„Ich dachte, das kann nicht sein“ – wie eine Leipziger Autorin für schreibende Eltern kämpft

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Die Leipziger Autorin Katharina Bendixen hat einen Erzählband über die Herausforderungen des Eltern-Daseins geschrieben. Foto: André Kempner
Die Leipziger Autorin Katharina Bendixen hat einen Erzählband über die Herausforderungen des Eltern-Daseins geschrieben. Foto: André Kempner

Es ist eine Idee, die zunächst nach schlechter ­Science-Fiction klingt: Eltern, die ihre Kinder tauschen, weil die Gesellschaft ihnen keine andere Lösung anbietet. Bei Katharina Bendixen hat so eine Geschichte Eingang gefunden in einen ­Erzählband.

In „Eine zeitgemäße Form der Liebe“, erschienen im März 2025, durchmisst die Leipziger Autorin das gesamte Spektrum des Elternseins – von absurden Kita­Entwicklungsberichten über WhatsApp-Gruppen-Dramen bis hin zu surrealen Träumen. Das Buch ist komisch, traurig und bisweilen erschreckend nah an der Realität.

Bendixen wollte nie über Mutterschaft schreiben

Eigentlich wollte ­Katharina Bendixen nie über Mutterschaft schreiben. „Ich hatte das Gefühl, es gibt davon schon so viel“, sagt die 45-Jährige. Seit dem Jahr 2020 habe eine regelrechte Welle von Büchern über Mutterschaft die deutschsprachige Literatur erfasst. Was sollte sie noch hinzufügen? Dazu kam ein zweites, persönlicheres Problem: „Wenn man über Kinder schreibt, hat man eine ganz ­andere Verantwortung, als wenn man die Beziehung einer Figur zu ihren Freunden oder Eltern schreibt.“ Die Nähe zum eigenen Leben, der unvermeidlich autobiografische Anteil – das bereitete ihr Unbehagen.

Der Erzählband "Eine zeitgemäße Form der Liebe" ist im März 2025 im Verlag "Edition Nautilus" erschienen.
Der Erzählband „Eine zeitgemäße Form der Liebe“ ist im März 2025 im Verlag „Edition Nautilus“ erschienen.

Doch dann blieb es doch beim Thema Mutterschaft. „Man kann sich seine Themen nicht so wirklich aussuchen“, sagt sie. „Die Texte kommen irgendwie zu einem. Was geschrieben werden will, will geschrieben werden.“ Und so entdeckte ­Bendixen, dass sie in jeder Kurzgeschichte, die sie anging, immer wieder bei denselben Figuren landete: „Mütter oder Väter am Rande des Nervenzusammenbruchs.“ Daraus sollte ein Buch werden – aber kein gewöhnliches.

Entwicklungsberichte für Löwenkinder

Was „Eine zeitgemäße Form der Liebe“ von anderen Büchern über Elternschaft unterscheidet, sind die teils absurden Gedankenspielereien. Bendixen hat keine klassische Erzählsammlung zusammengestellt, sondern verschiedene Textarten ­darin vereint: Es gibt einen Kita-Entwicklungsbericht, den Chatverlauf einer Elterngruppe, Traumprotokolle und essay­is­tische Texte. Die Länge variiert stark, manche Erzählungen sind kaum eine Seite lang.

„Ich dachte: Das kann ja nicht sein, dass ich meinen Beruf nicht mehr machen kann, weil ich Kinder habe. Das ist ja total absurd.“

Besonders eindrücklich ist der Entwicklungsbericht über ein kleines Löwenkind, das im Kindergarten Probleme bekommt und dessen „Menschwerdung“ angestrebt wird. Dahinter steckt ein sehr reales Problem: Kinder, die nicht exakt in die Norm passen, werden häufig sofort als auffällig markiert.

„Das ist ein Thema von ganz vielen Eltern, was aber gar nicht an den Kindern oder den Eltern liegt, sondern an diesem sehr starren, unterfinanzierten Bildungs­system“, kritisiert Bendixen. Dass die Autorin vom magischen Realismus Lateinamerikas und auch von Kafka geprägt ist, merkt man ihren Texten deutlich an. Wobei ihr das Überzeichnen immer weniger nötig erscheint: „Die Realität ist eigentlich absurd genug. Man muss sie nur noch darstellen.“

Erfundener Chatverlauf einer Eltern-WhatsApp-Gruppe

Auch ein erfundener Chatverlauf einer Eltern-WhatsApp-Gruppe erscheint ­erschreckend vertraut. „Man ist ja in diesen Chats gefangen“, sagt ­Bendixen. „Wenn man Kinder hat, muss man da rein.“ Oft gehe es in diesen Gruppen um eine Form des Wettbewerbs: Wessen Kind ist das angepassteste, das leistungsstärkste? „Kinder und ­Eltern werden so zeitig in Konkurrenz gesetzt“, sagt sie.

