
Ab und an sitzt Sibylle Kuhne im Leipziger Clara-Zetkin-Park in der Nähe des Inselteiches auf einer Bank. Und zwar auf einer ganz besonderen Bank – denn es ist jene Bank, die sie ihrem Mann widmete, dem Schauspieler und Regisseur Jörg Kaehler. Kommt der Frühling (wie hoffentlich bald in den nächsten Wochen), dann bindet die Schauspielerin an die Bank eine rote Rose. Und stets reist sie beim Ausruhen auf der Bank mit ihm gedanklich zurück in die gemeinsame, so wunderschöne Zeit. Und manchmal denkt sie dann auch an ihre Kindheit, in der alles begann …
In Delitzsch ist Sibylle Kuhne geboren – und genau hier nahm ihr Vater die damals Fünfjährige eines schönen Tages mit in eine Theateraufführung. Ein Erlebnis mit ganz viel Nachhall: Denn sie war davon so fasziniert, dass sie vom Theater, von den Brettern, die ja die Welt bedeuten überhaupt nicht wieder los kam.
Vom Theaterspielen und Verkleiden
Von diesem Tag an spielte sie zu Hause für sich ganz allein Theater. Sie verkleidete sich, lernte Gedichte auswendig und sagte sie vor sich hin. Später machte Sibylle Kuhne in der Schule in einer Laienspielgruppe mit, sang im Chor und sagte auch weiterhin Gedichte auf: Ganz wichtig: Sie hing vor allem ihrem Kunstlehrer geradezu an den Lippen, der ja so Spannendes aus Kunst und Kultur erzählte.
Nach dem Abitur geht es an die Theaterhochschule
Nach dem Abitur ging es dann nach Leipzig und zwar an die Theaterhochschule. Heute erinnert sich Sibylle Kuhne noch gern daran, wie sie das erste Mal auf einer großen Bühne stand und der Applaus des Publikums ihr gehörte. Oder wie auch Plakate in der ganzen Stadt ihr Profil zeigten. „Das war einfach grandios“, erinnert sie sich und erzählt weiter: „Jetzt wusste ich es ganz genau. Nur dieser Beruf der Schauspielerin stillt meine Leidenschaft, mich zu verwandeln. Und in die verschiedensten Rollen zu schlüpfen: Von der Granddame über die Ingenieurin bis hin zur Blumenfee oder der biederen Hausfrau …“

Zu ihren Lieblingsrollen zählt sie das Solostück der amerikanischen Päpstin, verfasst von Esther Vilar. Es ist ein hochinteressantes, aufregendes Stück. Ein provozierendes Drama, das zu eigenen Gedanken anregt. Und das sie auch in der Galerie Koenitz am Leipziger Dittrichring auf die Bühne brachte und damit zum ersten Mal diesen Raum in ein Theater verwandelte: „Auch da war wieder dieses beglückende Gefühl: Die Freude der Zuschauer zu erleben, dies war wieder einmalig.“
Ausgesprochen vielseitig in der Schauspielkunst
Ihre schauspielerische Vielseitigkeit dokumentieren über die Jahrzehnte verschiedenste Filmarbeiten, aber es gab auch Gastspiele im Fernsehen – zum Beispiel in zwei Folgen der Erfolgsserie „In aller Freundschaft“. Spannend: Dazu kommt auch die Synchronisation englischer Serien – in der Zeichentrickserie „Peppa Wutz“ leiht sie Mama Löffel seit zehn Jahren ihre Stimme. In einem japanischem Zeichentrickfilm sprach sie eine uralte Japanerin. Auch als Sprecherin machte und macht sie sich einen Namen.
Dazu gibt es noch eine weitere spannende Geschichte: Einst stand sie im Stück „Der Kammersänger“ aus der Feder von Frank Wedekind in Leipzig auf der Bühne. Und zwar in der weiblichen Hauptrolle als Helene, die den Kammersänger – der kurz vor seiner Abreise nach Brüssel, wo er Wagners Tristan singen soll – bei seiner Gesangsprobe im Hotelzimmer empfindlich „stört“ … Da wird übrigens Jörg Kaehler auf die junge Schauspielerin aufmerksam und besetzt sie kurzerhand in einem Fernsehspiel.
