Vom Bauingenieur zum Miniatur-Künstler: Schmii baut Leipzig in klein

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Miniaturkünstler Schmii aka André Schmidt steht mit seiner Miniatur vor dem Haus im Leipziger Täubchenweg. Foto: Dirk Knofe
Miniaturkünstler Schmii aka André Schmidt steht mit seiner Miniatur vor dem Haus im Leipziger Täubchenweg. Foto: Dirk Knofe

Pinzetten, Cuttermesser, Bleistifte – alles liegt irgendwo. Auf dem Boden, auf dem Regal, auf der Fensterbank. André Schmidt, 41, alias Schmii, lacht ein bisschen entschul­digend, als der Blick seiner Besucherin durch sein Atelier im Leipziger Osten wandert. „Kreatives Chaos“, sagt er, und das klingt eher nach Feststellung als nach Entschuldigung. Auf der Arbeitsplatte in der Raummitte: das aktuelle Projekt, ein Industrie-Gebäude im Rohzustand, umgeben von Holzspänen. Ringsum an den Wänden und auf Regalen stehen diverse fertige ­Miniaturen. Fassaden von Häusern – Leipzig im Kleinformat.

Eine Welt im Maßstab ­zwischen 1:50 und 1:100, in der handwerkliches Geschick und Geduld von Bedeutung sind. Hier hat der ehemalige Bauingenieur seinen Frieden gefunden – und eine Leidenschaft zum Beruf gemacht.

Pläne in einer ­2D-CAD-Software

Die Größe einer Miniatur richtet sich danach, was der Lasercutter packt – beziehungsweise was in die vorbereiteten Rahmen passt. Einen festen Maßstab gibt es nicht. Als Grundlage nutzt Schmii Fotos des Objekts oder Google Streetview. Daraus ­entstehen Pläne in einer ­2D-CAD-Software, die Schmii noch aus seinem früheren Leben als Bauingenieur kennt. „Ich habe leider kein 3D-Programm, aber in meinem Kopf zerlege ich das Modell dann. Ich habe ein Bild davon, wie ich die Platten aufteile.“

Die Miniaturen baut er aus einfachen Holzplatten aus dem Baumarkt mit einem Holzrahmen als Rückgrat. Den Rest erledigt der Lasercutter. Schmii nennt ihn seinen „besten Mitarbeiter“. „Er ermöglicht mir präzise, wiederholbare Schnitte. Auch wenn ich mich mal vermessen habe, kann ich das nochmal wiederherstellen.“ Für die Details nutzt Schmii Pinzette, Cuttermesser – und manchmal Nagellack, der eine glasig glatte Oberfläche ergibt.

Höchste Konzentration: Künstler Schmii kann beim Tüfteln in derArbeit versinken. Foto: Dirk Knofe
Höchste Konzentration: Künstler Schmii kann beim Tüfteln in der
Arbeit versinken. Foto: Dirk Knofe

Auf die kleinen Feinheiten kommt es an: An den Fassaden bildet der Künstler die Graffitis mit ab, selbst kaputte Bierflaschen werden nachgebildet. Diese Bastelei erfordert hohe Konzentration und ist für ihn zugleich eine Art Therapie. „In dem Prozess kann ich mich verlieren und abschalten.“

Die Stadt, die in Miniatur konserviert wird

In einem kleinen Becher auf dem Tisch liegen dutzende winziger weißer Stäbchen mit einem gelben Farbklecks. Es sind Miniatur-Zigarettenstummel, die alle noch mit einer Zange verbogen werden müssen – Schmiis Ansprüche sind hoch. Er ist Perfektionist. Handwerk­liches Geschick liegt in seiner Familie. Schmiis Urgroßvater war Tischler, der Vater hatte eine Werkstatt, drechselte ­Räuchermännchen und schraubte an Simson-Mopeds. „Ich stand immer dabei und habe was eigenes gemacht, meist ohne Anleitung. Sicher rührt das Interesse zum Tüfteln daher.“

Miniaturen-Serie über Leipziger Clubs

Sein aktuelles Lieblingsprojekt ist eine Miniaturen-Serie über Leipziger Clubs, die es nicht mehr gibt. Orte wie das „4Rooms” im Täubchenweg, in denen Schmidt früher ebenfalls getanzt und Freunde getroffen hat. Teils wurden die „Schuppen“ abgerissen oder mussten einer anderen Nutzung weichen.

