Künstlerin Jenny (
Künstlerin Jenny ("Jinya") Hefczyc in ihrem Van in Leipzig. Foto: André Kempner

Einsame Wellen­sittiche, verletzte Igel, im Tierheim zurückgelassene Katzen. Die Tiere in Jenny Jinyas Comics erleiden stets ein schweres Schicksal. Ihr einziger Trost ist die Figur eines gütigen Sensenmanns, auf Englisch „Loving Reaper“, der sich ihrer annimmt, ihre Geschichten hört, sie aber schließlich in den Tod führt.

Jenny Jinyas Comics treffen mitten ins Herz, vor allem in das von Tierfreunden. Und genau das sollen sie auch. Als leidenschaftliche Tierschützerin hat sich die Wahlleipzigerin auf das Thema spezialisiert. Bevor sie eine neue Story umsetzt, recherchiert ­Jinya, welches Problem sie aufgreifen will. Dafür ist sie in engem Austausch mit Tierschutzorganisationen. „Das, was ich erzähle, muss authentisch und exakt sein”, betont sie.

Schwarze-Hund-Syndrom zeichnerisch aufgegriffen

Das Schwarze-Hund-Syndrom etwa hat sie zeichnerisch aufgegriffen. Jinya will darauf hinweisen, dass schwarze Hunde und Katzen in Tierheimen seltener vermittelt werden, teils aus Aberglauben, teils weil sie als weniger niedlich betrachtet werden. „Die versauern ewig in den Tierheimen”, sagt sie. „Viele Menschen wissen das nicht.“

Die Geschichten vom „Loving Reaper”, dem freundlichen Tod als Figur, ist ihr Herzensprojekt. „Mein Tod ist menschlicher als viele Menschen”, sagt Jinya. Er versteht die Tiere, kann sich in sie hineinversetzen und reagiert empathisch. Sei es der Kettenhund, der ein trauriges Dasein fristet oder der Vogel, der seine Küken mit Plastik füttert – Jenny Jinya legt ihren Fokus auf die Gefühle der Tiere, die oft vergessen werden.

Und sie hat den Anspruch, etwas zu verändern. Deshalb wird fast jedes Comic ergänzt durch einen Erklärtext, der das Thema noch einmal einordnet und Handlungsempfehlungen gibt, etwa Spendenkonten auflistet. „Ich will die Gefühle der Menschen ansprechen”, sagt die ­Illustratorin.

Spenden auf Social Media

Als Tierfreundin hat Jinya schon eigene Social-Media-Spendenaktionen gestartet, bei denen das Geld direkt an die ­Organisationen geht. Einen Teil ihrer Einnahmen spendet sie an Tierschutzeinrichtungen. Als Studentin waren es sogar 30 Prozent, die in Tierschutzprojekte flossen, aber das hielt sie nur einige Monate durch. Es blieb sonst nicht mehr genug zum Leben.

Ihre Haupteinnahmen generiert die Comiczeichnerin über Patreon, eine Crowdfunding-Plattform, auf der ihre Unterstützer pauschal eine monat­liche Summe an sie zahlen. Im Gegenzug bekommen die Fans mal ein Bonus-Ende für ein ­Comic exklusiv oder haben Einblicke in ihre Skizzenbücher.

Zu Beginn handgefertigte Skizze

Mit einer handgefertigten Skizze beginnt ohnehin jedes Comic. Jenny Jinya zeigt eine vollgemalte Kladde, in der sie mit Kugelschreiber ihre Ideen und vor allem ihr Storyboard festhält. „Das ist ein unglaub­liches Chaos”, gibt sie zu, aber eines, das sie durchsteigt. Im nächsten Schritt greift sie zum Grafik-Tablet. „Dort kann ich das Ganze digital umsetzen.” Die Outline, Farben und Motive entstehen am Tablet.

Die Figur des gütigen Sensenmanns, des Loving Reaper, stammt aus der Feder von Jenny Jinya.
Schwarze Katzen (und Hunde) werden aus Tierheimen seltener vermittelt – darauf macht dieses Comic von Jenny Jinya aufmerksam. Repro: Jenny Jinya

Primär zeichnet Jinya für digitale Plattformen wie Instagram. Der Panini-Verlag hat schon einige ihrer Storys in Buchform veröffentlicht – und in mehrere Sprachen übersetzt. Online publiziert sie ihre Comics stets auf Englisch und erreicht dadurch eine sehr internationale Community.

Jenny Jinya arbeitet nur ungern am Schreibtisch

Jenny Jinya arbeitet nur ungern am Schreibtisch. „Ich fand das schon in der Schule schlimm”, gibt sie zu. Lieber zeichnet sie an Orten, an denen sie sich frei fühlt, etwa in einem Café, am See oder bei Freunden auf der Couch. Oder aber im Bett in ihrem Van, den sie sich teils selbst ausgebaut hat.

