Die Momente, die bleiben: Kerstin Gebhardt, „die gute Seele von Gambia“ zu Besuch vor Ort – dort ist sie dank der Vereinsarbeit mit vielen konkreten Ergebnissen längst akzeptiert. Foto: JF

LEIPZIG. Hilfe zur Selbsthilfe – das ist das Motto von Kerstin Gebhardt und dem Verein „Hand in Hand“. Im afrikanischen Gambia werden mit den Menschen vor Ort Gärten angelegt, Zäune errichtet und Brunnen gebohrt. Die deutschen Helfer sammeln Geld und schieben die Projekte vor Ort mit den Einheimischen an.

Kerstin Gebhardt wollte bereits als kleines Mädchen in Afrika helfen. Schon als Vierjährige faszinierte sie der Schwarze Kontinent, und sie wünschte sich zu Weihnachten „Stielaugen“ – damit sie bis nach Afrika schauen könne: „Ich wuchs mit meiner Oma auf, die noch kriegsgeprägt war, und da hieß es immer, Kind, iss richtig. In Afrika aber hungerten die Kinder, das bekam man ja früh mit. Da war mir klar: Dort will ich mal helfen.“

Das junge Mädchen studierte deshalb auch zielgerichtet Agrarwirtschaft mit den Fachgebieten Veterinärmedizin, Ackerbau und Landtechnik, bewarb sich noch zu DDR-Zeiten für einen Einsatz in Kenia. Die Schwangerschaft kam dazwischen, aber sie schwor sich, sobald ihr Sohn sein erstes eigenes Gehalt bekäme, würde sie endlich durchstarten.

Gambia wurde es eher zufällig, erste Reisen folgten, später ließ sie sich zweimal für ein Vierteljahr unbezahlt von der Arbeit freistellen. So lernte sie Land und Leute, Sitten und Gebräuche genau kennen. Oft stieß sie auf Misstrauen, viele Afrikaner trauen den Weißen nicht, sie mussten allzu oft miterleben, dass nur geholfen wird, wenn auch der Weiße daran verdient. Doch sie gewann die Herzen der Gambier mit ihren eigenen Methoden.

Für das erste Gartenprojekt im Dörfchen Kitty sammelte sie über Wochen frühmorgens Algen am Strand, setzte sich aufs Fahrrad und fuhr über eine Stunde durch die heiße Sonne zum Garten. Dort stand sie tief gebeugt mit den Frauen des Dorfes und legte die ersten Beete auf dem kargen Brachland an. „Erst danach vertrauten sie mir“, berichtet Gebhardt. Die Dorfältesten waren die Nächsten, die überzeugt werden mussten, das Projekt zu unterstützen. Lange Zeit glaubten sie nicht, dass die seltsame weiße Frau keine Gegenleistungen für ihre Hilfe haben wollte. Sie stellten das Land zur Verfügung und Gebhardt rang ihnen eine schriftliche Vereinbarung ab, dass die Frauen von Kitty das Land für immer nutzen dürfen. Seither nennen sie Gebhardt dort die „gute Seele“. Doch die Probleme begannen erst. Zum Beispiel wurde schon die Anschaffung der Pfähle für den Zaun zur Geduldsprobe. Es musste Hartholz sein, resistent gegen die allgegenwärtigen Termiten sowie das viele Wasser, das in der Regenzeit alles überschwemmt. Das Holz des Eisenbaums ist geeignet, war in Gambia aber nicht zu bekommen. Also fuhr die unerschrockene Gebhardt in den benachbarten Senegal ins Rebellengebiet, wo sie mit dem Führer der Aufständischen den Preis für eine Lkw-Ladung Holz aushandelte.

Das Projekt in Kitty wurde zu einem großen Erfolg. In den vergangenen vier Jahren hat der Verein gemeinsam mit den Menschen vor Ort große Gärten angelegt, Brunnen gebohrt, Zäune gebaut und Bewässerungssysteme eingebuddelt. Vor allem aber versuchen sie, die Menschen vor Ort zum eigenständigen Handeln und Denken zu ermuntern. „Die Leute hier müssen die Arbeit machen, wir können nur die Grundlagen schaffen und das Ganze anschieben“, sagt Gebhardt, die Regionalbereichsleiterin eines großen deutschen Entsorgungsunternehmens mit Sitz u. a. in Rackwitz, Grimma und Torgau ist. Im Verein sind u. a. engagierte Leipziger und Dessauer aktiv, die zu einhundert Prozent ehrenamtlich die Projekt-
arbeit vorantreiben. „Jeder einzelne Cent kommt auch wirklich in Gambia an, wir achten strikt auf Sparsamkeit und Nachhaltigkeit“, sagt Kerstin Gebhardt.

Ortstermin: Sieben Frauen und zwei Männer vom Verein kommen in einem klapprigen Bus zum Feld gefahren. Die Sonne brennt, 35 Grad sind hier in der Trockenzeit normal. Sie werden schon erwartet. Die große Schar aus Kindern und Frauen ist neugierig, was die Deutschen mitgebracht haben. Dieses Mal sind es vor allem Saatgut, einige Werkzeuge, ein großes Netz zum Beschatten der Frühbeete – und für die Kinder Luftballons. Die Freude ist riesig, alle schnattern durcheinander.

Gebhardt aber interessiert sich vor allem für die Bewässerung. Der neue Brunnen dauert noch. „Wir müssen tiefer als geplant, denn bisher kommt kein Wasser“, erklärt einer der Arbeiter. Auch die existierende Anlage macht Probleme, wahrscheinlich ist der Druck der installierten Pumpe zu gering. Ein Solarpaneel ist kaputt, es scheint Energie zu fehlen. „So geht das hier immer“, grollt sie. Wer das teure Paneel zerstört hat, weiß keiner, alle waschen ihre Hände in Unschuld. Manchmal fühlt sie sich, als hätte sie sich die Probleme eines ganzen Kontinents aufgebürdet. „Wie sollte ich ahnen, dass wir zwar einen Zaun um einen Garten bauen, damit die Tiere die Pflanzen nicht fressen, aber die Tür ständig offen steht?“, fragt die 54-Jährige und rollt mit den Augen. Oder dass wieder mal jemand den Hahn vom Wassertank geschlossen hat, sodass das dringend benötigte Nass nicht in die eigens gebauten Wasserbecken gelangen kann, von wo aus die Frauen mit Kannen die Beete wässern?

Aber bei allen Problemen überwiegt der Optimismus, die Freude über das Erreichte. Auch in anderen Dörfern ist „Hand in Hand“ aktiv, fördert ähnliche Projekte. Gerade eben war Gebhardt wieder für eine Woche vor Ort, schaute nach dem Stand der Dinge, kaufte Schulmöbel, die bei einem einheimischen Tischler hergestellt werden, sowie zwei Solar-Paneele für einen neuen Garten, um damit die Pumpen anzutreiben, die das Wasser zu den Beeten bringen. Eine tolle Initiative, die von Spenden lebt und von vielen Leipzigern unterstützt wird: ob mit dem Kauf der wirklich sehenswerten Kalender des Vereines mit tollen Bildern, die vor Ort entstanden, oder durch Unterstützung für einzelne Projekte. J. Fuge

Mehr Informationen zu den Projekten gibt es auf www.handinhand-africa.de.

 

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