
Das Ufo ist auf dem City-Hochhaus gelandet. Wie ein Adler in seinem Nest thront es über der Leipziger Innenstadt. Unten auf dem Augustusplatz wird gekämpft. Der so genannte Widerstand liefert sich eine wilde Schlacht mit den „Lakaien”, jenen Menschen, die die Außerirdischen unterstützen. Es sind brutale Szenen, die sich hier abspielen. Szenen eines Kriegsschauplatzes. Menschen gegen Aliens. Leipziger gegen Leipziger. Am Ende wird die Oper einstürzen und die gesamte Innenstadt im Aschenebel versinken.
Die beschriebene Szene stammt aus der düsteren Dystopie von Constantin Dupien. Der gebürtige Leipziger hat seinen Roman „Die Welt im Schatten so grau” im Herbst im Selbstverlag veröffentlicht. Das Cover ziert ein riesiges Auge, das in einen grauen Nebel gehüllt ist. Wer genau hinschaut, erkennt darin das Völkerschlachtdenkmal – ein Verweis auf Leipzig als Handlungsort.
Apokalyptische Szenarien in Leipzig
Apokalyptische Szenarien, ob im Buch oder Film, sind häufig in den USA angesiedelt. Dupien aber wollte das Ganze in seiner Heimatstadt spielen lassen. „Warum auch nicht“, fragt er rhetorisch und lächelt. Hier kennt er sich aus, verbindet mit vielen Orten persönliche Erinnerungen.
Die Story basiert auf einer Kurzgeschichte, die er schon 2014 aufgeschrieben hat. Damals gab es in der Handlung noch keine Außerirdischen. Vor vier Jahren kramte Dupien den Stoff aus einer Schublade – und veränderte einiges. Im Roman wird die Geschichte von Maik, Basti, Torben und Anna-Maria erzählt, vier Freunden, die sich noch aus der „Alten Welt” kennen und deren Leben nach der Ankunft der Aliens ein anderes wird. In einer apokalyptischen Welt werden Fragen von Ethik und Moral neu verhandelt, gilt es vor allem zu überleben. „Es ist kein Buch, das man an einem Tag weglesen kann”, ist der Autor überzeugt.
Roman entstand während der Corona-Jahre
Dupien hat den Roman während der Coronajahre geschrieben – und das merkt man. Das anfangs unbekannte Virus hat Einfluss genommen auf die Handlung. „Dieses Gefühl von Machtlosigkeit gegen einen unbekannten Feind – das hat gut in die Geschichte hineingepasst”, sagt er. Die Außerirdischen – die Schatten, wie sie im Buch genannt werden – bleiben diffus. „Eine Gefahr, die nicht zu greifen ist, ist manchmal noch schlimmer, weil man nicht weiß, gegen wen oder was man genau kämpft.”
„Dieses Gefühl von Machtlosigkeit gegen einen unbekannten Feind – das hat gut in die Geschichte hineingepasst.”
In Dupiens Dystopie, die in der nahen Zukunft angesiedelt ist, wechseln Zeitebenen und Blickwinkel der Protagonisten in jedem Kapitel. Der Lesende muss sich konzentrieren, wo er sich gerade befindet, wird aber durch Cliffhänger am Ende jedes Abschnitts zum Weiterlesen motiviert. Dazu trägt auch die sehr bildliche Sprache des Autors bei, die den Roman wie eine Art Spielfilm wirken lässt.
Protagonist in einer moralischen Abwärtsspirale
Während Protagonist Maik „sich in einer moralischen Abwärtsspirale befindet”, so Dupien, bewegt sich sein Freund Torben in die Gegenrichtung. „Ich schreibe gern über menschliche Abgründe.” Als herausfordernd beschreibt er die Figur der Anna-Maria, der Freundin von Maik. An ihr feilte Dupien viel, veränderte ihren Charakter immer wieder. „In der Rohfassung wirkte sie manchmal zu schwach”, sagt er. „Ich wollte aber keine reine Männergeschichte erzählen.”

Das Buch „Die Welt im Schatten so grau“ ist im Oktober 2025 erschienen.
Die vier Freunde kämpfen – auf unterschiedlichen Wegen – ums Überleben. In Dupiens erdachter Welt legen die Aliens neue Gesetze fest: Die Menschen sollen sich voneinander fernhalten, können sich aber ansonsten frei bewegen. Doch es gibt nach dem Angriff weder Strom, Wasser-, noch Gasversorgung und kaum noch Lebensmittel. Hinzu kommt ein Überwachungssystem von Drohnen, das den Überlebenden ein permanentes Gefühl des Beobachtet-Werdens gibt. Es wundert nicht, dass zu Dupiens Vorbildern neben Edgar Allen Poe auch der Roman „1984” von George Orwell zählt.
