Rastlose Filmemacherin, Autorin und Regisseurin: Alina Cyranek arbeitet aktuell am Dokumentarfilm
Rastlose Filmemacherin, Autorin und Regisseurin: Alina Cyranek arbeitet aktuell am Dokumentarfilm "Fassaden" - dieser beschäftigt sich mit dem oft verdrängten Thema häusliche Gewalt.

Die Hände einfach mal so in den Schoß legen. Nein, das ist eigentlich überhaupt nicht das Ding von Alina Cyranek. Und die Leipzigerin hat da auch eine passende Begründung für diese Rastlosigkeit: Für das „Hände-in-den-Schoß-Legen“ sei das Leben doch viel zu bunt, zu attraktiv, zu horizonterweiternd, zu erlebnisorientiert.

Allerdings mitunter einfach auch zu schmerzhaft bis schrecklich, dies sagt die Kamerafrau, Drehbuchautorin und Regisseurin ebenfalls mit einer Nachdenklichkeit in der Stimme. An der Bauhausuniversität in Weimar und an der Tongji Universität in Shanghai hat sie ihren „doppelten“ Master in Medienkunst gemacht. Und dann tatsächlich einen echten Glückstreffer gelandet und zwar mit ihrem Film zum Studienabschluss, den sie dann tatsächlich auch „Glückstreffer“ („Lucky Punch“) nannte – gewissermaßen als eine Prophezeiung, die sich erfüllen sollte.

Geschichte dreier „gefallener“ Mädchen

Der Film wiederum erzählt die Geschichte dreier „gefallener“ Mädchen, die sich in einem Boxclub erfolgreich wieder ins Leben zurückkämpfen. „Das Lob der Prüfungskommission vermittelte mir – und daran erinnere ich mich gern! – ein erhebendes Gefühl. Ich wusste, ich bin auf dem richtigen Weg “ sagt die Leipzigerin, die seitdem 14 Filme drehte, von denen elf jeweils einen Preis erhielten. Was für eine Quote!

Die Themen findet Alina Cyranek gewissermaßen vor der (Leipziger) Haustür, in der Geschichte und den Geschichten der Messestadt. Da ist beispielsweise das Capa-Haus in Lindenau, das bis zum heutigen Tag an den „Last man to die“ erinnert. An den US-Soldaten Raymond J. Brown, den der Fotograf Robert Capa in dieser Fotoserie – zu deutsch „Der letzte Tote“ des Zweiten Weltkriegs – verewigte. Als die Filmemacherin von diesem Stück Weltgeschichte vor der eigenen Haustür hörte, ließ sie das nicht mehr los.

Das Foto zur Premiere: Gemeinsam feierte man in Tübingen 2016 beim Terre des Femmes Festival die erste Aufführung von "Ein Haufen Liebe" - mit dabei sind Kamerafrau Kerstin Risse, die Protagonistin Anneliese Goth, Alina Cyranek, die Theatergruppenleiterin Uschi Famers und die beiden weiteren Protagonistinnen Esther Eisele und Ulla Huhn (v.l.)
Das Foto zur Premiere: Gemeinsam feierte man in Tübingen 2016 beim Terre des Femmes Festival die erste Aufführung von „Ein Haufen Liebe“ – mit dabei sind Kamerafrau Kerstin Risse, die Protagonistin Anneliese Goth, Alina Cyranek, die Theatergruppenleiterin Uschi Famers und die beiden weiteren Protagonistinnen Esther Eisele und Ulla Huhn (v.l.)

Sie suchte Verbündete, vertiefte sich in das Geschehen des 18. April 1945 am Originalschauplatz und öffnete mit ihrem experimentellen Dokumentarfilm ein Fenster in die Vergangenheit als Mahnmal der Gegenwart und erhielt und erhält dafür viel Anerkennung. Eine Bürgerinitiative, in der sich auch Alina Cyranek engagiert, organisiert verschiedene Veranstaltungen in der Ausstellung im Capa-Haus. um so das Stück Zeitgeschichte am Leben zu erhalten. Und der Film „Fading“ trägt nun seinerseits dazu bei …

Hotel Astoria im Dornröschenschlaf

Und da ist das international weithin bekannte Hotel Astoria, das Jahre vor sich hindämmerte im Dornröschenschlaf des Verfalls, während die ehemaligen Angestellten auf einen Schutzengel hofften. „Eine Geschichte, die mir immer wieder begegnete und ich schließlich den Entschluss fasste, sie auf meine Weise zu erzählen. Ich blätterte in der Historie, Gäste schwärmten von diesem Haus, dem erstklassigen Personal. Angestellte, mit denen ich sprach, beschrieben diese Zeit, in der sie dort arbeiteten, als die beste ihres Lebens. Einige erinnerten sich einer Kultur der Angst – so entstand ein Film, der zeigt, wie Propaganda und Alltag nebeneinander existieren“, erzählt Alina Cyranek.