Mit dem rosa Fahrzeug ist sie vor allem im Sommer viel unterwegs. Auf dem Beifahrersitz hechelt Hund Arlo. Der weiße, mittelgroße Spitz ist ihr treuer Begleiter. Sie hat ihn vor einigen Jahren aus einer ungarischen ­Tötungsstation gerettet. Seit er bei ihr lebt, hat er seine Angst vor Menschen nahezu verloren.

Jenny Jinya liebt ihre Unabhängigkeit und die Möglichkeit, sich ihren Tag frei zu gestalten. „Solange ich mein Tablet dabeihabe, kann ich überall arbeiten”, sagt sie. „Arbeit ist auch Lebenszeit.” Und die will sie sich angenehm gestalten. Einem normalen Bürojob könnte sie auch wegen ihrer Erkrankung nicht nachgehen. Mit 18 bekam Jinya die Diagnose, dass sie Multiple Sklerose (MS) hat, eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Dadurch ist sie phasenweise sehr müde und leistungsschwach. Doch Medikamente helfen ihr, den Alltag gut zu meistern.

Kindheitstraum wird Wirklichkeit

Dass sie sich einmal ihren Kindheitstraum verwirklichen würde, das war lange unklar. Schon als junges Mädchen erklärte sie: ­„Irgendwann werde ich Künstlerin.” Familie und Freunde rieten ihr davon ab, sie solle etwas Vernünftiges lernen. Geboren wird die Zeichnerin als Jenny Hefczyc in Hildesheim. Ihr genaues Alter will sie nicht verraten, weil sie es für irrelevant hält. Ihre Eltern beschreibt sie als „ein bisschen wild”. Sie bereisen mit ihr die Welt, die Familie ist auch mal über die Schulferien hinaus im Ausland unterwegs.

Die Figur des gütigen Sensenmanns, des Loving Reaper, stammt aus der Feder von Jenny Jinya.
Die Figur des gütigen Sensenmanns, des Loving Reaper, stammt aus der Feder von Jenny Jinya.

Mit zwölf Jahren fängt sie an zu zeichnen, vor allem ­Porträts und Mangas. Nach der Schule plündert Jenny ihr Sparkonto und besucht ein halbes Jahr eine japanische Schule, auch wenn sie die Sprache kaum versteht. Nach ihrem Abschluss studiert sie Kunst an einer privaten Hochschule in Berlin, später digitale Medien in Hildesheim. Noch bis kurz vor ihrem Abschluss weiß sie nicht, was sie nach dem Studium beruflich machen will. „Ich war so verzweifelt”, erinnert sie sich.

Erstes Loving-Reaper-Comic erscheint

Dann kommt der 8. Oktober 2019. Sie erinnert sich an das Datum noch genau. „Der Tag hat alles verändert.” Es war der Moment, an dem sie ihr erstes Loving-Reaper-Comic bei Twitter hochlud. Am nächsten Morgen zeigte ihr Postfach 80 000 Benachrichtigungen. Jenny ­Jinya dachte erst, dass es sich um einen Shitstorm handelt. Doch sie bekam fast nur positive Reaktionen.

Mit ihren Tierschutz­Comics traf sie einen Nerv. Sie hatte eine Nische gefunden, die bisher nicht besetzt war – und wird bis heute von einer treuen Community unterstützt. Auf ­Instagram folgen ihr 750 000 Menschen. Seither sind ihre Existenzängste gelöst. „Ich kann von den Comics richtig gut leben.”

„Ich will Tiere adoptieren, die keiner haben will.”

Vor vier Jahren – mitten in der Corona-Zeit – entschied sich die Comic-Zeichnerin, nach Leipzig zu ziehen. Da studierte sie noch, doch alle Vorlesungen fanden nur noch online statt. Eine Freundin lud sie ein: Komm doch nach Leipzig. Bis heute fühlt sich Jinya wohl in der Messestadt, hat sich hier einen Freundeskreis aufgebaut und einen Partner gefunden.

„Loving Reaper”-Comic wird verfilmt

Nächstes Jahr steht ein wichtiges Projekt an. Ihr Comic ­„Loving Reaper” wird von einem Animationsstudio verfilmt. Eine Crowdfunding-Kampagne brachte 122 000 Euro ein, das Geld fließt komplett in die Animation. Entstehen soll ein etwa 30-minütiger Film, der auf Youtube veröffentlicht wird. Wenn das Ganze auf ein großes Publikum trifft, wird daraus vielleicht eine Serie. Außerdem ist ein Buch zum Film in Planung.

Ob sie dauerhaft in Leipzig bleibt, weiß die Comiczeichnerin nicht. Vielleicht geht sie noch mal eine Zeit lang ins Ausland, nach Australien oder ­­Sri Lanka. Oder sie setzt ihren zweiten Lebenstraum um: einen Lebenshof gründen und dort ganz viele Tiere retten. „Ich will Tiere adoptieren, die keiner haben will”, sagt sie. Für solche Projekte ist dann ihr alter Ego – Jinya – zuständig. „Ich bin eigentlich ein zurückhaltender, introvertierter Mensch”, sagt Jenny. ­Jinya aber sei selbstbewusst, mutig und stark. Gina Apitz

www.jenny-jinya.com

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