Claudia Kurver macht mit ihrer Band deutsche Rock-Pop-Musik. Foto: Christian Steinbrich
Claudia Kurver macht mit ihrer Band deutsche Rock-Pop-Musik. Foto: Christian Steinbrich

Schwarz-blonde lange Haare mit rosa Strähnen, schwarze Lederklamotten und schwarz lackierte Nägel – als eine Art ­Rockerbraut präsentiert sich Claudia Kurver in ihrem neuen Musikvideo. Darin schmettert die 39-Jährige „Sag mir, wo ist die Zeit, wo ist sie hin” ins Mikrofon, im Hintergrund schrammeln die Gitarren, bebt das Schlagzeug. Deutscher Rock-Pop in etwas härterer Montur, aber immer noch eingängig – so könnte man den Stil der Leipziger Band beschreiben, die nach Frontfrau Claudia benannt ist.

Sie ist es auch, die beim Gespräch im Proberaum in Leipzig-Großzschocher am häufigsten das Wort ergreift. Zwei Räume in einem Industriekomplex können die Musiker zum Üben nutzen. Im Kreis sitzen die vier heute zusammen, Gitarrist Jan fehlt. Er lebt seit einer Weile in München und ist nur noch selten in Leipzig, kommt aber für Auftritte extra her. Bali, ein neugieriger Labrador, wuselt um die Füße.

Der Hund gehört Schlagzeuger Tom und ist fast immer mit dabei. Zur Band gehören außerdem Gitarrist Daniel – Claudias Ehemann – und Bassist Fox, den Claudia scherzhaft als „mürrischen alten Mann“ bezeichnet. Sie darf das, denn alle Bandmitglieder sind untereinander befreundet, fahren zusammen in den Skiurlaub – und ziehen sich gern mal gegenseitig auf. Jan ist mit seinen 33 Jahren das Nesthäkchen . Er trinkt lieber Colabier als Pils – und wird deshalb manchmal belächelt. Gitarrist Daniel ist der Technik-Freak im Bunde, er kann auch mal ein Kabel löten, wenn nötig.

Band ergänzt den Gesang der Frontfrau

Ein Teil der Band spielte mit ­Claudia früher härteren Metal-Sound. Das neue Musikprojekt war die Idee der Frontfrau. Solo hat es begonnen, die Musiker holte sich die taffe Frau nach und nach ins Boot. „Für einen LiveAuftritt brauchte ich eine Band”, sagt sie geradeheraus und ergänzt: „Das ist hier alles Vetternwirtschaft.”

Die Band wurde kürzlich beim Deutschen Rock- und-Pop-Preis 2023 als „Beste Rockband“ ausgezeichnet. Foto: Konstantin Graf
Die Band wurde kürzlich beim Deutschen Rock- und-Pop-Preis 2023 als „Beste Rockband“ ausgezeichnet. Foto: Konstantin Graf

Die Musik, die die gebürtige Hallenserin kreiert, reiht sich ein in den Sound zwischen Christina ­Stürmer, Rosenstolz und Bon Jovi. Der Vergleich mit der letztgenannten Band gefällt den vieren am besten. Wobei, vergleichen wollen sie sich am liebsten gar nicht. „Musikalisch sehr heavy, gesanglich sehr poppig”, so beschreibt Claudia ihren Stil. „Der Gesang als Kontrast zu der harten Musik, das finde ich so geil.” Und Fox ergänzt: „Live wird die ganze Sache mit wesentlich mehr Wucht gespielt als im ­Studio.”

Für diesen Mix wurde die Band kürzlich beim Deutschen Rock- und-Pop-Preis 2023 als „Beste Rockband“ ausgezeichnet. Für ihre Single „Lebenselixier“ erhielten die fünf von der 25-köpfigen Fachjury die Bestnote 1. Frontfrau Claudia freute sich über die Urkunde. „Das war ein total cooles Gefühl, denn es ist ja schon etwas Besonderes, wenn du für das, was du machst ausgezeichnet wirst.” Die Band hofft, dass der Titel „Beste Rockband” bei Veranstaltern gut ankommt – und sich ihre erste Platte „Leichtmetall” dadurch besser verkauft.

