
Mit Projekten ist es ja so eine Sache – vor allem, wenn es sich um künstlerische Projekte handelt. Manchmal hat man einfach eine Idee, eine Vision. Manchmal stößt man eher zufällig auf die nötige Inspiration, einfach so und mitten im Alltag.
Und manchmal kommt ein Projekt um die Ecke und packt einen am Schlafittchen, verzehrt einen geradezu mit Haut und Haar und lässt einem einfach keine Ruhe. Dieses Gefühl kennen Andrea Kathrin Loewig und Marijam Agischewa nur zu gut: Mit der anstehenden szenischen Lesung von „Sie waren neun“ stecken sie mittendrin in einer solchen Arbeit …
Brief war Auslöser für das Projekt
Dabei ging’s ganz harmlos los. Und auch ein bisschen charmant-altmodisch. Mit einem Brief, der da auf einmal eintrudelte nicht nur im Hause Loewig und Agischewa. Sondern auch bei Claudia Wenzel und Julia Jäger, bei Christina Petersen und Rike Schäffer, bei Leslie-Vanessa Lill, Sarah Alles und Vanessa Rottenberg – allesamt gestandene Schauspielerinnen.
„Es ist eine Geschichte, die auch Werte vermittelt. Und dies ist heute aktueller denn je.“
Geschrieben hatte diesen Brief Thomas Rühmann – seines Zeichen ja nicht nur Dr. Roland Heilmann in der Erfolgsserie „In aller Freundschaft“, sondern auch ein echter Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Einer, der auch die Musik innig liebt und das Theatermachen (im wahrsten Sinne des Wortes – mit dem „Theater am Rand“ betreibt er ja in Zollbrücke ein eigenes Theater). Und der immer die Ohren und Augen offenhält … nach Entdeckungen wie dem preisgekrönten Weltbestseller „The Nine“ von Gwen Strauss beispielsweise.
Junge Leute aus Wurzen fungierten als Übersetzer
„Dabei waren auch wir richtig überrascht, dass es dieses Buch lange Jahr nicht in einer deutschen Übersetzung gegeben hat“, erzählt Andrea Kathrin Loewig (bekannt aus der Erfolgsserie „In aller Freundschaft“, in der sie ja gemeinsam mit Thomas Rühmann vor der Kamera steht) von einer weiteren, richtig bemerkenswerten Geschichte. Denn ja – diese Beobachtung ist richtig. Oder war besser gesagt richtig: Das Buch der US-amerikanischen Schriftstellerin über die Flucht von neun französischen Zwangsarbeiterinnen im Frühjahr 1945 – erschienen im Jahr 2021 – war nur im englischen Original zu bekommen.
Oder in der französischen Übersetzung zum Beispiel. Aber eben nicht in deutscher Sprache – was auch jungen Menschen in der Gemeinde von Diakon Fabian Hanspach in Wurzen aufgefallen ist. Die das wiederum so nicht einfach hinnehmen mochten … und das Buch kurzerhand in Eigenregie übersetzten. Mit Unterstützung der Dolmetscherin Ina Adler und der Amerikanistin Dr. Katharina Löffler. Und ehrenamtlich in der eigenen Freizeit.
Kein „normales“ Buch
Das zeigt: Dies ist kein „normales“ Buch. Sondern eine Geschichte, die Menschen packt und nicht mehr loslässt. Die für Gänsehaut sorgt, wie Andrea Kathrin Loewig vom ersten Lesen berichtet: „Meine Tochter ist fast so alt wie jene neun jungen Frauen in dem Buch. Und ich war tief berührt, wie todesmutig diese Frauen damals waren.“
Denn Gwen Strauss hat sich diese Geschichte nicht ausgedacht, nein, diese Flucht der neun Französinnen ist historisch belegt – sie hat tatsächlich so stattgefunden, wie es die Autorin beschrieben hat. Es ist ja quasi die eigene Familiengeschichte, die Geschichte der Großtante Hélène Podliasky als eine der neun Frauen, die da vom Todesmarsch geflohen waren. „Genau dies hat mich auch sofort berührt“, überlegt Marijam Agischewa (die wiederum in der Serie „IaF – Die jungen Ärzte“ spielt und da auch schon mal mit Andrea Kathrin Loewig).
