Sägen, planen, regieren: Wie 57 Kinder in Eilenburg eine ganze Stadt erschaffen

0
55
Fünf Tage, eine eigene Welt: So funktioniert die Kinderstadt Eilenburg. Foto: privat
Fünf Tage, eine eigene Welt: So funktioniert die Kinderstadt Eilenburg. Foto: privat

Es ist Mittwoch, 9 Uhr. Die Sonne scheint, die Luft ist mild bei angenehmen 18 Grad. Auf dem Außengelände des Jugendclubs „Just“ in ­Eilenburg herrscht schon geschäftiges Treiben. Es ist Zeit für die Morgenrunde in der Kinderstadt.

Heute werden die Kinder in neue Gruppen eingeteilt – für das morgendliche Teamspiel. Alle vier Gruppen erhalten eine Picknickdecke. Die dunkle Seite liegt oben, und alle Kinder müssen darauf stehen, während sie auf die bunte Seite gedreht wird. Doch: Kein Fuß darf die Decke verlassen. Die Zeit läuft – zehn Minuten bleiben.

Teamwork ist  gefragt

Eine knifflige Aufgabe, bei der Teamwork gefragt ist. Während einige Kinder andere huckepack nehmen, versuchen andere durch geschicktes Springen ans Ziel zu kommen. Man hört Fluchen, Lachen, ein „Das schafft man doch nie!“. Doch Aufgeben ist keine Option. Nach neun Minuten hat es Gruppe 1 als erste geschafft, gefolgt von Gruppe 4, Gruppe 3 und schließlich Gruppe 2.

Elias sägt an der großen Holz-Heuschrecke für den Gemeinschaftsgarten – unterstützt von einem Betreuer, der mit der Elektrosäge die groben Zuschnitte übernimmt. Foto: Nannette Hoffmann
Elias sägt an der großen Holz-Heuschrecke für den Gemeinschaftsgarten – unterstützt von einem Betreuer, der mit der Elektrosäge die groben Zuschnitte übernimmt. Foto: Nannette Hoffmann

Danach geht es in die Jurte. Hier besprechen die Kinder mit ihren Teamern den Tag. Doch zuerst wird gefeiert: Evan hat Geburtstag und wird mit einem Ständchen überrascht – er ist heute elf Jahre alt geworden. Anschließend erklingt das Kinderstadtlied, eine Tradition seit zehn Jahren. Dann verschwinden die Kinder in ihren Gruppen und beginnen ihr Tagwerk: den Bau ihrer eigenen Stadt.

Eine Stadt nach eigenen Regeln

Die Kinderstadt Eilenburg ist ein beliebtes fünftägiges Sommerferienangebot für Kinder zwischen 8 und 12 Jahren aus Eilenburg und den Ortsteilen. Initiiert wurde das Projekt 2015 von Sven Wildberger, Streetworker und damaliger Leiter des Kinder- und Jugendtreffs „Just“. „Er hat das Konzept in einer anderen Stadt erlebt und wollte es unbedingt nach Eilenburg holen“, erinnert sich Conny Plescher, die die Organisation 2022 übernommen hat.

„Das Besondere ist, dass die Kinder ihre eigene Stadt nach ihren Vorstellungen bauen“, erklärt Plescher, Schulsozialarbeiterin an der Grundschule Berg. „Sie probieren sich aus und erleben in demokratischen Prozessen, was eine Stadt braucht und wie Zusammenleben funktioniert.“ Bereits vor Beginn haben sich die Kinder mehrfach getroffen, um Ideen zu sammeln und zu planen – in Workshops der Bereiche Kreativ-Kids, Natur und Umwelt, Erfinder und Medienteam.

Ein Projekt, das wächst

Mit 30 Kindern startete die Kinderstadt im Jahr 2015. Heute, zehn Jahre später, sind es 57 Teilnehmende. „Das ist aber auch unsere Grenze“, betont Plescher. Sonst verliere das Projekt an Qualität. Dass die Nachfrage dennoch steigt, überrascht sie nicht: „Die Plätze sind jedes Jahr kurz nach Anmeldebeginn im Dezember vergeben.“

Oskar verschraubt unter den Augen der Betreuerin die Bretter des Verkaufsstandes der Kreativ-Kids – aus Paletten entsteht Schritt für Schritt ein stabiler Verkaufsplatz für die selbstgemachten Produkte. Foto: Nannette Hoffmann
Oskar verschraubt unter den Augen der Betreuerin die Bretter des Verkaufsstandes der Kreativ-Kids – aus Paletten entsteht Schritt für Schritt ein stabiler Verkaufsplatz für die selbstgemachten Produkte. Foto: Nannette Hoffmann

Ein Projekt dieser Größe braucht viele helfende Hände. Rund 25 Fachkräfte aus der Jugendarbeit begleiten die Woche – 20 in der Betreuung, fünf in der Verpflegung. Viele von ihnen kehren jedes Jahr zurück. „Einige nehmen sich dafür sogar Urlaub“, sagt Plescher.

