Der Anglistik-Professor Elmar Schenkel hat meistens zehn Projekte gleichzeitig in Arbeit – trotz seines Ruhestands. Foto: Christian Modla

Leipzig. Workaholic? Elmar Schenkel schüttelt leicht den Kopf. So würde er sich nun nicht bezeichnen. Aber mit dem Begriff „umtriebig“ könne er gut leben, sagt der Leipziger Professor für englische Literatur, der vor drei Jahren in den Ruhestand gegangen ist. Gemütlich gemacht hat er sich da nicht. Stattdessen beschäftigt sich der 68-Jährige mit einer Vielzahl an Projekten, ist in mehreren Vereinen aktiv und schreibt Bücher gefühlt am laufenden Band.

Von seinen Aktivitäten erzählt Elmar Schenkel angenehm unaufgeregt und mit leiser Stimme. Dabei setzt er sich entspannt auf die Couch im LVZ-Foyer. Trotz seiner Vielzahl an Beschäftigungen wirkt er nicht gehetzt. Wie zum Beweis sagt er dann Sätze wie: „Ich sitze auch gern in Cafés, wenn die Sonne scheint.“

Fakt ist: Schenkel sitzt nach wie vor viel am Schreibtisch. In seinem Haus stapeln sich die Bücher, auch Fachliteratur, sodass er viel in den eigenen vier Wänden recherchieren kann. Wo genau sein Schwerpunkt liegt, kann man inzwischen gar nicht mehr sagen. Bei der englischen Literatur natürlich. Doch Schenkel beschäftigt sich auch mit vielen anderen Themen. Da ist zum einen der Arbeitskreis für vergleichende Mythologie, dem er angehört. „Wir interessieren uns für alle Mythologien der Welt“, sagt der Professor. Auch Märchen und Literatur zählten dazu – als prägende Elemente, wie Menschen ihre Welt sehen. Schenkel betont: „Mythen können positiv oder negativ besetzt sein, wir sehen beides.“ Im Verein gibt es Experten für das Mittelalter oder die Antike, für Erzählungen aus Australien oder Polynesien. Doch viele mythologische Erzählungen verschwinden oder geraten in Vergessenheit. Der Verein steuert dieser Entwicklung entgegen. „Mir geht es auch um die Rettung der imaginativen Welt der Menschheit“, fasst Schenkel etwas pathetisch zusammen.

Ihn interessieren unter anderem die Mythen der Maya und Azteken besonders. „Nach der Eroberung Mexikos durch Cortés stießen dort zwei Mythologien aufeinander – einmal die indianischen, die sich vorstellen, dass die weißen Götter wiederkommen und dann die der Europäer, die denken, dass sie einen christlichen Auftrag haben von Gott, sie zu unterwerfen. Das Ganze endet böse für die mexikanische Seite“, erzählt Schenkel. „Das sind Sachen, die ich spannend finde.“

Der Verein betreibt einen Blog, lädt – soweit Corona es erlaubt – zu Veranstaltungen wie dem Leipziger Mythentag ein. Im Vorjahr feierten die Mitglieder das Dante-Jahr, führten jede Woche online ein Gespräch über den Dichter Dante Alighieri. „Wir haben in den letzten zwei Jahren sehr viel Zulauf aus dem ganzen Bundesgebiet“, freut sich Schenkel über den Zuspruch.

Manchmal lässt sich die Mythologie auch mit seinem zweiten großen Interesse verbinden – mit Friedrich Nietzsche. 2015 gründete er einen Verein mit, der sich mit dem deutschen Philosophen befasst und heute seinen Sitz im sachsen-anhaltischen Röcken hat. In dem Ortsteil der kleinen Stadt Lützen, etwa eine halbe Stunde von Leipzig entfernt, steht Nietzsches Geburtshaus und die Kirche, in der er getauft wurde. Besucherinnen und Besucher können ein kleines Museum entdecken und sein Grab sehen. „Man erlebt dort die Atmosphäre von 1840“, schwärmt Schenkel, der regelmäßig dorthin fährt. Neben ihm pilgern – zumindest vor Corona – Nietzsche-Fans aus der ganzen Welt an den Geburtsort des bekannten Philosophen. „Es kamen Menschen aus Südamerika, Japan und Korea“, sagt Schenkel. „Einige Leute haben an seinem Grab geschlafen, der Typ ist richtig Kult wert.“