Der wohl radikalste Text des Buches ist die titelgebende Geschichte „Eine zeitgemäße Form der Liebe“. Die dystopische Erzählung beschreibt in wissenschaftlichem Sprachstil das ­Problem überforderter Eltern. Als Lösung schlägt ein Psychologe ein Kindertauschprogramm vor. „Sowas wird in der Realität niemals passieren“, sagt ­Bendixen. „Aber es zeigt die Hilflosigkeit von vielen Eltern in einer relativ familienunfreund­lichen Gesellschaft, in der sich nur sehr wenige für die Interessen von Kindern – und von Eltern – stark machen.“

Andere Autoren brauchen Ruhe

Wie schwer es ist, als Mutter im Literaturbetrieb zu bestehen, das weiß Katharina Bendixen aus eigener Erfahrung. Viele Jahre lebte sie unter anderem von Aufenthaltsstipendien – ­jenen Residenzprogrammen in verschiedenen Städten, die Schriftstellerinnen und Schriftstellern die Möglichkeit geben, abseits des Alltags zu schreiben und andere Künstler kennenzulernen. „Für eine gewisse ­Lebensphase ist das eigentlich ganz cool“, sagt sie. „Wenn man fertig ist mit dem Studium, ist es nett, so von Ort zu Ort zu reisen.“

Katharina Bendixen bei einer Lesung im Literaturhaus in Leipzig. Foto: Carmen Laux/Literaturhaus Leipzig

Katharina Bendixen bei einer Lesung im Literaturhaus in Leipzig.
Foto: Carmen Laux/Literaturhaus Leipzig

Doch als sie Kinder bekam, ließ sich das Modell nicht mehr aufrechterhalten. Denn auf ­Eltern sind diese Programme in der Regel nicht zugeschnitten. Dreimal verlor sie auf diese Weise Stipendien, weil sie ihr Kind mitbringen wollte. „Ich dachte: Das kann ja nicht sein, dass ich meinen Beruf nicht mehr machen kann, weil ich Kinder habe. Das ist ja total absurd.“

Netzwerk für Eltern

Ein Stipendiengeber antwortete ihr mal auf die Frage, ob sie ihre Kinder mitbringen könne: Das gehe leider nicht, denn ­„other writers need to concentrate.“ Also: Kinder seien dort nicht erlaubt, weil andere Autoren konzentriert arbeiten müssten.

Für Bendixen war das der Auslöser, gemeinsam mit ihrem Partner, dem Schriftsteller David Blum, und der Autorin Sibylla ­Vidic Hausmann ein Netzwerk für schreibende Eltern zu gründen, das inzwischen „Netzwerk Schreiben und Care“ heißt. Denn mit der Zeit wurde klar: Das Problem betrifft nicht nur Eltern, sondern alle, die Angehörige pflegen.

Das Netzwerk, das aus diesem Frust entstand, hat inzwischen eine schwarze Liste von Stipendienprogrammen zusammengestellt, die Familien ausschließen. Einzig Hamburg habe bislang ein wirklich familienfreundliches Stipendienprogramm aufgelegt: Künstlerinnen und Künstler mit Kindern können dort selbst entscheiden, ob sie ihr Kind mitbringen und betreuen lassen wollen oder ohne Kind anreisen. „Das ist die einzige Art, das zu handhaben“, findet Bendixen. „Jeder kann das nur für seine eigene Situation entscheiden.“ Das Konzept hat Bendixen bereits an verschiedene Städte verschickt. Reagiert hat kaum jemand.

In Bendixens ­Erzählband kommen fast ausschließlich Mütter vor. Versuche, Erzählungen aus Vätersicht zu schreiben, scheiterten. „Ich hab das ­literarisch nicht bewältigt“, sagt sie schlicht. Dabei möchte sie das Thema Elternschaft nicht als reines Frauenproblem verstanden wissen. Das Netzwerk ist bewusst offen für Väter und Mütter. „Wir müssen diesen Kampf gemeinsam ausfechten und nicht sagen: Wir haben es doch schwerer als ihr.“

Zwei Zuckertüten in der ersten Klasse

Katharina Bendixen wurde 1981 in Leipzig geboren. Ihre Eltern waren beide Lehrer und zogen mit der Familie für ein DDR-Austauschprogramm 1985 nach Laos, um dort Deutsch zu unterrichten. Die deutschen Kinder lebten in einer weitgehend abgeschlossenen Welt. Es gab in der deutschen Schule nur vier Kinder in ihrer Klasse. „Ich hab zwei Zuckertüten bekommen“, erinnert sich Bendixen, „weil ich quasi zwei Schulanfänge hatte – einen in Leipzig und einen dort.“

Was von Laos geblieben ist, sind vor allem vage Erinnerungen: der Duft einer bestimmten Blume, der Geschmack einer Frucht, die an einer Straße verkauft wurde. „Das habe ich als Erinnerung abgelegt“, sagt ­Bendixen. Als sie mit 30 noch einmal in das Land reiste, erkannte sie kaum etwas wieder – nur diese Gerüche hatte sie im Kopf behalten.