Aliens brauchen die Menschen als Wirt
Das Interessante an Dupiens Roman ist die Ambivalenz der außerirdischen Spezies, die die Erde als neuen Lebensraum ausgewählt hat. Ähnlich einem Virus benötigen sie nämlich die verbliebenen Menschen als Wirt, um weiter existieren zu können. Aus Sicht des Autors sind ihre Beweggründe sogar nachvollziehbar – und für den Planeten Erde sogar von Vorteil. Hier sieht Constantin Dupien eine Parallele zur echten Welt: „Die Menschheit befindet sich auf einem Weg, der brennt – politisch und ökologisch.” Die Aliens „retten” in gewisser Weise durch ihre Anwesenheit den Planeten, der von der Menschheit früher oder später zerstört werden würde.
„Es war aber das erste Mal, dass ich einen Roman komplett allein erdacht habe.”
Dupien sagt, sein Roman sei kein politisches Buch. Es vermittelt aber Denkanstöße, die auch in eine gesellschaftspolitische Richtung zielen. Wichtig ist ihm, dass das Ende hoffnungsvoll bleibt – und den Lesenden nicht völlig desillusioniert zurücklässt.
Ihn selbst hat sein Roman „viele Nerven gekostet”, gibt Dupien zu. Der Leipziger hatte in der Vergangenheit schon Kurzgeschichten veröffentlicht, Anthologien herausgegeben und einen Horror-Roman mit einem Co-Autor geschrieben. „Es war aber das erste Mal, dass ich einen Roman komplett allein erdacht habe.”
Dabei hat Constantin Dupien schon als Kind gern geschrieben – zunächst phantasievolle Kurzgeschichten im Deutsch-Unterricht. Er wächst in Lößnig in der Nähe des Silbersees auf. Mit Mitte 20 – da studiert er Politikwissenschaft und Amerikastudien in Leipzig – fängt er wieder an zu schreiben. Nach seinem Abschluss ist er zwölf Jahre lang im Gesundheitswesen tätig, muss zwischenzeitlich dienstlich viel reisen. Dann kauft er mit seiner Frau ein altes Haus, das er saniert und wird 2020 Vater.
Schriftsteller legt eine Pause ein
Die Schriftstellerei tritt nun für eine Weile ein den Hintergrund. „Ich habe fast fünf Jahre lang gar keinen Stift angefasst”, blickt Dupien zurück. Als sein Sohn ein Jahr alt ist, begleitet er ihn bei der Eingewöhnung im Kindergarten – und muss dabei immer wieder Wartezeiten überbrücken. Da holt er seinen alten Romanstoff wieder hervor. „Ich hab versucht, dieses Buch wieder in meinen Alltag reinzubringen”, sagt Dupien. „Das war eine unglaublich intensive Arbeit.”

Beim Völkerschlacht-Halbmarathon erreichte Constantin Dupien 2021 seine persönliche Bestzeit.
Foto: privat
Neben Job, Haus und Familie Zeit für das Projekt zu finden, gestaltet sich schwierig. Er braucht für das Buch viel länger als ursprünglich gedacht. Und es ist bis heute ein Balanceakt. „Die Tage sind lang und voll”, sagt der Autor. Wofür er derzeit kaum Zeit findet, ist der Sport. Dupien hat schon mal an einem Halbmarathon teilgenommen, außerdem spielt er Tennis im Verein.
Inzwischen hat der Leipziger Autor etwa 100 Bücher verkauft – gedruckt oder in digitaler Form. Dennoch bleibt das Herzensprojekt ein Minusgeschäft. Lesungen sollen bis Anfang dieses Jahres eine gewisse Aufmerksamkeit schaffen. Auch auf der Leipziger Buchmesse wird Dupiens Roman vorgestellt.
Schon in zwei Jahren will er ein neues Buch veröffentlichen – vielleicht eine Liebes- oder Geistergeschichte. Vier, fünf Stoffe liegen schon bereit. Gina Apitz
Am 8. Januar liest Constantin Dupien bei der Lesebühne Pinzette versus Kneifzange 20 Uhr im Beyerhaus in Leipzig.

































