Autorin Anna Kaleri gibt kreative Schreibworkshops – für Kinder und Erwachsene. Foto: André Kempner

„Man sollte auch zunächst blöd klingende Ideen aufschreiben“, ermutigt die ­Autorin Anna Kaleri in ihren Schreibworkshops – „weil sich aus denen manchmal etwas Unerwartetes ergibt“. Mit solchen kreativen Übungen und ein ­bisschen Humor vermittelt die Leipzigerin, wie ein guter Text entstehen kann. Sich freizumachen von Denkschranken ist einer ihrer Ratschläge, die sie zuletzt auch Frauen in Wurzen an die Hand gab.

Dort leitet die ­52-Jährige seit drei Jahren einen offenen Schreibtreff, exklusiv für Frauen. Einmal im Monat kommen die Wurzenerinnen zusammen, um ihre Texte zu besprechen. Konstruktiv, versteht sich. Kaleri hilft dabei, eine gute Drama­turgie aufzubauen und an den Beiträgen zu arbeiten. „In der Schreibwerkstatt kommen Frauen zusammen, die unterschied­licher nicht sein können – vom Alter und beruflichen Hintergrund“, sagt Kaleri – von der Auszubildenden bis zur Akademikerin im Ruhestand.

Schreibwerkstatt für Frauen in Wurzen

Ein Herzensprojekt fand kürzlich seinen Abschluss – ebenfalls in der Muldestadt Wurzen. Entstanden ist es als Kooperation mit dem Netzwerk für demokratische Kultur. Bei der Schreibwerkstatt sollten Frauen aus fünf verschiedenen Gruppen eigene Texte entwickeln – ­manche lebten im Seniorenpflegeheim oder im betreuten Wohnen, andere hatten eine Behinderung; dabei waren sehr junge Frauen, Feministinnen und Frauen mit Migrationsgeschichte. „Es ging darum, marginalisierte Perspektiven sichtbarer zu ­machen“, erklärt die Autorin.

Kaleri nutzte für die Workshops das dramaturgische Prinzip der „Heldengeschichte“. Mit den Gruppen arbeitete sie über drei Jahre an den Beiträgen. „Ich musste mich auf die jeweiligen Lebensbedingungen der Frauen einstellen“, sagt sie. So konnten einige der Älteren nicht mehr selbst schreiben. Hier übernahm Kaleri das Texten – in enger Abstimmung mit den Ideengeberinnen.

Fluchterfahrungen als verbindendes Element

Bei dem Projekt entdeckte sie Gemeinsamkeiten, die viele Frauen verbanden – etwa Fluchterfahrungen. Es gab eine Wurzenerin, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Schlesien nach Sachsen floh. „Sie hat unterwegs Hunger und Ausgrenzung erlebt“, erzählt Kaleri. Eine jüngere Frau musste den Iran von heute auf morgen verlassen, weil sie in den Fokus der Geheimpolizei geraten war.

Das Buch "Heldinnen wie wir" wurde im November im RIngelnatzgeburtshaus Wurzen erstmals vorgestellt - von Anna Kaleri und Martina Glass vom Netzwerk für demokratische Kultur. Foto: privat
Das Buch „Heldinnen wie wir“ wurde im November im RIngelnatzgeburtshaus Wurzen erstmals vorgestellt – von Anna Kaleri und Martina Glass vom Netzwerk für demokratische Kultur. Foto: privat

Über die Türkei, Italien und ­Österreich gelangte sie nach Deutschland. „Sie hatte monatelang keine Privatsphäre, keine richtige Toilette, lebte tagelang von einem Keks – das hat mich erschüttert“, sagt die Leipzigerin und resümiert: „Die Erfahrungen der Flucht über 80 Jahre später ­ähneln sich.“

25 Frauen beteiligten sich an Kaleris Schreibwerkstatt. ­Entstanden ist daraus ein Buch mit dem Titel „Heldinnen wie wir“, in dem vor allem autobiografische Texte versammelt sind. Alle Autorinnennamen sind im Buch aufgelistet, den einzelnen Beiträgen aber nicht zugeordnet, sodass Anonymität gewahrt bleibt.

Zeit für ein neues Romanprojekt

Solche Workshops gehören zu Kaleris Alltag als freie Autorin, der nicht immer einfach ist. „Das letzte Jahr war ganz schön schwierig“, gibt die 52-Jährige zu. Die Schriftstellerin ist abhängig von Förderungen. Einige geplante Projekte kamen nicht zustande.