Texte und Kompositionen sind von Claudia

Texte und Kompositionen der Songs stammen komplett aus Claudias Feder. Den Grundentwurf – meist eine Keyboard­melodie – schreibt die Sängerin. Jan überlegt sich dann, was man gitarrenseitig dazu machen könnte. Diese Vorproduktionen gehen an ihre Produzenten. „Die polieren nochmal drüber”, sagt Claudia. Text und Melodie entstehen meistens gleichzeitig, sagt sie. „Das geht bei mir Hand in Hand, ich habe oft schon eine Melodie im Kopf, zusammen mit einem Textfragment.”

Meist summt sie sich das Ganze schnell ins Handy ein, darauf baut der Song dann auf. Wichtig ist der Wahlleipzigerin, dass ihre Texte nicht konstruiert sind, keine Fantasiegeschichten darstellen. „Das sind alles Gedanken oder Erlebnisse, die mir im Kopf herumgeschwirrt sind”, sagt sie. „Ich singe so, wie ich es auch erzählen würde.”

Die fertig komponierten ­Stücke studiert jeder der Musiker selbst ein. Die fünf treffen sich nur sporadisch in ihrem Probenraum – zur Vorbereitung für ein Konzert oder ein Musikvideo. „Hier proben wir das Zusammenspiel, damit wir auf der Bühne auch performen können”, sagt Gitarrist Daniel. Doch live auf eine Bühne zu kommen, das sei gar nicht mal so leicht, sagen die Musiker. „Vor Corona lief die Welt da noch anders”, meint Claudia. Viele Veranstalter haben aufgegeben, Spielstätten wurden geschlossen. Durch die Inflation sei das zahlungskräftige Publikum kleiner geworden.

Branche ist in der Krise

„Die ganze Branche ist in einer verdammt tiefen Krise”, sagt die Frontfrau. „Wir kämpfen um Auftritte.” Auf ihrem Album ausruhen können sich die fünf deshalb längst nicht. Sie drehen Musikvideos, um weiter in Erscheinung zu treten, sind in den sozialen Medien präsent. Eine eigene Tour können sie derzeit nicht stemmen, aber im Herbst wollen sie deutschlandweit einige Konzerte geben. Zwei Termine sind 2025 in Leipzig geplant.

Claudia erlebte kürzlich einen Probelauf auf einer Karnevalsveranstaltung in Halle. Dort performte sie einige der neuen Songs vor einem zumeist älteren Publikum über 60. „Die waren etwas verhalten”, gibt sie zu. Kürzlich haben die fünf ein Musikvideo mit dem Gastmusiker Kremer aufgenommen – und dabei eines der Lieder als Duett-Version nochmal neu eingesungen.

Claudia ist die Frontfrau der gleichnamigen Leipziger Band. Foto: Christian Steinbrich
Claudia ist die Frontfrau der gleichnamigen Leipziger Band. Foto: Christian Steinbrich

Sowas sei nett, um im Netz präsent zu sein. Doch die Live-Auftritte seien immer noch am lukrativsten. Ihr neues Album können Fans auf den gängigen Streaming-Plattformen hören – davon haben die Musiker aber kaum monetären Nutzen. Auch eine limitierte Fanbox mit CD, Poster und Armbändern haben sie aufgelegt. Die 50 Stück waren schnell vergriffen. „Ich hatte nicht erwartet, dass die Leute sich diese Boxen kaufen”, freut sich Claudia. Doch sie weiß: Die Band hat eine eingeschworene Fangemeinschaft. Die meisten seien schon in gesetzterem Alter – zwischen 40 und 60 Jahre, oftmals alte Lindenberg oder Maffay-Fans, die auch mal ACDC hören. So erzählt es Claudia – und diese Bands waren es auch, die ihren eigenen Weg in Musik prägten.

Marilyn Manson und Schlager als Einfluss

Ihr Vater spielte ihr als Kind ständig die Scorpions vor. Als Teenager hörte Claudia Marilyn ­Manson und HIM, hatte aber durch ihre Mitgliedschaft in einer Tanzgruppe im Karnevalsverein auch einen Zugang zu Pop und Schlager. Alle diese Musikrichtungen hat sie bereits selbst ausprobiert. „Ich bin da nicht festgelegt.” Als sich ihre Metalband „Mental Defect“ vor einigen Jahren auflöste, brauchte sie erstmal Abstand von dem Genre und wollte sich in neuen Gefilden austoben. „Ich höre extrem viel elektronische Musik”, erzählt die Sängerin.