Auch sie selbst ist seit der zweiten Kinderstadt dabei. „Ich freue mich jedes Jahr aufs Neue auf diese Woche. Sie ist anstrengend, aber unglaublich schön.“ Besonders wichtig sei, dass die Kinder hier selbst aktiv werden. „Sie setzen sich Ziele und sehen am Ende, was sie geschafft haben.“ Ein Moment, der bleibt: „Wenn Kinder morgens voller Energie kommen und nachmittags gar nicht gehen wollen, weil sie noch so viele Ideen haben.“

Damit die Kinderstadt langfristig bestehen kann, übernahm die Diakonie im Verbund Nordsachsen 2022 die Trägerschaft.

Ideen, die Gestalt annehmen

Aus der Ferne sind Sägen, Hämmer und Akkuschrauber zu hören. Emil, Jannik und Oskar (alle 11) bauen bei den Kreativ-Kids einen Verkaufsstand. „Wir haben Paletten geholt und daraus schon den Boden gebaut“, sagt Emil. Jetzt werden Bohlen für die Wände zugesägt. Die Arbeit macht ihnen sichtbar Spaß. „Leider ist es unser letztes Jahr“, sagt Jannik. „Aber wir wollen als Teamer zurückkommen.“

Nebenan gestalten Lia, Lilly, Cataleya, Lucy, Amelie, Fiona, Clara und Mia ein Glücksrad. „Hier können Besucher später drehen und Dinge gewinnen, die wir selbst gemacht haben“, erklärt Lilly. Traumfänger, Deckchen, Anhänger aus Fimo, Bilder oder Batik-Shirts gehören unter anderem dazu. „Einen Teil dürfen die Kinder behalten, der Rest wird verkauft“, ergänzt Betreuerin Vivian, die bereits zum fünften Mal dabei ist. „Hier erlebe ich die Kinder mal ganz anders – wie sie gemeinsam etwas erschaffen. Das ist schön zu sehen.“

Nur wenige Meter weiter plant das Medienteam den nächsten Beitrag. Jette (9), Elena (8), Anne (10) und Theresa (10) beraten, wen sie als Nächstes interviewen. „Wir berichten jeden Tag über die Kinderstadt“, sagt Jette stolz. Flyer, Magazin, Fotos und Videos gehören zu ihren Aufgaben.

Vom Plan zur Wirklichkeit

Auch sie bauen einen eigenen Stand. „Hier verkaufen wir unser Magazin und Kinotickets“, erklärt Kate (11). „Und eine Fotowand entsteht auch noch“, ergänzt Alexa (12). Kreativität kommt gut an: „Ich bin schon zum dritten Mal dabei“, sagt Käthe (11).

Bei den Erfindern wird ebenfalls fleißig gearbeitet. Die Windmühle aus dem Vorjahr wird repariert. Geburtstagskind Evan baut dafür eine neue Tür. Daneben entsteht ein Hotel – in diesem Jahr mit Balkon. „Die Konstruktion steht schon“, sagt Luis (9). „Es fehlt nur noch das Geländer.“ Ein Stuhl und Blumenkästen sollen folgen.

Theresa aus dem Medienteam bereitet ein Video über die Kinderstadt vor – täglich entstehen Clips, Fotos und Texte rund um das Geschehen auf dem Gelände. Foto: Nannette Hoffmann
Theresa aus dem Medienteam bereitet ein Video über die Kinderstadt vor – täglich entstehen Clips, Fotos und Texte rund um das Geschehen auf dem Gelände. Foto: Nannette Hoffmann

Währenddessen plant das Stadtfestkomitee das Abschlussprogramm. Kinder können sich mit eigenen Ideen bewerben. Lilly (11) zeigt Kartentricks – und wird direkt aufgenommen. Auch eine Turnshow und Musik sind geplant.

Die Gruppe Natur und Umwelt arbeitet im Gemeinschaftsgarten des „Wilden Osten“. Hier entstehen Tiere aus Holz – eine Spinne, eine Heuschrecke, eine Hummel, ein Igel. Letzterer soll sogar echten Tieren als Unterschlupf dienen. Auch der Barfußpfad wurde erneuert, ein Sandarium für Wildbienen ist fast fertig.

Basti (9) baut derweil ein Katapult. „Für die Bewässerung“, sagt er knapp – und arbeitet weiter. Es muss schließlich rechtzeitig fertig werden.

Kreativität, die verbindet

In der Chillout-Lounge entstehen Sitzmöbel, die bunt gestrichen werden. Eine Hängematte lädt zum Ausruhen ein. „Die ist sehr beliebt“, sagt Betreuerin Angela Richter. „Hier gibt es Schatten, Massagebälle und selbstgemachte Kräuterlimo.“ Auch beim Abschlussfest wird diese angeboten.

Angela Richter ist zum dritten Mal dabei. „Nicht nur die Kinder sind kreativ – wir Betreuer auch“, sagt sie. Besonders schätzt sie, dass jeder seinen Platz findet. „Am Ende können alle zeigen, was sie geschaffen haben.“ Und genau das stärke das Selbstvertrauen.

Am Freitag wird die Kinderstadt noch einmal lebendig: Dann präsentieren die Kinder ihre selbst gebaute Welt Eltern, Freunden und Gästen. Was in wenigen Tagen entstanden ist, wird sichtbar – in Ständen, Ideen und Geschichten. Und vielleicht zeigt sich dabei auch, was hinter all dem steckt: dass eine Gemeinschaft nicht einfach da ist, sondern entsteht, wenn Menschen Verantwortung übernehmen, zusammenarbeiten und an ihre eigenen Ideen glauben. Nannette Hoffmann

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here