Obwohl es für sie finanziell nicht rosig aussah, hatte das Ganze doch einen entscheidenden Vorteil: Kaleri hatte Zeit für ein neues Romanprojekt. Ursprünglich sollte aus der Geschichte ein Drehbuch werden. Dann wandelte sie den Plot in einen Roman um. „Das war für mich ein Experiment“, sagt sie rückblickend, denn so hatte sie bisher nicht gearbeitet. Eine echte Herausforderung.

Manuskript fertig und wartet auf einen Verlag

Inzwischen ist das Manuskript fertig und wartet auf einen Verlag, der es publizieren will. Die Story handelt von einem Ostdeutschen, der in Portugal ein Ferienhaus auf dem Land kauft. Doch dort lebt schon eine Frau mit ihrer Tochter – und das bringt Probleme mit sich. Das Thema sei derzeit aktuell, sagt die Autorin. „Viele Franzosen, Engländer und Deutsche kaufen in Portugal Häuser, die sich die Einheimischen nicht leisten können.“ Von diesem Konflikt handelt auch Kaleris Geschichte.

Es ist der dritte Roman, der aus ihrer Feder stammt. „Ich habe viel mehr Ideen, als ich umsetzen kann“, gibt sie zu. Doch die Zeit reiche dafür nicht aus, nur die hartnäckigen Ideen bleiben bestehen. „Sich in einem prekären Umfeld, in dem viele Autorinnen und Autoren leben, Zeit freizuschaufeln für die eigentliche Arbeit – das ist die große Kunst.“

Auch Drehbücher hat Kaleri schon einige verfasst. Das Genre funktioniere ganz anders, sagt sie. Es sei dialogischer angelegt und mache beim Schreiben richtig Spaß. Zuletzt schrieb sie eine Romantik-Comedy-Serie, die in den Neunzigern spielt. Bisher wurde noch keines ihrer Drehbücher verfilmt.

Schriftstellerin als Berufswunsch

Dass sie mal Schriftstellerin werden will, wusste Anna Kaleri, die mit bürgerlichem Namen Schneider heißt, schon sehr früh. Geboren wird sie im ­sachsen-anhaltischen Wippra, wächst im Nordharz auf – und schreibt schon mit acht Jahren fantastische Kurzgeschichten und Gedichte. Als Kind besucht sie verschiedene Schreibzirkel, die in der DDR üblich waren, und erklärt, dass sie Autorin werden will.

Ihre Eltern belächeln diesen Wunsch zunächst. Dabei wird in der Familie viel gelesen. Der Vater schreibt eigene fiktionale Texte, die Mutter malt. Und: „Es gab in der Familie eine Neigung zu Stehgreif-Gedichten.“

Ursprünglich soll Anna Deutschlehrerin werden. Doch als Jugendliche lehnt sie das ab, lässt sich stattdessen Ende der 80er-Jahre zur Ergotherapeutin ausbilden und holt nach der Wende mit 18 Jahren das Abitur nach. 1996 wird sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig angenommen, das sie 2002 imit dem Diplom abschließt.

Erfahrungen am Literaturinstitut

Erst kürzlich fiel ihr der Aufnahmebrief wieder in die Hände. Sie hatte sich damals mit Lyrik beworben. „Am Ende der Aufnahmeprüfung sagte der eine Professor zu mir, ich sei eine Tonne voll Gefühl“, erzählt sie und lacht. Rückblickend war das Literaturinstitut der richtige Schritt. „Das Studium hat meinem Leben genau die Weiche gestellt, die ich gebraucht habe, um Schriftstellerin zu werden.“

Kaleri sagt, es sei ein Privileg, sich mehrere Jahre nur mit Schreiben zu beschäftigen. „Es war aber auch eine harte Zeit, es gab viel Konkurrenz unter den Studierenden“, blickt sie zurück. „Ich war zum Teil nicht besonders glücklich, wie es da lief.“ Zu ihren Kommilitonen gehörten damals Autoren wie Juli Zeh und Clemens Meyer, deren Bücher heute auf Bestsellerlisten stehen.

Zweitstudium für Philosophie und Kulturwissenschaften

Nach ihrem Abschluss am Literaturinstitut schreibt sich Kaleri im Zweitstudium für Philosophie und Kulturwissenschaften an der Uni in Leipzig ein. „Ich bin ungeheuer wissbegierig“, sagt sie heute und erklärt, dass sie Lust hatte, sich inhaltlich noch mit anderen Themen auseinanderzusetzen. Zum Abschluss bringt sie die Studienfächer allerdings nicht – neben ihrer Arbeit als freie Journalistin und als Mutter erst eines, später zweier Kinder sei das nicht zu schaffen gewesen. „Diesen Traum konnte ich nicht verwirklichen“, sagt Kaleri.