Da sie kein Instrument spielt, bis auf „fünf Gitarrengriffe am Lagerfeuer”, war es naheliegend, sich in dem Bereich auszuprobieren. Sie testete Arrangement und Sounds, die sie sich „am Rechner zusammenklicken” konnte. Mit der Multimediakünstlerin Liss Eulenherz startete sie das Dark-Synth-Pop Duo „Sonorus7“. Doch die beiden Frauen entwickelten sich musikalisch in unterschiedliche Richtungen, waren eines Tages nicht länger auf einer Wellenlänge. „Eine Band ist eher wie eine Beziehung. Wenn man nach ein, zwei Jahren merkt, wir passen nicht mehr zusammen, dann sollte man das Ganze nicht weiterführen”, macht sie klar.

Corona-Zeit für Neuorientierung genutzt

Dann kam Corona – und auch Claudia nutzte die Zeit der Lockdowns, um über sich und ihre Musik nachzudenken. „Mir wurde klar, dass ich nicht wirklich wusste, welchen Weg ich nun gehen wollte. Zurück zum Metal oder ganz was anderes?“ Heraus kam das neue Bandprojekt, das unter ihrem Namen in norwegischer Schreibweise firmiert. Der bürgerliche Name der Sängerin ist nämlich Claudia Korzin. „Claudia Kurver sah gut aus von der Schreibweise”, sagt sie. „Außerdem mag ich Wikinger.”

„Mir wurde klar, dass ich nicht wirklich wusste, welchen Weg ich nun gehen wollte. Zurück zum Metal oder ganz was anderes?“

Während Gitarrist und Ehemann Daniel das Bandprojekt eher als Hobby begreift, ist die Frontfrau da ambitionierter. Sie wünscht sich, dass sich das Ganze auch finanziell irgendwann auszahlt und sagt: „Wir sind in der Investitionsphase.” Entscheidend sei es, wie sich die Konzertlage in Zukunft ent­wickelt.

Erstmal gehe es nur um die Refinanzierung des Albums. „Die wenigsten im Rockbereich können ausschließlich von ihrer Musik leben”, ist sich Claudia klar. Alle fünf haben noch einen Job, der sie über Wasser hält. Fox ist Haustechniker, Daniel Softwareentwickler, Tom studiert Musikmanagement und Jan arbeitet in der Gastronomie. Claudia ist eigentlich studierte Museologin, arbeitet aktuell in einer Kommunikationsagentur – ein Bürojob ohne feste Arbeitszeiten. Er lasse sich sehr gut mit der Musik vereinbaren, sagt sie.

Neben der Band ist Reisen Claudias zweite große Leidenschaft. „Ich bin sehr gern draußen und gehe Wandern”. Von ihren Trips entstehen dann Reisevideos. Während Fox gern auf seine Harley steigt, knattert die Sängerin am liebsten mit ihrem Moped durch die Gegend. Neben Job, Band und anderen Interessen muss sie außerdem noch Zeit finden für ihre 15-jährige Tochter. Die tritt allen Anschein nach in ihre Fußstapfen, singt im MDR-Kinderchor und bereitet sich derzeit auf ein klassisches Gesangsstudium vor. „Sie hat das musikalische Talent mitbekommen”, sagt die Mutter.

Bewerbung beim ESC floppte

Nach ihrem Erfolg beim Deutschen Rock- und Pop-Preis musste die Band kürzlich auch eine Niederlage kassieren: Ihre Bewerbung beim Eurovision Songcontest (ESC) wurden nicht berücksichtigt. Dabei hätte es die fünf gefreut, wenn sie es zumindest in die Vorauswahl geschafft und damit einen Auftritt in einer Fernsehshow gehabt hätten. „Vielleicht bewerben wir uns nochmal”, überlegt Claudia. „Das ist schließlich eine super Promo.” Die Sängerin tüftelt an neuen Songs, die in Zukunft wohl etwas härter ausfallen sollen, näher am Metal. Ein, zwei neue Singles sind für dieses Jahr noch geplant. Es wird also nicht leiser um die Band. Gina Apitz

Weitere Infos unter: www.claudia-kurver.de

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