
In der Kirche in Spröda herrscht an diesem sonnigen Tag reges Treiben. Doch nicht die Gemeinde ist hier aktiv, sondern vier Restaurierungsstudierende aus internationalen Hochschulen. Sie nehmen an der internationalen Sommerschule des Pfarrbereichs Schenkenberg teil. Das Projekt gibt ihnen die Möglichkeit, ihr an den Hochschulen erworbenes theoretisches Wissen praktisch an Objekten in drei barocken Kirchen des Pfarrbereichs zu vertiefen.
Restaurierung auf Zeit
Spröda ist eine dieser drei Kirchen. Hier restaurieren die Studierenden zwei barocke Wandmalereien samt Inschrift. „Das ist ein vielschichtiger Prozess“, sagt Oliver Tietze. Der Diplom-Restaurator aus Leipzig organisiert die Sommerschule gemeinsam mit Pfarrer Matthias Taatz.
Über vier Wochen untersuchen die Studierenden die Maltechnik und den Zustand des Putzes. Lose Bereiche sichern sie mit historischem Mörtel. Anschließend reinigen sie die Oberfläche vorsichtig von Schmutzschichten und retuschieren Fehlstellen farblich präzise.

die Teilnehmenden
der internationalen
Sommerschule an
den barocken Wandmalereien in der
Sprödaer Kirche.
Lose Putzstellen
werden gesichert,
Schmutzschichten
vorsichtig entfernt
und Fehlstellen anschließend retuschiert. Foto: Nannette Hoffmann
Die kleine barocke Saalkirche ist schlicht ausgestattet, hält für Besucherinnen und Besucher aber einige versteckte Besonderheiten bereit. „Im Grunde ist die Kirche zu Spröda ein Neubau“, sagt Pfarrer Matthias Taatz. Der Vorgängerbau von 1140 war baufällig. Also entstand 1736 mit Teilen aus dem Vorgängerbau ein neues Kirchengebäude. Doch dafür brauchte die Gemeinde Geld und damit beginnt die besondere Geschichte dieser Kirche.
Vom sächsischen Dorf zur Exklave
Spröda gehörte seit dem Mittelalter zum Amt Petersberg und damit zum Kurfürstentum Sachsen. Kurfürst August der Starke verkaufte das Amt einschließlich des Dorfes 1697 an den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., weil er dringend Geld benötigte.
Damit gab August der Starke allerdings auch die historische Grablege seiner eigenen Vorfahren, der Wettiner, aus der Hand. „Spröda wird somit zur Exklave des späteren preußischen Königreiches“, erklärt Taatz. Friedrich III. krönte sich 1701 als Friedrich I. zum „König in Preußen“.Bis heute erinnert daran die Wetterfahne auf dem Kirchturm mit dem preußischen Adler. Sie ist allerdings eine Nachbildung. Das Original liegt im Delitzscher Stadtmuseum.

Symbolen für die protestantischen Tugenden Glaube, Liebe,
Hoffnung und Geduld. Hier die Liebe. Foto: Nannette Hoffmann
Geld aus der Privatschatulle
Für den Kirchenneubau wandte sich die Gemeinde 1735 an ihren damaligen Herrscher Friedrich Wilhelm I., den Sohn Friedrichs I. Er hatte den preußischen Thron 1713 nach dem Tod seines Vaters übernommen.
Friedrich Wilhelm I. galt als sparsamer Herrscher. Luxus lehnte er ab, stattdessen legte er Wert auf Pflichtbewusstsein und Ordnung. „Für Kunst und Musik hatte er wenig übrig, seine Aufmerksamkeit widmete er dem Aufbau eines Heeres und er reformierte die preußische Verwaltung radikal“, weiß Pfarrer Taatz zu berichten. Als Spröda um Geld für die Kirche bat, öffnete er dennoch seine Privatschatulle und übergab der Gemeinde 100 Taler. „Daher wird die Kirche auch Schatullkirche genannt.“
Der Herrscher erhielt zudem einen eigenen Thronsitz in der Kirche. Er ist heute nicht mehr vorhanden. Nur ein Adler an der Wand erinnert noch an seinen Standort nahe des Altars. Ob Friedrich Wilhelm I. die Kirche selbst jemals besuchte, ist nicht belegt.
Altar voller Symbole
Bemerkenswert ist der originale barocke Kanzelaltar mit seinen korinthischen Säulen. Im Dach ist das Monogramm des Patronatsherrn Friedrich Wilhelm I. verewigt: FWR für Fridericus Wilhelmus Rex.
Neben den Säulen stehen zwei Engel. Der linke hält Ähren in der Hand, der rechte Weintrauben. Sie verweisen auf das Abendmahl und zeigen dem Pfarrer zugleich, auf welcher Seite bei der Feier Brot und Wein stehen sollen.
Ganz oben auf dem Altar thronen zwei weitere Engel. Der linke hält die Zehn Gebote in der Hand, der rechte einen Kelch. In der Mitte sind Sonne, Wolken und drei Engelsgesichter zu sehen – eine weitere Versinnbildlichung der Dreifaltigkeit.

Sprödaer Kirche. Im Kanzeldach ist das Monogramm Friedrich
Wilhelms I. zu sehen. Foto: Nannette Hoffmann
Neben der Kanzel befindet sich eine Sanduhr mit vier Behältern. „Das ist eine historische Predigtuhr. Sie diente dazu, die Redezeit des Pfarrers zu begrenzen.“ Viermal 15 Minuten hatte der Pfarrer für seine Predigt Zeit, danach war seine Redezeit abgelaufen.
Rund um den Altar finden sich zudem vier Frauengestalten mit unterschiedlichen Symbolen in den Händen. Sie verweisen auf die vier protestantischen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung und Geduld.
Bei der Restaurierung des Altars wurden vier Farbfassungen entdeckt. „Die Kirche muss früher also deutlich bunter ausgesehen haben“, sagt der Pfarrer. Blau ist noch unter dem Kanzeldach zu erkennen. Für die heutige Gestaltung entschied man sich jedoch für Grün und griff damit die Fassung um 1900 wieder auf.

Taufstein, Beichtstuhl und Orgel
Der Taufstein in Tulpenform ist ein Relikt der alten Kirche und stammt aus dem Jahr 1590. Außerdem gibt es in Spröda einen Beichtstuhl sowie einen Vorbereitungsraum für den Pfarrer.
Bemerkenswert ist auch die Orgel, ein Sammelstück, wie Taatz betont. Sie wurde aus drei Orgeln zusammengebaut. Wann sie in die Kirche eingebaut wurde, ist nicht datiert. Sicher ist jedoch: „Die Klaviatur ist sehr alt.“
So verbindet die kleine Sprödaer Kirche heute preußische Geschichte, barocke Kunst und neue restauratorische Arbeit – und bewahrt all das für kommende Generationen. Nannette Hoffmann



































