Eigentlich ist sie inzwischen weg im Ruhestand, aber irgendwie immer noch da in Leutzsch: In den letzten Jahren war Ines Schmidt Pfarrerin an der St. Laurentius-Kirche - und auch da ist sie ihrem Motto treu geblieben: "Ich habe nie gescheut, meine Meinung zu sagen - aber das hat mir auch eine Menge Respekt verschafft." Foto: Jens Wagner

Leipzig. „Ehrlich? Im Moment fühlt es sich noch gar nicht an“, erzählt Ines Schmidt nachdenklich. Und das Außergewöhnliche der Situation ist geradezu mit Händen zu greifen: Eigentlich ist sie seit dem 1. Mai Pfarrerin im Ruhestand – und doch sitzt sie im Gemeindeamt der St. Laurentiuskirche in Leipzig-Leutzsch: „Ich kann es tatsächlich noch nicht sagen, wie sich dieser Ruhestand anfühlt. Einfach, weil ich noch so viele Dinge zu erledigen habe. Und weil es noch soviel gibt, das ich in diesen Tagen Revue passieren lasse.“

Es sind schon mal die nackten Zahlen, die für Aufmerksamkeit sorgen: Seit dem Jahr 1986 war Ines Schmidt Pfarrerin im Kirchenbezirk Leipzig und dies an insgesamt vier Pfarreien sowohl auf dem Land als auch in der Großstadt – was zu interessanten Erkenntnissen führte, von denen noch ausführlich die Rede sein wird. Dazu hat sie zehn Jahre lang als Seelsorgerin am Flughafen Leipzig/Halle gearbeitet, mit US-amerikanischen Soldaten gesprochen, die auf dem Weg nach Afghanistan waren oder von dem Einsatz zurückkamen, beispielsweise. Oder mit Bundespolizisten, die mit den Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern beauftragt waren. Aufgaben, die ihr nur selten Beifall eingebracht hatten, die sie aber dennoch beseelt vom christlichen Menschenbild („Jeder Mensch ist etwas wert“, ist einer der grundlegenden, immer wieder im Alltag gelebten (Glaubens-)Sätze von Ines Schmidt) voller Empathie und Intensität angegangen ist. Gegen alle Widerstände, die es auch gab gegen ihre Arbeit als Pfarrerin einer deutschsprachigen Gemeinde in Namibia. „Natürlich gab und gibt es sehr viele unterschiedliche Meinungen auch unter den Pfarrerinnen und Pfarrern im Kirchenbezirk“, überlegt sie und ergänzt: „Aber eigentlich gibt es nur diese eine Frage: Wie geht Jesus Christus mit diesen Fragen um?“ Mit Bestimmtheit unterstreicht sie: „Ich finde nix schlimmer als frommes Gesülze – vor allem, weil es dann ganz schnell fundamentalistisch werden kann.“

Es ist dieses stetige Selbst-Hinterfragen, aber auch die unbedingte Ehrlichkeit und Geradlinigkeit, die Ines Schmidt immer ausgezeichnet hat. Und natürlich auch das Zulassen von Ambivalenzen, von Unsicherheiten, auch von Fragen nach der eigenen Fehlbarkeit. „Es geht um die Balance. Um die Balance, auf der einen Seite die Chefin zu sein, aber auf der anderen Seite so zu agieren, dass diese Position nicht entscheidend ist“, erzählt die Pfarrerin i.R. und ist dann rasch wieder bei dem erwähnten christlichen Menschenbild: „Jeder einzelne Mensch hat auf seinen individuellen Gebiet ein Fachwissen, das ich zum Beispiel nicht habe. Und wenn es da um die Geflügelzucht geht. Diesen Punkt muss man respektieren.“ Wie nötig es ist, diese Haltung immer wieder aufs Neue vorzuleben, hat sie selbst erlebt. Hautnah und live etwa bei der letzten beruflichen Station in Leutzsch: „Gerade bei jungen Menschen ist es manchmal erschreckend, wie wenig Selbstbewusstsein sie haben.“ Und sie erzählt davon, selbst Gymnasiastinnen und Gymnasiasten im Konfirmandenunterricht mit der Überzeugung beseelen zu müssen: „Ich bin in erster Linie ein Mensch. Viele junge Menschen denken heute, sie seien nicht gut genug – weil sie glauben, einerseits den Ansprüchen nicht gerecht zu werden, die oft durch Facebook, Twitter & Co. verbreitet werden. Und deshalb oft glauben, auch vor Gott nicht bestehen zu können.“

