8300 Tage Freundschaft: Wie aus zwei Jazz-Nerds ein Erfolgsduo wurde

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Antonio Lucaciu (l.) und Sascha Stiehler sind fast das ganze Jahr mit dem Duo auf Tour. Foto: promo

Der Himmel über der Parkbühne am Leipziger Geyserhaus strahlt in sattem Blau. Nachdem es den ganzen Tag geregnet hat, kommt nun die Sonne heraus. Genau in dem Moment, als Sascha Stiehler ans Mikrofon tritt und erst mal gar nichts sagt, sondern nur grinst. Die Ränge sind voll, das Publikum von jung bis alt bunt gemischt, Kinder sitzen auf den Schultern von Papas. Ein Sommerabend Ende August, wie gemacht für dieses Familienkonzert.

Saxofonist Antonio Lucaciu hebt sein Instrument, schon fällt der erste Ton, satt und warm, und Sascha setzt am Klavier ein. An den Drums verausgabt sich Dominique „Gaga“ Ehlert, als gäbe es kein Morgen, Schweiß auf der Stirn, ein Grinsen im Gesicht, das nicht verschwinden will. Was hier auf der Bühne passiert, ist mehr als ein Konzert. Es ist, wie Antonio Lucaciu es später im Gespräch formuliert, „eigentlich ein vertontes Freundschaftstagebuch“.

Passend dazu heißt das neue Album des Leipziger Duos „Stiehler und Lucaciu“, das im November erscheint, schlicht „8300 Tage“ – so lange sind Sascha und Antonio inzwischen befreundet, fast auf den Tag genau. „Am 1. Oktober ist Tag 8300“, rechnet Sascha vor, „ziemlich genau in diesem Zeitfenster kommt das neue Album heraus“.

Zwei Freunde erzählen aus ihrem Leben

Zum Interview laden die beiden in ein Backsteinhaus an der Bahnlinie in Gohlis ein, in dem sie ihr Studio eingerichtet haben. Das Gespräch führen beide aber lieber in der Küche statt in dem zwölf Quadratmeter großen Kabuff. Hier sitzen zwei Musiker oder besser zwei Freunde, die aus ihrem Leben erzählen. Antonio immer leicht pathetisch, Sascha eher frotzelig-amüsiert. Er sagt Sätze wie: „Geschwister habe ich nicht, aber ich hatte Meerschweinchen.“ Dafür kassiert der 38-Jährige einen Seitenblick von seinem Musikerkollegen Antonio – und ein Grinsen.

Beim neuen Album ist den beiden etwas gelungen, was wohl eher selten geschieht: Sie waren mit der Produktion schneller durch als gedacht. Eigentlich sollte es erst im Frühjahr nächsten Jahres erscheinen. Doch nun kommt das Freundschaftsalbum schon im November auf den Markt.

Bei manchen Songs geht es auf der Bühne auch mal wilder zu, wie hier bei "Dau Dubba Dibbie Dubba Däy". Foto: Sandra Ludewig
Bei manchen Songs geht es auf der Bühne auch mal wilder zu, wie hier bei „Dau Dubba Dibbie Dubba Däy“. Foto: Sandra Ludewig

Die Songs erscheinen diesmal nicht auf einen Schlag, sondern häppchenweise, jeden Monat einer, digital ist das Album erst im April komplett – eine bewusste Entscheidung. „Wir haben den Eindruck, dass wir lieber schnell damit raus wollen, weil die Energie gerade hoch ist“, erklärt der 39-jährige Antonio. „Wir sind auch frisch verliebt in die Sachen, die wir geschrieben haben.“

Zwölf Songs erzählen von gemeinsamen Erinnerungen: vom Leipziger Liveclub Telegraph, den beide einst mitgegründet haben, von einer geplatzten Fernsehshow, die „Chapeau“ geheißen hätte, und von Richie Beirach, dem 2024 verstorbenen Klavierprofessor, der beide viele Jahre prägte. „Wir vertonen auf der einen Seite Emotionen, aber auch tatsächliche Geschichten“, sagt Antonio.