Wie das Leben so spielt: Während der Probe unter seiner Regie schlich sich bei Beiden auf einmal die Liebe ein. Und die wurde im Laufe der Zeit immer stärker. Schließlich gaben sie sich das Jawort für den Bund des Lebens, der dann auch über 40 Jahre bis zu seinem Tod hielt.
Vom Zimmertheater und den Freilichtspielen
„Wir waren Beide nicht nur in unseren Beruf verliebt – mein Mann der Regisseur und Schauspieler, ich die Darstellerin – auch das normale Leben brachte uns unwiederbringliche feinfühlinge Botschaften, die uns berührten, inspirierten, unsere Herzen erfreuten“, sinniert Sibylle Kuhne. Und denkt dabei auch an das Zimmertheater, das Beide gründeten und an ihre Freilichtspiele, mit denen sie überregionalen Erfolg hatten: Dies zeigten die deutschlandweiten Gastspielen in Mainz, Köln, Hamburg oder Berlin.
„Da war wieder dieses beglückende Gefühl: Die Freude der Zuschauer zu erleben, dies war wieder einmalig!“
Wahrlich ein besonderes Vergnügen ist es, die Schauspielerin in ihrer ganz eigenen Art zu erleben und dies am besten während ihrer literarischen Darbietungen: Von Heinrich Heine über Ludwig van Beethoven, von Wolfgang Amadeus Mozart, Clara Schumann, Hermann Hesse, Eva Strittmatter bis hin zu Rainer Maria Rilke – stets nimmt sie die Zuhörerinnen und Zuhörer mit in das Sein des Künstlers, betrachtet deren Schaffen in ihrer Vielseitigkeit, so dass immer einen sehr lebendigen Eindruck mit nach Hause nimmt. Es ist eben mehr ein aufgelockertes Theaterstück, was Sibylle Kuhne da sehr gekonnt zum Besten gibt – natürlich immer verziert mit Musik.
„In guter Literatur schwingt eine Melodie mit. Da höre ich eine bestimmte musikalische Stimme. So gehört für mich zu Rainer Maria Rilke ein Cello, bei Clara Schumann natürlich ein Klavier, zu jiddischer Lyrik Klarinette“, erzählt sie und ergänzt: „Stellvertretend für all die wunderbaren Musikerinnen und Musiker, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, möchte ich Tommaso Graiff am Klavier, Carmen Dreßler mit dem Violoncello und Antje Taubert an der Klarinette erwähnen.“
„Hunger auf Leben“ zum Frauentag
„ Hunger auf Leben“ , das ist ihre nächste Veranstaltung am 6. März. Zum Frauentag und da geht es um das kämpferische, romantische, erotische Leben von Brigitte Reimann. Diese war einst eine der wichtigsten Autorinnen der DDR, starb kurz vor ihrem 40. Geburtstag. Los geht die Aufführung um 18 Uhr in der Leipziger Stadtbibliothek am Wilhelm-Leuschner-Platz.
Und was gibt’s zum Sonntagsfrühstück? Sibylle Kuhne lächelt: „Da habe ich keine besonderen Rituale. Wenn Besuch da ist, dann gibt’s auch schon mal Rührei, Käse, Schinken und mehr als einen Kaffee. Und sind meine beiden Enkelkinder dabei, dann kommen der Kakao und gern mal Pfannkuchen mit Apfelmus dazu.“
Übrigens: Das Credo ihres Mannes auf jener Parkbank im Clara-Zetkin-Park gleich am Inselteich, das hat sie sich auch zu eigen gemacht. Es lautet: „Belehren wir unser Publikum nicht, begeistern wir es!“ Traudel Thalheim































