Der Schulze-Delitzsch-Frauenchor feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. Derzeit bereiten sich mehr als 40 Sängerinnen auf ein großes Jubiläumskonzert vor. Foto: privat
Der Schulze-Delitzsch-Frauenchor feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. Derzeit bereiten sich mehr als 40 Sängerinnen auf ein großes Jubiläumskonzert vor. Foto: privat

Sanft erklingen die Stimmen: „Hail, holy Queen ­enthroned above, oh Maria.“ Dann stimmt das Piano ein. Die Frauen des Schulze-Delitzsch-Frauenchores stehen, beginnen zu klatschen und zu wippen und singen voller Inbrunst. Das Piano verstummt. „Wo ist mein Alt 1? Ich höre euch nicht!“, fragt Chorleiterin Carolin Creutz-Moritz. Die Stimmen des Alt 1 singen allein. „Ihr müsst hier aber am Ende hoch!“, fordert sie. Noch einmal singt Alt 1. „Genauso!“, kommt das Lob. Alle setzen noch einmal von vorn an.​

Wieder stoppt das Piano. „Takt 57 für die Soprane ist einstimmig, nicht zweistimmig. Da müsst ihr aufpassen, bitte noch einmal.“ Der Sopran singt einstimmig. „Jaaa…“, schallt es lächelnd vom Piano. Der Song „Hail Holy Queen“ aus dem Film „Sister Act“ wird noch einmal angestimmt und diesmal ganz durchgesungen. Der Chor hat alles richtig gemacht, die Frauen ­lächeln. „Das ist schon eine Herausforderung“, sagt Christine Rühr. „Aber schön“, fügt Veronika Haubner hinzu.​

Und weil die Frauen schon einmal stehen, geht es mit „Lollipop“ weiter. In den Reihen ist ein breites Lächeln zu sehen. „Lollipop, Lollipop, oh Lolli Loli Lolli Lollipop – POP.“ Die Frauen klatschen, bewegen die Hüften im Rhythmus. Niemand klebt am Blatt, fast alle singen frei – einmal komplett durch. Dann gönnt Chorleiterin Carolin Creutz-Moritz ihren Sängerinnen eine Pause.

60 Jahre Klanggeschichte in Delitzsch​

Die Sängerinnen des Schulze­Delitzsch-Frauenchores proben für einen besonderen Auftritt: ihr Jubiläumskonzert. Denn der Chor wird in diesem Jahr 60 Jahre alt – ein Meilenstein in seiner langen Geschichte.

Was den Chor auszeichnet, da sind sich die Frauen einig: die ­Gemeinschaft und der Zusammenhalt. „Das hat man vor allem während Corona gemerkt. Der Vorstand hat Videobotschaften verschickt, wir haben eine WhatsApp-Gruppe für den Austausch aufgebaut und als wir uns wieder mit wenigen Leuten treffen durften, haben wir das Grüppchenweise getan“, zählt Veronika Haubner auf. Während andere Vereine nach Corona aufgegeben haben, ist der Chor mit allen Sängerinnen zusammengeblieben. „Das ist in meinen Augen schon bezeichnend.“​

Vom Charakter her sei der Chor eine reifere Dame – „mit jugend-lichen Elementen, mit viel Herz und Disziplin, mit Empathie und Wertschätzung füreinander“, beschreibt Andreas Bernacki.

Anspruch, der trägt​

Carolin Creutz-Moritz leitet den Schulze-DelitzschFrauenchor seit 16 Jahren. Kennengelernt hat sie ihn schon 1994 – und stand damals selbst einige Male als Solistin bei Konzerten auf der Bühne. Ihr Mann, der den Schulze­Delitzsch-Männerchor leitet, „überredete“ sie schließlich, den Frauenchor zu übernehmen. Eine Entscheidung, die sie bis heute nicht bereut.

Großen Wert legt sie in den Proben auf das Zuhören. „Wir haben doch alle ein Ziel, nämlich auf Konzerten unser Können zu zeigen“, sagt sie. Und dass die Frauen etwas können, zeigen jedes Mal die vollen Stuhlreihen und der reichliche Applaus bei ihren Auftritten. Dafür müssen die Sängerinnen aber auch etwas tun: „Üben, üben, üben.“​

Am Probenwochenende von früh bis spät arbeiten

„Wir haben schon alle einen sehr hohen Anspruch“, weiß die Chorleiterin. Mit ihrem Perfektionismus ist sie dort genau richtig. „Wenn wir etwas anfangen, dann muss es von vorne bis hinten stimmen.“ Dazu gehört auch die Bereitschaft, an einem Probenwochenende von früh bis spät zu arbeiten – so wie jetzt vor dem Jubiläum. „Wir wollen zum Jubiläumskonzert 18 Titel singen. Das ist schon eine Hausnummer“, betont Creutz-Moritz. Unterstützung erhält der Chor dabei von einer kleinen Band, die einige der Lieder begleiten wird. „Das wird toll“, freut sie sich.

Gerade beim Jubiläumskonzert wollen die Frauen die ganze Bandbreite ihres Repertoires zeigen. „Wir sind nicht nur auf ein Genre festgelegt. Bei uns werden geistliche, volkstümliche und klassische Lieder gesungen sowie Songs aus Musicals oder Filmen“, erklärt sie. Das mache den Chor aus: die bunte Mischung – und dass alle Stimmen ihren Platz finden.