Es ist seine Art, die Clubs und die Geschichten, die damit verbunden sind, zu konservieren. „Das Gebäude existiert nicht mehr. Das wird man nie wieder sehen. Aber ich kann es zuhause an­blicken und mich immer wieder ein bisschen zurücktragen lassen.“

Die Miniatur des „Elsterartig“ ist eine Auftragsarbeit, rechts hater vier Fassaden des Leipziger Marktes nachgebaut. Foto: Dirk Knofe
Die Miniatur des „Elsterartig“ ist eine Auftragsarbeit, rechts hat er vier Fassaden des Leipziger Marktes nachgebaut. Foto: Dirk Knofe

Viele Menschen verbinden mit bestimmten Orten ein spezielles Gefühl, sagt er. Das Haus der Kindheit. Das Café, in dem man sich kennengelernt hat. Der Club, in dem man sich zum ersten Mal frei fühlte. „Es ist für mich schön, sowas aufzuheben. Es geht gar nicht um die Miniatur an sich, sondern um das, was man mit dem Ort verbindet.“

André Schmidt ist in Eilenburg aufgewachsen. Nach dem Abi studierte er zunächst Mathe und Physik auf Lehramt. Bis er bei einer Hospitation in seiner alten Schule saß und merkte: „Von den 30 Schülern, die da sitzen, hat vielleicht einer Bock auf ­Mathe.“ Er merkte, dass Lehrer nicht zu ihm passt und sattelte auf Bauingenieurwesen um.

Eine kleine Wand im ­Miniaturformat

Statik, Tragwerksplanung, Brückenprüfung, Bauleitung auf der Messe. 13 Jahre arbeitete er in dem Beruf. Eine Welt, sie sehr kapitalistisch, toxisch und männlich geprägt gewesen sei. Sie machte ihn schließlich depressiv. Und dann kam der Moment, der alles veränderte – im Grunde ein Zufall. Eine Freundin schickte ihm ihren Graffiti-Namen als Skizze, meinte aber, eine echte Wand würde sie niemals bemalen. Also baute er ihr kurzerhand eine kleine Wand im ­Miniaturformat. Damit sie ­malen konnte. „Das war der Startschuss.“

Eine Miniatur eines Spätis auif der Zweinaundorfer Straße hat der Künstler in einer schmuddeligen Ecke unter dem Laden installiert. Foto: Dirk Knofe
Eine Miniatur eines Spätis auif der Zweinaundorfer Straße hat der Künstler in einer schmuddeligen Ecke unter dem Laden installiert. Foto: Dirk Knofe

Wenn man ehrlich ist, kann man sich André Schmidt auch nur schwer in einem Bauingenieurbüro vorstellen. Er trägt eine Jogginghose, ein ausgewaschenes ärmelloses Shirt und schlurft mit seinen Turnschuhen lässig durch den Kiez, grüßt immer wieder Leute auf der Straße, die er kennt. Mit seinen wilden Haaren, dem Schnurrbart und der Kippe im Mundwinkel würde er auch gut in die Künstler­szene in Plagwitz oder Lindenau passen – oder eben hier zu den Kreativen im Leipziger Osten.

Schmii verfolgte mit seinen Arbeiten anfangs keine Strategie. Er platzierte kleine Werke im Kiez, hängte sie an Fassaden, stellte sie in Cafés. Wer etwa durch den Täubchenweg läuft, entdeckt in einer kleinen Ecke an einem Späti eine verstaubte ­Miniatur des Hauses, in dem der Laden beheimatet ist. Etwas weiter die Straße runter hängt eine Miniatur in einem Café. Geschenkt oder Dauerleihgabe? Die Ladenchefin weiß es selbst nicht genau und lacht nur über die Frage.

