
Wenn der Haynaer Strandverein zum Biedermeierstrandfest lädt, scheint die Zeit für ein paar Stunden stillzustehen. Zwischen historischen Kostümen, Musik und festlicher Stimmung steckt viel Liebe zum Detail – besonders von Iris Zwiener, die die historische Modenschau organisiert und viele der Kleidungsstücke selbst fertigt. Sie berichtet über ihre Leidenschaft für die Biedermeierzeit und darüber, was sie an den historischen Silhouetten und Details besonders fasziniert.
Biedermeier – eine unterschätzte Epoche
Die Zeit vom Ende des Wiener Kongresses 1815 bis zum Beginn der bürgerlichen Revolution 1848 wird im deutschsprachigen Raum als Biedermeier bezeichnet. „Es ist eine faszinierende Epoche“, sagt Iris Zwiener – und man merkt ihr schnell an, wie sehr sie für diese Zeit brennt.
„Dennoch wird sie in der historischen und literarischen Betrachtung eher stiefmütterlich dargestellt.“ Für sie ist das kaum nachvollziehbar. „Denn hier entwickelt sich eine eigene, starke Kunst- und Kulturszene.“ Namen wie Schinkel in der Architektur, Wagner, Schumann und Lortzing in der Musik oder Spitzweg und Danhauser in der Malerei stehen dafür, ebenso Mörike und Droste-Hülshoff in der Literatur. „Auch entstehen in der Biedermeierzeit zahlreiche Erfindungen – wie zum Beispiel das Stethoskop, die Fotografie oder die Eisenbahn.“ Allein deswegen dürfe die Zeit nicht vergessen werden. Es ist ihr ein Anliegen, darüber aufzuklären – besonders mit Blick auf die Mode.
Vom Kinderkostüm zur eigenen Biedermeier-Welt
Ihre Begeisterung für historische Mode begann früh. „Als Sechsjährige bin ich mit meiner Familie beim Peter-und-Paul-Festumzug mitgelaufen und trug dabei ein selbst geschneidertes Renaissance-Kostüm meiner Mutter“, erinnert sie sich. Von da an ließ sie das Thema Mode aus alten Zeiten nicht mehr los. Sie recherchierte, las viel und fand in Internetforen andere „solch Verrückte“. „Auf einmal öffnete sich für mich eine ganz neue Welt mit allerlei Informationen und Schnittmustern“, erzählt sie.
Dabei entwickelte sich eine besondere Zuneigung zum Biedermeier. „In Deutschland gibt es viele Angebote zu Mittelalter, Renaissance oder Rokoko – Biedermeier findet da kaum statt.“ Das sollte sich bald ändern.
Es ist eine faszinierende Epoche. Dennoch wird sie in der historischen und literarischen Betrachtung eher stiefmütterlich dargestellt.
Als sich 2009 am Haynaer Ufer des Schladitzer Sees unter Federführung des Haynaer Strandvereins die Vision eines Biedermeierstrandes verwirklichte, war auch Iris Zwiener schnell dabei. „Hier habe ich das erste Biedermeierstrandfest erlebt, mit originalen Kostümen, und dachte: Das will ich auch.“ Beim Verein stieß sie auf offene Türen. „Ich begann, selbst Kostüme zu nähen – mit allem Drum und Dran.“
Elegante Silhouetten und viele Schichten
Die Silhouette der Damenmode im Biedermeier war elegant und anmutig. Ihre Inspiration bezog sie aus der Antike: eine tiefsitzende, schmale Taille, voluminöse Ärmel und glockenförmige Röcke, die zum Saum hin weiter wurden. „Damit die Optik am besten zur Geltung kommt, wurden ein Korsett und auch schon mal sechs Unterröcke getragen“, weiß Iris Zwiener.
Geprägt war die Mode von dezenten Farben – anfangs Weiß und Pastell, zum Ende des Biedermeiers kamen Erdtöne hinzu. Florale Muster waren typisch. „Spannend zu sehen ist die modische Entwicklung. Alle paar Jahre veränderte sie sich. Zu Beginn des Biedermeiers saß die Taille weiter oben, ging dann immer tiefer. Die Ärmel wurden mit der Zeit größer und breiter und die Röcke weiter.“
Ohne Accessoires ging damals nichts. „Der Hut war das Wichtigste – ohne ging keine Dame aus dem Haus. Zudem wurden Handschuhe aus Leder getragen, tagsüber kürzer, abends länger.“ Eine Besonderheit sei schwarzer Eisenschmuck gewesen, beliebt waren außerdem weiße Perlen. Die Haare wurden opulent frisiert – mit Locken, Knoten und aufwendigen Steckfrisuren.
