
Zweimal im Jahr geschieht in Poßdorf etwas, das man in dieser Form nicht unbedingt erwartet: Der sonst so ruhige Innenring verwandelt sich in einen lebendigen, fröhlich-bunten Spielplatz. Dann klackern überdimensionale „Vier gewinnt“-Steine, beim Riesenmikado wird konzentriert die Luft angehalten, und zwischen Bastelstraße, Laufradstrecke und Speedbootrennen wuseln Kinder, Eltern und Großeltern durcheinander. Es ist einer dieser Tage, an denen das Dorf nicht nur Kulisse ist – sondern Bühne.
Ein Dorf, das Kinder liebt
Die Idee dahinter ist so charmant wie ungewöhnlich. Vor drei Jahren rief der Verein „Poßdorf – wo wir gerne leben“ den Spieletag ins Leben. „Wir sind ein kleines, alteingesessenes Dörfchen“, sagt Bettina Paubandt und lächelt dabei, als würde sie genau wissen, dass gerade darin der besondere Reiz liegt. Zwischen Delitzsch und dem Seelhausener See, unweit der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt, schlängeln sich hier die Häuser entlang der Leine – ruhig, fast ein bisschen verträumt.

Doch wer glaubt, hier sei es still, täuscht sich. Denn Poßdorf mag vor allem eines: Kinder. „Im Verhältnis zu unseren 53 Einwohnern haben wir ziemlich viele davon“, sagt Paubandt. Und nicht nur das – als Hebamme trägt sie selbst dazu bei, dass es nicht weniger werden.
In den vergangenen Jahren sind junge Familien hinzugezogen. Eine Entwicklung, die Freude macht – und gleichzeitig den Wunsch weckte, das Dorfleben neu zu beleben. „Wir wollten wieder mehr Gemeinschaft schaffen. So, wie man sich ein Dorf vorstellt.“
Die Idee mit dem Bienenwagen
Aus dieser Idee wurde schnell mehr. Gemeinsam mit acht weiteren Mitstreitern begann Paubandt zu spinnen, zu planen – und schließlich zu bauen. Ausgangspunkt: ein alter Bienenwagen. Ziel: ein mobiles Spieleparadies. Drinnen wie draußen, für kleine und große Entdecker. „Die Idee kam gut an – eigentlich sofort“, erinnert sie sich. Nur eine Frage stand noch im Raum: Wie finanziert man so ein Herzensprojekt?
Neun Menschen, ein Plan
Die Antwort war ebenso pragmatisch wie entschlossen: „Dann gründen wir eben einen Verein.“ Gesagt, getan. Am 5. November 2022 wurde „Poßdorf – wo wir gerne leben“ offiziell ins Leben gerufen. Fördergelder wurden beantragt, Spenden gesammelt – und Stück für Stück wuchs nicht nur der Spielewagen, sondern auch das, was er auslöste: Begegnung, Lachen, gemeinsames Erleben.

Spielen verbindet
Der Spieletag wurde dabei schnell zum Herzstück. Ganz bewusst legte man ihn auf Himmelfahrt. „Ein Tag, an dem viele Zeit mit der Familie verbringen – also laden wir sie einfach zu uns ein“, sagt Paubandt. Und wer kommt, bekommt mehr als nur Spiele: selbstgebackenen Kuchen, Gegrilltes und vor allem eine Atmosphäre, die man nicht kaufen kann. Die Premiere? Ein voller Erfolg.
Dabei geht es nicht nur um Unterhaltung: Einige Vereinsmitglieder bringen pädagogische Erfahrung mit und achten bewusst darauf, dass die Spiele nicht nur Spaß machen, sondern auch Geschicklichkeit, Kreativität und gemeinsames Miteinander fördern.
Weil gute Ideen selten allein bleiben, kam bald ein zweiter Termin im September hinzu. „Ein kleines Highlight im Altweibersommer“, nennt es Paubandt augenzwinkernd. Und langweilig wird es ohnehin nicht: Neben Klassikern finden sich immer wieder neue Spiele – selbst entwickelt oder „gut abgekupfert“, wie sie lachend zugibt.
Einladung mit Überraschungseffekt
Sogar die Einladung ist kreativ: In umliegenden Orten werden bunt bemalte Steine ausgelegt – kleine Botschafter mit Ort, Datum und einem Versprechen. Wer einen findet und mitbringt, darf sich auf eine Überraschung freuen. „Wer zu uns kommt, kann was erleben“, sagt Paubandt. Und das ist nicht nur ein Spruch.
Ein neuer Name, klare Richtung
Doch so rund die Geschichte klingt – ganz ohne Herausforderungen läuft es nicht. Unterstützung für den Spielewagen gab es, für den Verein selbst dagegen weniger. Ein Grund dafür war wohl der Name. „Der hat vielleicht nicht sofort gezeigt, worum es eigentlich geht“, sagt Paubandt. Die Konsequenz: ein Neuanfang. Ab dem 1. September trägt der Verein den Namen „Poßdorfer Spielewagen e.V.“ – klar, greifbar und genau auf den Punkt.
Der Spielewagen auf Reisen
Und die Pläne gehen weiter. Der Spielewagen soll künftig noch mehr können: als mobiles Angebot für Kindergeburtstage, Familienfeiern oder Dorffeste in der Region. Erste Kooperationen, etwa mit Spröda oder beim Familienfest in Delitzsch, zeigen bereits, wie gut das Konzept funktioniert. Sechs Meter lang, zweieinhalb Meter breit – und voller Ideen ist der Wagen längst ein Hingucker geworden.
Zukunft mit Spielfreude
Auch im eigenen Dorf entwickelt sich das Projekt weiter. Ein neuer Spielplatz ergänzt den Spieletag, Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen ein. Und vielleicht, so die Idee, wird Poßdorf künftig auch ein kleiner Zwischenstopp für Radfahrer: anhalten, durchatmen, etwas trinken – während die Kinder spielen und der Alltag für einen Moment Pause macht.
Noch ist das Zukunftsmusik. Denn was es dafür braucht, ist Unterstützung: Menschen, die mit anpacken, Ideen einbringen oder das Projekt finanziell begleiten. „Die Spielgeräte kosten Geld – und wachsen leider nicht auf Bäumen“, sagt Paubandt mit einem Augenzwinkern. Aber sie ist überzeugt: Wer den Spielewagen einmal erlebt hat, versteht schnell, warum es sich lohnt.
Ein Tag, der Lust auf mehr macht
Die nächste Gelegenheit dafür gibt es am 5. September. Von 10 bis 15 Uhr wird der Innenring wieder zur Spielwiese – mit Federball, Tischtennis, Hindernisparcours, Hüpfburg, Blasrohrschießen, Slackline, Voltigieren und vielem mehr.
Und vielleicht ist es genau das, was Poßdorf so besonders macht: dass hier aus einer einfachen Idee etwas entstanden ist, das Menschen zusammenbringt. Nicht laut, nicht spektakulär – sondern herzlich, kreativ und mit einer guten Portion Spielfreude. Oder, um es mit einem der kleinen bunten Steine zu sagen: Wer hierherkommt, kann wirklich was erleben. Nannette Hoffmann



































