
Der Käse flutscht durch die Röhrenrutsche, das Einhorn fährt auf dem Dach eines Busses mit, ein blauer Elefant sitzt etwas traurig am Straßenrand. Diese Szenen – und noch viele, viele mehr – kann man im so genannten Entdeckerbuch finden. Das Wimmelbuch stammt aus der Feder der beiden Leipziger Künstler James Turek und Erik Weiser – und es macht seinem Namen alle Ehre.
Eine Vielzahl an Figuren gilt es in dem Hardcoverbuch zu entdecken. Das Besondere: Hier ist ganz viel Phantasie im Spiel. Ein Käse oder eine Gurke mit Beinen? Eine Zahnbürste auf einem Dach oder ein Croissant auf der Rolltreppe? Warum nicht? Das Entdeckerbuch hält sich nicht an Regeln, die in der echten, oftmals langweiligen Welt gelten. In einem Comic-Universum ist dagegen alles möglich. „Kinder finden es nicht merkwürdig, dass dort eine Fee herumschwebt”, sagt Erik Weiser. Sie stünden phantastischen Wesen viel offener gegenüber.
Erstes gemeinsames Projekt der Künstler
Das Entdeckerbuch ist die erste Zusammenarbeit von Objektkünstler Erik Weiser und Comiczeichner James Turek. Die beiden trafen sich mal im Hinterhof ihres Hauses in Leipzig-Lindenau, stellten fest, dass sie Nachbarn sind – und beide kreative Köpfe. Im Prototyp des Buches wurden die Wimmelbilder noch durch kurze Texte ergänzt. Doch diese flogen am Ende wieder raus. „Den Kindern muss man nicht soviel vorgeben”, glaubt Erik Weiser. „Sie brauchen keine Texte, sondern können ihre Geschichten selbst bauen – mit ihren Eltern zusammen.”
„Kinder brauchen keine Texte, sondern können ihre Geschichten selbst bauen – mit ihren Eltern zusammen.“
Die beiden Künstler trafen sich über Monate mehrmals pro Woche, tranken Kaffee und tüftelten an den einzelnen Motiven. Figuren und Farben wurden immer wieder verändert. Wer genau schaut, entdeckt auf einigen Seiten Zahlenspiele, auf anderen versteckte Buchstaben. Gurken und Käsestücke mit Beinen, Zwerge, Einhörner, Elefanten, Feen, Stiefel, Bücher, Eis – all das und noch vieles mehr können Kinder und Erwachsene auf den einzelnen Seiten suchen.
Spielerisch Größen und Zahlen lernen
Auf dem Jahrmarkt-Bild etwa sind viele rosafarbene Zuckerwatten zu sehen. „Hier geht es darum, dass Kinder spielerisch lernen mit Größen und Zahlen umgehen”, erklärt Weiser. Ihr Wimmelbuch hat also durchaus einen pädagogischen Ansatz. Aber: „Die Leute sollen vor allem Spaß haben.”
Beim Betrachten der Seiten kann man immer wieder Neues entdecken – besondere Wolkenformationen, kleine Gartenzwerge oder Eichhörnchen, die am Baum versteckt in derselben Farbe gezeichnet wurden. Eltern lieben den laufenden Käse, Kinder stehen mehr auf die Gurken, hat Erik Weiser festgestellt.
Sport, Spiel, Spaß
Die Themen im Buch umfassen Sport, Spiel, Spaß, alltägliche Situationen, einmal quer durch die Jahreszeiten. Auch ein versteckter Bezug zu ihrer Wahlheimat Leipzig ist integriert. Der Sportplatz ist angelehnt an einen Platz in Lindenau, die Röhrenrutsche gibt es auf einem Spielplatz in Connewitz, der Bahnhof erinnert an den in Leipzig und der Freizeitpark könnte Belantis sein.

„Die Bilder entstehen zuerst in meinem Kopf”, sagt James Turek. Der gebürtige US-Amerikaner zeichnet seit seiner Jugend Comics. Sein unverwechselbarer Stil ist im Buch deutlich zu erkennen. Dass er Wimmelbücher mag, liegt vielleicht auch daran, dass er in Florida in einem Haus mit sechs Kindern aufgewachsen ist. „Es war immer viel los bei uns”, erinnert sich der 52-Jährige, „ein bisschen wie in einem Wimmelbuch”.
