Sie steht da, als hätte sie schon immer hierher gehört – mitten auf dem Campingplatz an den Lübschützer Teichen bei Machern, auf echten Schienen, mit echtem Gleisbett. Die gelbe Straßenbahn aus dem Jahr 1925, einst in Leipzig unterwegs, ist hier am Ende ihrer langen Fahrt angekommen. Aber: Sie steht nicht still. Wer die alte Dame an einem Samstagnachmittag betritt, steht in einem kleinen Café mit hölzerner Terrasse und Blick auf den Teich.
Hinter dem Tresen, dort wo einst der Fahrer saß, werden Kaffee und Kuchen serviert. Oben an der Decke hängen originale Lampen neben bröckelndem Lack. „Der Fußboden und die Stühle sind neu, oben ist alles original“, erklärt Clemens Voigt und zeigt auf die schlichte Holzkante, die Alt und Neu trennt.

Der 48-Jährige ist der Mann, dem dieser Ort gehört. In einem gelb-gemusterten Hemd steht er auf der Terrasse seines Cafés und blinzelt in die Sonne. Seit drei Jahren führt er den Campingplatz an den Lübschützer Teichen, rund 20 Kilometer östlich von Leipzig. Er ist jemand, den man wohl umgangssprachlich als Tausendsassa bezeichnen würde.
Voigt reiste als junger Mann drei Jahre durch die Welt. Als er wiederkam, gründetet er das Maultrommel-Festival in Taucha. Er verkauft die Instrumente in einem eigenen Shop im Internet, baut Kompostklos, stellt eine eigene Mate-Limonade her und betreibt ein Hostel in Leipzig. Sein neuestes Projekt ist nun der 8,5 Hektar große Campingplatz bei Machern, den er nach und nach aus dem Dornröschenschlaf holen will.
Endhaltestelle der Bahn ist Machern
Das erste, was er gemacht hat, um den Platz aufzuwerten: Er verwandelte eine alte Straßenbahn in ein Café. Der Triebwagen, der 1925 im Waggonbau Dessau zusammengeschraubt wurde, fuhr 68 Jahre lang – zuerst als Linienfahrzeug in Leipzig, ab 1973 als Fahrschulwagen. Er war bis 1993 in Betrieb. Dann landete er im Straßenbahnmuseum in Leipzig, wo er einen baugleichen Zwilling hatte. Eine Bahn wurde restauriert und ausgestellt, die andere blieb übrig.

Das Museum verkaufte sie an die IG Modellbahn Schkeuditz, die ihren Vereinssitz in einem alten Straßenbahndepot hat. Dort stand die Bahn schließlich in der Halle – ungenutzt, aber unversehrt. „Das war unser Glück, dass wir in dem Moment eine Straßenbahn gesucht haben, wo die gerade eine übrig hatten“, sagt Voigt und lacht. Die Bahn selbst kostete gerade mal 1000 Euro. Der Transport hingegen wurde zum teuersten Posten des ganzen Projekts – mehrere tausend Euro zahlt Voigt einem Spezialunternehmen, das eigens einen Tieflader mit ausfahrbaren Schienen besitzt.
Clemens Voigt will einen alternativen Campingplatz
Und woher rührt sein Interesse an alten Straßenbahnen? Hat er einen besonderen Bezug? „Nee, eigentlich nicht“, sagt er freimütig. Die Idee hatte Clemens Voigt von einem Campingplatz in Jena, wo ebenfalls eine alte Bahn steht. „Ich will damit ein Zeichen setzen, dass hier ein kreativer, alternativer und künstlerischer Campingplatz entsteht. Dass die Leute, wenn sie herkommen, sehen: Ah, das hier ist was anderes, kein normaler Standard-Campingplatz.“
„Mein Traum war es, in der Natur zu wohnen und Gemeinschaftlich zu leben
und zu arbeiten.”
Dazu kommt ein baulicher Zwang, der kreative Lösungen erzwingt: Der Campingplatz steht unter Bestandsschutz. Neu gebaut werden darf nichts. Alles muss auf Rädern stehen oder eine Zeltstruktur haben. Ein neues Café braucht also Räder. „Es hat auch, sag ich mal, praktisch gepasst“, sagt Voigt. Im letzten Sommer hatte das Bahn-Café erstmals geöffnet. Die Resonanz ist bislang gut: Es kommen Gäste aus Machern, Besucherinnen und Besucher aus der angrenzenden Gartenanlage und Spaziergänger vom Wanderweg. „Es kommen auch einige extra wegen der Straßenbahn her und gucken sich das an.“
Gartenzwerg trifft auf Jurten
Wer mit Voigt über den Campingplatz geht, erlebt einen Mann, der ständig verschiedene Baustellen im Kopf hat und alles im Blick behalten muss. Im Bungalow-Bereich werden derzeit Plateaus in den Hang gebaggert. Ein neuer Waschsalon ist gerade fertig geworden. Überall tut sich etwas, obwohl Voigt zuweilen die Mittel fehlen, aber nie die Ideen. Als er den Platz vor drei Jahren übernahm, war seit 30 Jahren nichts mehr investiert worden. „Es war alles ein bisschen in die Jahre gekommen, hatte diesen DDR-Charme“, sagt er.
Dass er hier einiges verändern will, hat er von Anfang an klar gemacht. Voigts Pläne überzeugten die Jury des Konzeptvergabeverfahrens, das die Gemeinde Machern ausrief. „Ich habe reingeschrieben: Wir wollen Holzwagen, Jurten, Bauwagen, Alpakas, Baumhäuser und Baumzelte.“ Die Baumhäuser fehlen noch. Aus den Alpakas wurden Ziegen. Sie fressen sich auf einer Wiese durchs Gestrüpp. „Das sind unsere Biorasenmäher”, sagt Clemens Voigt. „Die fressen vor allem Brombeeren und den Knöterich, der hier alles zuwuchert.“
Kulturen können zusammenwachsen
Er läuft jetzt zum Bereich der Dauercamper. „Da sieht man schön, wie Kulturen zusammenwachsen können“, sagt er und zeigt auf die Grenze zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite stehen die alten Dauercamper-Wohnwagen mit ordentlichen Zäunen und Gartenzwergen, die den Platz seit Jahrzehnten kennen.

