Auch als Märchenfee Adelmut weiß sie zu begeistern. Foto: Lars Preußer
Auch als Märchenfee Adelmut weiß sie zu begeistern. Foto: Lars Preußer

Frühstück im Zug – das könnte ein Buchtitel sein. Ein Schriftsteller, der ein mittelalterliches Bauerngut bewohnt, reist täglich morgens mit der Bahn in die Stadt. Am Tag X wird ihm während des üblichen Rituals Frühstück ein hochwertiges Manuskript aus dem Abteil gestohlen. Natürlich wird später aus der Romanvorlage ein veritables Drehbuch für eine TV-Serie.

Frühstück im Zug – tatsächlich auch sonntags – ist für Almut Zimmermann wahres Leben, alltagstauglich, ohne Diebstahl bisher, aber ebenso auch ohne eine filmische Umsetzung der inzwischen liebgewonnenen Angewohnheit. Zimmermann sagt: „Menschen beobachten, Menschen zuhören, mit ihnen Gesten teilen gibt mir jede Menge Inspiration. Man bekommt viel mit von den Menschen, manchmal aber auch zu viel.“

Brot-Dose und Süßigkeit

Almut Zimmermann macht sich Notizen, sie behält Gedanken im Kopf, all das passiert beim Essen. Das Frühstück im Zug ist „das Fundament für den Tag, es ist damit wohl die wichtigste Mahlzeit für mich am Tag.“ Getafelt wird auf dem kleinen halbrunden Fensterbrett, eine Brot-Dose und eine Flasche gefüllt mit Wasser lassen ein eher spartanisches Erlebnis erahnen.

Sie öffnet die Dose und widerspricht vehement, sofern sich diese ansteckend freundliche Frau an den Inhalten einer Vehemenz jemals in Übermaß vergriffen hätte. Zimmermann: „Es sind Apfelstücke und Weintrauben dabei. Den Brot-Zopf habe ich mit Kindern gebacken. Mit denen habe ich in Hohenroda die Mühle in den Wind gedreht.“ Spartanisch? Von gesund bis lecker sind alle Nuancen dabei, die man sich beim Mahl vorstellen will. Wenn die S-Bahn zur Ess-Bahn wird…

Süßigkeit ist moralische Sicherheit

Was in der Dose nie fehlt und dort auch jedes Mal die längste Verweildauer bekommt: Ein Riegel Süßigkeit. Sie erklärt die Notwendigkeit: „Das ist für mich eine Art Belohnung für die Rückfahrt. Vielleicht hat mal etwas nicht so geklappt, wie ich es erhofft hatte. Oder die Veranstaltung hat einfach nur Energie und Kraft gekostet, weil ich ja auch in meine Arbeit davon reichlich investiere. Die Süßigkeit ist für mich eine Art moralische Sicherheit.“

„Ich bemerke jedes Mal aufs Neue, dass wir nie aufhören dürfen, von unserem Gegenüber zu lernen.“

Wer im Zug unterwegs ist, der hat Nah- oder Fernziele. Almut Zimmermann erklärt ihre besondere Reiselust so: „Von Frühling bis Herbst verbringen Familien Zeit in Burgen und Schlössern. Der Sonntag ist dabei ein sehr beliebter Ausflugstag. Die Menschen will ich dann mit Führungen und Veranstaltungen unterhalten. So bin ich mit dem Zug in viele Richtungen in der Region unterwegs. In den Herbst- und Wintermonaten ist zum Beispiel das Grassi-Museum in Leipzig eine Ziel-Adresse.“

Zeit im Zug auch zum Lesen nutzen

Sie nutzt die Zeit im Zug auch zum Lesen. Das Buch, welches sie in diesen Tagen erkundet, trägt den Titel „Eine unbeugsame Frau“, J. David Simons hat es geschrieben, das Werk ist 402 Seiten dick. Ein Satz daraus hat es Frau Zimmermann besonders angetan: „Dort wird der Maler Marc Chagall zitiert, der sagt, dass ihm fast alles gelingt, wenn er aus dem Herzen heraus arbeitet. So sehe ich meine Arbeit auch. So erreiche ich Menschen, so kommen wir zusammen, so sollte in erster Linie ein Miteinander, eine Kommunikation aussehen.“

In Borna gibt es mit Almut Zimmermann ein spannendes Ferien-Projekt. Sie verrät dazu: „Kinder wollten etwas mit dem Thema Weltraum. Das habe ich als Auftrag verstanden und mir Gedanken gemacht. Im ´Goldenen Stern´ habe ich einen Raum für meine Arbeit, von dort starten wir also unsere Weltraum-Wanderung.

Eine Bahnfahrt ist für Almut Zimmermann zum einen gelebter Alltag, zum anderen aber auch eine Reise zu neuen Ideen. Foto: Lars Preußer

Eine Bahnfahrt ist für Almut Zimmermann zum einen gelebter Alltag, zum anderen aber auch eine Reise zu neuen Ideen.
Foto: Lars Preußer

Wir werden eine Engels-Apotheke finden, unsere Reise werden wir als ´Sternstunden-Abenteuer´ antreten. So kann ich Stadtgeschichte vermitteln, die die Kinder spielerisch und mit Spaß wahrnehmen sollen.“ Sie führt außerdem Neugierige bei Stadtrundgängen in Borna, in Leipzig. Sie sieht sich mit ihrer Arbeit in einer für sie auch verantwortungsvollen Rolle.

Jeder Mensch als Teil der Gesellschaft

Almut Zimmermann erklärt: „Ich will Vermittlerin zwischen den Menschen sein. Wir wollen gemeinsam das Nachdenken beginnen, wir sollen uns ebenso fallen lassen können. Viele Probleme, die es heutzutage gibt, entstehen aus Ängsten. Solche Ängste werden auch noch bewusst geschürt.