Dabei wird der Philosoph und Philologe, der lange krank war und schon im Alter von 55 Jahren starb, im eigenen Land eher kritisch betrachtet. „Hierzulande hat Nietzsche einen bestimmten Stempel durch die Nazizeit gekriegt“, weiß Schenkel. „Das ist auch berechtigt, aber ich finde ihn trotzdem sehr spannend.“ Die Nazis nutzten seine Theorien für ihre eigene Propaganda. Bis heute gilt der Philosoph deshalb in manchen Kreisen als Wegbereiter des Nationalsozialismus. Im Verein versuche man Nietzsches negative Seiten nicht auszublenden, sondern mehrere Perspektiven auf seine Person darzustellen, sagt Schenkel. „Er hat sich zum Beispiel als guten Europäer bezeichnet.“ Eine Aussage, die noch heute Anknüpfungspunkte bietet.

Zu Nietzsches Geburtstag im Oktober spielte der Verein in der Kirche von Röcken eine Hörcollage ab, die gemeinsam mit dem MDR produziert wurde. „Da wurde aus seinen Krankenakten gelesen, das war sehr beeindruckend“, fand Schenkel. Für den Sommer ist ein Projekt geplant, in der auch Elsa Asenijeff, Nietzsche-Verehrerin und Lebensgefährtin von Max Klinger, eine Rolle spielt. Klinger und Asenijeff hatten beide eine starke Verbindung zu dem Philosophen. Auf Litfaßsäulen sollen dann Asenijeff-Zitate zu lesen sein, auch in Röcken. Dazu soll es einen Vortrag geben, der die Beziehung der drei zueinander näherbringt.

Mit einem Philosophen hängt auch ein weiteres Interessengebiet Schenkels zusammen, und zwar mit Hugo Kükelhaus, der 1984 gestorben ist. Der war seines Zeichens Architekt, Gestalter und Pädagoge und kam aus seiner westfälischen Heimatstadt Soest. „Ich war einer seiner Schüler und ich hab viel von ihm gelernt“, sagt der Wahlleipziger, der heute Vorträge über Kükelhaus hält und eine Biografie über ihn plant. Aus diesem Grund reist Schenkel oft in seine alte Heimat, um dort im Archiv zu stöbern. Außerdem leben noch Verwandte von ihm dort. „Ich fühle mich als Leipziger, bin aber noch mit Westfalen verbunden.“

1993 kehrte er Soest, einer kleinen mittelalterlichen Stadt und einem echten „Kontrapunkt zu Leipzig”, den Rücken und nahm eine Professur im Osten an. Das galt in den Neunzigern – zumindest aus Westperspektive – als echtes Abenteuer. Als er hier ankam, saß das Institut für Anglistik noch im Uniriesen. „Aus den Lederwänden roch es nach DDR“, erinnert sich Schenkel. „Viele meiner Westfreunde haben sich gewundert, warum ich das mache und nicht zurückkomme.“

Heute lautet seine Antwort lapidar: „Ich fand es hier einfach gut.“ Er hätte damals eine Professur in Österreich annehmen können, lehnte das aber ab. Denn: „Gerade in dieser Übergangszeit waren die Studenten hier sehr energetisch, offen für alles Mögliche und unideologisch.“ Das mit der Ideologie sei inzwischen anders. Einige seiner ehemaligen Studenten kritisierten etwa, dass er sich mit Nietzsche beschäftigt wegen dessen antisemitischen Äußerungen. Schenkel hat das Gefühl, dass man als Dozent heute stärker aufpassen muss, sich politisch korrekt auszudrücken. „Diese Berührungsängste fingen an zu wachsen“, sagt er.

Und wie hat sich Leipzig sonst seit den 1990ern verändert? „Heute gefällt es mir deutlich besser, zum Beispiel vom Essen her“, fällt Schenkel sofort ein. Die vielen guten vietnamesischen Lokale habe es damals noch nicht gegeben. Dafür aber einen großen Zusammenhalt in der Nachbarschaft. Nachdem seine erste Ehe in die Brüche ging, lebte der Professor mal drei Jahre lang in Anger-Crottendorf. Er erinnert sich noch immer an die tolle Hausgemeinschaft, die es dort gab. Mit einigen seiner damaligen Nachbarn ist er immer noch befreundet. „Das finde ich toll an Leipzig.“

Heute wohnt Schenkel mit seiner Frau in einer Doppelhaushälfte in Holzhausen. Seine erwachsene Tochter lebt mit ihrer Familie in München. Deshalb ist er auch öfter in Bayern zu Besuch. Das Reisen ist eine weitere große Leidenschaft des Literaturprofessors. Sein letzter Trip ins Ausland führte ihn 2019 – kurz vor Corona – wegen eines Gastvortrags nach Israel. Kurz danach flog er nach Sibirien zu einer Konferenz. Bei minus 20 Grad Celsius saß Schenkel dort in Jakutsk, der kältesten Großstadt der Welt, in einem Holzhaus im Wald und fürchtete sich vor den Bären. „Sibirien war fantastisch“, sagt er rückblickend.

