Konrad Staisch baut in seiner Werkstatt Möbel aus Sperrmüll und anderen Materialien, die er in der Stadt findet. Foto: André Kempner
Konrad Staisch baut in seiner Werkstatt Möbel aus Sperrmüll und anderen Materialien, die er in der Stadt findet. Foto: André Kempner

Leitern, Holzbretter, Schrauben – Konrad Staisch hat schon alles Mögliche im Müll entdeckt. Für den Leipziger Künstler sind weggeschmissene Materialien alles andere als wertlos – es sind kleine Schätze, denen er zu neuem Leben verhilft. Der 32-Jährige geht gern in seinem Viertel spazieren und scannt seine Umgebung nach nützlichen Dingen. „Wenn ich einen Container sehe, dann klettere ich da rein.“

Die Liste an gefundenen Gegenständen ist lang. Staisch fischte schon Regale, Werkzeuge, eine Stereoanlage und säckeweise Klamotten aus dem Müll. „Wenn ich einen kaputten Wäscheständer sehe, will ich den mitnehmen. Sonst landet der im Müll“, sagt er.

In seinem Werkstatt-Schuppen bastelt er an neuen Projekten

In einem Schuppen versammelt er alles, was er noch gebrauchen kann. In seiner Werkstatt setzt der Leipziger die alten Dinge neu zusammen, repariert und erweitert sie. So bastelte er aus einem Stahlgerippe und alten Fliesen von einer Baustelle ein neues Regal. Aus einer alten Matratze und einigen Brettern baute er ein Sofa für seine Familie.

Das Sofa in seinem Wohnzimmer hat Konrad Staisch aus einem Holzgestell und einer alten Matratze selbst gebaut. Foto: Konrad Staisch
Das Sofa in seinem Wohnzimmer hat Konrad Staisch aus einem Holzgestell und einer alten Matratze selbst gebaut. Foto: Konrad Staisch

Mit seiner Freundin und den beiden Kindern bewohnt Staisch ein kleines Haus in einem Hinterhof in Plagwitz. Das hat er über fünf Jahre lang mehr oder weniger allein ausgebaut und dabei sehr viel Schrott integriert. Aus alten Backsteinen baute er einen Teil der Küche, das hölzerne Hochbett der Kinder ist selbstverständlich ebenfalls eine Eigenkreation.

Künstler gibt sein Wissen im Buch weiter

Jetzt hat Staisch ein Buch geschrieben, das Laien dabei helfen soll, ebenfalls selbst etwas zu bauen – und zwar am besten aus Dingen, die irgendwo herumliegen. So entstand auch der Titel des Werks „Das, was da ist“, das im März in dem kleinen Anker-Wechselverlag erschienen ist. Konrad Staisch sitzt an einem Arbeitstisch in seiner Druckwerkstatt und blättert durch die Seiten eines Prototyps seines Buches. Wenn er spricht, redet er sehr bedacht und fast einen Tick zu leise – so als ob er manchmal unsicher ist, ob das, was er erzählt, Sinn ergibt. „Das sind alles Anleitungen, die mit relativ einfachen Mitteln funktionieren“, erklärt er.

Als studierter Illustrator fiel es ihm leicht, die Anleitungen im Buch selbst zu zeichnen. Alle Abbildungen sind mit Fineliner ­gemalt. Die Reinzeichnung entsteht mit Hilfe eines Leuchttischs, mit dem er seine Skizzen abpausen kann. Die Farben kommen dann am Computer dazu. Gedruckt ist das Buch auf Recyclingpapier, teils auf Resten, die in der Druckerei anfielen.

„Es ist okay, wenn ein Regal ein bisschen schief ist. Lieber krumm als Ikea.“

Auch für sein Buch gilt die Faustregel: Nutzen, was schon da ist. Wichtig ist dem Autodidakten: Für seine Projekte braucht man kein größeres handwerkliches Verständnis oder Können. „Das Credo des Buches lautet: Trau dich und mach’s einfach“, betont Staisch. „Das Ganze hat mehr mit Selbstvertrauen zu tun als mit Talent.“

Dinge einfach mal ausprobieren

Der Künstler will andere dazu ­ermutigen, Dinge einfach mal auszuprobieren – ohne Angst davor, zu scheitern. So sind die Beschreibungen – etwa wie man ein einfaches Holzregal baut – weniger technisch, sondern eher locker formuliert. So als ob ein Freund jemandem das Ganze erklärt. Die selbst gebauten Gegenstände müssen nicht perfekt sein, sagt der Künstler. „Es ist okay, wenn ein Regal ein bisschen schief ist. Lieber krumm als Ikea“, sagt er und lächelt. Auch sein erster Versuch, ein Regal zu bauen, ging gründlich schief. Das Konstrukt war instabil. ­„Dadurch lernt man und beim nächsten Versuch klappt es besser.“

„Das Buch ist für Einsteiger gedacht, soll aber auch für Leute interessant sein, die schon etwas mehr basteln.“ Deshalb finden sich auch Anleitungen für aufwendigere Projekte darin, bei denen man Löten oder Schweißen können sollte – und entsprechendes Equipment benötigt. Staisch ist Fan von nachbarschaftlichen Ausleihstationen für Werkzeuge oder Maschinen.