Und das ganz ohne Text, denn gesungen wird beim Duo fast nicht. Diese Musik, irgendwo zwischen gefühligem Jazz und fröhlichem Pop, funktioniert erstaunlich gut. Sascha appelliert deshalb bei jedem Konzert ans Publikum: „Eure Fantasie sind unsere Texte.“

Ein Musikwettbewerb im Vogtland

Kennengelernt haben sich die beiden 2004 bei einem Musikwettbewerb im sächsischen Vogtland, Sascha am Klavier, Antonio – Überraschung – ebenfalls am Klavier, bevor er zum Landeswettbewerb dann mit dem Saxofon auftauchte. Der erste Eindruck war wenig schmeichelhaft. „Ich dachte: Was für ein Freak“, gesteht Sascha lachend, „er stand am Klavier und hat es eigentlich traktiert“. Antonios erster Eindruck: „Boah, ist der brav.“ Aus der anfänglichen Skepsis wurde binnen Wochen eine Freundschaft, aber anfangs auch ein Wettbewerb. „Wir haben uns gegenseitig mitgenommen“, erinnert sich Sascha, „das war eine gesunde Konkurrenz“.

Es gibt auch mal Streit beim Duo

22 Jahre Freundschaft, das klingt nach einer geraden Linie – die war es aber nicht immer. „Es gab auf jeden Fall Phasen, wo man sich auch sehr aus dem Weg gehen musste“, sagt Antonio offen, vor allem in der Zeit ihrer gemeinsamen Popband „Egolaut“. Beide hatten irgendwann unterschiedliche Vorstellungen, in welche Richtung sich die Musik entwickeln sollte. „Wenn man erst sagt, das ist es, und dann einer sagt, nein, das ist es nicht mehr, entstehen dadurch Spannungen“, sagt Antonio.

Das Leipziger Duo "Stiehler und Lucacio" tourt mit ihrem "Happy Jazz" durch ganz Deutschland. Foto: Sandra Ludewig
Das Leipziger Duo „Stiehler und Lucacio“ tourt mit ihrem „Happy Jazz“ durch ganz Deutschland. Foto: Sandra Ludewig

Auch heute wird gestritten, laut sogar manchmal – „aber wir sind ja generell laute Menschen, da fällt das gar nicht auf“, findet Antonio und grinst. Sascha ergänzt, dass genau diese Offenheit das Erfolgsrezept ihrer Freundschaft sei: „Wir können uns relativ schnell die Meinung geigen, und das hat den Vorteil, dass man nicht über Tage und Wochen Sachen mit sich rumträgt“. Dass keiner von beiden Ärger vor sich herschiebt, ist vielleicht auch nötig, wenn man fast 360 Tage im Jahr miteinander zu tun hat, den Alltag teilt und sogar mit den Familien – Sascha hat ein Kind, Antonio zwei – in den Urlaub fährt.

Aufwachsen in der sächsischen Provinz

Was sie verbindet, ist außerdem eine ähnliche Sozialisation: Beide wachsen in der sächsischen Provinz auf. Sascha wird in Zwickau in einen musikaffinen Lehrerhaushalt hineingeboren, sein Vater unterrichtet, seine Mutter singt leidenschaftlich im Chor. Der Zugang zur Musik kam „relativ natürlich“ und wurde vertieft über das Clara-Wieck-Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt, wo Singen und Instrumentalspiel so normal waren wie Mathe und Deutsch.

Bei Antonio dagegen war Musik auf hohem Niveau von Anfang an Programm. Seine Eltern sind beide Orchestermusiker. Sein älterer Bruder Robert ist heute einer der bekanntesten deutschen Jazzmusiker, sein Bruder Simon ist ebenfalls Jazzpianist. „Es war schon ganz klar die Erwartung, dass wir gut werden“, erinnert sich Antonio. „Wir mussten jeden Tag üben, das war ganz normal. Ohne unsere Mutter wären wir drei wahrscheinlich nicht solche Musiker geworden.“

Ein Denkmal für die eigene Oma

Einer wichtigen Person seiner Kindheit hat Sascha einen eigenen Song gewidmet: „Frau Holle“ nannte Sascha liebevoll seine Großmutter. Ihr hat das Duo mit dem gleichnamigen Stück ein kleines Denkmal gesetzt. 2013 drehten die beiden noch ein Musikvideo mit der alten Dame, mit Trabant und Sektflasche, für ihr erstes Album. Ein Jahr später starb sie, im Alter von 92 Jahren.