Eine Auszeichnung für den Dokumentarfilm

Im Hallenser Animationskünstler Falk Schuster fand sie einen Unterstützer und tatkräftigen Mithelfer für den bemerkenswerten Film „Hotel Astoria“. Der dann auch gerade in der Heimatstadt für Aufsehen sorgt im Jahr 2020: Die Filmemacherin erzählt, dass sie sich sehr darüber freute, dass diese Dokumentation auf der Leipziger Dok-Woche Premiere feiert und das Siegel der deutschen Film-und Medienbewertung „Prädikat besonders wertvoll“ erhielt.

Da sind aber auch drei hochbetagte Damen im Alter zwischen 71 und 90, die genau wissen, dass die Liebe kein Verfallsdatum hat. Sie sprechen über ihre Lebenserfahrungen, Partnerschaften, Sehnsüchte, von verpassten Momenten, vom Alleinsein, blättern in ihren Fotoalben … und zeigen, wie schön und erfüllend sie ihr Altersdasein gestalten. Der 91-minütige, sehr einfühlsame Dokumentarfilm „Ein Haufen Liebe“ schaffte den Sprung in die Programmkinos, fand auch international Beachtung und wartet auch mit Musik des Komponisten und Pianisten Martin Kohlstedt auf.

Da ist Carl und sein Auto, mit dem er fast „verheiratet“ ist, – eine Geschichte zum Schmunzeln. Über eine Freundschaft und das Glück, das schon immer vor der eigenen Nase war. Der animierte Kurzfilm „I love my Carl“ ist ganz und gar handgemacht, von aquarellierten Hintergründen zu handgezeichneten Figuren und Fotocollagen. Und mit einigen Anspielungen aus der Geschichte des Animationsfilms, die sie so nachhaltig geprägt hat.

Es geht auch um Schmerzhaftes und Schreckliches

Und da ist der Film, an dem Alina Cyranek momentan arbeitet. „Fassaden“ wird er heißen, 85 Minuten lang wird er werden. Und da erklärt sich, was sie meint mit dem Schmerzhaften und Schrecklichen: Hier geht es um häusliche Gewalt. „Öfter werde ich gefragt, warum ich mich mit so einem heiklen Thema beschäftige. Ich bin von Grund auf optimistisch, gefestigt in meinem Dasein. Vielleicht ist das ein Grund, warum mich solche Geschichten finden – oder ich sie finde“, überlegt sie.

Und die Filmemacherin ergänzt: „Ich kann mit Themen gut umgehen, die einerseits in die menschlichen Abgründe blicken lassen, andererseits aber auch tiefe Einblicke in das ,Menschsein’ vermitteln. Schicksale von Menschen, bei denen der Staat und die Gesellschaft versagen, wo Lücken sichtbar werden, die es zu verändern gilt.“

Sie erzählt eindringlich von dem Schmerzhaften und Schrecklichen, spricht von Begegnungen mit Frauen, die von ihren Partnern gedemütigt, geschlagen werden, sich nicht wehren wollen oder können. Und von durchaus bitteren Erkenntnissen: Das Thema häusliche Gewalt zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten – einerseits. Und eine Verurteilung der Täter werde in der Regel äußerst selten vollzogen.

Neue Kraft holt sich Ailna Cyranek – geboren übrigens im polnischen Racibórz – bei einem Waldspaziergang. Liebend gern lausche sie da auf das Rauschen der Blätter, den Flügelschlag der Vögel, lasse dann ihren Gedanken freien Lauf. Gut funktioniert dieses Loslassen auch immer wieder bei den Paddeltouren auf den Leipziger Gewässern. Und spielt gerade RB Leipzig, dann setzt sich die Regisseurin häufig auf ihr Fahrrad („meinen treuesten Begleiter“, sagt sie mit einem Lächeln) und bangt mit um Sieg und Punkte. Ach ja: Beim Sonntagsfrühstück gibt’s bei ihr ein wachsweiches Ei, Müsli, Croissant und immer beides, Kaffee und Fencheltee. Traudel Thalheim

Weitere Informationen zu der Filmemacherin: www.alinacyranek.com

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