Anleitung zum Mauern

Er selbst verleiht sein Equipment häufig an Freunde. Schließlich braucht nicht jeder täglich eine Kreissäge oder einen Lötkolben. Wer sich durch sein Buch inspiriert fühlt, sollte sich im ersten Schritt einen gut ausgestatteten Werkzeugkoffer zulegen, empfiehlt Staisch. „Dazu einen Akkuschrauber und eine Stichsäge, damit kann man schon ­einiges machen.“

Appell Gegen die Wegwerfgesellschaft

Der Gedanke, Ressourcen zu teilen, gehört zum Weltbild des Künstlers, der sich gegen die Wegwerfgesellschaft ausspricht. Damit passt Konrad Staisch gut in den alternativen Leipziger Westen – und in die Upcycling-Szene, die hier sehr präsent ist. Sein Buch, sagt er, soll den gesellschaftlichen Wandel vorantreiben, es hat durchaus eine politische Komponente und ist auch als Appell gedacht.

Wie baue ich einen Kompost? In Konrad Staischs Buch gibt es eineeinfache Anleitung für das Vorhaben. Foto: André Kempner
Wie baue ich einen Kompost? In Konrad Staischs Buch gibt es eine einfache Anleitung für das Vorhaben. Foto: André Kempner

„Menschen haben schon immer Sachen repariert. Das ist eigentlich nichts Neues“, sagt er. „In der DDR hat Reparatur ja auch eine große Rolle gespielt.“ Das Problem sei: „Wir als Gesellschaft haben das Reparieren grundsätzlich verlernt.“ Staisch ärgert es, dass in Europa jährlich hunderttausende Tonnen Elek­troschrott anfallen. Um all diese Dinge herzustellen, werde ­irgendwo anders der Regenwald abgeholzt oder es werden andere Ressourcen verbraucht. Dabei könne man doch viel mehr von dem nutzen, was da ist – und damit die Umwelt schonen.

Deshalb klettert Staisch ab und an auch nachts über die Zäune von Wertstoffhöfen und nimmt Brauchbares mit nach Hause („Ich habe schon Schraubzwingen dort gefunden“). Das sei als Protestaktion gegen den Wegwerf-Trend gedacht. Während man in Deutschland von Wertstoff­höfen nicht einfach Schrott mitnehmen darf, sei das in Skandinavien etwa anders geregelt. Dort sind die Höfe viel offener gestaltet, teilweise gibt es ­Kooperationen mit Handwerkern und Künstlern, die einen Teil des Mülls wiederverwerten.

Künstlerische Ader schon als Kind entdeckt

Der Künstler sammelt hauptsächlich Müll in Leipzig, unternimmt aber auch Streifzüge in seiner Heimatstadt München. Dort ist Staisch aufgewachsen – in einer handwerklich nicht besonders versierten Familie. Seine Mutter arbeitet als Buchhändlerin, der Vater in einer Firma, die Buchcover gestaltet. Als Kind lebt er viel in Fantasiewelten, ­erzählt er, und er entdeckt schon damals seine künstlerische Ader. Als Jugendlicher interessiert er sich eine Zeit lang für Graffiti und Street Art. „Da waren aber zu viele Selbstzweifel da, das habe ich wieder aufgegeben.“

Erst als Konrad Staisch nach Leipzig zieht, entdeckt er die Liebe zum Zeichnen wieder und studiert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in der Fachklasse Illustration. „Ich mag zugängliche Kunstformen“, sagt er.

Das Buch "Das, was da ist" im März im Anker-Wechsel-Verlag erschienen.
Das Buch „Das, was da ist“ im März im Anker-Wechsel-Verlag erschienen.

Heute gestaltet Staisch Druckgrafiken im Comic-Stil, entwirft außerdem Notizbücher und Postkarten, die er an seiner Siebdruckmaschine selbst herstellt. Dafür hat er einen kleinen Verlag gegründet, den er „Bunte Brücke“ getauft hat. In verschiedenen Läden in Leipzig kann man seine Werke kaufen. Künftig will sich Staisch wieder mehr auf seinen Verlag konzen­trieren. Vorher aber wird er sein Buch noch auf der Leipziger Buchmesse präsentieren.

Manchmal kauft sich Konrad Staisch auch neue Dinge, aber nur, wenn es nicht anders geht. Zuletzt besorgte er sich ein neues Handy, ein sogenanntes Fairphone aus den Niederlanden. Der Vorteil: Die Telefone können repariert werden, wenn sie kaputt gehen. Gina Apitz

instagram.com/konradstaisch

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