Vom Mittelalter bis zur Moderne: Die Kirche Zaasch ist ein Schatz mit vielen Rätseln

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Die Zaascher Dorfkirche mit ihrem wuchtigen Feldsteinturm und den roten Ziegeldächern prägt seit Jahrhunderten das Ortsbild. Foto: Nannette Hoffmann
Die Zaascher Dorfkirche mit ihrem wuchtigen Feldsteinturm und den roten Ziegeldächern prägt seit Jahrhunderten das Ortsbild. Foto: Nannette Hoffmann

Wer von Zaasch redet, denkt zuerst an den Ententeich. An einem sommerlichen Nachmittag ist es daher ein vertrautes Bild, wenn eine Entenmutter mit ihren Küken über die Straße zum Wasser watschelt. Gleich nebenan steht die Chorturmkirche, benannt nach der Schutzheiligen St. Ursula. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine Dorfkirche wie viele. Auf den zweiten wird klar: Wer hier eintritt, geht auf eine kleine Zeitreise durch mehrere Jahrhunderte – denn der Raum beherbergt einen erstaunlichen Reichtum an schönen und besonderen Dingen.

Wehrhafter Turm und Tür mit Drachenköpfen

Auffällig ist zunächst der Turm in der Mitte des Gebäudes. „In Zaasch wird die Dorfkirche wohl einmal eine wehrhafte Kirche gewesen sein, zum Schutz hat man den Kirchturm gebaut“, erzählt Pfarrer Matthias Taatz. Es handelt sich um einen Chorturm, also einen über dem Chor, dem Altarraum, errichteten Turm. „Während die Gemeinde im Freien stand, war der Altar damit überdacht.“ Nach und nach kamen Anbauten hinzu.

Schwere Holztür aus dem 13. Jahrhundert mit schmiedeeisernenBändern: Durch sie betreten Besucher die Zaascher Kirche. Foto: Nannette Hoffmann
Schwere Holztür aus dem 13. Jahrhundert mit schmiedeeisernen
Bändern: Durch sie betreten Besucher die Zaascher Kirche. Foto: Nannette Hoffmann

Schon an der Außentür zeigt sich das hohe Alter der Kirche. Sie stammt noch aus der Bebauungszeit im 13. Jahrhundert – ein echtes Original. Gestaltet ist sie mit Drachenköpfen, „zur Abwehr gegen das Böse ganz typisch für mittelalterliche Kirchen“, so Taatz. Hinter der Tür betritt man eine Vorhalle, ebenfalls aus dem 13. Jahrhundert. „Hier konnten sich die Menschen im Ernstfall verschanzen“, erklärt der Pfarrer.

Barockes Licht und viel Geschichte im Chor

Die großen, lichten Fenster stammen wohl aus dem 18. Jahrhundert und öffnen den Raum zum Dorf hin. Der Chorraum erzählt gleich von mehreren Zeiten: Ein Sakramentshäuschen und ein altes Weihekreuz deuten auf mittelalterliche Wurzeln hin, darüber spannt sich ein Kanzelaltar aus dem Jahr 1800 mit zwei Abendmahlsdurchgängen. Die eingemeißelten Jahreszahlen 1817 und 1830 erinnern an wichtige Daten der Reformationsgeschichte – ein kleiner Geschichtskurs in Holz und Stein.

Goldener Schnitzaltar – hohe Kunst im kleinen Dorf

Die größte Überraschung wartet seitlich im Chorraum: ein zweiter Altar, ein gotischer Schnitzaltar – heute als Nachbildung. „Ursprünglich stand er einmal zentral im Raum“, weiß Pfarrer Taatz. Es handelt sich um einen doppelt gewandelten Altar von 1510. In der Alltagsansicht zeigt er links die Geburt Jesu nach dem Lukasevangelium und rechts die Weisen aus dem Morgenland nach dem Matthäusevangelium. An Karfreitag wird der Altar geöffnet und die Passionsgeschichte sichtbar, in der Osternacht öffnet sich die Festtagsseite mit den Aposteln.