Und sie ergänzt: „Aber mir war klar, dass dies etwas Besonderes ist: Thomas ist fachlich und menschlich schon ein ganz außergewöhnlicher Mann.“
Geschichte der neun jungen Frauen erzählen
Und der hatte auch umgehend diese Vision, diese Idee: Man muss die Geschichte der neun jungen Frauen erzählen. Auf die Bühne bringen. Und zwar genau dort, wo sie sich abgespielt hatte. In Leipzig und Wurzen, in Oschatz und in Dresden. Wieder ein Gänsehaut-Moment für Andrea Kathrin Loewig: „Ich bin sicher, da wird so viel Energie drin sein – weil wir eben in jenen Orten lesen werden, an denen dieses Buch spielt. Manchmal denke ich, dass ich aufpassen muss, dass es einem da nicht die Sprache verschlägt.“
Dies ist nämlich genau die künstlerische Vision: Neun Schauspielerinnen geben den neun Heldinnen von „Sie waren neun“ ihre Stimme und damit eine Gestalt. Und sie stehen mit dieser Stimme und dieser Gestalt gemeinsam auf der Bühne, um diese gleichermaßen bedrückende wie berührende Geschichte von Widerstand gegen Unmenschlichkeit, von Gemeinschaft und Solidarität, von Mut auch in aussichtslosen Situationen zu erzählen. Davon, dass sich dieser Mut lohnen kann – denn diese neun Frauen schaffen es im Frühjahr 1945, sich bis nach Colditz zu den Amerikanern durchzuschlagen.
Dabei sind sich Andrea Kathrin Loewig und Marijam Agischewa rasch einig: Ja, gerade in der heutigen Zeit muss eine solche Geschichte erzählt werden. In aller Größe und Vielschichtigkeit. „Junge Menschen, die sich der gerechten Sache verschrieben haben und die bereit sind, Widerstand zu leisten, wenn dies in Gefahr ist“, überlegt Marijam Agischewa.
Sie ergänzt: „Das ist auch die Idee der Gemeinschaft, der gegenseitigen Solidarität, die erzählt werden muss. Für mich ist auch dieser Aspekt eine richtig wichtige Angelegenheit. Dass man sich gegenseitig hilft und unterstützt auch in schwersten Zeiten.“
Am 13. April geht es los
Am 13. April geht es für die Beiden los – gemeinsam mit Claudia Wenzel, Julia Jäger, Christina Petersen, Rike Schäffer, Leslie-Vanessa Lill, Sarah Alles, Vanessa Rottenburg und natürlich Thomas Rühmann, der die Regie übernimmt. Von der Leipziger Nikolaikirche geht es nach Wurzen in den Dom und nach Oschatz in die St. Aegiedien-Kirche sowie schließlich am 18. April nach Dresden in die Dreikönigskirche.
Die Anspannung ist groß, das Terrain schließlich eher ungewohnt und die Herausforderung, diesen neun Frauen Stimme und Gestalt zu geben, ganz schön groß. In ein paar Tagen geht es los, dann stehen die ersten (gemeinsamen) Proben auf dem Programm, das Ganze nimmt dann nach und nach Gestalt an.
Dabei kann eines vielleicht ein kleines bisschen helfen. Diese Ähnlichkeit in der Ausgangsposition – wenn auch auf einer ganz anderen Ebene. Aber ähnlich wie die neun jungen Französinnen ist das Ensemble um Andrea Kathrin Loewig und Marijam Agischewa eine Art Schicksalsgemeinschaft.