Die Herren zeigten sich daneben etwas dezenter, meist in dunklen Farbtönen. „Typisch für die Zeit waren Frack und Gehrock. Darunter trug der Herr eine Weste und eine Halsbinde, als Vorläufer der Krawatte.“ Zur Standardbekleidung gehörte auch die Steghose, häufig hell oder gestreift. Komplett wurde die Silhouette durch Zylinder und Spazierstock.
Naturfasern – damals Standard, heute wieder Thema
Zur Biedermeierzeit erlebte die Baumwolle ihren Durchbruch, weil sie erschwinglich war. Ebenso kamen andere Naturfasern wie Leinen, Wolle oder Seide zum Einsatz. „Diese Naturfasern hatten viele Vorteile: Sie waren waschbar, halfen bei der Temperaturregulierung und reduzierten Körpergeruch, weil sie die Haut atmen ließen“, zählt die Kostümbildnerin auf. „Was man damals nicht wusste, heute aber klar ist: Naturmaterialien sind besser für die Umwelt, weil sie sich natürlich abbauen.“
200 Kostüme fürs Musical
Wie viele Kostüme Iris Zwiener im Laufe der Jahre genäht hat, kann sie nicht mehr sagen. „Allein für das Musical ‚Die Reise zum Mittelpunkt der Erde‘, das in diesem Jahr im August wieder am Biedermeierstrand zu erleben ist, waren es 200“, erzählt sie. Ihr Lieblingsstück ist übrigens immer das, das gerade fertig geworden ist.
All diese Kostüme präsentiert sie jedes Jahr beim Biedermeierstrandfest im Rahmen einer historischen Modenschau. Die Modenschau geht außerdem auf Reisen. „Bei Veranstaltungen in der Region, in Sachsen und deutschlandweit treten wir auf. Dabei erzähle ich immer auch etwas über die Biedermeierzeit, die modische Entwicklung und beziehe das Thema der jeweiligen Veranstaltung mit ein. So habe ich zum Beispiel auch schon über die Kaffeezeremonien im Biedermeier gesprochen“, berichtet sie.
Und eine Sache darf nie fehlen, weil sie immer nachgefragt wird: „Wir zeigen dann die vielen Schichten, die so ein Originalkleid mitbringen muss.“ Dazu kommen Anekdoten – etwa über die Taschen, die Frauen über oder unter den Kleidern trugen. „Angeblich passte da ein ganzes Huhn hinein“, sagt sie und lacht.
„Unfeministisch“? Ein anderer Blick auf historische Mode
Iris Zwiener möchte außerdem mit Vorurteilen aufräumen. „Viele meinen, die Mode von damals sei unfeministisch gewesen – wegen Korsetts, vieler Schichten und klarer Rollenbilder“, sagt sie. „In meinen Augen greift das zu kurz. Die Frauen haben sich mit der Mode ausgedrückt. Sie wussten genau, wo das Material herkam, wie Kleidung funktioniert und was sie bedeutet.“ Für sie steckt darin auch Selbstbestimmung und Wissen, nicht nur Enge und Einschränkung. Damals sei Mode auf Qualität ausgelegt gewesen – heute eher auf Quantität und Ausbeute.
Aha-Momente im Publikum
Besonders freut sie sich über die Reaktionen des Publikums. „Wenn bei den Modenschauen in den Gesichtern dieser Aha-Moment auftritt, wenn Leute sagen: Das wusste ich gar nicht oder es einfach schön fanden, dann hat sich die viele Arbeit gelohnt.“ Dann sei genau das gelungen, was ihr wichtig ist: zu zeigen, was diese Zeit ausmachte – jenseits von Klischees. Nannette Hoffmann

































