Sie stellt aktuell einen Ausschnitt ihrer Arbeit im Neuen Augusteum in Leipzig vor: Die Fotografin Marion Wenzel. Foto: André Kempner
Sie stellt aktuell einen Ausschnitt ihrer Arbeit im Neuen Augusteum in Leipzig vor: Die Fotografin Marion Wenzel. Foto: André Kempner

Da ist dieses beeindruckende Foto. Entstanden in Leipzig, aber in einem Leipzig, das man so überhaupt nicht vor Augen hat: Die große sonnenüberflutete Bogenöffnung in einem schier monumentalen Gebäude, dessen Größe gleichzeitig betont und aufgebrochen wird von einem Menschen mit zwei Eimern in der Hand.

Eine Momentaufnahme aus dem Paulinum des Jahres 2009. Oder besser gesagt aus der Paulinum-Baustelle. „Lichtblick“ heißt das Foto und zu sehen ist es als großes zentrales Leitmotiv der (Foto-)Ausstellung „Zwischenzeit // Zwischenraum“. Eine Ausstellung, die einen Blick eröffnet auf die Kunst von Marion Wenzel.

Eng verbunden mit der Heimatstadt Leipzig

Es ist eine gute Wahl. Weil „Lichtblick“ einen – nun ja – Lichtblick eröffnet auf die Arbeit der Leipziger Fotografin. Die immer wieder die riesengroßen und ganz kleinen Momente festgehalten hat, die in ihrer Heimatstadt passiert sind. Und dies mit einem guten Blick für den Augenblick und gleichzeitig für das wichtige Detail. Obendrein zeigt das Foto die Verbundenheit mit der Leipziger Universität: Denn hier – als Hausfotografin der vier unter dem Uni-Dach vereinten Sammlungen – hat sie in den letzten zwei Jahrzehnten gearbeitet. Nun sagt sie „Adieu“, eben mit einer Ausstellung, die alle Facetten der Marion Wenzel zumindest aufzeigt.

Auch dies gehörte zum Berufsleben dazu: Als Fotografin dokumen-tierte Marion Wenzel die archäologischen Grabungen im ägypti- schen Matariya. Foto: D. Raue
Auch dies gehörte zum Berufsleben dazu: Als Fotografin dokumentierte Marion Wenzel die archäologischen Grabungen im ägyptischen Matariya. Foto: D. Raue

Nach vielen Jahrzehnten der fotografischen Arbeit pflegt die Leipzigerin ein beinahe schon philosophisches Verhältnis zum eigenen Metier. „Das Nachdenken über die Fotografie ist nie verkehrt“, überlegt sie und erklärt: „Man kann sich dabei mal die Muße und Zeit nehmen, um sich mal anzuschauen, was man da eigentlich gemacht hat mit der Kamera.

Verbunden mit dem Nachdenken über die Zeit und die Situation, in der ein Foto entstanden ist. Um sich einmal ins Bewusstsein zu rufen, was da eigentlich passiert ist und festgehalten wurde.“

Festgehalten hat Marion Wenzel ganz schön viel in den vergangenen Jahrzehnten. Die Maler der Leipziger Schule zum Beispiel in den 80-er Jahren. Die entscheidenden Montagsdemonstrationen der Friedlichen Revolution im Herbst 1989. Den Abriss und Neustart auf dem Campus der Universität Leipzig. Die Ausgrabungen im ägyptischen Matariya bei Kairo in den 2010-er Jahren. Und immer wieder die sich wandelnden Landschaften ihrer Heimat. Was bei all dieser Vielfalt und all dieser Zeit aber niemals verloren gegangen ist – die Lust auf das nächste Bild.

Das M muss stehen

„Fotografie ist eine so große Spielwiese“, erzählt sie und hat einen guten Tipp parat: „Ich rate wirklich jedem Menschen, das Handy zur Seite zu legen und mal wieder zu einer Kamera zu greifen.“ Schon eine Herausforderung – aber eine, die sich lohnt, findet Marion Wenzel. Und die gelernte Fotografin weiß ganz genau, wovon sie spricht. Weil es da zum einen diesen ehernen Grundsatz gibt: Das M muss stehen.

„Eine Porträtfotografie ist wie ein Zwiegespräch.“

Das M für „manuelle Einstellungen“. „Eines sollte man wissen: Seit den Frühzeiten der Fotografie wurde so ziemlich alles ausprobiert, was technisch möglich ist. Auf diesen gesammelten Erfahrungen beruhen die Automatismen der modernen digitalen Fotografie.“

Mühe, Aufmerksamkeit, Leidenschaft

Deshalb spürt man bei ihr diesen Grundsatz: Nur wenn man Mühe, Aufmerksamkeit, Leidenschaft und ja, auch Kraft investiert, kann man Außergewöhnliches erreichen und dies nicht nur einmal. Es ist ein Grundsatz, der sie angetrieben hat, mit schweren, irgendwie sichtbar unhandlichen Plattenkameras (ja, genau die, die aussehen wie in den Frühzeiten der Fotografie) in die Landschaften rund um Leipzig zu ziehen.

Weil dies der Weg zum Außergewöhnlichen ist. „Es ist immer eine Freude, wenn man mal mit der Fotoplatte gearbeitet hat. Mit den alten Kameras, die noch ein schwarzes Tuch haben – oder den moderneren Sinar- oder Linhof-Kameras“, sagt sie mit einem Lächeln: „Mit denen macht es richtig Spaß: Da kann man bis ins kleinste Detail schauen, bis in die kleinste Ecke des Motivs – und automatisch schaut man dann auch ganz anders auf das Motiv.“

Da ist er wieder, dieser philosophische Blick auf die Fotografie. Auf Augenblicke und Motive. „Ich habe die Dinge immer ernst genommen“, sagt Marion Wenzel mit voller Überzeugung. Und nimmt mit in die Geheimnisse der Sammlungsfotografie – die nun auch nicht gerade auf der Hand liegen für einen Laien. Merke: Gerade museale Sammlungen wollen ins richtige Licht gerückt werden – weil im Zweifelsfall in der modernen Zeit tatsächlich die ganze Welt draufschaut.