Der Leipziger Markt in Mini

Aktuell bastelt der Künstler an einer Teil-Miniatur des Leipziger Marktes. Vier Fassaden sind zu erkennen, mit Türmchen und Dachschwüngen, die Schmii besonders liebt. „Da stecken so viele Details drin. Wie unterschiedlich die Gebäude aufgebaut sind, das fasziniert mich.“

Daneben steht eine Miniatur des Clubs „Elsterartig” – eine Auftragsarbeit. Schmii nimmt auch gern noch mehr solcher Aufträge entgegen. Von Immobilienentwicklern vielleicht oder Menschen, die ihr Haus anders sehen wollen, als eine Fotografie es zeigen kann. Fest steht: Er muss jetzt mit den Miniaturen Geld verdienen.

Die Miniatur des „Sweat!“ ge-hört zur Reihe der verlorenen Clubs. Foto: Dirk Knofe
Die Miniatur des „Sweat!“ ge-
hört zur Reihe der verlorenen
Clubs. Foto: Dirk Knofe

Schmiis Alltag als Selbstständiger ist noch jung. Mitte letzten Jahres war der Bauingenieursjob weg – nicht freiwillig, die Firma überlebte den Marktdruck nicht. „Zum Glück bin ich gekündigt worden“, sagt er, „sonst hätte ich den Ausstieg vielleicht nicht geschafft.” Eine Förderung zu Jahresbeginn half. Erste bezahlte Aufträge kamen und Anfragen für Festivals, zuletzt für die IBUG, das Festival für urbane Kunst in Riesa. In der X23-Galerie in der Nathanaelstraße in Lindenau stehen einige Werke von ihm. Außerdem gibt Schmii auch Workshops für Kinder.

Wenn der Künstler in Leipzig unterwegs ist, dann meistens auf dem Fahrrad und in jüngster Zeit mit drei Bällen im Gepäck. Er liebt es, während des Radelns zu jonglieren, auch im Stadtverkehr. Bouldern, Slackline und Tischtennis sind ein weiterer Ausgleich zu den Stunden, die er allein über der Arbeitsplatte verbringt.

Neue Pläne im Osten

Wenn das aktuelle Projekt fertiggestellt ist, dann gönnt er sich erstmal eine Pause. „Bisher habe ich seit Anfang des Jahres durchgearbeitet.“ Danach will er seine Website überarbeiten, vielleicht einen YouTube-Kanal aufbauen. Menschen fragen ihn ständig, wo sie seinen Arbeitsprozess verfolgen könnten. „Aber ich bin nicht so aufgewachsen, dass ich alles von mir filmen muss.“ Mit 41 ist er nicht die Generation, die jeden Handgriff fürs Handy inszeniert.

Künstlerisch zieht es ihn weg von gerahmten Wandobjekten, hin zu Miniaturen in 3D, die im Raum stehen, die man von allen Seiten betrachten kann. Und er träumt er von einer Ateliergemeinschaft – mit anderen Künstlerinnen und Künstlern um sich herum, mit denen er mal einen Kaffee trinken kann, am besten irgendwo im Osten der Stadt.

Ob er von seinen Miniaturen langfristig leben kann, wird sich zeigen. „Ich ziehe es auf jeden Fall dieses Jahr durch und bin gespannt auf nächstes Jahr“, sagt er. Was kommt, weiß er noch nicht genau. Aber er glaubt an sein Credo: „Man muss nur oft genug üben und dranbleiben.“ Das hat er beim Jonglieren gelernt. Und auch beim Miniaturen bauen. Gina Apitz

Künstler Schmii beteiligt sich auch der IBUG (Industriebrachenumgestaltung) in Riesa, dem renommierten Festival für urbane Kunst. Geöffnet ist die Ausstellung noch am Wochenende vom 5. bis 6. September.

Weitere Infos zu Schmii gibt es hier.

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