Thomas Vogler
Ein Herz für die BBG: Thomas Vogler kennt als Zeitzeuge die Firmengeschichte des VEB Bodenbearbeitungsgeräte in Leipzig live erlebt – und sie in einem Buch auch festgehalten. Foto: Jens Fuge

Thomas Vogler ist ein viel beschäftigter Mann. Obwohl er sich längst im Rentenalter befindet, wirbelt und organisiert und kommuniziert er in einem atemberaubenden Tempo, das andeutet, was der großgewachsene Mann während seines aktiven Arbeitslebens geleistet hat.

Immerhin war Thomas Vogler mal Werksbeauftragter im Außendienst bei der BBG (Bodenbearbeitungsgeräte), die jetzt unter dem Namen Amazone firmiert, kennt praktisch jeden Landwirt in der ehemaligen DDR. In diesem Rahmen organisierte er lange Zeit das jährliche Zusammentreffen aller Mitarbeiter und Kunden am Standort in Großzschocher. Zudem ist er Mitglied diverser Fußballstammtische, denn Vogler spielte lange in Böhlitz-Ehrenberg, bei Chemie Leipzig, Lok Mitte und bei Motor Lindenau. Zuletzt schrieb er seine Erlebnisse auf und brachte ein Buch mit seiner Lebensgeschichte heraus.

Ein spannender Mix

„Die BBG, mein Leben“ bietet nicht nur Persönliches, sondern einen spannenden Mix aus Leipziger Industriegeschichte und dem Leben in der DDR. Thomas Vogler, Jahrgang 1954, gibt Einblicke in seine Erlebnisse in einem Betrieb der gigantischen DDR-Kombinate, dem VEB Bodenbearbeitungsgeräte (BBG) in Leipzig. Die Verhältnisse, unter denen dort produziert wurde, ähnelten denen im frühkapitalistischen England, dennoch wurden unvorstellbare Stückzahlen an landwirtschaftlichen Geräten produziert.

Vogler war als Protagonist auch Zeitzeuge der Wendezeit, in die Privatisierung und Verkauf der BBG fiel, und berichtet von den schwierigen Bemühungen, das 1863 gegründete Traditionsunternehmen am Leben zu behalten.

„Die Traditionsfirma BBG hat eine Vergangenheit, die bis ins Jahr 1863 zurückreicht. Der geniale Erfinder und Unternehmer Rudolf Sack konstruierte bereits im jugendlichen Alter einen Pflug, und setzte mit seinen Produkten Maßstäbe in diesem Industriezweig. Nach dem Krieg wurde daraus der VEB Bodenbearbeitungsgeräte, der in Spitzenzeiten bis zu 4100 Werktätige beschäftigte und seine Produkte vor allem in der DDR und anderen sozialistischen Staaten verkaufte“, erzählt Thomas Vogler. Er hat einen Teil dieses Weges begleitet, der gebürtige Leipziger erlebte die BBG seit den siebziger Jahren von innen, und kann deshalb aus erster Hand berichten. In der DDR fand sich Vogler ziemlich gut zurecht, davon berichtet er auch freimütig. Einen durchaus anderen Blick auf die damaligen Verhältnisse gibt er, wenn er von den notwendigen Beziehungen („Vitamin B“) berichtet, von Wohnungstausch und dem Zustandekommen einer Genehmigung für den Einbau einer begehrten Gasheizung.

Das Leben in zwei Gesellschaftssystemen

Was aber hat den Unruheständler bewogen, gleich ein ganzes Buch zu schreiben? „Ich dachte mir, dass das sicher auch andere Menschen interessieren würde, was unsere Generation erlebt hat. Die einen zur Erinnerung, weil sie es so oder ähnlich auch erlebt haben, den anderen zur Anschauung, weil sie damals eben nicht dabei waren. Wer kann schon von sich behaupten, in zwei unterschiedlichen Gesellschaftssystemen gelebt zu haben?“

Er findet auf jeden Fall, dass festgehalten werden müsse, wie das System damals funktionierte und wie man mit ihm umgehen konnte, ohne sich zu verbiegen – auch wenn es natürlich bereits Berge von diesbezüglicher Literatur gibt. „Es kann ja nicht schaden, dem Ganzen einen weiteren Standpunkt hinzuzufügen“, grinst er ein wenig spitzbübisch und holt aus zu einigen Anekdoten. Von denen befinden sich unzählige in dem Buch.

Arbeiter an der Schmiede 1991
Ein Blick zurück in die BBG-Historie: Dieses Foto aus dem Jahr 1991 zeigt Arbeiter in der Schmiede. Foto: Frank Dallü

Wie zum Beispiel diese Geschichte, wie man als junger Fußballer in die angesagten Tanz-Etablissements jener Zeit gelangte. „Wir waren oft in der ‚Großen Eiche‘ in Böhlitz-Ehrenberg mit ihrem großen Saal für ca. 200 Leute, im ‚Haus Leipzig‘ in der Elsterstraße, in der Diskothek ‚Eden‘ im Leipziger Zentrum oder in der ‚Roten Diskothek‘. In diese Einrichtungen kam man ja nicht so einfach hinein. Als damaliger Junioren-Oberligaspieler von Chemie Leipzig hattest du schon einen Bonus, der dir den Eintritt zu den Veranstaltungen erleichterte. Wir kamen einfacher an die Eintrittskarten ran oder brauchten manchmal gar keine, weil der Einlass Chemiefan war und uns kannte“, berichtet Vogler mit einem Schmunzeln.