Besonders freut sich der Chor über eine zusätzliche Förderung durch die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt für das Konzert.

Drei Generationen, ein Chor

Wie sehr verschiedene Generationen hier zusammenfinden, zeigt ein Blick in die Reihen. Sira ist mit ihren 15 Jahren die Jüngste. Ihre Mutter singt bereits im Chor – und wollte unbedingt auch ihre Tochter dabeihaben. „Da ich in meiner Freizeit gerne singe und tanze, bin ich einfach mal mitgegangen“, erzählt Sira.

Sie war überrascht, dass so viele ältere Damen mitsingen. „Das finde ich aber auch schön, weil man so viel Unterstützung bekommt und von ihnen lernen kann“, betont sie. Der Chor mache ihr viel mehr Spaß, als sie gedacht hätte. Und noch etwas gefällt ihr: „Mit dem Gesang können wir anderen eine Freude bereiten.“ Sira hofft, dass sich noch ein paar mehr junge Mädchen dem Chor anschließen.​

Bianca Sube kam vor zwei Jahren in den Chor. „Ich hatte das schon immer vor, wollte aber warten, bis ich Rentnerin bin“, erklärt die 52Jährige. Eine Freundin überzeugte sie, doch früher einzusteigen – zum Glück, wie sie heute sagt. „Das Singen in der Gemeinschaft ist wie Balsam. Hier genieße ich den Ausgleich zum stressigen Alltag und die Herzlichkeit der Frauen.“ Vor allem letzteres sei in ihren Augen etwas Besonderes. „Jeder wird hier freundlich und ehrlich aufgenommen. Da freut man sich jede Woche auf die Probe.“​

Singen ist für Renate Emmrich eine Lebenseinstellung. Schon in der Schulzeit hat sie gesungen – aufgehört hat sie nie. Vor 30 Jahren ist sie in den Schulze­Delitzsch-Frauenchor gekommen und gehört heute zu den ältesten Mitgliedern.

„Für mich ist das Singen im Chor eine Erfüllung, und in der Gemeinschaft macht es gleich doppelt Spaß“, sagt die 85-Jährige. Ein Leben ohne Chor kann sie sich nicht mehr vorstellen. „Zum einen gibt mir die Musik Kraft, zum anderen habe ich hier Menschen kennen und schätzen gelernt. Wir sind zusammengewachsen – als Freunde.“

Gemeinschaft, die bleibt​

Ziel des Chores ist es, für jedes Publikum und jeden Geldbeutel etwas zu bieten. „Wir haben bis zu 15 Auftritte pro Jahr, immer unter einem anderen Motto, mit unterschiedlichen Liedern“, berichtet Sigrun Grundmann. Das zeige, wie viel Ehrgeiz in den Sängerinnen stecke, aber auch, wie wichtig der Chor für die Region sei.

„Ohne uns sähe es hier traurig aus“, meint Inge Gläser. Zudem sei der Chor als reiner Frauenchor etwas Besonderes. „So etwas gibt es in Delitzsch kein zweites Mal.“ Die Stadt Delitzsch unterstützt den Frauenchor seit vielen Jahren finanziell und ideell bei seinen Vorhaben. „Dafür sind wir sehr dankbar.“

Musicals und Operetten im Repertoire

Das Repertoire ist breit gefächert. „Wir haben auch Musicals und Operetten dabei, um für Jüngere einen Anreiz zu bieten“, sagt Christine Rühr, Vorsitzende des Vereins. Der Mix kommt an beim Publikum. „Wir haben treue Zuhörer, die immer wieder unsere Konzerte besuchen. Aber wir sehen auch immer wieder neue, junge Gesichter. Das freut uns sehr, dass wir mit unseren Konzerten den Nerv verschiedener Generationen treffen“, sagt sie.​

Außerdem möchten die Sängerinnen das Vereinsleben nicht unerwähnt lassen. „Bei uns gibt es jeden Monat einen Chorstammtisch, wo wir einfach mal zusammen sein können“, sagt ­Inge Gläser lächelnd. Feste, ­Gartenpartys, Chorausflüge, Geburtstage, das alljährliche Chorprobenwochenende, Freundschaften mit anderen Chören sowie stimmungsvolle Weihnachtsfeiern sind weitere Beispiele für die lebendige Gemeinschaft.

49 Sängerinnen sind im Chor

Kein Wunder, dass die insgesamt 49 Sängerinnen auch von weiter her den Weg in den Chor finden. „Wir sind offen für alle, die Interesse am Singen und an Gemeinschaft haben“, betont Christine Rühr. Angst müsse niemand haben. „Viele können keine Noten lesen. Wir lernen Baustein für Baustein neue Lieder und nehmen dabei jede mit“, sagt sie.

Und so klingt in jeder Probe mit, was den Chor seit 60 Jahren trägt: die Freude am gemeinsamen Singen – und das gute Gefühl, mit der eigenen Stimme nicht ­alleine zu sein. Nannette Hoffmann

Wer neugierig geworden ist, kann dienstags von 19 bis 21 Uhr zur Probe kommen oder sich online informieren unter www.schulze-delitzsch- frauenchor.de

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