Zu Besuch bei Carmen Zander: Hier schmust sie mit Tiger Aschanti. Foto: Christian Modla

Leipzig. Sandokan ist es zu heiß. Der Tiger macht einen Satz und schon planscht er in einem blauen Pool. Die 300 Kilogramm schwere Raubkatze genießt die Abkühlung. Seine fünf Gefährtinnen bevorzugen es, faul im Schatten zu liegen. Tagsüber schieben die Tiere gern eine ruhige Kugel, vor allem, wenn es heiß ist. „Tiger sind nachtaktiv”, sagt Carmen Zander, die selbst ernannte Mama der sechs Großkatzen.

Auf einem Gelände am Rande von Schkeuditz hält sie die wilden Tiere. Einmal in der Woche zeigt sie ihre „Miezen“ oder „Mäuse“, wie sie sie nennt, vor Publikum. Die Tiger-Dressur nennt Zander „Agility Training”, das klingt moderner. „Die Leute sitzen wahnsinnig nah dran.“ So würden sie die Eleganz und Schönheit der Raubkatzen unmittelbar erfahren.

Bei ihren Tricks kommt sie den Tieren gefährlich nah: Zander reicht den Tigern von einem Stock, den sie im Mund hält ein Stück Fleisch, setzt sich auf sie drauf, lässt sie über sich drüber springen. In der Manege sei Disziplin deshalb das A und O. Würden die Katzen machen, was sie wollen, wäre das lebensgefährlich für die Tierlehrerin. Und das, obwohl sie als Alphatier der Gruppe anerkannt wird, die Tiger als Babys aufgezogen hat, sie jeden Tag beobachtet und dadurch ihre Stimmung einschätzt. Das Risiko, einen Auftritt nicht zu überleben, sei jederzeit da. „Wir können Tiger niemals zu Schmusetieren machen. Sie bleiben instinktiv Raubkatzen”, sagt Zander ganz klar. „Der Tiger hat scharfe Krallen. Wenn er zuhaut mit seiner Pranke, ist mein Genick gebrochen. Meine Überlebenschance ist dann sehr gering.” Trotz des fast täglichen Trainings erlebt die Tiger-Mutti öfter heikle Situationen. Die Raubtiere seien unberechenbar: Wenn sie sich erschrecken, einen schlechten Tag haben oder gerade Rangfolgenkämpfe ausfechten und Zander rutscht dazwischen, kann ihr das gefährlich werden.

Mit der Dressur bestreitet die Tiger-Mama ihren Lebensunterhalt und versorgt ihre Tiere. Das war in Corona-Zeiten ein schwerer Kampf. Sechs bis acht Kilo Fleisch frisst ein Tiger pro Tag. Hinzu kommen ihr Fuhrpark, Versicherungen, Strom, Wärmelampen als Heizung im Winter und Wasser für die Badewanne. Nur dank Spendern konnte sie die vergangenen Monate überstehen. Corona war „finanziell ein Desaster”, sagt sie. „Wären die Spenden nicht hereingekommen, wäre es sehr eng geworden“, gibt Zander unumwunden zu und dankt ihren Unterstützern sehr für die Hilfe in dieser schwierigen Zeit. Seit November konnte sie keine Tiger-Shows durchführen. Seit einigen Wochen geht es wieder los mit Vorführungen, immer sonntags. Ein paar Ehrenamtler helfen ihr dabei. „Die Nachfrage danach ist weiterhin sehr groß“, sagt sie.

Während die einen sie und ihre Katzen lieben, wird die Endvierzigerin von Tierschützern scharf kritisiert. Ihre Plakate werden abgerissen, vor allem im Internet wird sie als Tierquälerin diffamiert. Das schädige nicht nur ihr Geschäft, sagt sie. „Es verletzt mich auch sehr.“ So lebt sie in ständiger Angst vor Feindseligkeiten und sagt: „Ich habe meine Tiere zur falschen Zeit.“ Vor 20 Jahren wäre sie wahrscheinlich seltener dafür angegriffen worden. Tierschutz spielt heute eine andere Rolle als damals.

Die Tierschutzorganisation Peta sieht die Haltungsbedingungen der Tiger kritisch, weil „die Bedürfnisse der Wildtiere nicht beachtet werden“, so Yvonne Würz, Fachreferentin für Zoo und Wildtiere bei Peta. „Sie leben in engen Käfigwagen und winzigen Gehegen.“ Problematisch beurteilen die Tierschützer auch das Tigertraining: „Jede Dressur basiert auf Gewalt und Zwang“, sagt Würz. Augenzeugen hätten beobachtet, dass Zander mit einem Stock auf einen Tiger losgegangen sei. Peta erstattete Anzeige, das Verfahren wurde jedoch eingestellt. In der Begründung der Leipziger Staatsanwaltschaft heißt es, dass keine tierschutzrechtlichen Verstöße festgestellt wurden. Der Vorfall mit dem Stock erfülle „lediglich den Tatbestand einer Ordnungswidrigkeit.“ Laut Yvonne Würz wären die Tiger in Auffangstationen, etwa in Spanien, am besten aufgehoben. Dort könnten sie „so artgerecht wie möglich“ weiterzuleben und hätten ein wirklich großes Areal zur Verfügung.

