Im Zschortauer Park gibt es wieder Führungen

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Trotz des schlechten Wetters kamen 50 Interessierte zur Führung durch den Zschortauer Park. Foto: privat
Trotz des schlechten Wetters kamen 50 Interessierte zur Führung durch den Zschortauer Park. Foto: privat

Meine Oma ­Gudrun Wagner macht ihren Mittagsspaziergang durch den Gutspark Zschortau lieber um die Mittagszeit, wenn nicht so viele Leute unterwegs sind. Vor knapp einem Jahr begegnete ihr dabei ein Mann mit seiner Frau. Er sprach sie an: „Sagen Sie mal, sind Sie aus Zschortau?“ Sie bejahte. „Und was sagen Sie denn zu diesem Park?“ Da horchte sie auf.

Abschlussarbeit über Gutspark

Der Mann stellte sich als Jörg Schröder vor: Diplom-Forstingenieur, Jahrgang 1959, aufgewachsen in Markkleeberg, mit einem Studium der Umweltwissenschaften an der TU Dresden. Seine Abschlussarbeit von 1994 widmete sich eben diesem Park.

Akribisch kartografierte er die Pflanzen des Parks und sagt noch heute: „Ich kenne hier jeden Baum.“ Jahrzehnte später wollte er wissen, was aus dem Ort seiner wissenschaftlichen Jugend geworden ist. Er hatte den Gutspark einst im Auftrag der sächsischen Landesregierung dokumentiert und nun stand er wieder hier, mitten in den alten Alleen.

Das alte Herrenhaus im Zschortauer Gutspark bildet seit jeher das unbestrittene Zentrum. Foto: privat
Das alte Herrenhaus im Zschortauer Gutspark bildet seit jeher das unbestrittene Zentrum. Foto: privat

Meine Oma erzählte ihm von meinem Opa, der rund 30 Jahre lang als Lehrer in Zschortau gearbeitet hatte. Jörg Schröder war begeistert. Seine Frau machte ein Foto von den beiden, man tauschte Telefonnummern aus. Was als freundliche Begegnung begann, nahm langsam andere Dimensionen an.

Ein Rohdiamant wartet auf Wiederentdeckung

Jörg Schröder suchte Fotos – vor allem Aufnahmen des großen Vorplatzes vor dem Herrenhaus. Über WhatsApp blieben er und meine Oma in Kontakt. Sie half, wo sie konnte: Sie stellte die Verbindung zur Familie von Professor Michler her, der sich privat als Chronist in Zschortau betätigt hatte. Sie fand auch Verbindung zur Tochter der ehemaligen Bürgermeisterin Löwigt, die mit weiteren Fotos aushelfen wird. Peu à peu fügte sich Puzzlestück um Puzzlestück zusammen.

Der Gutspark Zschortau, so lernte ich durch die Berichte meiner Oma, ist kein gewöhnlicher Ortspark. Er wurde nach dem Siebenjährigen Krieg angelegt, in einer Zeit, in der Menschen bereit waren, das Leben anders zu genießen. Seine Gestaltung folgt dabei dem Vorbild des ­Barocks: Das alte Herrenhaus bildete das unbestrittene Zentrum der gesamten Anlage – alles ringsum war auf es ausgerichtet, ihm untergeordnet, ihm zu Diensten.

Sorgfältig angelegte Sichtachse

Besondere Bedeutung kam dabei dem Vorplatz zu. Jörg Schröder erklärte es so anschaulich, dass man es förmlich vor Augen hatte: Kutschen, die nach dem Siebenjährigen Krieg die lange Auffahrt entlangfuhren, eine sorgfältig angelegte Sichtachse, die den Blick der Ankömmlinge unweigerlich auf den Vorplatz und das Herrenhaus lenkte. Diese Inszenierung war kein Zufall.

Sie sollte die Stimmung der Gäste bereits auf dem Weg einstimmen und günstige Voraussetzungen für die Begegnungen schaffen, die drinnen warteten. In seiner Anlage ist der Park durchaus vergleichbar mit dem weitaus bekannteren Wörlitzer Park, nur eben kleiner.

Heute kämpft der Park mit den Jahren. Der alte Teich ist mehrfach ausgetrocknet – dabei gab es dort einst Krebse, was zeigt, wie klar das Wasser einmal gewesen sein muss. Jetzt ist er ein Rohdiamant, wie Schröder sagt: vorhanden, wertvoll, aber noch nicht zum Leuchten gebracht.

50 Menschen, schlechtes Wetter, Beste Stimmung

Am Sonntag, dem 19. April, fand dann die erste öffentliche Frühlingsführung statt – im Rahmen der sachsenweiten Frühlingswanderungen, angemeldet beim Sächsischen Staatsministerium für Landwirtschaft und Umwelt. Das Wetter spielte nicht mit. Trotzdem kamen 50 Interessierte: Familien aus Zschortau, Gäste aus Leipzig, Radefeld, Lemsel und der weiteren Umgebung. Jung und alt. Sogar eine Dolmetscherin, die die gesamte Führung in Gebärdensprache übersetzte.

Man merkte: Dieser Park gehört allen. Jörg Schröder führte durch die Geschichte des Parks und durch seine Botanik. Wer weiß schon, wie man eine Fichte von einer Tanne unterscheidet? Mit dem sogenannten „Tellerchen und Fähnchen“: Reißt man eine Nadel ab, bleibt bei der Fichte ein kleines Stielchen – das Fähnchen – zurück, bei der Tanne nicht. Solche Momente machten die Führung lebendig.

Besonders schön: Mehrere Teilnehmer meldeten sich spontan zu Wort. Sie besäßen noch alte Dokumente, alte Fotos aus der Geschichte des Parks und sie wollten sie zur Verfügung stellen. Was als Bitte begonnen hatte, wurde zu einer gemeinsamen Sache.

Ein Versprechen

Jörg Schröder hat versprochen, im nächsten Frühjahr für eine weitere Führung wiederzukommen. Und er hat noch etwas angekündigt: Gemeinsam soll dann ein Baum gepflanzt werden. Aus seiner eigenen Zucht. Ein Zeichen, dass dieser Park eine Zukunft hat.

Meine Oma hätte nie gedacht, dass ein freundliches Gespräch mit einem Fremden im Park so vieles ins Rollen bringen könnte. Manchmal braucht es nur jemanden, der fragt: „Was sagen Sie denn zu diesem Park?“ Ich bin nächstes Jahr auf ­jeden Fall wieder dabei – wie meine Oma auch. Franziska Gründling

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