Zu Russland hat der Prof eine enge Verbindung. An einer Konferenz über Dostojewski nahm er kürzlich digital teil. „Das hat den großen Vorteil, dass ich meine russischen Freunde jederzeit sehen kann. Ansonsten komme ich nur einmal im Jahr dahin.“ Schenkel bessert gerade sein Russisch auf, Französisch und Italienisch beherrscht er dagegen gut.

Was Schenkel schreibt, muss nicht immer akademisch sein. Er verfasst auch Märchen und Geschichten für russische Kinder, die Deutsch lernen wollen. Für solch ein Deutschlern-Magazin, das in Moskau gedruckt wird, führt er beispielsweise erdachte Interviews mit historischen Persönlichkeiten wie Shakespeare oder Hildegard von Bingen. „Das macht mir wirklich Spaß.“ Einmal schrieb er ein Märchen über einen bösen Präsidenten. Das gefiel dem russischen Verlag nicht so gut – und daraus wurde dann lieber ein böser König. Schenkel war es recht. Auch seine Frau arbeitet an der Sprachlernzeitung inzwischen mit. Die Psychotherapeutin schreibt vor allem Gedichte für die jungen Deutschlerner.

Wenn es wieder möglich wird, würde Schenkel gern nach Mexiko reisen, aber auch Italien oder Frankreich reizen ihn. Und natürlich würde er gern mal wieder nach Indien. Dort hat er zum einen Verwandtschaft, zum anderen baute er kurz vor seiner Emeritierung noch eine Partnerschaft zwischen einer indischen und der Leipziger Uni auf. Bisher besteht der Austausch pandemiebedingt nur auf dem Papier.

Und dann ist da noch ein Bereich, den man auf den ersten Blick vielleicht nicht mit einem Literaturprofessor verbindet – die Malerei. Elmar Schenkel ist auch auf diesem Gebiet aktiv. Er hat seine expressionistischen Acrylbilder schon in einer Ausstellung im Haus des Buches gezeigt. Die Skizzen dazu entstehen meistens auf Reisen.

Sie zeigen seine Heimat in Westfalen oder auch Landschaften in Rumänien, wo er ein Jahr lang als so genannter Dorfschreiber lebte – direkt neben einer Siedlung mit 800 Roma. Über die Zeit dort schrieb er zwei Bücher. „Es war hochspannend – sehr witzige, aber auch schlimme Geschichten“, habe er dort erfahren. Heute probiert der Hobbykünstler neue Techniken aus, bemalt neben Leinwänden auch Papier und Karton.

So sind Schenkels Tage – trotz des Ruhestands – prall gefüllt. Morgens sitzt er eher am Schreibtisch, nachmittags geht er raus, um Freunde zu treffen oder zu malen oder um Fahrrad zu fahren. 25 bis 30 Kilometer legt der Professor täglich radelnd zurück. „Da durchlüftet man den Kopf und kann seine Gedanken formulieren.“ Natürlich hat er auch schon ein Buch zum Thema geschrieben, es heißt „Cyclomanie – Das Fahrrad und die Literatur“. Außerdem hält Schenkel sich mit Yoga und Pilates fit, trainiert im Fitnessstudio und geht in die Sauna – „alles fürs Wohlbefinden“, sagt er.

Ach ja, fast hat er es vergessen, zu erwähnen. Da ist ja noch etwas, was ihn seit einigen Wochen auf Trab hält: Die sieben Monate alte Jack Russel-Dame, die auf den Namen Jolka getauft wurde, das russische Wort für Neujahr. Plötzlich komme er in der Nachbarschaft mit anderen Hundebesitzern in Kontakt, hatte aber auch schon Diskussionen mit Hundefeinden, die die lebhafte Hündin nicht besonders mochten. Auf jeden Fall ist Elmar Schenkel jetzt wohl noch mehr draußen unterwegs und sagt zum Schluss noch einen erstaunlichen Satz: „Das ist für mich eine ganz neue Welt.“ Gina Apitz

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here