In der Festtagsansicht leuchten Apostel und Heilige in Gold –eine Nachbildung des Originals aus der Stiftskirche Wechselburg. Foto: Nannette Hoffmann
Der doppelt gewandelte Schnitzaltar von 1510 in der Zaascher Kirche: In der Festtagsansicht leuchten Apostel und Heilige in Gold – eine Nachbildung des Originals aus der Stiftskirche Wechselburg. Foto: Nannette Hoffmann

Am Sockel des Altars sind die Heiligen Elisabeth, Katharina, Barbara und Margarete zu sehen. „Dieser Schnitzaltar ist etwas ganz Besonderes. Er zeigt hohe gotische Kunst und ist ganz in Gold gefasst – das gibt es so kein zweites Mal“, betont Taatz. Das Original steht heute in der Stiftskirche in Wechselburg. Die Zaascher Kirche erhielt 2018 zur 700-Jahrfeier des Ortes eine aufwendige Nachbildung. Und doch bleibt für den Pfarrer eine Frage offen: „Was machte solch ein Altar in so einer kleinen Kirche?“ Schriftliche Belege dazu gibt es nicht.

Engel, Heilige und Spuren der Jahrhunderte

Zaasch birgt noch mehr Besonderheiten. „Hier gab es zum Beispiel einmal vier Glocken. Heute ist davon nur noch eine übrig“, erzählt Taatz. Die Kirche besitzt außerdem einen alten Pultengel aus Lindenholz, von dem aus früher die Evangelien verlesen wurden. Der Engel steht heute mit nur einem Flügel und einem Arm da. „Der abgebrochene Arm könnte ein Hinweis sein, dass er vielleicht einmal ein Taufengel war“, vermutet der Pfarrer. Farbspuren deuten darauf hin, dass die Figur früher bunt gefasst war, sie wurde jedoch nicht farbig restauriert.

Im Schutt des Gebälks wurde eine weitere Figur entdeckt. „Die damaligen Pfarrer nahmen an, dass es sich um die Heilige Ursula handelt. Bemerkenswert ist: Egal, wo man in der Kirche sitzt – diese Frau lächelt einen immer an“, erzählt Taatz schmunzelnd. Auch das Kruzifix an der Wand erzählt von mehreren Zeiten: Das Kreuz selbst stammt aus dem 19. Jahrhundert, die Christusfigur dagegen aus dem Mittelalter.

Portikus-Kanzelaltar mit zwei Abendmahlsdurchgängen: DieJahreszahlen 1817 und 1830 über den Türen erinnern an 300 Jahre Reformation und Augsburger Bekenntnis. Foto: Nannette Hoffmann
Portikus-Kanzelaltar mit zwei  Abendmahlsdurchgängen: Die Jahreszahlen 1817 und 1830 über den Türen erinnern an 300 Jahre Reformation und Augsburger Bekenntnis. Foto: Nannette Hoffmann

Eine Augenweide ist der romanische Taufstein aus dem 11. Jahrhundert – das älteste Stück in der Kirche. Bei der Restaurierung der Sitzreihen wurden zudem zwei Originaltüren aus dem 16. Jahrhundert freigelegt, in Blau gefasst und mit Blumenornamenten versehen. Sie geben einen Eindruck davon, wie farbig der Raum früher einmal gewesen sein muss.

Orgeljuwel und ein Dorf, das seine Kirche schützt

Wer den Blick nach oben richtet, bleibt an der flachen hölzernen Kassettendecke hängen. Ihre florale Bemalung ist ein kleines Kunstwerk für sich – keine Tafel wiederholt das Muster der anderen. Sie wurde 1936 eingezogen und überspannt seitdem den gesamten Raum.

In der Empore erhebt sich ein besonderes Orgeljuwel: die Geißler-Orgel aus dem Jahr 1856. Sie ist die 13. Orgel aus der Eilenburger Werkstatt von Conrad Geißler, ausgestattet mit zwei Manualen und zwölf klingenden Registern.

Ein kleines Westfenster mit farbigem Glas setzt einen zusätzlichen Akzent. „Dazu gibt es allerdings keine weiteren Aufzeichnungen“, sagt Taatz. Sicher ist dagegen eines: Die Zaascher stehen zu „ihrer“ Kirche. Der Pfarrer ist sichtlich stolz auf die Gemeinde und den Förderverein Kirche Zaasch, die sich über viele Jahre hinweg für ihr Bauwerk eingesetzt haben. „So bleibt ein Teil der Geschichte, unseres kulturellen Erbes, für die Nachwelt erhalten“, sagt er. Nannette Hoffmann

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