Kalligraf bringt Paul Gerhardts Liedtexte in die Grimmaer Altstadt

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Frank Niemann schreibt Paul Gerhardt Texte an die Schaufenster. Foto: Sebastian Bachran
Frank Niemann schreibt Paul Gerhardt Texte an die Schaufenster. Foto: Sebastian Bachran

Wer derzeit durch die Grimmaer Altstadt bummelt, wird an mehr als 40 Schaufenstern eine ungewöhnliche Entdeckung machen: Statt Preisschildern und Werbeplakaten stehen dort in kunstvoller Handschrift Zeilen aus den Liedern Paul Gerhardts. Der Kalligraf Frank Niemann hat sich mit weißen Kreidestiften an die Scheiben der Geschäfte gemacht und verwandelt die Innenstadt damit in eine Art begehbares Gedichtbuch.

Paul Gerhardt gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Liederdichtern des 17. Jahrhunderts. Bekannt wurde er vor allem durch geistliche Lieder, die bis heute in Gesangbüchern stehen. Weniger geläufig ist, dass er einst Schüler des Sankt-Augustin-Gymnasiums in Grimma war.

350. Todestag von Paul Gerhardt

Genau diese Verbindung nimmt die Stadt nun zum Anlass für eine besondere Würdigung: In diesem Jahr jährt sich Gerhardts Todestag zum 350. Mal, und Grimma stellt sein literarisches Erbe deshalb in den Mittelpunkt.

Die Idee dahinter ist einfach, aber wirkungsvoll: Kunst soll dort stattfinden, wo Menschen sich ohnehin aufhalten – auf der Straße, vor den Schaufenstern, beim Einkaufsbummel. „Die Kalligrafien verbinden Kultur und Erleben der Altstadt unmittelbar miteinander: Die Menschen entdecken Paul Gerhardt beim Bummeln und werden gleichzeitig auf die Geschäfte aufmerksam. Genau diese Verbindung von Aufenthaltsqualität, Geschichte und lokalem Handel macht die Aktion für uns besonders“, erklärt Lisa Krause, Innenstadtkoordinatorin der Stadt Grimma.

Besondere künstlerische Herausforderung

Für Kalligraf Frank Niemann ist das Projekt auch eine besondere künstlerische Herausforderung. Statt auf Papier schreibt er die jahrhundertealten Verse direkt auf Glas, mitten im Alltagstrubel der Stadt. „Kalligrafie macht Sprache sichtbar.

Bei den Texten von Paul Gerhardt kommt hinzu, dass seine Worte über 350 Jahre alt sind und dennoch eine erstaunliche Nähe und Aktualität besitzen. Es ist spannend, diese Texte nicht auf Papier, sondern direkt im Stadtraum zu schreiben und sie so für die Menschen erlebbar zu machen“, sagt Niemann .

Jedes der über 40 Schaufenster erhält so ein individuelles Schriftbild – keine reine Dekoration, sondern eine Einladung zum Innehalten, Lesen und Nachdenken. Wer durch die Altstadt geht, kann auf diese Weise ganz nebenbei in Gerhardts Gedankenwelt eintauchen, ohne dafür ein Museum oder eine Bibliothek besuchen zu müssen. Gleichzeitig profitieren die beteiligten Geschäfte: Die kunstvoll gestalteten Fenster ziehen Blicke an und machen zugleich auf das lokale Angebot aufmerksam .

Möglich wird die besondere Aktion durch Fördermittel der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, unterstützt vom Verein Ortskultur Kössern. Grimma zeigt damit, wie sich Stadtgeschichte, Literatur und zeitgenössische Kunst unaufwändig, aber wirkungsvoll miteinander verbinden lassen – und wie ein 350 Jahre alter Dichter plötzlich mitten im heutigen Stadtbild lebendig wird.

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