
inmal pro Woche treffen sie sich am Gleis. Sieben Männer, alle im Ruhestand, alle mit ölverschmierten Händen und leuchtenden Augen, wenn sie von „ihrem“ Zug sprechen. Wolfgang Wünsche, Frank Selleng, Peter Polaschek, Ingmar Ihle, Norbert Hennemeier, Matthias Schneider und Michael Stasch eint eine Leidenschaft: die Eisenbahn.
Genauer gesagt ein ganz besonderer Zug der Eisenbahngeschichte. Ihr Ziel ist es, den Schnelltriebwagen SVT 137 858, Bauart Köln – besser bekannt als der „Fliegende Kölner“ – zu restaurieren und für die Nachwelt zu bewahren. Ein Projekt, das Geduld braucht. Viel Geduld. Denn alles geschieht in Handarbeit, mit wenigen Menschen – dafür mit großer Hingabe.
Ein Zug, der Geschichte schrieb
In Deutschland existieren heute nur noch drei sogenannte Schnellverkehrs-Verbrennungs-Triebwagen, kurz SVT: Der „Fliegende Hamburger“ steht als Ausstellungsstück auf dem Museumsgleis des Leipziger Hauptbahnhofs, der „Fliegende Leipziger“ soll im bayerischen Viechtach wieder aufgearbeitet werden. Der dritte jedoch hat seine Heimat hier in Delitzsch gefunden: der „Fliegende Kölner“.
Seinen Namen verdankt er – wie die beiden Schwestermodelle – seiner beeindruckenden Geschwindigkeit. „In den 1930er-Jahren galten diese stromlinienförmigen Züge als technische Sensation“, weiß Frank Selleng. Ausgerüstet mit zwei Maybach-Zwölfzylinder-Dieselmotoren brachten diese Triebwagen Reisende in kurzer Zeit von Metropole zu Metropole. Die Deutsche Reichsbahn wollte damit dem aufkommenden Auto- und Flugverkehr Paroli bieten. Der Beginn des Schienenschnellverkehrs.
Vom Vorzeigezug zum Abstellgleis
Nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten die Züge in die Hände der Besatzungsmächte und wurden 1958 an die Deutsche Reichsbahn verkauft. Bis Ende der 1960er-Jahre waren sie im internationalen Verkehr eingesetzt, danach ausschließlich im Binnenverkehr. Die offizielle Abstellung erfolgte dann am 30. März 1979. Nach der Ausmusterung diente der Dieselschnelltriebwagen nur noch als Baubüro.

Im Jahr 2000 schlossen sich Eisenbahnfreunde aus Ost und West zusammen und gründeten den Förderverein Dieselschnelltriebwagen (SVT). „Ziel ist es, diese Zeitzeugen deutscher Ingenieurskunst zu bewahren und für kommende Generationen zu erhalten“, sagt Frank Selleng. Heute zählt der Verein rund 50 Mitglieder bundesweit.
Zu seinem Glück ist der SVT-Förderverein Eigentümer des einzigen noch vollständig erhaltenen „Fliegenden Kölners“. Daher kümmern sich in Delitzsch sieben Männer regelmäßig um „ihren“ Zug. Gearbeitet wird auf den Gleisen des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks (RAW) Delitzsch. Dort steht er seit 2022 und wird Schritt für Schritt restauriert – zwar abseits der öffentlichen Wege, dafür aber am traditionsreichen Eisenbahnstandort.
Ein bewegtes Leben auf Schienen
Der knapp 71 Meter lange, dreiteilige Zug blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Bereits 2006 kam er erstmals nach Delitzsch. „Hier wurde der Kölner mit großem Aufwand lauffähig und optisch instand gesetzt“, erinnert sich Frank Selleng. Es folgten Jahre, in denen der Zug an verschiedenen Orten in Deutschalnd stand und ausgestellt wurde, ehe er 2022 aus dem bayerischen Krailling zurückkehrte – dorthin, wo sich heute alles um ihn dreht.
„Er soll der Nachwelt zeigen, wozu deutsche Ingenieure schon vor fast hundert Jahren fähig waren“, sagt der Eisenbahnfreund. Deshalb kommen die Männer Woche für Woche an das Gleis, um gemeinsam zu restaurieren, zu reparieren und zu bewahren.
Arbeit für Jahre – und Jahrzehnte
Leicht ist diese Aufgabe nicht. Um das zu stemmen, braucht der SVT-Förderverein zum einen finanzielle Mittel (wie Fördermittel und Spenden), denn die Gesamtkosten belaufen sich auf einen höheren sechsstelligen Bereich.

Zum anderen wird Manpower gebraucht. „Ersatzteile als solche gibt es nicht mehr, daher müssen wir das vorhandene nutzen, aufarbeiten und wieder einbauen“, erklärt Wolfgang Wünsche. Zudem wurde der Zug im Juni 2023 unter Denkmalschutz gestellt. Damit können die Enthusiasten auch nicht einfach neue Teile einsetzen. „Schließlich soll die historische Substanz erhalten bleiben.“
Fliegender Kölner begleitet die Männer noch viele Jahre
So wird der Fliegende Kölner die Männer noch viele Jahre begleiten. Derzeit arbeiten sie im Innenraum: an Verkleidungen, Beleuchtung, Polstern in den Mitropa-Abteilen, Fußböden und Türen. Doch was sich hinter den Verkleidungen verbirgt, ist oft ungewiss. „Es ist wie bei einem alten Haus“, sagt Wünsche. „Erst wenn man etwas öffnet, weiß man, was dahintersteckt.“ Dann ist oft Improvisation gefragt, handwerkliches Können und viel Erfahrung.
In den warmen Monaten geht es weiter an der Außenhaut. Ziel ist es, den Zug wieder in seinem ursprünglichen Elfenbein-Violett erstrahlen zu lassen. Dach, Unterboden, Außenbeplankung sowie Brems- und Druckluftan-lage stehen ebenfalls auf der langen To-do-Liste.
Leidenschaft, die ansteckt
Abschrecken lässt sich davon keiner der sieben. „Das ist wohl das Eisenbahner-Gen“, sagt Peter Polaschek mit einem Lächeln. „Wir freuen uns über jedes kleine Stück, das wir geschafft haben“, ergänzt Ingmar Ihle.
Und sie wünschen sich Unterstützung. Wer Interesse an Eisenbahngeschichte hat, gern handwerklich arbeitet und Teil einer besonderen Gemeinschaft werden möchte, ist willkommen. Denn der Fliegende Kölner braucht nicht nur Zeit – sondern Menschen, die ihn lieben. Nannette Hoffmann
Mehr Informationen online unter www.foerderverein-svt.de.
Wer Interesse an einer Mitarbeit hat, kann sich direkt an Wolfgang Wünsche per E-Mail an wuensche-cl@t-online.de wenden.
Wer den Förderverein Dieselschnelltriebwagen finanziell unterstützen möchte, kann dies auf das Spendenkonto bei der Sparkasse Leipzig
BIC WELADE8LXXX IBAN DE 20 8605 1100 9855 45

