„Sich in einem prekären Umfeld, in dem viele Autorinnen und Autoren leben, Zeit freizuschaufeln für die eigentliche Arbeit – das ist die große Kunst.“

2016 ruft sie gemeinsam mit anderen Schriftstellern die Initiative „Literatur statt Brandsätze“ ins Leben. Es ist die Zeit, als in Sachsen Flüchtlingsunterkünfte angegriffen werden – unter anderem in Freital und Clausnitz. Kaleri und ihre Mitstreiter organisieren kostenfreie Lesungen „als Gesprächsangebot“, wie sie sagt.

60 Autorinnen und Autoren beteiligen sich an dem Projekt, bei dem es darum geht, mit dem Publikum auf Augenhöhe zu kommunizieren und auch die Geschichten der Menschen kennenzulernen. Daraus entsteht der Verein „Lauter-leise“, den Kaleri bis heute leitet und der sich für Demokratisierungsprozesse in Sachsen einsetzt.

Eintritt bei den Grünen

2016 ist auch das Jahr, in dem Kaleri bei den Grünen eintritt, weil „sie sich mit anderen progressiven Kräften verbinden will“. Bei der Stadtratswahl 2020 wird sie gewählt, beschäftigt sich intensiv mit Stadtpolitik, mitten in den Corona-Jahren. Die meisten Sitzungen werden als Videokonferenz abgehalten. „Das war eine harte Zeit, um reinzukommen“, sagt sie. Doch nach und nach findet Kaleri Gefallen an den politischen Prozessen. „Ich hab dann richtig Feuer gefangen.“

Die Direktkandidatin Anna Kaleri (Bündnis 90/Die Grü-nen) war 2019 in ihrem Wahlkreis Nordsachsen 1 mit dem Rad „zum Haustürwahlkampf“ unterwegs. Foto: Mathias Schönknecht
Die Direktkandidatin Anna Kaleri (Bündnis 90/Die Grü-
nen) war 2019 in ihrem Wahlkreis Nordsachsen 1 mit dem Rad „zum Haustürwahlkampf“ unterwegs. Foto: Mathias Schönknecht

Sie merkt, dass sie Projekte voranbringen kann, etwa die Tanzfläche am Richard-Wagner-Hain. Viele Menschen freuen sich heute darüber, doch sie kennen nicht den Kampf im Hintergrund mit drei verschiedenen Ämtern, den unter anderem Anna Kaleri ausgefochten hat.

Schriftstellerin muss Enttäuschungen verkraften

Die Schriftstellerin muss aber auch Enttäuschungen verkraften. „Vieles ist aus finanziellen Gründen jetzt ins Stocken gekommen“, sagt sie. „In dieser Periode Stadträtin zu sein, stelle ich mir sehr, sehr schwierig vor.“ Anna Kaleri wird nicht erneut in den Stadtrat gewählt. 2024 ist für sie Schluss. Rückblickend sagt sie: „Stadtrat war der reine Wahnsinn vom Zeitaufwand, vor allem mit einem Schulkind.“ Viele Sitzungen zogen sich über Stunden. „Da ist mein Privatleben zu kurz gekommen.“

Dennoch schließt sie nicht aus, es noch einmal mit der Politik zu versuchen, wenn es sich ergibt. „Ich bin jemand, der immer gestaltet. Das liegt in meiner DNA.“ Als normale Bürgerin hat sie bereits diverse Anliegen an die Stadt herangetragen – ­fehlende Ampeln in Lindenau zum Beispiel. Jetzt konzentriert sie sich wieder mehr aufs Schreiben, hat Zeit für Hobbys wie ­Singen und dafür, Freunde zu treffen.

Schreibworkshop für Kinder in Wurzen

Und in diesem Jahr steht auch ein neuer Schreibworkshop an – wieder in Wurzen. Anna Kaleri ist seit Kurzem im Vorstand des Ringelnatzvereins und hat eine Autorenpatenschaft an der Grundschule im Diesterweg übernommen – für Kinder, die eine Lese-Rechtschreib-Schwäche haben. „Da geht es darum, wieder Freude am Umgang mit Sprache und Texten zu ­wecken.“ Viele Kinder haben negative Erlebnisse mit Sprache erfahren, leiden auch psychisch unter ihrem Defizit.

In ihren Workshops will Kaleri Blockaden abbauen, eine korrekte Rechtschreibung spielt dabei erst einmal keine Rolle. Um den Kindern Mut zu machen, will sie ihnen von ihren ersten eigenen Texten erzählen, die sie mit acht Jahren geschrieben hat. Die waren zwar fantasievoll, aber damals auch noch voller Rechtschreibfehler. Gina Apitz

Weitere Infos zur Autorin Anna Kaleri gibt es unter: www.annakaleri8.wordpress.com

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