„Ich bin jemand, der viel nachdenkt – da bewundere ich immer, mit wieviel Gelassenheit Andrea Kathrin Loewig an solche Projekte herangeht. Aber letzlich habe ich immer die Erfahrung gemacht: Es wird gelingen.“
Klar, man kenne die ein und andere Kollegin schon vom Set, andere wiederum nur aus der Ferne und ohnehin sei da ja noch diese außergewöhnliche Situation mit hohem Anspruch und großer Ernsthaftigkeit, überlegt Marijam Agischewa: „Das wird wirklich eine spannende Sache. Wir gehen dann ja zu neunt gemeinsam diesen Weg von Leipzig nach Wurzen und Oschatz.“ Und nach einer kleinen Pause ergänzt sie: „Ich bin wirklich gespannt, was da in unserer Gemeinschaft an den Abenden passieren wird.“
Die Aufregung vor der Probenphase
Was damit im Vorfeld schon auch für eine gewisse – nun ja – Aufgeregtheit sorgt – zumindest bei Marijam Agischewa: „Ich bin jemand, der viel nachdenkt – da bewundere ich immer, mit wieviel Gelassenheit Andrea Kathrin Loewig an solche Projekte herangeht. Aber letzlich habe ich immer die Erfahrung gemacht: Es wird gelingen.“ Und dies gibt Sicherheit und Ansporn gleichermaßen – nicht nur bei der anstehenden Lesereise mit „Sie waren neun“.
Und dann lässt die Schauspielerin auch mal ein gucken in die Karten des eigenen Berufes – und zwar vor allem, wenn man live auf der (Theater-)Bühne steht. „Man darf es nicht einfach als Job abtun“, ist die wohl wichtigste Maxime: „Manchmal ist es auch die Botschaft, Menschen zu unterhalten. Und zum Lachen zu bringen.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man auch in den absurdesten Texten etwas finden kann, in dem man sich wiederfindet.“ Und mit einem Lächeln sagt Marijam Agischewa: „Genau dies macht ja die Kreativität im Schauspiel aus.“ Andrea Kathrin Loewig ergänzt: „Wenn ich die Menschen erreiche, dann weiß ich, dass es sich gelohnt hat. Das sind für mich die großen Momente des Glücks.“
Band zwischen den neun Schauspielerinnen und dem Publikum
Insofern sind die Beiden durchaus gespannt, wie sich das Band zwischen den neun Schauspielerinnen und dem Publikum im April knüpfen wird. Bei dieser intensiven Fluchtgeschichte, die aber auch so viele menschliche Momente bieten wird. „Natürlich spielt der geschichtliche Hintergrund eine große Rolle – aber diese Lesung wird kein Geschichtsunterricht“, erklärt Marijam Agischewa: „Es wird eben auch menscheln. Es geht auch um das Essen. Und um die Liebe.“
Um all jene Dinge, die das Leben auszeichnet – und die damit dieser großen Fluchtgeschichte einen nahbaren, einen nachvollziehbaren Aspekt verleihen. „Es ist eine Geschichte, die auch Werte vermittelt. Solidarität, das Einstehen für Frieden und eine gute Sache“, überlegt Andrea Kathrin Loewig: „Und ich finde, diese muss erzählt werden in einer Zeit, die vielen Menschen so ein wenig ziellos erscheint. Der Verweis auf diese Werte ist heute unbedingt aktueller denn je.“ Jens Wagner
„Sie waren neun. Der Weg in die Freiheit“: Die szenische Lesung kann man an diesen Termine live erleben: 13. April, 19 Uhr, Nikolaikirche Leipzig; 14. und 15. April, jeweils 19 Uhr, Dom Wurzen (ausverkauft); 16. und 17. April, jeweils 19 Uhr, St. Aegidien Kirche Oschatz; 18. April, 18 Uhr, Dreikönigskirche Dresden.
Tickets gibt es in den LVZ-Ticketgalerien und in allen bekannten Vorverkaufsstellen (ermäßigt für Rentner, Schwerbeschädigte, Studis, Azubis und BuFDis sowie für Schüler)


