Die Baustelle im Paulinum hat Marion Wenzel auf Foto festgehalten.
Die Baustelle im Paulinum hat Marion Wenzel auf Foto festgehalten.

„Da ist zum Beispiel die Fotografie im Musikinstrumentenmuseum – wenn man Geigen fotografiert, gibt es schon einen festgelegten Kanon an Motiven und Sichtweisen, der dann auch unbedingt eingehalten werden muss“, erzählt sie und ergänzt: „Mit dem Blick auf die Details wie die Schnecke oder das F-Loch – das ist wichtig, damit sich auch Menschen auf der ganzen Welt ein Bild von dem Instrument machen können.“ Das sind die Momente, in denen regelrecht greifbar wird, wie wichtig sie auch im Jahr 2025 noch ist, diese Fotografie jener Ausprägung, wie sie Marion Wenzel lebt.#

Schülerin von Evelyn Richter

Die unterm Strich doch mehr ist als „nur“ das Handwerk. Denn sie ist eben nicht „nur“ gelernte Fotografin, sondern auch eine Schülerin von Evelyn Richter. Jener Evelyn Richter, die in den 1980-er Jahren eine ganze Fotografier-Generation geprägt hat. Auch Marion Wenzel: „Was die Deutung von Motiven betrifft, habe ich den Satz von Evelyn Richter im Ohr: Man sieht nur, was man weiß. Was bedeutet: Jeder Mensch sieht Bilder anders, jeder nimmt Dinge anders schön wahr. Das hat aber auch etwas damit zu tun, wie man jeweils auf Geschichte und auf Kunst blickt.“

Aus all diesem Lernen und diesen Erkenntnissen, erweitert um die gesammelten Erfahrungen hat sich die Leipzigerin einen eigenen Duktus geformt. Eine Bildsprache mit dem genauen Blick. Sowohl auf das Motiv als auch auf den Augenblick. Und auf das Zusammenspiel der Dinge. Und dazu kann sie so viel erzählen. „Eine Porträtfotografie ist wie ein Zwiegespräch“, sagt sie beispielsweise und ergänzt mit einem Lächeln: „Wenn der eine nicht will, kann der andere ihn auch nicht fotografieren.“

„Ein Bild braucht eine Einordnung“

Wobei dann wieder Evelyn Richter ins Spiel kommt. Mit einem prägenden Satz: „Ein Bild braucht einen Text. Ein Bild braucht eine zeitliche und räumliche Einordnung. Einen Bezugspunkt“, zitiert Marion Wenzel. Und sie ergänzt: „Ich kann nicht davon ausgehen, dass jene Dinge, die ich auf einem Bild sehe, auch von anderen Menschen gesehen werden.“

Was wiederum in eine neue Aufgabe hineinführt für die kommenden Zeit. Die Zeit, nachdem sie zumindest aus beruflicher Sicht die Kamera an den berühmten Nagel gehängt hat. „Das eigene Archiv muss unbedingt mal gepflegt werden – das ist so eine wichtige Arbeit“, blickt sie voraus: „Deshalb versuche ich, meine Bilder konzentriert zu sortieren und einzuordnen. Da gibt es so viele Dinge, die liegengeblieben sind.“ Immerhin – ganz loslassen kann sie die Fotokamera dann wohl doch nicht: „Ich kann mir schon vorstellen, mich weiter mit den Leipziger Landschaften zu beschäftigen. Da verändert sich auch heute ja noch eine ganze Menge.“

„Die Fotografie hat sich verändert“

Veränderung ist ein gutes Stichwort im Rückblick: Marion Wenzel hat sie schließlich live mitgemacht, die Veränderungen in der Fotografie. Den Weg vom Analogen zum Digitalen ist sie natürlich auch gegangen. Und manchmal, ja, da klingt auch ein wenig Melancholie durch. „Die Fotografie hat sich verändert.“ Nach einem kurzen Überlegen ergänzt sie: „Und da vor allem der Anspruch an die Fotografie.“

Aber da kann man was machen, etwas einbringen und damit vielleicht auch etwas verändern. Mit dem eigenen Know-how. Mit der eigenen Leidenschaft. Das Weitergeben von Wissen und Erfahrung hatte Marion Wenzel schon immer im Blut – zum Beispiel, wenn sie bei der Thüringer Sommerakademie Foto-Kurse gegeben hat. „Das war immer ganz schön dicht und interessant.“ Dann kommt wieder das Lächeln: „Und die meisten habe ich dann schon am ersten Tag gehabt.“ Angesteckt mit der Leidenschaft für Fotos und angezündet für die Suche nach dem dokumentierenden Bild, mit dem man doch so viel aussagen kann.

Von dieser Leidenschaft kommt man nicht los. Und so klingt dieser Satz länger nach: „Ich möchte da weiterhin gern Erfahrungen vermitteln und Dinge weitergeben – wenn ich beim Gegenüber eine bewusste Herangehensweise an Fotografie wahrnehme.“ Klingt nach einem wunderbaren Versprechen. Jens Wagner

Die Ausstellung „Zwischenzeit // Zwischenraum“ mit Fotografien von Marion Wenzel ist aktuell noch bis zum 7. Februar 2026 in der Galerie im Neuen Augusteum Leipzig zu sehen.

Infos: www.kustodie.uni-leipzig.de

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