gibt nun mal diese Trademark Pfeffermühle: Wir wollen auch weiterhin unsere politischen Programme auf die Bühne bringen“, meint der oberste „Pfeffermüller“. Und ergänzt: „Das ist ja nicht irgendein Kabarett, das ist die Leipziger Pfeffermühle. Und da gibt es nun einmal die Verpflichtung, dieses Haus auch entsprechend weiter zu führen. Das bin ich all jenen schuldig, die nicht mehr da sind.“

Umso schmerzlicher fühlt es sich für den 73-Jährigen an, wenn dies nicht wahrgenommen wird – von den städtischen Einrichtungen zum Beispiel. Nein, die beantragte Förderung für das 70-Jahre-Programm gab es nicht, Glückwünsche übrigens auch nicht. „Ich bin enttäuscht als Leipziger“, sagt Dieter Richter ganz offen: „Die Stadt lässt einem im Stich, was für ein Gefühl bei sieben Jahrzehnten Pfeffermühle.“

„Ich bin optimistisch. Zweckoptimistisch.“

Aber wie schon mehrfach gesagt: Bangemachen gilt nicht. Oder um es mit dem Pfeffermühlen-Chef zu sagen: „Das stachelt mich nur an.“ Diesen Trotz, diese Energie braucht es in Zeiten, in denen das Tagesgeschäft immer schwieriger wird für eine Kabarett mit Ensemble. Weil zum Beispiel die Nachwehen der Corona-Pandemie bis zum heutigen Tag nachwirken – gerade für ein Haus, das zum Funktionieren die Besucherinnen und Besucher von außerhalb braucht. Es gebe inzwischen Tage, die seien echt kompliziert in Sachen Auslastung, berichtet Dieter Richter. Montage zum Beispiel oder auch Donnerstage. Probleme, die den Geschäftsführer in ihm belasten – und doch sagt er: „Ich bin optimistisch. Zweckoptimistisch.“

Ein Programm auf Weltrekordkurs

Weil das Leben doch manchmal bemerkenswerte Haken schlägt. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass aus einem Notnagel mal ein Weltrekord-Anwärter wird. Unglaublich, aber wahr: Nach wie vor steht Dieter Richter gemeinsam mit Burkhard Damrau auf der Bühne, um „Da Capo“ aufzuführen. Und dies nach stattlichen 16 Jahren Laufzeit.

Mit einem breiten Lächeln erzählt er nur zu gern, wie sie gemeinsam vor’s Publikum treten, zusammen satte 156 Jahre alt und dann ein Feuerwerk abzubrennen: „Eigentlich mussten wir damals mal alle Nummern, die wir hatten, zusammenkratzen, um zweimal 45 Minuten vollzubekommen – Franziska Schneider war von einem Tag auf den anderen krank geworden. Und wir haben die Zeit rumgebracht und die Leute haben wie verrückt gelacht.“ Nach einem kurzen Nachdenken ergänzt er: „Ich denke, das Publikum liebt diese Leichtigkeit, diese Ehrlichkeit und Frische, die in diesem Programm steckt.“

„Die Dinge, dich ich noch machen möchte“

Außerdem hat Dieter Richter schon noch einiges zu erledigen. Über den 70. Geburtstag der Leipziger Pfeffermühle hinaus. „Es gibt so viele Dinge, die schon noch ganz gern machen möchte“, überlegt er. Und verspricht mit einem Lächeln, die ein oder andere Idee werde schon noch für Aufsehen sorgen. In Leipzig. Aber gern auch darüber hinaus, denn dieses Lebenselixier Gastspiel schmeckt dann doch zu gut – siehe das Beispiel Heiligenstadt. „2024 haben wir mit 150 Veranstaltungen außerhalb Leipzigs geplant. Und aus meiner Sicht sollen es gern wieder mehr werden.“ Eines allerdings schließt der oberste „Pfeffermüller“ aus der heutigen Sicht aus – einen Förderantrag an die Stadt Leipzig wird es aus seinem Haus nicht mehr geben. „Schmeicheln ist nicht mein Ding“, sagt er trocken und außerdem sei es weder die Zeit noch den Aufwand wert … Jens Wagner

Das Jubiläumsprogramm „In Labor Gaudi“ mit sechs Schauspielerinnen und Schauspielern sowie vier Musikerinnen und Musikern ist 17. und 18. Juni in der Pfeffermühle zu sehen.

Infos: www.kabarett-leipziger-pfeffermuehle.de

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