Mit einem Klick Figuren oder Farben verändern
James Turek beginnt jedes Bild mit einer Bleistiftskizze. Er überlegt sich im Vorfeld die Figuren, die er von Hand zeichnet, dann einscannt und am PC auf den jeweiligen Hintergrund montiert. Mit Photoshop und einem Grafik-Tablet bastelt er das finale Motiv zusammen. Die Farbe einer Figur lässt sich am Rechner dann mit nur einem Klick ändern und ungewünschte Motive lassen sich einfacher entfernen.
Erik Weiser übernahm den Satz des Buches und das organisatorische Drumherum, wirkte aber auch inhaltlich mit. Ein Dreivierteljahr arbeiteten beide an dem Buch. Ursprünglich sollte es zwei Monate eher gedruckt werden. Doch die beiden Künstler tüftelten dann doch länger an bestimmten Details. Erik Weiser gibt zu, dass er einen Hang zum Perfektionismus hat: „Es fühlt sich nicht gut an, etwas zu veröffentlichen, mit dem wir noch nicht zufrieden sind.”
Crowdfunding-Aktion als Finanzierung
Im November vergangenen Jahres ging ihr „Baby” in den Druck. Sie haben das Projekt bewusst keinem Verlag angeboten, sondern es über eine Crowdfunding-Aktion finanziert. Der Vorteil: „So konnten wir alles selbst entscheiden”, sagt Weiser. 7000 Euro kamen zusammen. Mit den Spendengeldern konnten sie 1000 Exemplare drucken, verkaufen das Buch für 18 Euro und erzielen damit drei Euro Gewinn.
Das Entdeckerbuch ist ganz klar ein Herzensprojekt. „Es ging uns nicht darum, damit Geld zu verdienen”, sagt Weiser. Einige Buchhandlungen in Leipzig und auch deutschlandweit haben es inzwischen im Sortiment. Die beiden verkaufen es ansonsten im Internet über ihre eigene Website. Im Dezember hat eine Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Nachfrage plötzlich nach oben getrieben. „Das war Stress kurz vor Weihnachten”, sagt Erik Weiser und lacht.
Laden-Atelier in der Georg-Schwarz-Straße
Seit Mitte Januar haben die beiden ein eigenes Laden-Atelier in der Georg-Schwarz-Straße, das sie Handstandstudio getauft haben. Sie strichen den Fußboden neu, hängten ihre Arbeiten an die Wände. Die Küche muss erneuert werden, aber nun haben beide einen zentralen Ort zum arbeiten und für Veranstaltungen. Sie wollen hier ihre Kunst zeigen, aber auch Zeichnen- und Comic-Workshops anbieten – und zu Lesungen einladen.
James Turek hat dafür sein Atelier in der Franz-Flemming-Straße aufgegeben. Erik Weiser mietete sich zuvor in verschiedenen Räumen ein. „Jetzt haben wir einen Ort, an dem alles ist”, sagt Weiser. Am 31. Januar wurde der Laden offiziell eröffnet – mit Kaffee und Kuchen für alle Unterstützer.
James Turek ist gebürtiger US-Amerikaner
Diese Community, zu der er hier gehört, das ist es, was James Turek an Leipzig schätzt. Der Amerikaner lebte zehn Jahre in New York als Comiczeichner. „Es war ein hartes Pflaster”, sagt er rückblickend. In Big Apple lernte er irgendwann die deutsche Comiczeichnerin Anna Haifisch kennen, beide sind bis heute gut befreundet. Sie lud ihn nach Deutschland ein, da hatte er gerade seinen Job als Illustrator verloren.
2010 kam James Turek nach Leipzig – und wollte ursprünglich nur drei Monate bleiben. Daraus wurden – bis auf wenige Unterbrechungen – 15 Jahre. Er unterrichtete als Gastdozent an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, gab Comic-Zeichenkurse, gestaltete Wimmelbücher für den Klett-Kinderbuchverlag – und gründete zusammen mit Anna Haifisch in Leipzig das Comicfestival „The Millionaires Club”.