Carmen Zander widerspricht den Vorwürfen der Tierschützer, verweist auf strenge Kontrollen des Veterinäramtes und ein Außengelände von 300 Quadratmetern, das ihnen zur Verfügung steht. „Dressur ist keine Quälerei, das ist Beschäftigung. Man kann die Tiere nicht zwingen. Wenn die Mieze nicht will, will sie nicht.“ Zander betont, dass sie ihren Schützlingen nicht schaden wolle und das glaubt man ihr auch. „Das sind meine Kinder, es ist mein Leben.“ Eines, für das sie auf vieles verzichte. „Meine Lieblinge stehen jeden Tag im Vordergrund und bekommen meine Fürsorge und Leidenschaft.“

Trotzdem wirkt die Tigerschau heutzutage etwas aus der Zeit gefallen. Zirkusse dürfen sich keine neuen Wildtiere zulegen, sie setzen zunehmend auf Artistik. Und auch wenn Zander sich nicht als Zirkus betrachtet, wird sie behördlich so geführt und zeigt letzten Endes eine Dressur – wie in der Zirkusmanege.

Hinzu kommen Events, die auch nicht gerade dem natürlichen Bedürfnis des Tieres entsprechen dürften. Wer will, kann durch einen Käfig getrennt die Raubkatzen gegen Geld streicheln. Die Tiger liegen oben auf dem Gitter, die Gäste können ihren Bauch kraulen. „Man erlebt das Tier so nah“, beschreibt Zander das sicherlich einzigartige Erlebnis und betont: „Wollen die Tiger nicht mehr gestreichelt werden, gehen sie einfach. Da hilft auch kein Fleischstückchen.“ Anders als im Zoo seien ihre Tiere auf den Menschen bezogen. Sie nennt das „eine gesunde Abhängigkeit“ von ihr.

Die Tigerlady schwärmte schon als Kind für die Großkatzen. „Ich stand stundenlang im Leipziger Raubtierhaus“, erzählt sie. Dass sie mit ihnen mal ihren Lebensunterhalt verdienen würde, konnte sie sich damals nicht vorstellen. Zander schlug zunächst eine Laufbahn als Hochleistungssportlerin in der rhythmischen Sportgymnastik ein. Zu DDR-Zeiten turnte sie von Wettkampf zu Wettkampf, wurde in dieser Disziplin 15 Mal DDR-Meisterin.

Kurz vor der Olympiade musste sie wegen einer Verletzung aufhören. „Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen“, sagt sie heute. Zander gab nicht auf, wurde unter 200 Bewerberinnen für die Artistenschule in Berlin ausgewählt. Dreieinhalb Jahre lange lernte sie Hula-Hoop, Jonglage und Schwungtrapez und war seit 1993 als freiberufliche Artistin in Varietés und Zirkussen unterwegs.

Bald hatte sie auch Auftritte mit Wildtieren. Als sie das erste Mal mit zwei großen Löwen in der Manege stand, hatte sie richtig Muffensausen. „Trotzdem war mir klar: Da geht mein Herz auf.“ Zander lernte, wie man die Großkatzen sauber macht, fütterte und putzte und übernahm viele Jahre lang Raubtiernummern von Dompteuren.

Bis sie den Wunsch verspürte, eigene Tiger zu haben. Im März 2006 war es soweit: Nach zwölfjähriger Ausbildung kaufte sie sich die ersten Tiere, legte eine Prüfung ab und meldete ihr Gewerbe an. In den ersten Jahren war sie mit den Tigern viel unterwegs, fuhr mit den Katzen von Auftritt zu Auftritt. Beim 42. internationalen Zirkusfestival in Monte-Carlo wurde sie 2018 von Prinzessin Stéphanie von Monaco persönlich eingeladen und mit drei Preisen ausgezeichnet. „Mehr geht in einer Domteurs-Karriere nicht“, sagt sie heute. Inzwischen fährt sie nur noch selten mit ihren Tigern durch die Gegend. Im Dezember steht ein Gastauftritt beim Weihnachtszirkus in Dresden an.

Sandokan ist mittlerweile aus seinem Becken geklettert und schleicht am Gitter des Außengeheges entlang. Die Besucher findet er höchst interessant. Gemeinsam mit Saphira – der einzigen weißen Tigerin – wird er wohl bald die Gruppe anführen, glaubt Zander. Die anderen vier Tigerdamen sind schon 15 Jahre alt und werden den beiden jungen das Feld bald überlassen.

In freier Wildbahn leben Tiger normalerweise als Einzelgänger. „Die Zusammenführung ist schwierig“, sagt die Tiertrainerin. Damit das gelingt, brauche man viel Feingefühl und Fachwissen – und müsse den Tieren Zeit geben. Sie sei „unglaublich stolz, dass das bei ihr so gut geklappt hat.“

Die Tiger-Mama will mit ihren Schützlingen auch zum Erhalt der bedrohten Tierart beitragen. Laut dem WWF gibt es aktuell weniger als 2600 Bengal-Tiger und nur noch etwas mehr als 500 Amur-Tiger weltweit. Carmen Zander hofft deshalb sehr, dass Sandokan und Saphira Nachwuchs bekommen. Bisher allerdings ohne Erfolg. „Beide wollen bisher noch nichts voneinander wissen, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.“ Falls es doch klappt, will Zander die Tigerbabys am liebsten in einem neuen Areal präsentieren. Zanders Traum ist ein Tigerpark, in dem ihre Lieblinge in größeren Anlagen leben und sie ein oder zwei Tierlehrer einarbeiten kann. „Das Ganze kann ich allein finanziell aber niemals stemmen“, bedauert sie. Bisher fehlen die Investoren, die ihr Projekt unterstützen. Gina Apitz

www.tiger-schau.de

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