Schon in der ersten Klasse eigene Texte geschrieben

Geschrieben hat Bendixen schon als Grundschulkind. „Schon in der ersten Klasse hab ich das immer gemacht, auch lange Texte.“ Den Beruf der Schriftstellerin hielt sie lange nicht für ein realistisches Ziel. Nach dem Abitur studierte sie Buchwissenschaft und Hispanistik in Leipzig, verbrachte ein ­Semester in Spanien – und dachte, sie würde Lektorin werden.

Kurz nach dem Studium erschien ihr erstes Buch, sie machte sich selbstständig. Einen Brotjob in einer Buchhandelskette brachte finanzielle Sicherheit. Vollständig von der Schriftstellerei zu leben, das gelang ihr erst ab etwa 2014, als sie Stadtschreiberin in Erfurt wurde, also ein mehrmonatiges Literaturstipendium bekam.

2022 folgte das Dresdner Stadtschreiberamt – und dort gelang gemeinsam mit der verantwortlichen Kulturbehörde etwas, das Bendixen überraschte: Das Stipendium wurde auf ihre Bitte hin familienfreundlich gestaltet. Einen Monat war sie allein in Dresden, einen Monat mit Familie, den Rest erledigte sie von Leipzig aus. „Dresden war super progressiv und total offen“, lobt sie.

Großen Erfolg hatte Bendixen mit ihrem dystopischen Jugendroman „Taras Augen“, der 2022 erschienen ist und in Sachsens Schulen aktuell zur Pflichtlektüre zählt. Die Autorin ist deshalb regelmäßig in Schulen im Freistaat zu Gast und liest aus ihrem Buch. Sie mag den Austausch mit den jungen Leuten, die viele ehrliche Fragen stellen.

Halbe-halbe im Alltag bei der Betreuung

Heute lebt Bendixen mit ihrem Partner David Blum und ihren zwei Söhnen, zehn und sieben Jahre alt, in Leipzig. Ein Büro, zweihundert Meter die Straße hinunter, ist ihr Arbeitsraum für konzentriertes Schreiben. Organisatorisches und E-Mails erledigt sie zu Hause. „Wenn ich weiß, ich muss noch Bürokram machen, kann ich nicht schreiben. Wenn alles abgearbeitet ist, dann schreibe ich.“ Beide Eltern teilen sich die Betreuung der Kinder konsequent auf: „Das war völlig klar für uns von Anfang an – das galt sowohl für die Elternzeiten als auch für den Alltag mit den Kindern.“ Dass das eine Ausnahme ist, weiß sie genau.

Mit David Blum ist sie auch in anderer Hinsicht ein gutes Team. Noch in diesem Sommer erscheint im Klett-Kinderbuch­verlag ein Buch, das beide geschrieben haben: „Ins Sparschwein rein, Oh nein!“ dreht sich um eine Euromünze, der man auf ihrer Reise durch viele Hände folgt: vom Presswerk über den Supermarktkassierer, der sie als Wechselgeld weitergibt, bis in den Automaten. „Man sieht, was die Münze schon alles erlebt hat“, erklärt Bendixen.

Am Ende bleibt die Frage, die Bendixens Erzählband stellt, ­ohne sie zu beantworten: Was ist für sie persönlich eine „zeitgemäße Form der Liebe“? Die Autorin hat die Antwort darauf vielleicht gefunden. Kinder werden jeden Tag selbstständiger, orientieren sich an Freunden, weg von den Eltern. „Das ist ja das Ziel“, sagt sie, „dass Kinder ihr eigenes Leben lebt.“ Eine zeitgemäße Form der Liebe – das sei keine dystopische, sondern eine ganz reale: loslassen, während man noch da ist. Gina Apitz

Katharina Bendixen: „Eine zeitgemäße Form der Liebe“. Erzählungen. Erschienen 2025 bei Edition Nautilus. Am 8. August liest die Autorin ab 17 Uhr aus dem Erzählband im Philippus-Garten in Leipzig-Lindenau.

Infos: www.katharinabendixen.de

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