Der Wechsel vom professionellen Pyrtothechniker zum Schallplattenverkäufer war nicht freiwillig, aber für Uwe Winkler ein guter Plan B. Foto: Nannette Hoffmann
Der Wechsel vom professionellen Pyrtothechniker zum Schallplattenverkäufer war nicht freiwillig, aber für Uwe Winkler ein guter Plan B. Foto: Nannette Hoffmann

Als sich Uwe Winkler 2023 mit 61 Jahren dazu entschied, noch einmal neu anzufangen, war das ein Risiko – eines, das er gern vermieden hätte. „Eigentlich wollte ich ja als Feuerwerker in Rente gehen. Aber das Hin und Her rund um ein drohendes Feuerwerks­verbot sowie die Auseinandersetzungen mit Ämtern und Behörden haben mir das Leben ­immer schwerer gemacht, sodass ich mir einen Plan B überlegen musste“, blickt er zurück.

Hobby zum Beruf gemacht

Dieser Plan B kam nicht von ungefähr, sondern aus tiefster Überzeugung. Denn Uwe Winkler hat ein seltenes Hobby: Er sammelt alle offiziell in der DDR erschienenen Vinyl-Schallplatten – jedes Label, jede Plattengröße. „Also all die Platten, die jeder Bürger hätte erwerben können.“ Ausgenommen sind die unverkäuflichen Sonderausgaben, die es zwar auch gab, aber nicht für den normalen ­Bürger.

Heute hat er dieses Ziel zu 99,7 Prozent erreicht. Seine Sammlung umfasst den Zweitraum 1957 bis 1990. Wie viele Platten er insgesamt unter seinem Dach stehen hat, kann er nicht genau sagen. „Es dürften rund 60 000 sein.“ Die fehlenden 0,3 Prozent wird er aber wohl nie komplettieren. „Das, was noch fehlt, ist so selten, dass es niemand mehr aus der Hand gibt.“

Hobby in Show vorgestellt

Sein außergewöhnliches Hobby brachte ihn im vergangenen Jahr sogar in die ARD-Sendung „Kaum zu glauben“ mit Kai Pflaume. Unter dem Hinweis „Bei Uwe Winkler dreht sich was“ sollte das Rateteam ­herausfinden, womit er sich ­beschäftigt – ohne Erfolg. Umso größer war das Staunen, als Uwe Winkler einige seiner Schall­platten präsentierte und erzählte, dass er sein Hobby inzwischen zum Beruf gemacht hat.

Plan B bietet Vorteile

Mit „Winkler’s Plan B – Schallplatten und mehr“ eröffnete er am 1.März 2023 in Liemehna ein Geschäft für gebrauchte Tonträger und Musikliteratur mit Schwerpunkt auf in der DDR erschienenen ­Vinylplatten. „Für mich gab es nur diesen Weg. Nach so vielen Jahren Selbstständigkeit kam eine Anstellung für mich nicht in Frage“, sagt er. Zudem habe er durch seine Sammelleidenschaft viele Gleichgesinnte kennen­gelernt. „Also dachte ich: jetzt oder nie – schließlich habe ich noch ein paar Jahre bis zur ­Rente.“

Drei Jahre später fällt seine ­Bilanz eindeutig aus. „Für mich ergeben sich nur Vorteile: Ich arbeite wetterunabhängig, bin an den Wochenenden zu Hause, ich kann freier entscheiden und teile mein Wissen mit anderen.“ Denn in Sachen Produktionen, Pressungen, Etikettierung oder Matrizen kann ihm keiner was vormachen und er besitzt eine unschätzbare Sachkenntnis über den„VEB Deutsche Schallplatten“, ihren Labels, ihren Produktionen in Babelsberg und vor allem deren Gesamtbestand.

Umfangreiche Sammlung

Rund 8000 gebrauchte Tonträger stehen in seinen Verkaufsräumen, weitere 30 000 lagern im Depot. „Ich biete alles – ­angefangen beim Deutschen Schlager über Volksmusik, Rock, Pop bis zu Hard & Heavy und ­natürlich eine ebenso umfangreiche Sammlung an klassischen Werken sowie Märchen, Humor und Literatur“, so Uwe Winkler.

Diese Sonderproduktion "The Beatles" von dem VEB Deutsche Schallplatten genießt Seltenheitswert und ist die teuerste Platte bei Uwe Winkler.Foto: Nannette Hoffmann
Diese Sonderproduktion „The Beatles“ von dem VEB Deutsche Schallplatten genießt Seltenheitswert und ist die teuerste Platte bei Uwe Winkler.Foto: Nannette Hoffmann

Seine Kundschaft kommt aus der gesamten Bundesrepublik, Jung wie Alt. „Ich habe schon ­Jugendliche bedient, die sich ihre erste Platte kaufen, genauso wie 80-jährige Sammler auf der Suche nach einer Rarität.“

Besonders gefragt sind Bands wie die Rolling Stones, die Beatles, Depeche Mode oder Duran Duran. „Aber auch Roy Black geht gut – deutscher Schlager ist generell sehr beliebt“, sagt er.

Kundenfreundlichkeit und Qualität

Aus eigenen Erfahrungen als Sammler wusste Uwe Winkler genau, was er in seinem Laden anders machen wollte. So sind seine Schallplattenfächer zum Beispiel etagenweise aufgebaut. „Und wer ganz unten sucht, kann die Fächer mithilfe eines Rollbretts ganz einfach ­herausziehen und bequem darin stöbern.“

Außerdem ist alles alphabetisch nach Interpreten sortiert und beschriftet. Eine Ausnahme bildet das Label Amiga – hier wird nach Katalognummern ­geordnet. Doch auch dabei hilft Winklers Gedächtnis: Die gesuchte Platte hat er meist sofort parat.

Großen Wert legt er zudem auf Qualität. Alle Schallplatten sind gewaschen und in sehr ­gutem Zustand. „Als Sammler habe ich selbst einen hohen ­Anspruch – darunter verkaufe ich nicht.“ Cover und Vinyl sind einwandfrei, Risse oder Sprünge gibt es nicht. „Davon kann sich jeder Kunde optisch und akustisch überzeugen.“

Vinyl hat weiter Zukunft

Dass für ihn Vinyl neben Streamingdiensten wie Spotify oder Deezer eine Zukunft hat, steht für Uwe Winkler außer Frage. „Ich kann aus meiner eigenen Sammlung eine Platte rausholen und die klingt wie am ersten Tag“, sagt er. Überhaupt klinge eine Schallplatte ganz anders. „Eine Schallplatte nutzt mehr Räumlichkeit und Dynamik, dadurch klingt sie lebhafter, detailreicher und präziser als eine digitale Variante“, schwärmt der 64-Jährige.

Zudem sei jede Schallplatte ein kleines Kunstwerk. „Es gibt Pop-up-Cover oder Cover als Buch gestaltet sowie rundes, farbiges oder marmoriertes ­Vinyl oder Picture Discs.“ Für Uwe Winkler ist klar: Solange sich die Nadel dreht, ist sein Plan B genau der richtige Weg. Nannette Hoffmann

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