Direkt daneben haben sich die „neuen Dauercamper” angesiedelt. Sie leben in runden Jurten oder hölzernen Bauwagen, ohne Zäune, ohne klare Abgrenzung. „Die alten und die neuen Dauercamper sind Nachbarn und inspirieren sich gegenseitig“, ist Voigt überzeugt. Natürliche gebe es „Herausforderungen“, aber näher geht er darauf nicht ein.
Clemens Voigt wohnt ebenfalls auf dem Campingplatz. In einem Bauwagen. Er hat noch eine Wohnung in Leipzig, „aber da bin ich kaum. Ich bin vor allem hier, auch im Winter“. Ein Leben in der Natur ist es, was er wollte – oder wonach er lange gesucht hat.
Voigt war drei Jahre lang auf Reisen
Aufgewachsen ist Voigt in Leipzig. Die Großeltern waren Bauern. Seine Eltern zogen in die Stadt, promovierten. Die Mutter wurde Lehrerin, der Vater studierte Landwirtschaft und arbeitete später in der Verwaltung. Voigt selbst machte 1996 sein Abitur, dann kam der Zivildienst, und danach war er erst mal weg. Drei Jahre reiste er durch Europa und Afrika. Ein halbes Jahr lang war er auf einer Art „Wanderlehre“: Mit Traktor und Bauwagen ging es durch Ungarn, Österreich und Deutschland. Er lernte Glasblasen, Mosaikarbeiten, Lehm- und Holzbau. Eine Art Walz, auch wenn es offiziell nicht so hieß.
Ein kleines Instrument hatte er auf seinen Reisen immer dabei: eine Maultrommel, die ihm jemand geschenkt hatte. „Ein perfekter Reisebegleiter war das”, sagt er „klein und handlich.“ Zurück in Leipzig baute er einen Handel für das Instrument auf und rief 2007 das Maultrommel-Festival in Taucha ins Leben, das er 18 Jahre lang leitete. Die eigentliche Wirkung des Festivals, sagt Voigt, sei nie das Bühnenprogramm gewesen, sondern vielmehr die Begegnung.
„Dieser Austausch zwischen den Festivalgästen hatte einen ganz wesentlichen Effekt. Das hat Leben verändert, Perspektiven erweitert und Verbindungen geschaffen.“ Die Leitung des Festiuvals hat er abgegeben und will sich nun auf sein neues Hauptprojekt konzentrieren – den Campingplatz. Er will hier auf andere Weise einen Begegnungsraum schaffen und Kultur in den ländlichen Raum bringen, wo das häufig zu kurz komme.
Eine jakutische Stele in Sachsen
Mitten auf einer zentralen Wiese steht etwa eine jakutische Stele – ein hoher, geschnitzter Holzpfahl. Vor drei Jahren ließ Voigt ihn von einem sibirischen Schamanen aufstellen, der eigens dafür angereist war. Traditionell diente solch ein Pfahl in Sibirien zum Anbinden von Pferden – aber symbolisch ist er weit mehr: die Verbindung zwischen Himmel und Erde, das Zentrum des Dorfes, wie die Dorflinde anderswo.

Für die jakutische Community Europas ist dieser Platz mittlerweile ein Treffpunkt, sagt Voigt. Zur Sommersonnenwende kommen 60 Menschen hierher, um gemeinsam zu kochen und die jakutische Kultur zu zelebrieren. Voigt selbst verbrachte sechs Wochen in Jakutien und besuchte dort auch MaultrommelHersteller. In der nordsibirischen Kultur spielt das Instrument eine zentrale Rolle.
Verschiedene Welten treffen aufeinander
Kulturelle Brücken bauen – das ist das Credo, das er mit dem Campingplatz verbindet. „Ich will hier verschiedene Welten aufeinandertreffen lassen, um Horizonte zu erweitern, in alle möglichen Richtungen.“ Er plant Themenveranstaltungen für Gruppen – Eltern-Kind-Treffs, Yoga- und Meditationskurse und andere Gruppentreffen. Auch im Winter soll der Platz belebt werden. Es gibt bereits eine Sauna und eine ausfahrbare Bühne.
Die alten DDR-Bungalows hat er teilweise schon renoviert und nostalgisch eingerichtet. Weitere sollen folgen. Ein kleiner Laden ist geplant. „Eigentlich müsste man hier sehr viel Geld in die Hand nehmen, um das professionell machen zu lassen”, sagt Voigt. Zum Glück gebe es viel Unterstützung von Menschen, die das Projekt sympathisch finden. Zehn Angestellte beschäftigt Voigt auf dem Campingplatz. Mit den Anmeldezahlen für die erste richtige Saison ist er recht zufrieden. Es sei kein Campingplatz für Leute, die sonst an die Ostsee oder ins Gebirge fahren. „Hier soll eher inhaltlich etwas passieren.”
Und hat er sich mit dem Campingplatz nun seinen Lebenstraum erfüllt? „Mein Traum war es, in der Natur zu wohnen und gemeinschaftlich zu leben und zu arbeiten”, sagt er. „Mit dem Campingplatz kann ich genau das umsetzen.” Voigt steht jetzt wieder vor der alten Straßenbahn. Zufrieden blickt er auf den Teich, auf dem die Sonne glitzert. Gina Apitz


