Wir können dem aber begegnen, in dem wir unsere Vergangenheit verstehen, lernen zu verstehen. Wenn uns das gelingt, können wir auch im Heute und im Jetzt Veränderungen bewirken. Es geht um Identität, in einer gerechten Welt haben alle Menschen etwas. Jeder Mensch ist ein wichtiger Teil der Gesellschaft.“

Diese Haltung gibt sie auf unterschiedlichste Art und Weise weiter. In jedem ihrer Projekte sind die Elemente dieses Anspruchs zu entdecken. Neue Ideen sind bereits als neue Projekte entstanden. Die Besucher können sich im kommenden Jahr zum Beispiel darauf freuen.

Rollenspiel-Abenteuer am 9. August

Sie schaut bis zum Start am 9. August 2026: „Es wird ein Rollenspiel-Abenteuer geben, zu dem ich die Gäste einlade. Jeder kann eine Rolle mitbringen, kann sich vor Ort für eine Rolle entscheiden. Das Spannende an dieser gemeinsamen Arbeit ist für mich und bestimmt auch für die Besucher, dass wir vorher nicht wissen, welches Ergebnis unsere gemeinsame Zeit bringen wird.“ Vielleicht ist unter den Rollen-spielern dann auch ein Schriftsteller dabei, dem während des Frühstücks im Zug ein wertvolles Manuskript gestohlen wurde…

Almut Zimmermann arbeitet in ihrem Beruf als Selbstständige. Die studierte Museologin hat sich auf diesem Gebiet außerdem den Inhalten Pädagogik, Kunst- und Kulturvermittlung verschrieben. Sie sagt: „Man muss sich immer etwas einfallen lassen. Was ist für Menschen interessant? Was gefällt Erwachsenen, was gefällt Kindern? Dazu höre ich natürlich auch bei meinen Besuchen in Museen, in Kultureinrichtungen aufmerksam zu.“

Thema Demenz aus der Tabu-Zone holen

Die Arbeit von Almut Zimmermann ist sehr oft ein freudvolles Tun, an dem alle Beteiligten aktiv wie passiv einen Mehrwert für sich mitnehmen. Das gilt auch – oder erst recht – für die Thematik Demenz. Frau Zimmermann: „Zu diesem sehr sensiblen Thema habe ich eine Veranstaltung für von der Krankheit Betroffene und deren Angehörige. Das Thema wird in unserer Gesellschaft leider noch zu oft tabuisiert.

Wenn wir uns in der Gruppe dem annehmen, lachen wir miteinander, wir singen, wir weinen auch. Es sind sehr emotionale und intensive Momente. Ich bemerke jedes Mal aufs Neue, dass wir nie aufhören dürfen, von unserem Gegenüber zu lernen.“ Es gibt monatlich zwei dieser Veranstaltungen im Museum der bildenden Künste in Leipzig.

Führung am 1. April floppte

Es gibt tatsächlich auch – trotz akribischer und umfangreicher Vorbereitung – den Moment, dass ein Projekt nicht wie erwartet hohe Besucherzahlen beschert. Sie erinnert sich: „Ich hatte mir eine Führung rund um den 1. April ausgedacht, das Datum mit all seinen Besonderheiten. Ich wollte also mit den Besuchern herausfinden, was ist an meinen Geschichten wahr, was ist ein Scherz. Ich habe dann festgestellt, dass dieses Format nicht so angenommen wurde, wie ich es erhofft hatte.“

Zum Glück gibt es für solche Momente den Riegel Süßigkeit in der Brot-Dose. Und eine mögliche Erklärung: „Im April befinden wir uns jährlich kurz nach der Wiedereröffnung der Burgen und Schlösser. Vielleicht erwarten die Besucher zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison keine Veranstaltung, in die sie derartig aktiv eingebunden werden?“

Andere und neue Projekte

Im Umgang mit Kunst hat Almut Zimmermann ein weiteres spannendes Engagement zu betreuen. Die Stadt Leipzig hat sich dazu ihre Mitarbeit gesichert. Sie klärt auf: „Ich bin als Verfahrensbetreuerin für Projekte ´Kunst am Bau´ bestellt. Wenn ein Bau saniert wird, wenn ein alter Bau neu entstehen soll, gibt es Ausschreibungen dazu. Verschiedene Künstler bewerben sich mit ihren Arbeiten, ehe eine Jury letztlich eine Bewertung und Auswahl vornimmt. In diesem Prozess bin ich Betreuerin, was ebenso eine spannende wie sehr schöne Arbeit ist.“

Herz-Arbeit ist auch hierbei emotionaler Anspruch: Den legt sie erst recht als Maßstab an, wenn sie in diesen Tagen die zwei Führungen bzw. Veranstaltungen vorbereitet, die es am 31. Oktober geben wird. Sie verrät: „Elisabeth von Rochlitz ist auch so ein Herzensprojekt von mir, als Elisabeth den Menschen aus meinem Leben zu erzählen und deutlich zu machen, was der revolutionäre Geist der Reformation mir als Frau ermöglicht hat.

An diesem Tag öffne ich auch, die in diesem Jahr nicht zugängliche Ausstellung über mein Wirken im 16. Jahrhundert und biete damit die Chance einen neuen und sehr individuellen Impuls aus der Reformation mitzunehmen.“

Wenn Almut Zimmermann erst einmal die Rolle einer fiktiven oder historischen Figur derart angenommen hat, dass sie in derer Person spricht, ist das für ihre Arbeit die komplette Identifikation und für die Besucher ein ebenso kompletter Genuss! Lars Preußer

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