Zum Kellnern ging es in die „Blechbüchse“

Oder die Story, wie er sich mit seiner damaligen Freundin und heutigen Frau Sylvia das karge Lehrlingsgeld aufbesserte, indem beide im Konsument-Warenhaus „Am Brühl“, besser bekannt als „Blechbüchse“, kellnerten. „In der obersten Etage des Warenhauses gab es, für Außenstehende kaum bekannt, einen großen Saal für etwa 300 Personen. Dieser Saal war im Normalbetrieb der Speisesaal für die Beschäftigten des Warenhauses. An den Wochenenden jedoch gab es dort viele Veranstaltungen großer Leipziger Betriebe. Die Saalgröße von etwa 300 Personen war ja in Leipzig nicht so in Fülle vorhanden und deshalb auch sehr gefragt“, berichtet Vogler.

Ein echter Insider-Ort im alten Leipzig

Die wenigsten Leipziger hatten Kenntnis von diesem Saal, er war dem Rat der Stadt Leipzig, Kampfgruppen und Betriebsgewerkschaftsorganisationen und den von ihnen geladenen Gästen vorbehalten. „Es war also fast schon ein Insiderort für die Hautevolee Leipzigs. Veranstaltungen fanden ausschließlich am Wochenende statt, sowie zu besonderen Anlässen, wie z. B. Betriebsfesten, Auszeichnungsveranstaltungen oder am Tag der Republik“, erinnert er sich.

„Wir verdienten uns bei dem Job auch eine goldene Nase, nämlich stolze 2,32 Mark pro Stunde. Auf all diesen Veranstaltungen wurden Wertmarken an die Teilnehmer verteilt und zur Bezahlung eingesetzt. Die Restsumme musste jeder Gast selbst bezahlen. Das Gute an den Wertmarken war, dass die Chefs der Gastfirmen meist noch ganze Rollen von Wertmarken am Veranstaltungsende übrighatten“, so Thomas Vogler. Damit gingen die Gäste in der Regel großzügig um, was jeweils für üppiges Trinkgeld sorgte.

Ein Schwenk auch zu ernsteren Themen

Aber auch von ernsteren Themen berichtet der BBGler anschaulich. Vom Wehrdienst bis zum Sportsystem kann er eigene Erlebnisse beitragen. Anschaulich beschreibt er, wie es in der DDR zuging. Ein wertvoller Zeitzeuge ist Thomas Vogler vor allem für die Ereignisse der Wendezeit. Die Privatisierung der BBG, die Arbeit als Betriebsrat und später Vertriebler, die Kämpfe um Zuschüsse und gegen Entlassungen mit der Treuhand und die vielen Verhandlungen mit verschiedenen Kaufinteressenten erlebte er in erster Reihe mit.

Richtig spannend wird es, wenn er von den teilweise vorsintflutlichen Verhältnissen in den Produktionshallen der BBG berichtet. Uralte Maschinen, zum Teil aus der Zeit der Jahrhundertwende stammend, liefen Tag und Nacht. Diverse Produktionsabschnitte wie Zuschnitt und Stanzerei, Schmiede, Scharwalze und die Fallhammerschmiede waren hoffnungslos veraltet, die Strahlerei wurde gar von den dort Beschäftigten „Die Hölle“ genannt wegen der Arbeitsbedingungen.

„Es kann ja nicht schaden, dem Ganzen einen weiteren Standpunkt hinzuzufügen.“

Und natürlich geht es auch um das Problem Alkohol, das in der DDR in vielen Betrieben existierte: „Es gab ja auf dem zwölf Hektar großen Betriebsgelände zwischen Karl-Heine-, Gießer-, Enders-, Industrie- und Aurelienstrasse, ohne jede Art von Begrenzungszäunen und Pförtner oder Wachdienst, im Umfeld vier Kneipen. Die wohl berühmt-berüchtigste befand sich in unmittelbarer Nähe des Plagwitzer Bahnhofes und nannte sich ‚Herta‘. Diese Kneipe durfte man in normaler Bekleidung gar nicht betreten. In Arbeitsbekleidung traf man sich dort regelmäßig, und es wurden sogar Schichtübergaben bei ‚Herta‘ durchgeführt. Frau Wirtin hatte eine alte Zinkbadewanne als Spülbecken, der Zapfhahn stand kaum still und die Speisekarte war sehr übersichtlich bzw. nicht zwingend erforderlich. Wenn ich mich noch richtig erinnere, gab es bei Frau Wirtin auch nur halbe Liter-Biergläser, sonst wäre sie bei den durstigen BBGlern mit dem Zapfen nicht nachgekommen.“

Erzählen an Stammtischen

Abgesehen von diesen Anekdoten hat Thomas Vogler eine Menge mehr zu erzählen. Er tut das sehr gern im Freundeskreis, wo er engagiert die regelmäßigen Stammtische organisiert und diese intensiv zum Austausch nutzt. Das morgendliche Frühstück am Sonntag gehört zu den Höhepunkten der Woche. Ein vier Minuten lang gekochtes Ei, aufgebackene Brötchen und Wurst gehören immer dazu. „Ein Stündchen dauert das immer, das genießen wir“, sagt Thomas Vogler. Jens Fuge

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