
Dieter Kühn wurde am 4. Juli 70 Jahre alt. Kühn ist keiner, der im Mittelpunkt stehen will. Das mag er nicht. Seine Frau Uta bestätigt das: „Wir haben den 60. familiär gefeiert. Wir brauchen kein großes Fest, das sind wir nicht.“
Die Kühns freuten sich auf den Besuch der Kinder Jenny und André, drei Enkel sorgten dafür, dass der Festtag zum 70. dann doch etwas lebendiger ausfiel, denn es der anlässlich des 60. gewesen ist. Die Enkel, die Kinder definieren für Uta und Dieter Kühn ein sehr großes Stück vom Glück, welches sie auf ganz unterschiedliche Art und Weise empfangen und empfinden.
„Die Frau von Dieter Kühn“
Dieter Kühn war in den Zeiten seiner aktiven Karriere berühmt. Er würde wohl bekannt der Berühmtheit bevorzugen. Es war es in derartigem Maße, dass sich Ehefrau Uta erinnert: „Manchmal haben mich Menschen, die mich erstmals trafen, gefragt, ob Uta Kühn etwas mit Dieter Kühn zu tun hat. Hatte ich, ich war ab diesem Moment für diese Leute eben die Frau von Dieter Kühn.“
Dass sie so wahrgenommen wurde, hatte den Ursprung in den guten Taten, die Ehemann Dieter auf dem Fußballplatz vollbrachte. Der Stürmer, den alle Zwecke nannten, war einer wie… Nein, umgekehrt wird ein Fußballschuh raus, Gerd Müller war der Dieter Kühn des FC Bayern München. Ja, so passt das! Im Ernst, die Qualitäten von Mittelstürmer Kühn waren der Torabschluss, der Instinkt vor der Kiste.
„Zwecke“ war nicht der Kleinste
Kühn ist 1,75 Meter groß, er ergänzt zum Spitznamen etwas verwundert: „Ich war in der Knabenmannschaft nicht der kleinste Spieler, ich war es auch später nicht. Ich weiß nicht, wer mir den Namen gegeben hat, aber er gehört immer noch zu mir. Die Kinder von meinem Freund Mops Kinne (Ex-Lok-Mitspieler Hans-Jürgen Kinne/d.Red.) sagen Onkel Zwecke zu mir.“
Kühn sagt über Kühn: „Ich habe mit acht Jahren bei Lok begonnen, ich habe im Alter von 33 Jahren dort meine Zeit beendet. Ich habe den Verein nie vor Vertragsende verlassen.“ Starke Mitspieler hatte er im Verein wie in den Auswahl-Mannschaften der DDR. Eine detaillierte Bewertung will Kühn nicht abgeben: „Ich kann doch keinen hervorheben, da würde ich anderen Unrecht antun.“ Den unangenehmsten Gegenspieler, den benennt er mit Hochachtung: „Das war Jenas Verteidiger Konrad Weise, der war bissig am Mann.“
Bestes Spiel gegen Dresden
Ob er sein womöglich bestes Spiel benennen könnte, wollte SachsenSonntag wissen. Er konnte, sofort kam es präzise wie ein platzierter Schuss hoch in den linken Torwinkel: „Das war das 4:2 mit Lok zu Hause gegen Dresden. Das war im März 1980, ich konnte mit einer Direktabnahme und mit einem Kopfball treffen.“

Kühn war in dieser Spielzeit (1979/80) auch der Torschützenkönig in der DDR-Oberliga (21 Treffer), er gewann mit der Olympia-Auswahl Silber (1980 in Moskau), er war mit Lok viermal FDGB-Pokalsieger. Seine Trainer bei Lok hießen Horst Scherbaum, Manfred Pfeifer, Heinz Joerk, Harro Miller und Hans-Ulrich Thomale.
Ein Fußballlehrer hat ihn besonders geprägt. Und ebenso besonders, beinahe unfassbar ist die Geschichte, die Kühn im Rückblick auf Rudi Krause erzählt. Krause war Trainer DDR-Auswahl, zuvor bereits Übungsleiter für die Talente der U19- und U23-Mannschaft.
