
Wie ist es eigentlich, mal auf den Gängen der ersten Klasse der „Titanic“ zu flanieren? Und wie liefen nun ganz genau jene letzten Sekunden vor der verhängnisvollen Kollision mit dem Eisberg ab und zwar aus der Sicht der Krähennest-Beobachter Frederick Fleet und George Lee? Beeindruckende Antworten auf diese Fragen gibt die Ausstellung „Titanic: Eine immersive Reise“, die aktuell auf der Agra in Leipzig zu sehen ist.
Fluch und Segen zugleich
Manchmal sind filmische Nachbereitungen tatsächlicher Geschehnisse gleichzeitig ein Segen und ein Fluch. Ein Segen, weil sie einen Mythos nachhaltig befeuern können. Und ein Fluch, weil sie Bilder im gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein verankern, die nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Malte Fiebing-Petersen hat ein exzellentes Beispiel parat: Die roten Teppiche in den Gängen der „Titanic“. „In der Ausstellung ist der Kabinengang korrekt so dargestellt, wie er real ausgesehen hat – und da gab es keinen roten Teppich wie in dem Film von James Cameron.“
Er weiß sehr genau, wovon er spricht – als Vorsitzender des Deutschen Titanic-Vereins von 1997 ist er auf dem neusten Stand der Forschung rund um das Schiff und die Katastrophe. Und dieses Know-how steckt auch drin in der Ausstellung: Denn als wissenschaftlicher Berater ist er bei „Titanic: Eine immersive Reise“ mit an Bord. Was für ein gehöriges Maß an Authentizität, Glaubwürdigkeit und Entmystifizierung sorgt – und zwar bemerkenswerter Weise, ohne dass die spektakulären Aha-Erlebnisse auf der Strecke bleiben.
„Aus meiner Sicht ist das wirklich Bemerkenswerte an der Ausstellung, dass sie sehr niedrigschwellig funktioniert“, überlegt Malte Fiebing-Petersen. Heißt im Klartext: Man muss kein ausgewiesener Experte in Sachen „Titanic“ sein, um an dieser Schau seine Freude zu haben – dafür sorgen spektakuläre Bilder in 3D-Optik, die originalgetreu nachgebauten Kabinen und nicht zuletzt die jene (immersiven) Gänsehaut-Momente, die sich mit den Sekunden vor der Kollision und den Augenblicken des Untergangs beschäftigen.
Ganz viel Spannendes in einer Ausstellung
Das Beste dabei: „Titanic: Eine immersive Reise“ macht einen zum Experten – wenn man Geduld und Ausdauer mitbringt. So kann man erfahren, dass schon in der Konstruktion des Schiffes einige der Ursachen für die Katastrophe zu finden sind. Und dass auch der Mond über die Gezeiten und seine Abwesenheit in der Kollisionsnacht seinen Anteil hatte – ebenso wie das viel zu gute Wetter mit der spiegelglatten See. „Letztlich war es ein Zusammenspiel vieler Kleinigkeiten, das zu dieser Katastrophe geführt hat“, weiß Malte Fiebing-Petersen – was einem die Ausstellung als Erkenntnis dann auch mit auf den Heimweg gibt.

der „Titanic“ bewegt
die Menschen
– schon im
Jahr 1912, wie
diese Seite einer
Beilage der Leipziger
Neuesten
Nachrichten
zeigt.
Repro: Deutscher
Titanic-Verein
Die Frage nach dem eigenen Highlight der Ausstellung hat er übrigens schnell beantwortet – und sie verblüfft zunächst: Es ist ein eher unscheinbarer Deckstuhl, platziert fast am Ende der Schau. Der ist ein Original. Ein „Titanic“-Original, geborgen vom Wrack des Schiffes. Und ein wenig gibt der Experte auch schon mal einen Blick frei auf Neues: „Die Forschung zur Titanic steht nicht still – dazu ein Beispiel: In der Ausstellung sind noch Gittertore zu sehen, mit denen die einzelnen Klassen abgetrennt sein sollten. Inzwischen weiß man: Die hat es nie gegeben.“
Highlight wird via VR-Brille serviert
Ach ja – ein Hinweis muss noch sein: Ganz zum Schluss hat man die Chance auf eine Viertelstunde Abtauchen. Abtauchen zum „Titanic“-Wrack und zwar via Virtual Reality-Brille. Das ist – ungelogen – richtig irre. Und die Investition allemal wert. Jens Wagner

