Dabei sind es aber auch Erlebnisse wie diese, die Ines Schmidt stets im Glauben und damit in der Arbeit angetrieben haben. Weil sie damit nach wie vor eine gesellschaftliche Bedeutung für die kirchliche Seelsorge sieht. Denn es gehört in diesen Tagen schon auch dazu, einmal quasi beim Blick in den Rückspiegel darüber nachzudenken, was bleibt. Auch über den Abschied aus den Leipziger Kirchgemeinden hinaus: „Aufgrund meines Glaubens hatte ich nie das Gefühl, ich habe damals den falschen Beruf gewählt“, überlegt sie mit Blick auf das eigene Leben – und lenkt diesen dann auch auf das große Ganze: „Andererseits steht gerade in diesen Zeiten der Pandemie schon die Frage: Was wird jetzt eigentlich aus der Kirche? Aus den Gemeinden? Was haben wir derzeit als Kirche zu sagen? Natürlich können wir durch Seelsorge helfen. Aber vielleicht ist es ja dieser Gemeinschaftsgedanke, der den wesentlichen Teil der gesellschaftlichen Bedeutung von Kirche ausmacht?“

Wobei es schon erstaunlich ist, wie unterschiedlich sich dieser Gemeinschaftsgedanke ausdrückt – dies hat Ines Schmidt in den vergangenen zweieinhalb Jahren durchaus gelernt. Der bereits erwähnte Unterschied zwischen Großstadt und Land, selbst erlebt und durchaus erstaunt zur Kenntnis genommen. „Manchmal hatte ich in Leutzsch das Gefühl, dass ich den Menschen zu nahe komme“, erzählt sie nachdenklich und erklärt: „In Dölzig war es ganz normal, dass ich die Leute zu Hause besucht habe – da wurde man sogar nachdrücklich dazu aufgefordert. Hier in Leutzsch ist es mir nicht gelungen, zu den Menschen nach Hause zu kommen.“ Nach einer kleinen Pause ergänzt sie: „Wobei ich von anderen Pfarrerinnen und Pfarrern gehört habe, dass dies in der Stadt nun einmal so ist.“

Es war nicht die einzige Umstellung. Auf dem Dorf, erzählt Ines Schmidt, ging faktisch nichts ohne die Pfarrerin, überall war sie eingebunden. Oder anders gesagt: „Beim Festumzug bin ich ganz vorn mit dem Bürgermeister gelaufen, da gab es gar keine Frage. In der Stadt ist es wesentlich mühsamer, sich sichtbar zu machen.“ Was wiederum auch damit zu tun hat, dass der Glauben in Leipzig im Allgemeinen und in Leutzsch im Besonderen ganz anders gelebt wird. Versteckter vielleicht, „es hat mich ein wenig traurig gemacht, dass Menschen ihren Glauben hier manchmal ein wenig verkleiden“. Da ist es dann wieder, das Nachdenken über die gesellschaftliche Rolle der Kirche. Und darüber, ob sie nicht auch ein Gegengewicht zur Beliebigkeit sein kann …

Denn bei allen Unterschieden zwischen Dorf und Stadt, mit den grundsätzlichen Fragen muss man sich im Leipziger Kirchenbezirk flächendeckend beschäftigen. Das kann Ines Schmidt aus gelebter Erfahrung bestätigen: „Jene Menschen, die zu DDR-Zeiten in die Kirche gegangen sind, waren sich ihres Glaubens viel bewusster.“ Ja, da ist dann auch diese geradezu historische Komponente, die sich aus dem Leben der Pfarrerin lesen lässt. Aus dem Weg von der Jungen Gemeinde, die in den 80-er Jahren eher zufällig zum Anlaufpunkt wurde („In der Familie gab es eigentlich keine christliche Prägung.“) über die Karl-Marx-Universität („Ich wollte unbedingt dort Theologie studieren, weil ich auch die ganzen Fächer wie Marxismus-Leninismus haben wollte und kein Studium in einem Elfenbeinturm außerhalb der DDR-Realität.“) bis hin zu der ersten Stelle als Pfarrerin in Dölzig, 1986 war das. „Vielleicht habe ich diese Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit damals in der DDR gelernt – unter dem ständigen Druck der staatlichen Organe“, überlegt Ines Schmidt.