Der Taschenlampen-Trick von Dr. Krause
Kühn, der von Dr. Rudolf Krause auch in die A-Auswahl berufen wurde, erinnert sich: „Jeder Trainer hatte seine Stärken, aber Rudi Krause hat mich geprägt, weil wir mit ihm auch in der Theorie des Fußballs viel gearbeitet haben. Seine Methoden waren für die damalige Zeit außergewöhnlich. Laufwege der Spieler und Passwege des Balles hat er uns mit Taschenlampen veranschaulicht.“
Kühn, der treffsichere Torjäger, weil er beim Taschenlampen-Trick besonders aufmerksam war? Kühn weiter: „Jeder Spieler hatte in der Mannschaftssitzung eine Taschenlampe. Die war mit der jeweiligen Rückennummer des Spielers präpariert. An der Tafel sollten wir dann mit dem Lichtstrahl der Lampe unsere Position und unsere Laufwege aufzeigen. Rudi Krause hat das bestätigt oder bei Bedarf korrigiert. Auch solche Dinge wie Varianten der Spielfortsetzung waren so sehr gut nachzuvollziehen. Wenn ich das heute bedenke, war er doch der erste Trainer mit einer Art-Computer-Arbeit.“
Der Sport war und ist in der Familie Kühn konstanter Inhalt. Tochter Jenny wurde 1999 in Ludwigshafen in ihrer Altersklasse deutsche Jugendmeisterin im Tennis, Mama Uta erzählt mit Stolz: „Da hat ihr sogar der damalige Kanzler Helmut Kohl gratuliert.“ Heute ist es in Leipzig Papa Dieter, der den Schläger schwingt. Er verrät: „Zweimal in der Woche wird trainiert, es gibt auch Spiele in der Herren 65 Oberliga, da muss man mindestens 65 sein, um mitspielen zu können.“
Fußball und Sauna mit Freunden
Kühn kann und will, wenn es die Gesundheit erlaubt. Meistens tut sie das. Die benötigt er auch, wenn zwei weitere Aktivitäten den ganz Kerl fordern. Kühn klärt dazu auf: „Dienstags spielen wir mit den alten Herren von Lok in der Halle, danach geht es in die Sauna.“
Die Liste der plauderfreudigen Dampfbader liest sich wie ein Teil einer veritablen Mannschaftsaufstellung vergangener erfolgreicher Tage: Wolfgang Altmann, Frank Baum, Andreas Bornschein, Uwe Ferl, Claus Mann, Stefan Schreiber. Auch der Kontakt zu Achim Fritzsche, Ronald Kreer, René Müller, Heiko Scholz hat Bestand. Kühn ergänzt: „Und dann habe ich noch die Gartenarbeit.“ Uta fügt hinzu: „Ganz viel Gartenarbeit…“
Kühn hatte bei der Deutschen Reichsbahn, im Trägerbetrieb des 1. FC Lok, den Beruf eines Elektrikers erlernt. Das war damals so üblich, ebenso wie es Usus war, dass die Spieler dieser Tätigkeit während ihrer sportlichen Karriere nicht nachgehen mussten.
Danach nahm er ein Sportstudium Fachrichtung Fußball an der DHfK auf und beendete es als Diplom-Sportlehrer. Spannend: Die Klubs galten damals gegenüber den sogenannten BSGen (Betriebssportgemeinschaften) als finanziell lukrativer aufgestellt. Kühn korrigiert: „Nach meiner Zeit bei Lok war ich noch für eine Spielzeit bei Chemie Böhlen. Dort haben wir besser verdient. Das galt für das Gehalt und für die Prämien. Und die BSG in Böhlen war nicht die einzige Sportgemeinschaft, die so gut bezahlen konnte.“
Der Genuss des lebendigen Glücks
Erinnerungen gibt es zahlreiche, die gehievt wurden. Uta und Dieter Kühn haben in den vielen gemeinsamen Jahrzehnten auch Ziele gehabt, die nicht erreicht wurden. Dass Kühn gern bei Lok Nachwuchstrainer geworden wäre, gehört dazu. Auch eine bereits avisierte berufliche Perspektive in den alten Bundesländern gab es nicht. Die Kühns schauen auf diese Dinge heute mit Gelassenheit, mit der Zufriedenheit des augenblicklichen Glücks.
Sie leben und lieben ihren Alltag, sie gaben dem Gespräch eine angenehme und ruhige Art der Normalität, die Kühns. Das ist dann in diesen intensiven und zumeist viel zu extravertierten Zeiten eine sehr willkommene Besonderheit, diese Normalität. Lars Preußer



