Die Großmutter, geboren 1921 noch in der Weimarer Republik, hatte als Sekretärin beim Finanzamt gearbeitet, ihr Mann war Schulrat in Zwickau – eine Welt aus „richtigen, vernünftigen Berufen“, wie Sascha es nennt, in der für das Musikerleben ihres Enkels lange kein Platz war. Sie schaute lieber Schlager- und Volksmusiksendungen, und als sie Sascha und Antonio schließlich live hörte, war ihr Urteil eindeutig: „Womit wollt ihr denn mal Geld verdienen?“, fragte sie. Ihr breites Sächsisch tönt noch heute im Frau-Holle-Song über die Konzertbühne und sorgt für viele Schmunzler.

„Wir können uns relativ schnell die Meinung geigen, und das hat den Vorteil, dass man nicht über Tage und Wochen Sachen mit sich rumträgt.“

Die Wege von Sascha und Antonio kreuzten sich endgültig in Leipzig, wo beide Jazz an der Hochschule für Musik und Theater studierten. Nebenher stürzten sie sich in eigene Projekte: Sie gründeten einen eigenen Jazz-Klub, außerdem ein eigenes Label und nahmen ihre Songs in einem gemeinsamen Studio in Plagwitz auf. Bis heute stemmen die zwei die gesamte Orga für das Duo, bis auf das Booking, allein.

Der Sound, den man heute mit den beiden verbindet, entstand 2011/2012, als aus improvisierten Jazzstücken zunehmend erzählte Geschichten wurden. „Ab da ging der Duo-Sound so richtig los“, sagt Antonio. Anfangs traten die beiden in kleineren Clubs wie dem Horns Erben auf. Inzwischen bespielen sie auch größere Locations, das letzte Konzert in der Leipziger Oper war ausverkauft. Und: Die beiden sind praktisch ununterbrochen auf Tour, spielen auf großen und kleinen Bühnen in ganz Deutschland.

Schlagzeuger „Gaga“ ist der beste Freund des Duos

Zur Familie im übertragenen Sinne gehört seit einigen Jahren auch Dominique „Gaga“ Ehlert. Auf der Bühne komplettiert er das Duo zum Trio, bringt am Schlagzeug jede Menge Energie in die Konzerte. „Gaga ist der beste Freund des Duos“, sagt Sascha, „er macht uns als Musiker besser, ganz klar. Aber wir sind die Songschreiber“. Antonio ergänzt: „Es kann Konzerte geben, wo noch jemand dazukommt – ein Streichquartett oder sogar ein ganzes Symfonieorchester. Aber die Keimzelle bleiben wir.“

Gaga war auch schon Gast im gemeinsamen Podcast, in dem Sascha und Antonio seit Kurzem wöchentlich über Musik, Freundschaft und das Leben auf Tour plaudern – „ein bisschen Paartherapie“, nennt Sascha das schmunzelnd.

Und wohin soll die Reise gehen? Größere Bühnen schließen beide nicht aus, wichtiger aber ist ihnen etwas anderes. „Unser Ziel ist es nicht, super prominent zu werden“, sagt Antonio, „wir wollen real bleiben und richtig gute Musiker“. Sascha träumt von Konzerten in Paris oder Amsterdam, von Reisen durch ganz Europa. Bis dahin liegt vor ihnen erst einmal ein volles Tourjahr, samt neuem Album, und jenem Schatz, den beide für das wichtigste Fundament halten: ihre Freundschaft.

Am Ende des Konzerts auf der Parkbühne erklingt „Plagwitz“, ein Song über den kreativen Stadtteil und das alte Künstlerhaus, in dem der spezielle Sound des Duos seinen Anfang nahm. Irgendwann lässt Schlagzeuger Gaga erschöpft lächelnd die Sticks sinken. Die Sonne scheint immer noch. Gina Apitz

Infos: www.duo-show.de

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