Den einfachen, den leichten Weg ist sie deshalb nie gegangen. Sei es in den Fragen der Religionsvermittlung, das Wort Missionierung vermeidet sie bewusst: „Die Zeiten, in denen man sagen konnte, ich weiß wie es geht, sind vorbei. Und es ist wichtig, dass man mit Gott und dem christlichen Glauben keine Angst macht. Ich denke, es ist die Botschaft und der Gedanke, dass wir alle vor Gott die Chance haben, Dinge auszusprechen, die schief gegangen sind. Und damit zu lernen, mit den eigenen Fehlern umzugehen.“ Dabei geht es auch um die eigene Fehlbarkeit, na klar. „Es gibt Situationen, in denen man mit platten Sprüchen nicht weiterkommt. In denen man auch mal zu den eigenen Unsicherheiten und dem eigenen Unwissen stehen muss.“ Und dann kommt mit direkten Blick die direkte Frage: „Wie geht man mit Mördern und Vergewaltigern um?“

Ja, dies waren Situationen, mit denen sich Ines Schmidt beschäftigen musste. In der Arbeit am Flughafen Leipzig/Halle, bei den Abschiebungen. Und die sie nur auflösen konnte mit Ehrlichkeit und Direktheit. „Eines muss ich mal sagen: Die Menschen, die mit diesen Abschiebungen betraut sind, die Bundespolizisten, die Dolmetscher und alle anderen, sind hochprofessionelle Leute, die schon respektvoll mit denen umgehen, die abgeschoben werden“, blickt sie zurück – ohne Scheu, voller Offenheit. Weil, es geht um das „Messen der biblischen Botschaft in nicht-alltäglichen Situationen“. Auch dann, wenn sie von den Soldaten aus den USA spricht, denen nicht selten die Angst vor dem Afghanistan-Einsatz ins Gesicht geschrieben stand. „Natürlich gibt es da einen Zwiespalt: Ich kann auf keinen Fall dafür beten, dass sie mit Gott zum Sieg kommen – das verbietet sich schon aus der deutschen Geschichte. Aber ich muss trotzdem für diese Menschen da sein.“ Da ist es wieder, das christliche und mithin zutiefst humanistische Menschenbild …

Das Genau-Hinschauen, das Hinhören, das In-Andere-Hineinversetzen war und ist für Ines Schmidt stets zentraler Punkt des Arbeitens und Lebens gewesen. Und damit hat sie es in den letzten Jahren auch in Leutzsch geschafft, die Türen zu den Köpfen und Herzen der Menschen in der Kirchgemeinde aufzuschließen. Das schönste Erlebnis? „Menschen, die bislang nur am Rand standen, haben sich auf einmal mit eingebracht und engagiert: Das fand ich so genial!“ Dann war da noch der Kindergarten der Kirchgemeinde, ein Grund mehr, immer mal wieder an der St. Laurentius Kirche reinzuschauen. „Das war echt eine völlig neue Erfahrung“, erzählt sie mit einem Lächeln: „Anstrengend, aber richtig schön. Und total spannend. Ich habe mich in diese Arbeit ziemlich reingekniet, in die vielen neuen Dinge, die da auf mich zugekommen sind – gerade bei den Entscheidungen, die in den Corona-Zeiten getroffen werden mussten.“

Auch ein Grund, warum der Weg sie immer noch regelmäßig nach Leutzsch führt. Obwohl eines für Ines Schmidt feststeht: „Ich werde nicht von Kanzel zu Kanzel springen.“ Sondern viel lieber der Lust am Theaterspiel – gewachsen in den vielen Jahren der gemeinsamen Arbeit am alljährlichen Krippenspiel – frönen, unter Freunden und Bekannten ist sie dafür schon auf die Suche nach Mitstreitern gegangen. „Außerdem habe ich ja einen richtigen Beruf“, verweist sie lächelnd auf den Facharbeiterabschluss für Gartenbau, abgelegt zu DDR-Zeiten: „Und die Gärtnerei ist eine Leidenschaft, die mich bis heute nicht losgelassen hat. In Dölzig konnte ich mich auf 3000, 4000 Quadratmetern austoben, jetzt ist der Garten deutlich kleiner, sieht aber auch wirklich aus wie bei Rosamunde Pilcher.“ Da wäre zudem die Tatsache, dass in der neuen Heimat Bad Dürrenberg im Jahr 2023 die Landesgartenschau Sachsen-Anhalt stattfinden soll – im Förderverein ist Ines Schmidt längst Mitglied und „ich würde auch ganz gern eine Gästeführerausbildung machen“. Ansonsten gilt – offen bleiben, „vielleicht tut sich was auf, mit dem man im Moment noch überhaupt nicht rechnet“. Eines bleibt aber klare Lebensmaxime: „Ich habe mich nie gescheut, meine Meinung zu sagen. Und ich denke, dies hat mir auch eine Menge Respekt verschafft.“ Jens Wagner

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