Seine Familie fragte ihn irgendwann: James, kommst du wieder oder bleibst du für immer in Deutschland? Turek sagt, er fühle sich als Künstler wohl hier. Die Lebensqualität sei besser, in New York sei es ständig ein Kampf gewesen, seine Miete zu bezahlen. Inzwischen hat er hier eine Familie gegründet, ist Vater einer fünfjährigen Tochter. Wieder in den USA zu leben, das würde ihm schwerfallen, sagt er. Eine Rückkehr steht deshalb nicht zur Debatte.
Zilvildienst in Connewitz, dann Studium
Leipzig zu seiner Wahlheimat auserkoren, das hat auch Künstlerkollege Erik Weiser. Der 48-Jährige stammt aus dem Erzgebirge und lebt seit 1996 in der Messestadt. Kunst machte Weiser schon als Jugendlicher. Er absolvierte seinen Zilvildienst in Connewitz, studierte dann an der Uni Kunstgeschichte, Kulturwissenschaften und Religionswissenschaften und arbeitete nebenher für einen Verlag als Gestalter.
Eine Zeit lang leitete er nach dem Studium eine Filiale der „Filmgalerie” in Schleußig, der damals größten Programmvideothek in der Stadt. Seit 2008 lebt er fast nur noch von seiner Kunst. Neben Malerei und Fotografie widmet er sich vorwiegend der Objektkunst – und nutzt dafür Alltagsgegenstände. „Ich bin der Pionier des Upcyclings”, sagt Weiser.
Für seine Arbeiten verwendet er zum Beispiel Videokassetten, Heißklebesticks, Kleiderbügel oder Kinderpflaster. Die Objekte werden oft stofflich verändert und in einem neuen Kontext präsentiert. So bastelte Weiser aus Dartpfeilen Friedenstauben, verwandelte DDR-Autorückleuchten in Blüten, rasierte und batikte Steiftiere, um sie unter Folie zu vakuumieren.
Matchbox-Autos in der Presse zerlegt
Viele Gegenstände kauft der Künstler günstig bei Ebay, zum Beispiel eine Sammlung von Matchbox-Autos, die er unter einer 30-Tonnen-Presse zerlegte und neu zusammengesetzte. Fürs Leipziger Naturkundemuseum gestaltete Weiser alte Fußballschuhe so um, dass sie wie Fische aussehen. Aus alten Fußbällen, die er vorwiegend an Stränden in ganz Europa fand, machte der Künstler flächige Kunstwerke.
Und dann ist da noch sein „Corona-Projekt”, das er bisher noch nicht ausgestellt hat. „Immer, wenn ich Corona hatte, hab ich Metrolinien nachgezeichnet.” Sie zeigen das Metrosystem der Hauptstädte in ganz Europa, alle übereinandergelegt, allerdings ohne Bahnhöfe.
Jahrelang mit dem Wohnmobil unterwegs
Viele der Länder hat Weiser mit seiner Familie selbst bereist. Insgesamt dreieinhalb Jahre waren seine Frau, er und die drei Kinder mit einem Wohnmobil in Europa unterwegs. Corona beendete schließlich die geplante Weltreise. Im Herbst hat die Familie das Wohnmobil verkauft. Seine Frau arbeitet inzwischen als Kunstlehrerin, Weiser kümmert sich viel um die Kinder. Doch die Reiselust verbindet die Familie nach wie vor. „Sobald die Ferien anfangen, sind wir weg”, sagt er. Ostern soll es wieder Richtung Süden gehen.

Mit seinem Nachbarn James plant Erik Weiser indes bereits ein zweites Wimmelbuch, wieder finanziert über Crowdfunding. Worauf dürfen sich die Lesenden freuen? Vielleicht gibt es diesmal mehrere Figuren, denen man durch das ganze Buch folgen kann. Auch ein größeres Ausmalbuch ist geplant. „Es wird noch phantastischer werden”, sagt James Turek und erwähnt Ritter, Märchenfiguren und Raumschiffe – alles wild gemixt, versteht sich. Gina Apitz
Am 20. März ab 19 Uhr wird es im Rahmen des Lesefestes der Leipziger Buchmesse eine Comiclesung im Handstandstudio geben. www.handstandstudio.de
































